Das Verhältnis von Gemeindeleitung und Hauskreisen ist nicht immer spannungsfrei. Wer darf wem wie viel reinreden? Gibt es gemeinsame Ziele und Visionen? Oder macht jeder sein Ding?
Von Christof Klenk
Manchmal ist es kompliziert. „Das Treffen mit den 40 Hauskreisleitern war immer mein schwierigster Termin“, sagt ein ehemaliger Pastor einer Freikirche. „Da saßen vierzig Hauskreisfürsten und haben mir ordentlich Feuer gegeben.“ Dass „seine“ Hauskreisleiter mit so viel Vehemenz auftreten würden, hatte er zunächst nicht erwartet, und er realisierte schnell, dass das die Meetings waren, die er am besten vorbereiten musste.
Ich habe in den letzten Jahren selbst einige Treffen mit Hauskreisleitenden geleitet. Machtkämpfe und Konflikte um Zuständigkeiten habe ich dort nicht erlebt. Die Leute waren alle engagiert und zugewandt. Trotzdem ahne ich, was der Pastor meint: Jeder Hauskreis ist ein kleines Biotop, das nach eigenen Gesetzen funktioniert. Was die Gemeindeleitung so treibt und plant, ist durchaus von Interesse, doch letztlich ist jede Hauskreisleitung davon überzeugt, dass sie besser weiß, was gut für ihr Biotop ist.
Überhöhte Erwartungen
Es kann durchaus zu Spannungen führen, wenn manche Gemeindeleitung große Programme für die Kleingruppen aufsetzt und Ziele formuliert, die diese gar nicht erreichen können oder wollen. Besonders in den Lockdownzeiten kam den Hauskreisen eine wichtige Bedeutung zu. Größere Veranstaltungen wie Gottesdienste waren kaum noch oder unter sehr erschwerten Bedingungen möglich. Also sollten die kleinen Gruppen in die Bresche springen, damit der Kontakt zu den Mitgliedern nicht verloren ging.
Aber auch ohne Corona gelten Hauskreise und Kleingruppen mancherorts als Allheilmittel gegen schwindende Mitgliederzahlen. Eine Kirche, die wachsen will, braucht kleine Gruppen. Die Hauskreise sollten evangelistische Speerspitzen sein, neuen Gemeindebesuchern eine Andockmöglichkeit bereitstellen, Aufgaben aus dem Gemeindeleben übernehmen, Mitarbeitern zum Auftanken verhelfen, Jüngerschaft einüben, Gemeinschaft vertiefen, Glaubenswachstum ermöglichen, sich mit Inhalten aus den Sonntagspredigten auseinandersetzen und nicht zuletzt Bibelkenntnisse vermitteln. Das klingt ein bisschen wie eine eierlegende Wollmilchsau und so fühlen sich manche Hauskreise auch in Anbetracht solcher Erwartungen.
Ich bin überzeugt, dass Hauskreise all das leisten können. Das Problem ist nur, dass ein Hauskreis niemals alle Ziele gleichzeitig unter einen Hut bringen kann. Die überhöhten Hoffnungen haben in manchen Gemeinden zu großen Enttäuschungen und Zerwürfnissen geführt.
Besonders schwierig wird es, wenn solche Erwartungen in den Köpfen herumspuken, aber nicht klar artikuliert werden, denn dann kann man sie auch nicht prüfen und mit der Realität in Einklang bringen.
Manche Hauskreise funktionieren besonders gut, weil sich hier Gleichgesinnte treffen: Die jungen Mütter, die Bibelforscher oder die Menschen in der Midlife-Krise. Verordnet man solchen Gruppen ein bestimmtes Konzept oder überfrachtet sie mit Gemeindezielen, funktionieren sie unter Umständen gar nicht mehr.
In jedem Fall gilt: Wer große Ziele mit den Hauskreisen erreichen will, braucht gute Leitende. Leitungspersönlichkeiten neigen dazu, ihre eigenen Vorstellungen zu haben – die nicht immer deckungsgleich mit denen der Gemeindeleitung sind.
Eigenständigkeit der Hauskreise
Manche Pastorin, mancher Pastor hat allerdings die Sorge, dass sich in den Hauskreisen kleine Extra-Gemeinden bilden, und diese Sorge ist nicht von der Hand zu weisen. Von den über 3000 Christen der ersten Jerusalemer Gemeinde heißt es, dass sie sich sowohl im Tempel als auch in den Häusern trafen (Apg 2,46). In den kleinen Einheiten fanden entscheidende Teile des Gemeindelebens statt: Dort wurde das Mahl des Herrn gefeiert, man betete zusammen und lobte Gott. Hauskreise verstehen sich als vollwertiger Teil des Leibes Christi und sie tun gut daran. Die Frage ist nur, ob dieses Selbstbewusstsein auch dazu führt, dass sie sich als Teil einer größeren Einheit verstehen, wie das bei den ersten Christen der Fall war.
Mancherorts sehen sich Hauskreise als Hort der Frommen. Ein Pastor berichtete im HauskreisMagazin, dass der Hauskreis seiner Gemeinde die Botschaft aussendet: „Wir sind die gläubigen Christen und euer Glaube ist defizitär.“ Ich kann gut verstehen, dass es Christen gibt, die Aktivitäten, Aussagen und Haltungen in der eigenen Gemeinde kritisch sehen. Wenn daraus aber eine Überheblichkeit erwächst – „hier die richtigen, dort die mittelmäßigen Christen“, dann erweisen sie der Sache, für die sie eigentlich einstehen, einen Bärendienst.
„Mancherorts sehen sich Hauskreise als Hort der Frommen.“
Aber es gibt auch Hauskreise, die schon aus Prinzip auf ihre Eigenständigkeit pochen. Sie haben nichts gegen ihre Gemeinde, aber reinreden darf ihnen niemand, schon gar nicht der Pastor. Da plant der Ältestenkreis eine Gemeindekampagne, bei der sich alle Mitglieder mit einem Thema beschäftigen wollen, doch Hauskreis A ist nicht dabei. Da suchen Menschen, die gerade einen Glaubenskurs absolviert haben, eine Gruppe, in der sie weitere Schritte machen können, aber Hauskreis B winkt nur ab. Da starten die Gemeinden vor Ort zusammen eine neue evangelistische Veranstaltungsreihe, aber von Hauskreis C kommt keine Unterstützung, weil die offenen Abende am selben Wochentag wie der Hauskreis stattfinden.
Mag sein, dass diese Haltung aus schlechten Erfahrungen herrührt. Vielleicht gab es Anweisungen aus der Gemeindeleitung, die überhaupt nicht mit der Realität des Hauskreises vereinbar war. Vielleicht steht dahinter aber auch nur Stolz. Manche Pastorin möchte mit der Gemeinde einen Schritt nach vorne tun und scheitert daran, dass die Hauskreise stur an ihren Traditionen und Gewohnheiten festhalten. Am Ende bringt auch diese verengte Sicht die Sache nicht voran. Die Hauskreise blockieren damit nicht nur Entwicklungen der Gemeinde, sondern auch sich selbst, denn kleine Gruppen tun gut daran, sich immer wieder für Einflüsse von außen zu öffnen.
Es gibt sicherlich kein Patentrezept, um dieses Konfliktpotenzial zu entschärfen, aber wichtig ist, dass beide Seiten – Hauskreise und Gemeindeleitung – offen und ehrlich über Erwartungen, Ziele und Wünsche sprechen. Wenn es gelingt, dass die Hauskreise die Gesamtgemeinde im Blick behalten und die Gemeindeleitung die Realität der einzelnen Gruppen nicht aus den Augen verliert, ist schon viel gewonnen.
Vielleicht lohnt es sich auch, mal eine befristete gemeinsame Aktion in der Gemeinde zu planen. Wenn es absehbar ist, dass es die Möglichkeit gibt, wieder zum Gewohnten zurückzukehren, lassen sich Hauskreise eher darauf ein, als wenn sie alles für immer über den Haufen werfen müssen. Danach hat vielleicht mancher Blut geleckt und die Bereitschaft, an einem Strang zu ziehen, ist gestärkt worden.
Christof Klenk ist Redaktionsleiter des HauskreisMagazins.

Dieser Artikel ist im HAUSKREISMAGAZIN erschienen. Das HAUSKREISMAGAZIN ist Teil des SCM Bundes-Verlags, zu dem auch Jesus.de gehört.

Christsein geht nur in Gemeinschaft. Für mich geht es gar nicht, daß einzelne Christenmenschen, Hauskreise oder Gemeinden sich abkapseln. In solchen Settings ist zum einen das Klima für Mißbrauch in allen Bereichen entstanden. Zum anderen verstehen die Angehörigen solcher Gruppen irgendwann die Welt nicht mehr., weil sie nur noch um sich selbst kreisen.
Aber:
Leider muss ich die Erfahrung machen, das in meiner Gemeinde Leitung übergriffig gelebt wird.
Deswegen habe ich kein Interesse daran, daß die Leitenden mehr als unbedingt nötig Einfluss auf den Hauskreis nehmen.
Schade. Aber zur Zeit nicht zu ändern
Andererseits wird in Hauskreisen oft sehr persönliches besprochen, was Vertrauen erfordert. Ein Hauskreis sollte sich nicht verschließen, aber er benötigt auch einen eigenen geschützten „Raum“.
Ein Hauskreis ist schließlich keine reine Bibellesegruppe.
Die Antwort auf die Frage kann meines Erachtens nur sein:
So eigenständig, wie die Hauskreismitglieder*innen es wollen.
Bei diesem Thema bin ich -vielleicht überraschend- ganz Ulrichs Meinung.
Ich finde es merkwürdig gedacht/gefragt: Da treffen sich erwachsene selbständige Menschen in ihrer Freizeit und eine Gemeindeleitung will sich das Recht rausnehmen, ihnen vorschreiben zu wollen, wie sie ihren Hauskreis zu machen haben? Sind die Mitglieder für die Leitung da oder die Leitung für die Mitglieder?
Ich habe derart übergriffiges leider auch schon selbst erleben müssen.
Oft harmonieren ja Hauskreise mit der Gemeinde und das ist ja auch gut so. Aber wenn die Leitung übergriffig wird, dann muss sich der Hauskreis eben rein privat und unabhängig treffen. Er heißt ja nicht ohne Grund „Haus“kreis
Der Arikel zeigt in erschreckender Weise, wie Gemeindeleitungen bzw. Pastoren „ihre“ Leute und „ihre“ Hauskreise funktional als Mittel zum Zweck des Gemeindebetriebs sehen. Respekt vor den Brüdern und Schwestern bzw. den Söhnen und Töchten Gottes scheint nicht vorhanden zu sein.
Im Hauskreis aber geht es – wenn’s richtig geht – um Wachstum im Geist, in der Erkenntnis und in der Gemeinschaft. Wo zwei oder drei im Namen von Jesus versammelt sind, ist er mitten unter ihnen. Das ist wesensmäßig Gemeinde, Gemeinde im Haus, ein neutestamentliches Prinzip und im besten Sinne ein Selbstzweck – zur Ehre Gottes.