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Großer Gott trifft kleinen Menschen

Manchmal meinen wir, Gott verstanden oder ihn im Griff zu haben. Dabei ist es wichtig, Mensch zu bleiben und Gott Gott sein zu lassen.

Von Marcus Beier

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„Großer Gott, wir loben dich“, schallte es im November 2025 über Insta. Und nein, nicht von einem Kirchenchor, sondern von Politikerinnen und Politikern des Deutschen Bundestages. Gestartet wurde die Challenge von dem Mönch Bruder Lukas Boving aus dem Benediktiner-Kloster Nütschau bei Bad Oldesloe. Eine bemerkenswerte Sache, wie ich finde. Denn es sind starke Sätze in dem Kirchenlied, die Ignaz Franz im 18. Jahrhundert dichtete und in der er das lateinische „Te Deum laudamus“ aus dem vierten Jahrhundert verarbeitete.

Ja, wir haben einen großen Gott, den wir loben, den wir ehren und preisen. Es ist ein großer Gott, den wir in unser Leben aufnehmen dürfen. Und er will Teil unseres Lebens sein. Doch wie ist das möglich? Dieser große und unfassbare Gott? Er ist so vieles, was wir nicht sind – unendlich, unfassbar gnädig und gütig, allwissend, allgegenwärtig, allmächtig … Und wir? Nun ja, wenn ich morgens aufstehe und es im Rücken knackt, werde ich direkt an meine Endlichkeit erinnert. Unser Leben ist eben nicht unendlich. Wenn ich genervt bin, spüre ich, wie schnell es mit der Gnade rum ist. Und mit der Begrenztheit von Wissen brauche ich gar nicht erst anzufangen.

Alles richtig gemacht?

Wie passt das zusammen – ein Gott, der alles hat und alles ist, interessiert sich für uns Menschen? Ja, das ist manchmal schwer zu fassen. Wir können Gott gar nicht verstehen. Er ist so radikal anders, so viel größer und so unbegreiflich. Wie können wir damit umgehen? Denn einerseits ist es eine Freude, ein Privileg, von diesem großen Gott geliebt und gesehen zu sein, und andererseits scheint es völlig absurd, dass sich dieser große Gott für uns überhaupt interessiert. In diesem Spannungsfeld bewegen wir uns.

Das kann dazu führen, dass wir in das Gefühl der Minderwertigkeit gegenüber Gott verfallen. Denn wer sind wir schon? Es kann uns passieren, dass wir uns nur unserer selbst schämen, denn wir können Gott niemals gerecht werden. So lässt es sich aber nur schlecht leben. Es kann aber auch zu einer starken Ermächtigung führen, im Sinne des Bibelwortes „Ich vermag alles durch den, der mich stark macht, Christus.“ (Philipper 4,13). Wer sich aber schonmal ein Glas Wasser eingeschenkt hat in der Annahme, es würde zu Wein werden, weiß: So einfach ist es nicht. Denn wir haben Gott nicht im Griff.

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Anders verstanden bewegt sich unser christliches Leben irgendwo zwischen „Gott tut alles!“ und „Wir tun alles!“ Und der Gedanke, dass wir mit Gott unterwegs sind – und er mit uns – fordert uns heraus. Mir geht es oft so, dass ich Gott dienen, für ihn leben und Dinge bewegen will. Ich arbeite, als würde der Erfolg in meiner Hand liegen. Ich bete, als würde Gott mehr machen, wenn ich mehr und besser bete.

Und tatsächlich bin ich immer wieder geneigt zu denken, ich hätte alles richtig gemacht, wenn etwas so gelaufen ist, wie ich es mir vorgestellt habe. Oder besser: Dass Gott etwas so gemacht hat, wie ich es wollte. Dann klopfe ich mir zufrieden auf die Schulter und denke: „Ja, du hast es gut gemacht – alles richtig.“ Gleichzeitig stockt mir dann innerlich der Atem. Ist das wirklich so? Lag es an mir? Hat Gott geheilt, weil ich richtig und gut genug gebetet habe? Hat Gott Menschen berührt, weil ich gut und klug gepredigt habe? Hat ein Mensch den Weg zu Gott gefunden, weil ich ihn oder sie rhetorisch clever überzeugt habe?

Zwischen Weil und Obwohl

Vor kurzem war ich mit meinem sechsjährigen Sohn in einem schwedischen Möbelhaus. Wir haben ein kleines Regal gekauft und es dann direkt im Keller aufgebaut. Er hat mir Schrauben angereicht, Metallbolzen aufgefangen, wir haben gemeinsam auf die Wasserwage geschaut, um zu sehen, ob alles gerade ist. Am Ende habe ich ihn gelobt, weil er mir so fleißig geholfen hat. Er war stolz und glücklich! Und ich auch. Aber mal ehrlich: Hat er mir wirklich geholfen? Nein, um ganz ehrlich zu sein, war seine Hilfe sehr gering.

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Ich mache sehr gern solche Sachen mit meinem Sohn, gar keine Frage. Ich liebe ihn und verbringe gern Zeit mit ihm. Und ich kann ihn ein wenig an handwerkliche Sachen heranführen, weil er großes Interesse daran hat. Aber ist es wirklich eine „Hilfe“? Eigentlich ist es mir immer die größte Hilfe, wenn er nicht allzu sehr im Weg steht. Aber wirklich hilfreich, so, dass ich es nicht allein hätte machen können, ist es nicht. Zeit habe ich dadurch auch nicht gespart. Und ich glaube, so ist es manchmal mit Gott auch. Er beteiligt uns an seinem Werk. Wir dürfen mitmachen. Er könnte es auch allein, aber es gefällt ihm besser, wenn er es mit uns macht und wir dabei sein können.

Mir ist irgendwann ein wesentlicher Gedanke gekommen: Gott wirkt nicht unbedingt, weil ich so viel richtig mache, sondern obwohl ich so viel falsch mache. Das hat mich sehr geerdet. Denn es ist nicht meine Großartigkeit, sondern Gottes Gnade, durch die Gottes Kraft wirkt.

„Seid stille …“

Ein Bibelvers, der mich in diesem Zusammenhang immer wieder bewegt, ist Psalm 46,11: „Seid stille und erkennet, dass ich Gott bin!“ Der Vers fordert mich zum Innehalten auf. In aller Geschäftigkeit, in allem Nachdenken, in allem Arbeiten für Gott, in allem Beten ist es wichtig, meinen Platz zu finden und mich nicht auf den falschen Platz zu setzen. Denn ich bin Mensch, und Gott ist Gott. Das ist eine erleichternde Erkenntnis.

Und dann kommt Gott ins Spiel. Er ist der Handelnde.

Ich bin überzeugt, dass Gott möchte, dass wir beten – füreinander, für Anliegen, aber auch um im Zwiegespräch mit Gott zu sein. Klar, Gott weiß ohnehin, was wir brauchen. Er kennt unser Herz, er weiß, was uns bewegt. Wir müssten es ihm also eigentlich gar nicht sagen. Und dennoch wünscht er sich, mit dir und mir Gemeinschaft zu haben. Wir dürfen ihm alles bringen, ihm unser Herz ausschütten, ihn um alles bitten. Immer. Das ist unsere Aufgabe.

Und dann kommt Gott ins Spiel. Er ist der Handelnde. Manchmal tut er das, worum wir gebeten haben. Aber nicht immer. Und wenn er nicht das getan hat, was wir wollen? Haben wir dann nicht genug gebetet, nicht genug geglaubt? Müssen wir dann krampfhaft weiterbeten und Gott zeigen, dass er unrecht hat? Nein. Gott ist Gott. Unser Job ist zu beten. Und Gottes Aufgabe ist es zu handeln. Er ist derjenige, der seinen starken Arm bewegt. Nicht wir. Er ist derjenige, der das Heft des Handelns in der Hand hat.

Gottes Part – mein Part

Zugegeben, das ist manchmal mehr als frustrierend. Wie schwer ist es, wenn ein geliebter Mensch nicht gesund wird, sondern stirbt? Wie schwer ist es, mitzuerleben, wenn das erhoffte Wunder ausbleibt und alles schiefgeht? Ja, das kenne ich auch. Leider. Und gerade dann führe ich mir vor Augen: Gott ist Gott. Ich kann mich nicht auf seinen Thron setzen. Ich bete, ich tue das, was ich tun kann; ich tue das, wozu Gott mich berufen hat. Dann heißt es: vertrauen. In einem anderen alten Kirchenlied heißt es: „Wir pflügen, und wir streuen den Samen auf das Land, doch Wachstum und Gedeihen steht in des Himmels Hand.“ (Text von Matthias Claudius)

Genau so ist es. Wir tun unseren Part, und Gott ist derjenige, in dessen Hand alles andere liegt. Mein Sohn hat seinen Part getan und mir beim Aufbau des Regals geholfen. Wirklich aufgebaut habe ich es selbst. Am Ende waren wir beide stolz und glücklich über das Ergebnis. So beteiligt uns Gott. Und es ist wichtig, dass wir unseren Part einhalten. Dabei lohnt es sich, immer wieder innezuhalten, still zu werden und sich vor Augen zu führen, dass nicht ich es bin, der letztlich verantwortlich ist. Es ist Gott, der allmächtige, der große Gott, den wir loben, dessen Stärke wir preisen.

Es mag tatsächlich manchmal befremden, wenn wir erkennen, wie wenig wir eigentlich tun können. Wir sind ein Windhauch der Geschichte. Und dennoch zu wissen, dass Gott dich und mich sieht, das finde ich großartig. Es ist gleichzeitig eine Ermächtigung und ein Ruf zur Demut. Wir vertrauen auf einen Gott, der mit uns geht. Und bei allem Tun, allem Anpacken, allem Beten, Singen, Predigen und Wirtschaften dürfen wir immer wieder stille werden und uns auf ihn fokussieren.

Oder wie es Ignaz Franz am Ende des eingangs erwähnten Liedes auf den Punkt bringt:
„Auf dich hoffen wir allein: Lass uns nicht verloren sein.“

Marcus Beier ist Redakteur im SCM Bundes-Verlag.



Dieser Artikel ist in der Zeitschrift Family erschienen. Family ist Teil des SCM Bundes-Verlags, zu dem auch Jesus.de gehört.

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