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Warum Streiten sich lohnt

Die Streitkultur unter Christinnen und Christen nimmt mittlerweile bizarre Formen an. Sollten sich Christen überhaupt streiten? Der Theologe Martin Benz ist davon überzeugt, dass Gläubige eine lebendige Debattenkultur brauchen.

Von Martin Benz

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Ich nehme in unserer Gesellschaft, auch unter Christen, zwei Polarisierungen wahr: Entweder man radikalisiert sich und wird fundamentalistisch oder man verstummt und entwickelt eine gewisse Gleichgültigkeit. In sozialen Medien werden Überzeugungen oft radikal kommuniziert, mit verbaler Vehemenz und einem unumstößlichen Wahrheitsanspruch. Damit können sich viele nicht mehr identifizieren, sondern sehen darin eine Verrohung unserer Gesellschaft. Weil man sich auf diesem verbalen Schlachtfeld nicht tummeln möchte, bleibt man still oder bekommt eine Aversion allen starken Überzeugungen gegenüber. In der Sehnsucht nach Toleranz und Akzeptanz werden starke Überzeugungen zum neuen Feindbild. Aber ich halte es trotzdem für wichtig, dass Menschen und insbesondere auch Christen klare Überzeugungen haben.

Konsumieren verhindert Überzeugungen

Leider haben wir in unseren programmorientierten Gottesdiensten und Kirchen die Tendenz, die Besucherinnen und Besucher zu Zuschauenden und damit zu Konsumierenden zu machen. Aber wer nur konsumiert, entwickelt keine eigenen starken Überzeugungen. Ein Konsument genießt das Fertigprodukt. Solange Christinnen und Christen in ihren Gottesdiensten, durch YouTube-Predigten oder auf sozialen Medien einfach nur Inhalte konsumieren, wird nichts mehr selbst erarbeitet. Reflektierte, gewachsene und gereifte Überzeugungen bleiben auf der Strecke.

Nach 30 Jahren als Pastor fällt mir auf, dass Gläubige immer weniger selbst in ihrer Bibel lesen. Sie konsumieren vor allem die Deutungen und Überzeugungen anderer über die Bibel. Aber es macht einen großen Unterschied, ob ich selbst in der Bibel lese und zu eigenen Überzeugungen gelange oder ob ich bloß die Überzeugungen anderer wiedergebe. Übernommene Überzeugungen haben viel weniger Kraft als selbst erarbeitete Überzeugungen. Für mich hängt eine gewisse Leidenschaftslosigkeit des Christentums mit seiner Überzeugungslosigkeit zusammen. Überzeugungen sind wie der Kraftstoff unserer Motivation und Vision. Wo immer Menschen von Motivation, Vision oder innerem Antrieb erfüllt sind, verfügen sie auch über starke Überzeugungen. Überzeugungen haben eine enorm motivierende Kraft für Leben und Glauben. Große Dinge geschehen nur durch starke Überzeugungen. Sie helfen uns, unterwegs nicht schlappzumachen oder allzu schnell nachzugeben. Wenn Überzeugungen auf schwachen Beinen stehen, reicht der Widerstand oder die Androhung von Konsequenzen, um sich von ihnen zu verabschieden.

„Bei vielen Debatten geht es nicht um Überzeugungen – es geht um die Wahrheit. Unsere persönlichen oder gemeindlichen Überzeugungen werden reflexartig mit der Wahrheit Gottes gleichgesetzt.“

Martin Benz

Überzeugungen von der Wahrheit unterscheiden

Und nun kommt auf christlicher Seite noch etwas Problematisches dazu. An vielen Stellen hat man verlernt, Überzeugungen von Wahrheit zu unterscheiden. Bei vielen Debatten geht es nicht um Überzeugungen – es geht um die Wahrheit. Unsere persönlichen oder gemeindlichen Überzeugungen werden reflexartig mit der Wahrheit Gottes gleichgesetzt. Wir präsentieren in unseren Gesprächen keine Überzeugungen, sondern wir präsentieren und vertreten die Wahrheit. Überzeugungen bringen uns nicht in den Himmel – die Wahrheit bringt uns in den Himmel! Aus diesem Grund sind die eigenen Überzeugungen auch die wahren Überzeugungen und die Überzeugungen der anderen automatisch die falschen. Und so kommt es nicht zu einem ebenbürtigen Austausch, sondern es entwickelt sich ein Streit um die Wahrheit. Die Wahrheit kennt keine Toleranz. Und so frisst der christliche Wahrheitsanspruch immer wieder die Überzeugungen auf. Dieses kämpferische Klima und diese Verunsicherung führen dazu, dass sich viel zu wenig gute, gesunde und persönliche Überzeugungen entwickeln.

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Die Bibel bestärkt uns jedoch darin, eigene Überzeugungen zu entwickeln und zu vertreten. Deutlich wird das zum Beispiel im 14. Kapitel des Römerbriefs. Dort wird die Frage behandelt, ob man als Christ Fleisch oder nur Pflanzenkost zu sich nehmen darf. Fleischbeschaffung war damals eng mit heidnischen Götzenopfern verbunden. Eine andere Frage war die Verbindlichkeit der jüdischen Feiertage und des Sabbats. Zu beiden Fragen gab es unterschiedliche Überzeugungen. Paulus widersteht dem Reflex, festzulegen, was gültige Wahrheit ist. Er lässt Platz für persönliche Auffassungen. Am Ende muss jede Überzeugung die Ehre Gottes und die gegenseitige Rücksicht im Blick haben. Und so formuliert er in Vers 22: „Behandle deine Überzeugung in diesen Dingen als eine Angelegenheit zwischen dir und Gott. Glücklich zu nennen ist der, der sich in Fragen der persönlichen Überzeugung so verhält, dass er sich nicht selbst anzuklagen braucht“ (Neue Genfer Übersetzung). In anderen Worten: Habt Überzeugungen, steht dazu, lasst es reflektierte und gewachsene Überzeugungen sein, dann müsst ihr euch deswegen auch nichts vorwerfen oder euch anklagen lassen.

Der Wert eigener Überzeugungen

Dem jüdischen Talmud gelingt es, unterschiedliche Auslegungen und Überzeugungen verschiedener Rabbiner zu sammeln und darzustellen. Man hat die Auffassungen der Rabbiner, die recht unterschiedlich und zum Teil widersprüchlich sind, gesammelt, mit dem Anspruch, aus allem etwas lernen zu können. Es geht am Schluss gar nicht darum, die einzige göttliche Wahrheit herauszufinden, sondern an den unterschiedlichen Überzeugungen zu wachsen und durch ihre göttliche Weisheit zu reifen. Meiner Meinung nach hat sich das Judentum davor gehütet, zu dogmatisch zu werden, damit am Schluss nicht viele weise Überzeugungen zugunsten einer für alle gültigen Dogmatik ausgeschieden werden. Das Judentum lebt bis heute von einer lebendigen Auseinandersetzung, einem lebendigen Gespräch über die Bedeutung biblischer Texte und ihre Anwendung.

Es geht Gott aus jüdischer Perspektive eben nicht darum, unterwürfige, abhängige und geistig verarmte Wesen zu erschaffen, die ihm wie Schafe folgen, sondern selbstbewusste und emanzipierte Partner, die ihm bei der Vervollkommnung der Welt zur Seite stehen. Gott gibt dem Individuum Raum, sich fortzuentwickeln, zu wachsen, zu reifen, um sich für die kommenden Aufgaben zu wappnen. Gehorsam und Widerspruch sind im Judentum keine entgegengesetzten Pole. Die jeweiligen Paare Treue und Kühnheit, Loyalität und Emanzipation, Dienst und kritische Reflexion bilden das Fundament des außergewöhnlichen Verhältnisses zwischen dem Volk Israel und Gott.


„Wir müssen wegkommen von dem Gedanken, es drehe sich alles nur um die Wahrheit. Gott ist im Besitz der Wahrheit, aber wir sind im Besitz von Überzeugungen.“

Martin Benz

Respekt und Rücksicht

Wir sollten wieder neu den Mut zu eigenen Überzeugungen entwickeln und uns nicht in Sicherheit bringen angesichts des ausgrenzenden Fundamentalismus, den wir in unserer Gesellschaft erleben. Wir brauchen eine lebendige und respektvolle Debattenkultur. Wir müssen wegkommen von dem Gedanken, es drehe sich alles nur um die Wahrheit. Gott ist im Besitz der Wahrheit, aber wir sind im Besitz von Überzeugungen. Und mit all den Debatten über unsere Überzeugungen, mit all dem Reifen und Wachsen machen wir gemeinsam immer mehr Schritte in Richtung der Wahrheit. Aber die Wahrheit ist gerade dann gefährdet, wenn wir nicht mehr zu eigenen Überzeugungen fähig sind. Wenn uns Überzeugungen kostbar sind, dann machen wir uns für sie stark, setzen uns für sie ein, verteidigen und rechtfertigen sie und statten sie mit Argumenten aus. Während sich die Wahrheit nicht wandelt, dürfen sich unsere Überzeugungen sehr wohl verwandeln. Was es braucht, ist Respekt und Rücksicht aufeinander. Das darf uns in der Debatte und in der Streitkultur keinesfalls abhandenkommen.

Martin Benz ist Theologe, Pastor, Autor („Wenn der Glaube nicht mehr passt. Ein Umzugshelfer“) und Podcaster (www.movecast.de). Er wohnt in Lörrach.

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Family Cover
Family Cover 2/2024

Dieser Artikel ist in der Zeitschrift Family erschienen. Family ist Teil des SCM Bundes-Verlags, zu dem auch Jesus.de gehört.

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1 Kommentar

  1. Toleranz und christliche Vielfalt ist etwas positives

    Bei vielen Debatten geht es nicht um Überzeugungen – es geht fälschlich um die (absolute) Wahrheit. Unsere persönlichen oder gemeindlichen Überzeugungen werden reflexartig mit der Wahrheit Gottes gleichgesetzt. Und nun kommt auf christlicher Seite noch etwas Problematisches dazu: An vielen Stellen hat man verlernt, Überzeugungen von Wahrheit zu unterscheiden. Wir präsentieren nicht selten auch in unseren eifrigen Diskussionen keine Überzeugungen, sondern wir präsentieren absolute Wahrheit. Manche Menschen meinen sie seien nicht fähig zu irren. So wie ich als Christin oder Christ bin – ich übertreibe hier bewusst – soll jeder andere auch sein: Wir machen so Menschen nach unserem Bilde. Aber jeder Mensch soll nach dem Bilde Gottes sein, was etwas völlig anderes ist.

    Allerdings: Überzeugungen aber bringen uns eben nicht in den Himmel – die Wahrheit bringt uns in den Himmel! Und wenn man schon die Bibel als das Wort Gottes betrachtet, sicher eines was nicht nur ausgelegt werden darf, sondern sogar muss, dann sollte hier ebenso der 1. Korinther 13 berücksichtigt werden. Dass gemäßr Glaubenspraxis auch der Urgemeinde ein Vorrang der Liebe vor unseren Überzeugungen steht. Und schon die damalige Erkenntnis der Urgemeinde, dass nur Gott die Wahrheit ist, die wir jetzt nur wie in einem dunklen Spiegel sehen, aber wir erst in der Nähe Gottes einst in der Ewigkeit vollkommen ergreifen. Dies sollte unser Credo sein. Sicherlich muss ich die Grundfesten meines Glaubens nicht relativieren, wenn ich den Glauben der Moslems achte und andere Religionen generell. Denn ich kann mir nicht vorstellen, dass das Gebet eines Menschen einer anderen Religion, was ehrlich ist und auch Wahrhaftigkeit, nicht von Gott erhört werden wird. Er hat ja alle Menschen gewollt.

    Gibt es keine konkrete Wahrheit? Doch: Gott ist die Wahrheit. Aber auch die 10 Gebote, das Gebot der Liebe und z. B. die Bergpredigt. Das Kreuz von Golgatha ist die Wahrheit. Hier wurden wir freigesprochen. Doch das Kreuz ist der lebendige Beweis, dass Gott mit Liebe regiert und keine kriegerischen Engel sandte um Jesus vor der Gewalt zu bewahren. Die Auferstehung Jesu ist Wahrheit und meine persönliche Beziehung zu Gott darf ich als wahr voraussetzen. Der Schöpfer aller Dinge herrscht gewaltlos und Jesus wird einst als Friedefürst kommen. Auch dies ist Wahrheit. Aber über das Detail darf man immer streiten, in konstruktiver Form und geschwisterlich. Unter Christinnen und Christen gibt es kein Denkverbot. Dennoch: Auch was wir denken, planen und vielleicht später sagen oder tun, unterliegt immer unserer Freiheit und zugleich Verantwortung.

    Die Erkenntnis, dass wir auf Erden nie eine vollkommene Wahrheit besitzen (sondern zurecht unsere Meinungen und Überzeugungen haben), sind in modernerer Zeit in der Idee aufgegangen, dass Christinnen und Christen (auch in Glaubensdingungen) unverschiedliche Auffassungen haben dürfen. Und ich bin genauso wie andere Menschen davon überzeugt, dass Toleranz und Achtsamkeit beide unsere Tugenden sind. Dies gilt auch gegenüber den anderen Religionen. Allein schon deshalb, weil Gott ein riesiges Universum erschuf und hier auf diesem kleinen winzigen Planeten in der Unendlichkeit, neben anderen Kreaturen, auch jeder einzelnen Menschen ein Abbild der Liebe Gottes ist. Es fehlt oft der konstruktive tolerante Streit, dem es um Meinungen und Sachen geht. Aber nicht um damit andere Menschen abzuwerten die etwas anders ticken, etwas anders lieben und von Gott eine etwas andere Vorstellung haben. Jede Vorstellung von Gott ist eben menschlich. Streit ist nur unerquicklich und nicht wünschbar, wenn Argumente wie Schwerter benutzt werden: „ich gut“ – „du böse“ – „ich Christ und du ein/ Sünder/in“.
    Es wird so wunderbar in der Bergpredigt beschrieben, dass jeder selbst sich zuerst den Balken aus seinem eigenen Augen ziehen sollte. Also auch
    Defacto erweist es sich als Realität einer christlichen Meinungsvielfalt, weil es viele Kirchen, Konfessionen und ganz verschiedene persönlichen religiösen Prägungen und Orientierungen gibt. Die Nachfolger/innen Jesu, Menschen die Gott lieben, sind keine Monokultur, sondern eher wie ein buntes Biotop. Jeder Einzelne ist ein unverwechselbares Original. Ich wäre unglücklich, wenn alte fromme Männer, irgendwo in der Welt, in einem Gremium sitzen, die auf Punkt und Komma festlegen, was ich glauben muss und was nicht – und wie meine Frömmigkeit und meine Gedanken sein dürfen. Die protestantische Freiheit braucht kein kirchliches Lehramt. Doch auch in der katholischen Kirche steht das einzelne Gewissen über der Wahrheit, die der Papst ex kathedra in Glaubensangelegenheiten verkündet. Der Widersinn: Dass das Lehramt feststellen kann, wenn sich das christliche Gewissen irrt.

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