Der evangelische Bischof Hans-Jürgen Abromeit hat bei der 124. Allianzkonferenz israelkritische Töne angeschlagen. Das sorgte für Kritik. Nun äußert sich Abromeit dazu, denn er fühlt sich missverstanden. 

Es war nur ein Vortrag unter vielen auf der Jahreskonferenz der Evangelischen Allianz in Bad Blankenburg, aber er hat für Unruhe gesorgt: Hans-Jürgen Abromeit, Bischof des Sprengels Mecklenburg und Pommern in der Nordkirche, sprach am Donnerstag (1. August) über das Thema „Zwei Völker – ein Land. Eine biblische Vision für Frieden zwischen Israel und Palästina“. In Teilen des Vortrags hinterfragte er die israelfreundliche Position der Deutschen. Der evangelische Nachrichtendienst „idea“ berichtete über das Podium. Daraufhin kam es zu Kritik. Unter anderem äußerte sich der Grünenpolitiker Volker Beck auf Twitter bestürzt über Abromeits Worte. Auch die Bild nahm den Vortrag auseinander.

 

Laut dem vom Bischof freigegebenen idea-Bericht gebe es nach Hans-Jürgen Abromeit eine „Überidentifikation mit dem Staat Israel“, die aus dem Schuldbewusstsein der Deutschen infolge des Holocausts resultiere. „Es werde bewusst nicht unterschieden zwischen dem biblischen Israel und dem heutigen Staat“, heißt es im Artikel. Das führe zu einer Vermischung der theologischen und politischen Ebene.

Deutsche Politiker hätten die Sicherheit von Israel zur Staatsraison erklärt. Dadurch würden Palästinenser benachteiligt. Juden hätten zudem nie alleine im Land gelebt. Hier sieht Abromeit laut idea-Bericht eine falsche Prämisse. Er sprach sich im Vortrag für eine Ein-Staaten-Lösung aus und erklärte eine Zwei-Staaten-Lösung für „realpolitisch faktisch ausgeschlossen.“ Bild betitelte den Vortrag als „Anti-Israel-Rede“. Beck sprach von „falsche[n] Darstellungen der Geschichte des Zionismus“ und „theologisch wirre[m] Zeug“.

Existenzrecht nicht infrage stellen

Abromeit reagierte nun mit einer Stellungnahme: „Ich bedaure außerordentlich, dass offensichtlich einige der aus dem Zusammenhang meines Vortrages herausgenommenen Formulierungen Anlass zu Missverständnissen gegeben haben.“ Keineswegs wolle er infrage stellen, dass Deutsche Verantwortung gegenüber der Sicherheit der israelitischen Bürgerinnen und Bürger hätten. Auch das Existenzrecht Israels habe er nicht infrage stellen wollen.

„Es ging mir im Rahmen einer persönlichen Darstellung darum, angesichts einer seit Jahrzehnten festgefahrenen Situation im Israel-Palästina-Friedensprozess suchend danach zu fragen, ob es in der Bibel Impulse gibt, die Bewegung ermöglichen könnten“, schreibt er. Vor allem die Friedensbotschaft Jesu stellt er heraus: Selig sind die Sanftmütigen. „Ich weiß selbstverständlich, wie schwierig es ist, dieses Jesuswort in praktische Politik zu übersetzen. Es sollte aber dennoch auch heute gehört werden.“

„Völlig unangemessen“

Auch die Nordkirche, der Abromeit angehört, bezog Position: Der Vortrag sei eine persönliche Meinungsäußerung gewesen und stelle keine Stellungnahme oder Positionsbeschreibung der Nordkirche dar. Die Landeskirche bekräftigte ihre Haltung gegenüber „jeglicher Form von Antisemitismus“. Bereits in ihrer Verfassung bezeuge die Nordkirche die bleibende Treue Gottes zu seinem Volk Israel. Die Nordkirche unterstütze auch Organisationen und Initiativen, die sich für die Versöhnung zwischen Israelis und Palästinensern einsetzten, heißt es in dem Statement: „Diese Position teilt auch Bischof Abromeit.“ Landesbischöfin Kühnbaum-Schmidt sagte, Begrifflichkeiten wie die „Überidentifikation mit Israel“ halte sie für „völlig unangemessen“.

UPDATE:

Der Nordkurier verfügt nach eigenen Angaben über das Manuskript von Abromeits Rede und zitiert auf seiner Homepage daraus. So habe Abromeit gesagt: „Es ist unglaublich kompliziert, diese Gemengelage aus Schuld, Verantwortung und Verpflichtung zwei Völkern gegenüber bei einer Betrachtung des Israel-Palästina-Konfliktes zu berücksichtigen. Man kann eigentlich nur daran scheitern.“ Aus dem Manuskript, so Gabriel Kords vom Nordkurier, lasse sich nicht ableiten, dass der Bischof das Existenzrechts Israels in Frage stelle.

Laut Manuskript habe der Bischof seinen Vortrag mit den Worten beendet: „Aus unserer Geschichte ist uns als Deutschen eine Verantwortung für die Freiheit und Sicherheit der Bürgerinnen und Bürger im Staat Israel aufgetragen, aber das darf nicht auf Kosten der Freiheit und der Sicherheit der Palästinenser und Palästinenserinnen gehen. Doppelte Standards vertiefen den Konflikt und sind im Blick auf eine Lösung kontraproduktiv. Wir sollten versuchen, beide Narrative, den der Israelis und den der Palästinenser zu verstehen.“

Link: Manuskript des Vortrags von Abromeit

 

9 DIREKT-KOMMENTARE

  1. Eine von der biblischen Wahrheit abgefallene Kirche, neigt zwangsläufig zu antisemitischen Tendenzen.
    Das bedrückende, dass sich diese Tendenz rasend schnell verschärft.

    Lieber Gruß Martin

    • Hallo Martin,

      es sind, wie sich nun aber offenbar herausgestellt hat, gar keine antisemitischen Tendenzen in Abromeits Rede auszumachen.
      Nicht jede kritische Stimme zur aktuellen politischen Situation in Israel/Palästina ist gleichbedeutend mit Judenhass.
      Von daher wäre es auch sinnvoll, die diskreditierende Untertitelung der Schlagzeile zu ändern, anstatt „nur“ ein Update nachzureichen.

      • Das Schlimme wie ich finde ist u.A. dass Herr Abromweit nicht kommentiert, dass sehr große Teile der Kirche und der deutschen Medien Israel gegenüber äußerst kritisch sind und die Medien fast auisschließlich nicht einmal bereit waren einen Film zu übernehmen, der den Staat Israel unkritischer darstellt als das Verhalten der Palästinenser. und dann soll das deutsche Volke einseitig positiv zu Israel stehen,???, das kann ich nicht erkennen.

  2. Man kann den Palästinensern nichts anbieten, ohne den Juden etwas wegzunehmen. Um diese Realität wird sich die EKD nicht ewig herumdrücken können.

  3. Die Palästinenser haben ein Problem. Es gibt sie eigentlich nicht als Volk und sie werden massiv mit Geldern aus dem Westen unterstützt. Das führt zu Korruption und dem Unvermögen die Probleme selber zu lösen, denn dann würde ja der Geldhahn versiegen. Die USA und die Schweiz haben ihre Zahlungen deshalb schon eingestellt.

  4. Zu „Narrativen“ fällt mir das Buch „Allein unter Juden“ von Tuvia Tenenbom ein, in dem er incognito auch in den Palästinensergebieten unterwegs ist und dort in realsatirischen Gesprächen mit teilweise noch jetzt im Konflikt agierenden Persönlichkeiten erschreckend Erhellendes erfährt. Auch zur europäischen und insbesondere deutschen Entwicklungshilfe für die Palästinenser, die scheinbar den Konflikt befeuert und über Generationen verstetigt. Sehr aufklärend und bitterkomisch.

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