- Werbung -

Warum Fasten total unterschätzt ist

Das Fasten fällt Pfarrer Sebastian Steinbach schwerer als alle anderen geistlichen Übungen. Trotzdem möchte er es nicht missen.

Von Sebastian Steinbach

Es gibt eine ganze Reihe von geistlichen Übungen: Beten, Dankbarkeit, Großzügigkeit, Stille, Einsamkeit, Bibellesen und einige mehr. Aber keine geistliche Übung fällt mir so schwer wie das Fasten. Essen ist schlicht mein Belohnungssystem. Meine Art, mich zu verwöhnen, mir Gutes zu tun, kleine Urlaube im Alltag. Momente des Genusses. Dazu kommen ein paar fehlgeschlagene Versuche mit dem Vollfasten, also nur Trinken über mehrere Tage, wo mir mein Kreislauf und Körper Grenzen aufgezeigt haben.

- Werbung -

Ich und das Fasten – wir haben also eine komplizierte Beziehung. Aber es wird besser. Denn ich habe gelernt: die Bereiche in meinem geistlichen Leben, gegen die ich innerlich ein starkes „Aber“ habe, haben eine große Kraft, mein Leben auf gute, positive Weise zu verändern. Hier ein paar meiner Erkenntnisse der letzten Jahre.

Jesus als Vorbild

Fasten war über Jahrhunderte selbstverständlicher Bestandteil christlicher Praxis. Jesus selbst hat regelmäßig gefastet. Einmal sogar 40 Tage in der Wüste. Jesus sagt in der Bergpredigt zu seinen Jüngern: „Wenn Ihr fastet …“, nicht „Falls Ihr fastet …“.

Die frühen Christen haben ganz selbstverständlich und durchgehend zweimal die Woche von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang gefastet, immer mittwochs und freitags. Diese beiden Tage wurden als Bußtage begangen, um der Kreuzigung Jesu (Freitag) und seiner Verurteilung (Mittwoch) zu gedenken.

Dazu kam die österliche Fastenzeit (insgesamt 46 Tage), die sich im 4. Jahrhundert zu einer verbindlichen Praxis entwickelt hat: 40 Tage lang wird von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang gefastet, unterbrochen jedoch jeweils vom Sonntag, an dem der Auferstehung Jesu gedacht und das Fasten fröhlich gebrochen wird.

- Werbung -

Ab der Reformation kam das Fasten – zumindest in unserer westlichen Kirche – dann irgendwie unter die Räder. Martin Luther weigerte sich, aus dem Fasten eine verpflichtende Anweisung zu machen, um der Gesetzlichkeit zu wehren. Dann kam im 19. Jahrhundert der zunehmende Wohlstand dazu, Nahrungsmittel waren irgendwann (fast) immer und überall verfügbar. Schließlich wurden die individuelle Freiheit und der Kapitalismus wichtig und mit ihnen Hedonismus, Konsum und Genuss. Und damit war das Fasten raus. Nur noch ein Relikt aus alten Zeiten, praktiziert höchstens von Asketen und anderen allzu radikalen Christen und Christinnen.

Ein großer Schatz

Das Problem ist: Ich habe nicht nur einen Körper, ich bin Körper. Und wenn ich meinen Körper ständig belohne, verwöhne und zustopfe, dann denke ich irgendwann an wenig mehr als an die nächste köstliche Mahlzeit, die nächste Tüte Chips, die nächste Tafel Schokolade oder das nächste kühle Bier. Ich sinke dann tief ein in das allzu Weltliche, werde geistlich müde und lustlos – und habe vielen Anfechtungen und Unbeherrschtheiten nur wenig entgegenzusetzen. Fasten ist deshalb aus meiner Sicht die aktuell vielleicht unterschätzteste geistliche Übung. Große Schätze liegen im Fasten verborgen.

Wobei – so erlebe ich es – die Auswirkungen oft wenig spektakulär und wenig plötzlich sind. Nur langsam verändert sich meine innere Landschaft, verändert sich meine innere Gestimmtheit, ziehen eine neue Wachheit der Seele und eine neue Widerständigkeit des Geistes in mir ein. Das Fasten schafft einen Kontrast, eine Gegenwelt zu all dem Überfluss, der Ablenkung und dem Konsum „da draußen“.

- Werbung -

Ein besonderer Schatz des Fastens liegt in der Stärkung der inneren Freiheit. Beim Fasten übe ich mich – durchaus mit Ausreißern und Scheitern – in der Kontrolle meiner Begierden und lerne, mich weniger von äußeren Umständen bestimmen zu lassen. Die guten alten Tugenden der Disziplin und der Selbstbeherrschung finden so zunehmend Heimat in mir – zumindest ein wenig.

Hunger nach Gott

Geholfen hat mir, den Hunger während eines Fastentages zugleich als ein Hungern meiner Seele nach Gott zu verstehen. Auf diese Weise fürchte ich das Hungergefühl nicht mehr nur, ich kann es geistlich willkommen heißen und mir klarmachen: Ich lebe nicht vom Brot allein. Je weniger ich mich ablenke und verwöhne, desto klarer kommt mein Hunger nach Gott zum Vorschein, bekommt meine geistliche Sehnsucht Raum.

Ich habe in den vergangenen zehn Jahren mit unterschiedlichem Fasten experimentiert: Mal habe ich „nur“ Alkohol und Süßigkeiten gefastet, mal über Wochen hinweg jeweils eine Mahlzeit pro Tag, manchmal auch zwei Mahlzeiten am Tag. An was ich mich noch nie herangewagt habe: an ein Zwei-Mahlzeiten-pro-Tag-Fasten (also im Prinzip an ein Fasten von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang) über mehrere Wochen hinweg.

Viele erleben solche längeren Fastenzeiten anfangs als belastend und negativ: Körper und Seele geraten in eine Krise. Das innere Energielevel sinkt, die Gereiztheit steigt, manches, was ungeklärt in einem schlummert, taucht auf einmal auf und gewinnt an Lautstärke. Aber je länger man fastet, desto mehr beruhigt sich alles. Spirituelle Sensibilität und geistige Wachheit nehmen zu.

Fasten nicht missen

Wie gesagt: Da traue ich mich im Moment noch nicht ran. Für das neue Jahr habe ich mir vorgenommen, zumindest mal eine kleine Weile lang wie die ersten Christen zweimal die Woche einen Tag lang zu fasten.

In meinem Fall bedeutet das: von Mittagessen zu Mittagessen. Frühstück und Abendessen sind bei mir die Mahlzeiten, die ich weniger stark brauche für mein inneres Gleichgewicht. Außerdem essen wir als Familie mittags gemeinsam an einem Tisch, das möchte ich nicht missen. Wie ich mit Alkohol und Süßigkeiten umgehe, habe ich ehrlich gesagt noch nicht entschieden. Wahrscheinlich werde ich sie in den nächsten Wochen möglichst vollständig meiden – mir aber Ausnahmen zugestehen. Und natürlich gilt stets: Festen bricht Fasten. Sonntags und zu anderen echten Feier-Anlässen lasse ich das Fasten sein und freue mich an dem, was die Welt so hergibt an Schönem und Leckerem.

Und so will ich das Fasten nicht mehr missen. Ich freue mich und bin dankbar, dass es – zumindest ein kleines Stück weit – Einzug erhalten hat in meinem Leben. Ich vermute: Es ist mir hilfreicher und stärkt mich mehr, als ich denke.

Sebastian Steinbach ist Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde Hirsau.



Cover der Zeitschrift: andersLEBEN, Ausgabe 1/25
Cover der Zeitschrift: andersLEBEN, Ausgabe 1/25

Dieser Artikel stammt aus der Zeitschrift andersLEBEN. Das Magazin ist wie Jesus.de ein Angebot des Bundes-Verlags.

NEWS & Themen

NEWSLETTER

BLICKPUNKT – unser Tagesrückblick
täglich von Mo. bis Fr.
Wir liefern dir die interessantesten NEWS,
Interviews und Geschichten aus der christlichen Welt.
Kompakt, relevant, inspirierend.

Wie wir Deine persönlichen Daten schützen, erfährst du in unserer Datenschutzerklärung.
Abmeldung im NL selbst oder per Mail an info@jesus.de

Konnten wir dich inspirieren?

Jesus.de ist gemeinnützig und spendenfinanziert – christlicher, positiver Journalismus für Menschen, die aus dem Glauben leben wollen. Magst du uns helfen, das Angebot finanziell mitzutragen?

4 Kommentare

  1. „40 Tage lang wird von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang gefastet, unterbrochen jedoch jeweils vom Sonntag“ – das klingt ja sehr ähnlich wie das islamische Fasten. Mich würde interessieren, wo die konkreten Quellen darüber sind, dass das Fasten in der frühen Christenheit wirklich in dieser Form stattfand. Ich war bisher von einer anderen Art des Fastens ausgegangen, natürlich auch 40 Tage (ohne den Sonntag) aber dann eher durch kontinuierliche Reduzierungen, Verzichte, Vereinfachungen des Essens usw. nicht durch diese Regelung, dass es sich auf kompletten (aber nur tagüber) Verzicht ginge.

  2. Für mich geht Fasten auch auf anderen Gebieten mit mehr oder weniger Erfolg: z.B. Fernsehkonsum durch Lesen oder Hören von Vorträgen mit Glaubensinhalten ersetzen. Menschen ansprechen, anstatt nur mit eigenen Gedanken beschäftigt zu sein. Fasten als Verzicht auf feste Nahrung gelingt mir noch am besten von 18 Uhr bis 10 Uhr des nächsten Tages. Bin ich mehrere Stunden unterwegs, nehme ich einen Apfel mit und einen Energieriegel oder eine Brezel und eine kl. Flasche Wasser. Auch Wandern in der Gruppe lenkt vom Essen ab.

  3. Dieses Jahr in der Fastenzeit habe ich mich zum Fasten entschieden und auch zwei, drei Tage durchgehalten. Ich finde es schwierig und brauche bei dem vollen Tagesprogramm auch immer was „Aufbauendes“. Ist natürlich sehr bewunderswert, wenn jemand so etwas schaffen kann. Nee, da wage ich mich längere Zeit nicht ran.

  4. Spätestens in der Adventszeit werde ich in Klausur gehen

    Das Fasten fällt Pfarrer Sebastian Steinbach schwerer als alle anderen geistlichen Übungen. Trotzdem möchte er es nicht missen. Schuld ist daran, meinte er, auch unser Belohnungssystem. Richtig: Auch mein Gehirn möchte das Süße, obwohl ich Diabetiker bin. Denn Zucker braucht das große Denkorgan. Daher ist mir – so darf ich leichtem schwarzem Humor schreiben – mir mein Gehirn sehr nützlich. Und ich empfinde es als Wohltat. Was mein Herz und meine Nieren dazu meinen, hat das Denkorgan nie abgefragt. Eis mag ich besonders gerne, dieses würde ich bei noch mehr Unverstand gegen fast jede Hauptmahlzeit gerne eintauschen. Luther könnte – aber dies ist auch nur eine Vermutung oder ein Vorurteil – zumal er in älteren Tagen körperlich umfangreicher wurde – noch mehr ein Wohlgefallen an seiner Sinnenbefriedigung gefunden haben. Er war ein großer Freund nicht nur von fester Nahrung, sondern auch ein Liebhaber von Bier. Seine Frau und zugleich Finanzminister, wurde daher bald Bierbrauer, um die Kosten zu minimieren. Dabei soll ja auch der heute unanständige Spruch, wie bei jedem gutem Gastgeber, von ihm gesagt worden sein: Warum habt ihr nicht ********und*******, hat es euch nicht geschmecket? In Gaststätten ist es eher umgekehrt: Wenn die Servicekraft nicht fragte ob es geschmeckt hätte, dann hatte dies der aufmerksame Gast vorher auf seinem Teller entdeckt, was man noch wesentlich besser machen könnte.

    Dass Fasten ja auch den Hunger nach Gott zu stillt, erlebte ich als noch jung war. Da wanderte ich allein durch den menschenleeren Wald, habe mit Gott sehr ausführlich geredet und meine Seele damit erfreut. Jeden Tag in Stiller Zeit mit ausreichend langer Laune, hier über einen Bibeltext nachzudenken, wäre ebenso geistliche Übung, wie das Beseitigen von geistlichen Defiziten. Das eigentliche Problem beginnt beim Markenkern des Christsein`s, nämlich verlässlich auch ein Mensch für andere Menschen zu sein. Dies ist immer unbequem, denn die Komfortsituation muss überwunden werden, ich/wir müssen nicht nur unsere Hände, sondern auch die Füße und unsere Wahrnehmung in diesen Prozess einzubringen. Wobei Nächstenliebe kein anderer Begriff für Helfersyndrom sein darf. Eher geht es nicht um Wunscherfüllung, sondern Hilfe zu verstehen als jene, die nur als Hilfe zur Selbsthilfe dienen kann. Mein Bemühen wäre dann bei einem Dritten, nämlich die Arbeit als Schreibender, auch von und für das Evangelium, noch besser zu intensivieren und auf noch größere Füße zu stellen. Spätestens in der Vorosterzeit werde ich also in Klausur gehen.

WAS KANNST DU ZUM GESPRÄCH BEITRAGEN?

Bitte gib hier deinen Kommentar ein
Bitte gib hier deinen Namen ein