In diesen Tagen jährt sich zum 30. Mal die „friedliche Revolution“ oder „Revolution der Kerzen“ in der DDR. Ein Gespräch mit Bundespräsident a. D. Joachim Gauck
über Versöhnung, leere Kirchen und die Chance des christlichen Glaubens.

Ihre 2010 erschienene Biografie trug den Titel „Winter im Sommer – Frühling im Herbst“. Jetzt ist noch ein Kapitel des Bundespräsidentenamtes dazugekommen. War das mehr Winter, Herbst, Frühling oder Sommer?

Gauck: Das war der Beginn des Herbstes, Erntedank, verbunden mit sehr vielen schönen Gefühlen. Ich habe eine sehr ehrenvolle Aufgabe übernommen und darin eine noch vertiefte, positive Beziehung zu unserem Land gewonnen.

Am 9. November feiern wir den 30. Jahrestag des Mauerfalls. Sie waren zu dieser Zeit Pfarrer in Rostock. War die Kirche in der DDR mutig genug?

Ich war dankbar dafür, dass in der Kirche Menschen lebten, die länger hofften als andere. Dafür, dass sie länger hofften, gab es einen Grund. Und der wurde für mich nicht erst mit dem 9. November, sondern schon mit den Demonstrationen am 9. Oktober 1989 sichtbar. Es waren fast überall im Land Christen, die ihren Werten in der Zeit der Diktatur treu geblieben waren und 1989 aufstanden und zeigten, dass sie ihre Angst besiegen und für Demokratie eintreten konnten. Die Kirche war nicht Teil eines autoritären Systems, sondern Teil einer Gegenkultur.

Die „Friedliche Revolution“ hat wesentliche Ursprünge in der Kirche. Warum hat sich dieses „Räumebieten“ nicht in volleren Kirchen niedergeschlagen? Mangelt es an Dankbarkeit?

Kein Pfarrer ist glücklich, wenn die Kirche leer ist. (lacht) Wir hatten damals eine dienende, eine solidarische Funktion. Wir haben Menschen, einer Bewegung Räume geliehen, die sie sonst nirgends hatten. Viele, die den Kontakt zur Kirche verloren hatten, waren damals sehr dankbar, dass es die Kirche gab. Doch Dankbarkeit kommt in der Politik nur sehr selten vor. Die Menschen haben sich dann hinterher auch nicht durch Anhänglichkeit bedankt. Sie suchten einen Raum der Freiheit. Den fanden sie 1989 in der Kirche. Als dann die ganze Gesellschaft diesen Raum bot, musste man nicht mehr in die Kirche strömen, um ein freies Wort zu hören oder zu sagen.

Der Schwund der Kirchenmitglieder ist derzeit in aller Munde. Was müsste die Kirche Ihrer Meinung nach tun, um ein Fiasko zu verhindern?

Bevor sie etwas tut, muss sie etwas glauben. Aus dem Glauben kann Zuversicht wachsen und es können Aktivitäten entstehen, die etwas verändern. Zu diesem Glauben gehört aber auch, dass es ein Wachstum aus einem Senfkorn gibt (Matthäus 13,31-32). Die Situation als Minderheit bedeutet nicht, dass man bedeutungslos geworden ist. Wenn große Bevölkerungsgruppen auf den christlichen Glauben und christliche Werte verzichten, sind das Zeitströmungen, die es uns schwer machen, den Glauben an Gott und Jesus Christus in seiner tradierten Form unter die Menschen zu bringen. Von daher wird es darauf ankommen, dass wir Christen die Menschen in den Problemzonen ihres Lebens nicht aus dem Blick verlieren. Der Glaube an Jesus Christus wird nicht durch eine bestimmte Methode weitergegeben, sondern verbreitet sich durch die innere Überzeugung und die Art der Beziehung derer, die wirken wollen. Wenn die, die den Glauben verkündigen, von Menschenfreundlichkeit und der größeren Hoffnung geprägt sind, werden diese auch Anhänger gewinnen.

Joachim Gauck
Joachim Gauck (Foto: SCM Bundes-Verlag / Nathanael Ullmann)

Sie haben die Stasi-Unterlagen-Behörde geleitet. Was haben Sie dort über Ihre eigene Beobachtung durch die Stasi erfahren? Was hat Sie überrascht und betroffen gemacht?

In den Stasi-Akten begegnet einem viel Verrat, Dinge, die man nicht sehen möchte. Andererseits begegnen einem zwischen den Aktendeckeln auch unglaublich mutige und couragierte Menschen. Die Akten der Geheimpolizei bilden Heldenmut, Opferbereitschaft, aber eben auch Menschenfeindlichkeit und Bosheit gleichermaßen ab. Ich selber war nicht sonderlich überrascht über das, was ich da las, ausgenommen von mancher Figur aus meinem kirchlichen Umfeld, von denen ich das Spitzeln nicht erwartet hätte. Das Ganze ist aber in seiner Langzeitwirkung nicht zu unterschätzen. Wenn Menschen die Erfahrung gemacht haben, dass sie so etwas wie Verfügungsmasse sind, dann werden sie sich ängstlich und angepasst verhalten. Dieses Verhalten geht dann länger mit den Menschen mit, hängt länger in der Psyche der Menschen fest, als der Angstapparat bzw. die Diktatur existiert.

Immer wieder hört man in Diskussionen: „In der DDR war nicht alles schlecht!“ Was würden Sie entgegnen?

Es gab Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Es gab gute Musik, ehrlichen Glauben, Solidarität, Treue, Liebe, unsere Kinder, die Freude am Sport. Es ist völlig okay, wenn man sich an die guten Dinge erinnert. (wird energisch) Wenn man aber mit diesen Erinnerungen die Schrecken, die Ohnmacht, die Demokratiefeindlichkeit des Systems vertuschen will, verkommt dieser Rückblick zu einer üblen Nostalgie. Es gilt, das, was wirklich war, nicht auszublenden, auch wenn es wehtut. Schuld muss Schuld genannt werden. In Johannes 8,32 heißt es im Blick auf Jesus: „Ihr werdet die Wahrheit erkennen und die Wahrheit wird euch frei machen.“ Meiner Überzeugung nach kann man diesen Satz auch aufs Leben überhaupt beziehen: Wenn Menschen die Wahrheit, das Verstörende nicht sehen wollen und so tun, als könnte man, ohne dies zu besprechen, zur Versöhnung gelangen, kann man vielleicht zur Friedhofsruhe, aber zu keiner echten Versöhnung finden.

Was kann der christliche Glaube zum Zusammenhalt in unserem Land beitragen?

Eine ganze Menge. Er lehrt uns, einander die Würde zuzugestehen, mit der wir erschaffen sind. In unserer Verfassung wird diese Würde allen Menschen zugesprochen. Im christlichen Glauben wird dem Individuum eine sehr gewichtige Rolle zugeschrieben. Die Idee der Menschenrechte für den Einzelnen stammt aus dem jüdisch-christlichen Kulturkreis. Der Gott, an den wir glauben, ist der Gott, der jedem einzelnen Menschen seine Gegenwart zumutet. Gott ermöglicht uns Menschen einen direkten Zugang zu ihm. Wenn wir dies auf das Politische übertragen, bedeutet dies: Jede Gesellschaft, die die Menschen sortiert, etwa nach Leistung, Aussehen oder politischen Meinungen, handelt nicht im Sinne der Bibel. Die aus dem Glauben erwachsene Überzeugung der Gleichheit aller Menschen hat für unsere Gesellschaft etwas sehr Heilsames.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Die Fragen stellte Rüdiger Jope, Redaktionsleiter des Kirchenmagazins 3E, das wie Jesus.de zum SCM Bundes-Verlag gehört.

 

3 DIREKT-KOMMENTARE

  1. Ja, lebendiges Christentum – ist eine geistliche Gemeinschaft…
    Es ist ihnen aber auch „Wahrheit wichtiger als Macht“ (John Henry Newman ).

  2. Kirche in der DDR war Teil einer Gegenkultur. Herzlichen Dank für dieses mutmachende Gespräch. Ich wünsche mir sehr von uns an Jesus Christus Glaubende, dass wir auch heute miteinander wach werden. „Wache auf, der Du schläfst, und stehe auf von den Toten! Und Christus wird Dich erleuchten (Eph.5,14)“. Zeuge sein für das Sterben und Auferstehen Jesu Christi in dieser Gesellschaft erscheint mir das Gebot der Stunde.

  3. Gut, aber man muss auch sehen, dass große Teile des evangelischen Klerus sich nach 1945 aus Überzeugung der „antifaschistischen Einheitsfront“ angeschlossen hatten. Diese Leute wollten keine freiheitliche Demokratie mit Recht auf Opposition, sondern eine Gesinnungsdiktatur; sie erwarteten allerdings, an dieser Diktatur gleichberechtigt beteiligt zu werden, und waren sauer, als die Ex-KPD dann das System zunehmend für sich monopolisierte.
    Und diese Leute wolten auch 1989 keine freiheitliche Demokratie, sondern die Rückkehr zu den Anfängen der DDR, also zu einer Gesinnungsdiktatur, an der sie gleichberechtigt teilnehmen durften.
    Das wird alles heute zugedeckt, indem man ohne nähere Bestimmung von „Demokratie“ redet, aber damit ganz verschiedene Dinge meint.

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