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Pharisäer, Sadduzäer, Priester – wer denn jetzt?

Waren Pharisäer Laien? Mit wem verbündeten sich die Sadduzäer? Und gab es mehrere Hohepriester? Ein Pfad durch den Dschungel neutestamentlicher Gruppierungen.

Von Peter Lalleman

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Jesus von Nazareth kam während seines öffentlichen Wirkens mit vielen Menschen in Berührung. Er hatte Kontakt zu Juden, Römern und noch einigen anderen, zum Beispiel einigen Griechen (Johannes 12,20-28) und einer kanaanäischen Frau (Matthäus 15,21-28). Von den Juden werden viele Gruppen namentlich genannt, zum Beispiel die Hohepriester, die obersten Priester, Ältesten, Schriftgelehrten, Pharisäer und Sadduzäer. In Bezug auf einige dieser Gruppen gibt es Missverständnisse, die ich hier zurechtrücken möchte.

Hohepriester – einer oder mehrere?

Nach den Vorschriften des Alten Testamentes musste Israel einen Hohepriester haben, einen Nachkommen Aarons. Wenn Lukas demgegenüber von zwei Hohepriestern, Hannas und Kaiphas, berichtet (Lukas 3,2), scheint also ein Missverständnis im Spiel zu sein. Doch Lukas liegt damit nicht falsch. In dieser Zeit war die betreffende Vorschrift aus dem Gesetz von Mose nicht allein maßgeblich. Jemand wurde nicht dann Hohepriester, wenn sein Vater verstorben oder zu alt geworden war. Stattdessen verlieh die Obrigkeit das Amt demjenigen, der das höchste Angebot machte. So kam es, dass verschiedene Alt-Hohepriester gleichzeitig am Leben waren. Hannas, der den römischen Besatzern loyal ergeben war, war von 6 bis 15 nach Christus im Hohepriesteramt. Nach ihm kamen seine Söhne und ein Schwiegersohn an die Reihe. In dieser Situation war Hannas die Macht hinter dem Thron und wurde daher auch noch Hohepriester genannt. Diese Situation spiegelt sich in Johannes 18,13, wo von Hannas die Rede ist, „dem Schwiegervater von Kaiphas, dem amtierenden Hohen Priester“. Gleiches gilt für Apostelgeschichte 4,6, wo Lukas schreibt: „Der Hohe Priester Hannas sowie Kaiphas, Johannes, Alexander und weitere Verwandte des Hohen Priesters waren ebenfalls anwesend.“

Wer genau die „obersten Priester“ sind (z.B. Lukas 19,47; 20,19 und 22,66) sind, wird im Neuen Testament nicht gesagt. Das Wort weist auf eine führende Rolle hin und die Neues-Leben-Bibelübersetzung schreibt hier zu Recht „oberste Priester“ (ebenso wie die Bibelübersetzung Hoffnung für alle). Auch die Formulierung „die führenden Priester“, für die sich die Neue Genfer Übersetzung und die Gute Nachricht Bibel entscheiden, ist korrekt. Die Luther- und die Elberfelder Bibel geben leider Anlass zu Missverständnissen, weil sie an diesen Stellen die Formulierung „die Hohenpriester“ benutzen. Tatsächlich waren dies wohl Priester, die Mitglieder des Sanhedrins waren, des Hohen Rates, oder es waren Inhaber von gehobenen Priesterämtern. Zum Sanhedrin gehörten außerdem sowohl Sadduzäer als auch Pharisäer, wie Apostelgeschichte 23,6 berichtet.

Was wollten die Pharisäer?

Im Alten Testament begegnet man noch keinen Sadduzäern und Pharisäern; diese Gruppen bildeten sich in dem Zeitraum zwischen den beiden Testamenten. Genauere Kenntnisse über diese Gruppen erhalten wir aus dem Werk des jüdischen Historikers Flavius Josephus, der am Ende des ersten Jahrhunderts Bücher über die Geschichte der Juden und den Jüdischen Krieg verfasste, der um das Jahr 70 n. Chr. herum stattfand.

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Die Pharisäer waren traditionelle Gläubige, die sich gegen den griechisch-römischen Einfluss auf die jüdische Kultur (Hellenisierung) wehrten. Der Name Pharisäer bedeutet wahrscheinlich „Menschen, die sich abseits halten“ (nämlich von der griechischen Kultur). Die Pharisäer wollten sich genau an das von Mose gegebene Gesetz halten und betrachteten Heiligkeit als eine Art Trennung von der sündigen Welt. Sie überlegten, wie das Gesetz auf Situationen, die sich ständig veränderten, übertragen werden konnte. Mit der Lehre, die sie diesbezüglich vermittelten, hatten sie großen Einfluss auf das Volk. Obwohl (deutlich) mehr als eine Million Juden in Israel lebten – davon sicher 100.000 in Jerusalem –, wird die Zahl der Pharisäer auf nicht mehr als 6.000 geschätzt. Ihr Einfluss war daher viel größer, als man aufgrund ihrer Zahl vermuten würde.

Die meisten Pharisäer waren keine Priester, sondern Laien. Das sehen wir zum Beispiel an Paulus, der ursprünglich ein Pharisäer gewesen war: Er gehörte zum Stamm Benjamin (Römer 11,1; Philipper 3,5) und war somit kein Priester. Es ist also ein Missverständnis, dass alle Pharisäer Priester waren.

Das Programm der Sadduzäer

Weil in der Bibel Sadduzäer und Pharisäer oft gemeinsam genannt werden, könnte man denken, dass dies miteinander befreundete Gruppen waren, aber auch das ist ein Missverständnis. Die Sadduzäer waren Juden, die die Hellenisierung der jüdischen Kultur freudig begrüßten; ihre Haltung war somit derjenigen der Pharisäer diametral entgegengesetzt. Ihre Zahl war wahrscheinlich noch kleiner als die ihrer Rivalen. Sie gehörten zu den reichen, aristokratischen Familien von Jerusalem, und aus ihrem Kreis wurden die Hohepriester ernannt. Die Sadduzäer arbeiteten mit den Römern zusammen, um den Tempeldienst aufrechterhalten zu können. Nachdem der Tempel im Jahr 70 n. Chr. zerstört wurde, gab es auch keine Sadduzäer mehr.

Als Paulus sie gegeneinander ausspielte …

Einen anderen Unterschied zwischen den beiden Gruppen sieht man in Apostelgeschichte 23,6: Die Frage nach der Auferstehung der Toten. Die Sadduzäer leugneten die Auferstehung – wahrscheinlich deshalb, weil sie nur die ersten fünf Bücher der Heiligen Schrift anerkannten, in denen dieses Thema nicht zur Sprache kommt. Lukas berichtet, wie sich Paulus diesen Unterschied geschickt zunutze macht, um ein Streitgespräch anzuzetteln und sich dadurch erst einmal Handlungsspielraum zu verschaffen (Apostelgeschichte 23,7-11). Als man Paulus vor dem Tumult in die römische Burg in Sicherheit brachte, nutzte der auferstandene Christus die folgende Nacht, um Paulus Mut zuzusprechen und ihm seinen Weg nach Rom anzukündigen.

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Peter Lalleman war Dozent für Neues Testament am Spurgeon’s College, London. Er ist nun Pastor der Knaphill Baptist Church, England, und zudem Herausgeber der Europäischen theologischen Zeitschrift. Dies ist ein Auszug seines Buches: „Goldadern der Bibel. Von der bleibenden Bedeutung des Alten Testaments.“

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