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Frauen in der Kirche: Endlich gleich sein!

Vor allem theologisch konservative Gemeinden tun sich mit der Gleichberechtigung der Frauen schwer. Dabei würden davon auch Männer profitieren, sagt Theologin Sabine Zöllner.

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Eigentlich sollte doch mit dem folgenden Vers alles Wesentliche gesagt sein: „Nun gibt es nicht mehr Juden oder Nichtjuden, Sklaven oder Freie, Männer oder Frauen. Denn ihr seid alle gleich – ihr seid eins in Jesus Christus.“ (Galater 3,28). Ob Mann oder Frau sollte in der Gemeinde keine Rolle mehr spielen. Oder?

Die Letzten am Kreuz und die Ersten am Grab

Die ersten Christen waren Gemeinden aus Frauen und Männern, die vom Heiligen Geist gleichermaßen begabt und befähigt wurden, sich herausfordern ließen und den Glauben verkündeten. Angefangen hat es mit Ostern: Die Letzten am Kreuz und die Ersten am Grab waren Frauen. Ihnen, den Frauen, hat Jesus den Auftrag gegeben, die gute Botschaft von seiner Auferstehung zu verkünden.

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Erst durch ihr Zeugnis haben sich auch einige männliche Jünger von der Osterfreude über die Auferstehung anstecken lassen. Gäbe es überhaupt eine Kirche ohne die Verkündigung dieser Frauen? Jesus hatte Frauen unter seinen Nachfolgern. Zum Beispiel Maria, die Schwester von Martha, die sich selbstverständlich zu Jesu Füßen niederließ und seinen Lehren lauschte, statt wie ihre Schwester das Bewirten zu übernehmen.

Paulus wird als Frauenverächter missverstanden

Jesus verwendete in der Verkündigung oft Beispiele aus der Frauenwelt: Sauerteig, der den ganzen Teig durchsäuert, neuer Stoff zum Flicken alter Kleidung, die bittende Witwe, die Frau, die einen Groschen wieder findet und vor Freude mit ihren Freundinnen feiert. Jesus hatte Frauen im Blick!

Seine oft missverstandenen Aussagen über Frauen sind für damalige Verhältnisse Türen zu einer ganz neuen Sichtweise!

Paulus wird oft missverstanden als Frauenverächter. Dabei hat er Frauen in seinen Teams wichtige, ja tragende Rollen zugestanden, sich auf sie verlassen und mit ihnen zusammengearbeitet. Priska, Junia, Phoebe und andere sind zu seinen engsten Mitarbeitenden zu rechnen. Seine oft missverstandenen Aussagen über Frauen sind für damalige Verhältnisse Türen zu einer ganz neuen Sichtweise!

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Annegret Braun zeigt das in ihrem Buch „Warum Eva keine Gleichstellungsbeauftragte brauchte“ sehr deutlich. Doch das ist nicht die Sichtweise, die sich in der langen Geschichte der Gemeinde Jesu durchgesetzt hat.

Frauen wurden an den Rand gedrängt

Wie überall sonst in der Welt übernahmen auch in der Kirche Männer die Macht. Frauen wurden an den Rand gedrängt, verschwiegen oder sogar überschrieben. So zum Beispiel Junia. Sie wird mit Andronicus in Römer 16,7 als eine berühmte Apostelin erwähnt.

Eine Frau unter den Aposteln? Nach dem Motto „Es kann nicht sein, was nicht sein darf“ wurde ab dem 13. Jahrhundert aus Junia kurzerhand ein Junias (ein Name, der nirgendwo belegt ist, während Junia ein üblicher Frauenname war). Erst in der Lutherbibel von 2017 ist dies endlich korrigiert.

Phoebe ereilte ein ähnliches Schicksal. Der griechische Text nennt sie „diakonos“, also Diakon(in), doch alle älteren Bibelübersetzungen sprachen ihr dieses Amt ab, indem sie sie zu einer Dienenden herabwürdigten.

Eine Krippe: Maria hält das Jesuskind
Foto: Pixabay / Vicki McCarty

Bedeutende Frauen der Kirchengeschichte bleiben unerwähnt

Starke Frauen aus der Bibel wie Mirjam, Deborah, Hulda, Jael, etc. gerieten immer mehr aus dem Blick, stattdessen wurde ein bestimmtes Bild von Maria als Ideal hingestellt: Die stille, hingebungsvolle Mutter, die im Gehorsam ihr Schicksal annimmt. Dass Maria im Lukasevangelium durchaus politische Aussagen von sich gibt, wurde lieber nicht vertieft.

Neben den bekannten Wüstenvätern gab es auch weise Wüstenmütter […]

Viele bedeutende Frauen in der Kirchengeschichte blieben einfach unerwähnt, ihre Werke wurden anonym oder unter männlichen Namen weitergegeben. Neben den bekannten Wüstenvätern gab es auch weise Wüstenmütter, neben Kirchenlehrern auch Kirchenlehrerinnen, und neben Kirchenvätern auch Frauen, die man mit Fug und Recht als Kirchenmütter bezeichnen könnte. Doch kaum jemand kennt sie.

Neulich durfte ich mit einer Reihe Theologen zusammensitzen, die ich allesamt sehr schätze. Kaum einer von ihnen hatte schon von Juliane von Norwich gehört, obwohl sie die erste Frau war, die auf Englisch ein Buch verfasst hat. Das war etwa 1393, also deutlich bevor Luther Texte auf Deutsch schrieb statt im üblichen Latein. Doch ihre theologischen Abhandlungen sind im Gegensatz zu denen von Männern kaum bekannt geworden, obwohl sie sowohl sprachlich als auch inhaltlich wegweisend waren.

Viel getan, aber noch eine Menge Luft nach oben

Ist es denn heute so ganz anders? Es hat sich – Gott sei Dank! – viel getan in der christlichen Landschaft! Ich feiere, dass es endlich eine Plattform für deutschsprachige, christliche Speakerinnen gibt (www.speakerinnenplattform.de), dass ich immer öfter junge, motivierte Pastorinnen kennenlerne, dass immer mehr Gemeinden selbstverständlich Frauen Platz in den Leitungsgremien einräumen!

Das ist wunderbar und geht in eine gute Richtung! Aber haben wir es schon geschafft, die Vision von Paulus für unsere Gemeinden umzusetzen? Dass es egal ist, welches Geschlecht man hat, welche Herkunft, welchen sozialen Status, um in der Gemeinde von Jesus Verantwortung zu übernehmen? Ich fürchte, da ist noch eine Menge Luft nach oben!

Einseitige Rollenbilder für Frauen

Im Alltag findet man an zu vielen Stellen Spuren von sehr einseitigen Rollenbildern für Frauen, die viel zu klein sind für Gottes Pläne! Im Podcast eines großen christlichen Magazins werden die Interviewten im Titel immer mit zwei bis drei Stichpunkten vorgestellt. Nur bei den Frauen steht immer gleich als zweiter Punkt: Mutter. Bei den männlichen Interviewten steht nicht dabei, dass sie Väter sind. Warum ist das nur bei Frauen wichtig?

Raben sind übrigens, entgegen ihres Rufs, fürsorgliche Eltern.

Freunde von uns haben entschieden, dass er die Elternzeit nimmt und sie weiterarbeitet. Er hat sogar eine Erzieherausbildung und sie verdient besser – wunderbar, könnte man meinen. Doch sie müssen sich ständig Sprüche anhören – vor allem von anderen Christen –, was für eine Rabenmutter sie sei und warum er nicht arbeiten würde (Raben sind übrigens, entgegen ihres Rufs, fürsorgliche Eltern).

Frau auf Rolle der Mutter reduziert

Das Frauenbild als Mutter wurde in Deutschland vor allem stark von den Nazis propagiert. Ein Erziehungsratgeber, den Goebbels mit finanzierte, wurde mit nur leichten Veränderungen bis in die 1970er-Jahre hinein aufgelegt und glorifiziert – und reduziert die Frau auf die eine Rolle der Mutter.

Die Bibel hat ein deutlich größeres Repertoire: Frauen sind Prophetin, Richterin, Königin, Kämpferin, Apostelin, Diakonin, Leiterin, Lehrerin, Evangelistin, Missionarin, Verkündigerin. Frauen auf das Bild der Mutter zu reduzieren, sollten wir also wirklich unterlassen. Wir können zum Beispiel anfangen, Referentinnen und Pastorinnen nach Vorträgen nicht mehr zu fragen, wer in der Zeit auf die Kinder aufgepasst hat, sondern stattdessen auf Inhalte ansprechen.

Junge Frau redet am Mikrofon
Foto: ViktorCap / iStock / Getty Images Plus

Natürlich dürfen Frauen Mütter sein und sich mit Liebe und Hingabe um ihre Kinder kümmern, sie dürfen im Beruf auch kürzertreten, wenn sie dieses Ziel haben – selbstverständlich! Aber es ist entwürdigend und unbiblisch, wenn wir von Frauen verlangen, dass sie sich in diese eine Rolle fügen. Zudem, wenn wir nicht darüber reden, was das für die Rente der Frauen bedeutet.

Früher waren Frauen wichtige Führungspersonen

Mirjam war eine wichtige Führungsperson in Israel, Deborah hatte als Richterin die höchste Autorität im Volk. Paulus verließ sich in seiner Mission stark auf seine weiblichen Mitarbeitenden und vertraute den theologisch wichtigsten Brief im Neuen Testament Phoebe an, die ihn an die Gemeinde in Rom übertrug und dort auch für Rückfragen und Erklärungen zur Verfügung stand. Priska unterrichtete Apollos in allen wichtigen christlichen Lehren.

Dabei zeigt Forschung zur Effektivität von Leitungsteams, dass gemischtgeschlechtliche Führungsgremien deutlich besser auf Veränderungen reagieren können […]

Doch heute sind Frauen in christlichen Leitungsebenen leider ziemlich rar. Bei der Konferenz Christlicher Führungskräfte ist das Verhältnis von männlichen zu weiblichen Referierenden 13 zu zwei. So ähnlich sieht es leider auch in den meisten Führungsebenen christlicher Werke aus.

Dabei zeigt Forschung zur Effektivität von Leitungsteams, dass gemischtgeschlechtliche Führungsgremien deutlich besser auf Veränderungen reagieren können, mehr Perspektiven im Blick haben und innovativer handeln. Wenn uns die Gemeinde Jesu wichtig ist und wir die Bibel ernst nehmen, dann müssen wir uns für höhere Frauenanteile in Leitungsgremien einsetzen.

Mehr Vielfalt in der Gemeindearbeit

Weder fürs Kochen noch fürs Leiten gibt es ein Chromosom. Männer wie Frauen sind dafür begabt. Darum wünsche ich mir mehr Männer hinterm Herd und mehr Frauen auf der Kanzel! Ich wünsche mir auch Männer im Putzteam, in der Kinderbetreuung und im Dekoteam, während mehr Frauen im Technikteam, in der Moderation und beim Predigen einen Raum finden sollen.

Menschen sollten nach Interessen, Begabung und Notwendigkeit mitarbeiten, nicht nach ihrem Geschlecht. Es wird Zeit, dass wir wegkommen von den einengenden Rollenbildern, die Männern verbieten, Gefühle zu zeigen und Frauen nicht zutrauen, Führungsverantwortung zu übernehmen.

Die Bibel hat für Frauen und Männer sehr viel mehr und weitere Rollen, als wir uns oft bewusst machen.

Es wird Zeit, dass nicht nur Mädchen mit Baggern spielen dürfen, sondern auch Jungs Puppen und Pink schön finden dürfen (Rot bzw. Rosa war übrigens von der Antike an bis zum Ersten Weltkrieg die männliche Farbe, weil sie für Aggression und Dominanz stand, für Frauen war blau üblich, wie klassische Maria-Darstellungen zeigen). Die Bibel hat für Frauen und Männer sehr viel mehr und weitere Rollen, als wir uns oft bewusst machen – und wir werden als Christen alle davon profitieren, wenn wir das wieder neu für uns entdecken.

Sabine Zöllner ist Theologin, Coach und Selbstverteidigungstrainerin und lebt mit ihrem Mann in Burgstädt bei Chemnitz.


Dieser Artikel erschien in der Zeitschrift JOYCEJOYCE wird vom SCM Bundes-Verlags herausgegeben, zu dem auch Jesus.de gehört.

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8 Kommentare

  1. Das is doch sowas von Selbstverständlich … dass die Frau bzw. Frauen überall dazu und hingehören. Nicht nur unser Land, überall, würde alles Zusammenbrechen hätten wir nicht „unsere“ Frauen. Ein Mann der, warum auch immer, von seiner Ehefrau getrennt wird, ist wie ein Baum ohne Wurzeln und ohne daher auch ohne Blätter. Frau+Mann, Mann +Frau sollen Alles, was ansteht, gemeinsam leben … Genauso hat es der HERR von Anfang an gewollt und nur darauf liegt SEIN Segen … ER der uns Alle schon kannte und liebte, bevor wir geboren wurden, weiß natürlich bestens warum eine Gesellschaft nur so „funktionieren“‚ kann …

  2. Viele zeitlose Werte gibt es seit der Urgemeinde

    Da kann ich Andi zu seinem Text nur voll zustimmen. Lieber Stammtischbruder: Es gibt allerdings keine Weisungen der Schrift, dass Frauen keine Leitungsämter ausüben sollen. Die Welt zur Zeit Jesu war zwar eine durch und durch patriarchalische, aber in der Urgemeinde waren im Sinne von Jesus Christus alle gleich. Dass es immer einen Spannungsbogen gibt zwischen dem Ideal und der Realität, gilt leider auch für heute. Und dann wieder mein Hinweis, den ich zu vielen Gelegenheit gebetsmühlenartig wiederhole, der aber richtig bleibt: Gotteswort ist immer Gotteswort durch Menschenwort. Biblische Texte sind selbstverständlich Gottes Wort. Aber sie sind als Verkündigung von Menschen weitervermittelt, also wie Predigten bzw. Berichte über Glaubenserfahrungen. Sie sind nicht irrtumsfrei. Daher darf und soll man nach dem Willen Gottes sein Wort auslegen – und man darf darüber beten. Ein Mensch in der Antike denkt anders, hat ein völlig anderes Weltbild und hier unterscheiden sich auch das Mittelalter und die heutige Neuzeit. Wir sollten als Christinnen und Christen auch nicht jedem Zeitgeist anhängen, uns aber stattdessen nach dem richten, was Jesus Christus in seinem Erdenleben für alle Geschlechter und Zeiten predigte und aus dem wir bis heute noch unentbehrliche Werte ableiten. Da verweise ich auf die Bergpredigt. Oder das Gebot, Gott zu lieben und den Nächsten wie sich selbst. Und dass unter Glaube, Liebe und Hoffnung die Liebe die Größte ist. Dies sind unsere Werte und ein Ausdruck dieser Werte ist unter anderem ebenso die Gleichberechtigung von Mann und Frau und aller Menschen jeglicher Hautfarbe. Im übrigen gibt es keine größere Freiheitsbewegung als diejenige, die Jesus auf Erden anstoßen wollte. Weil wir nämlich frei sind durch die grenzenlose Liebe und Barmherzigkeit Gottes, da Jesus am Kreuz uns die Last abgenommen hat, von anderen und von uns selbst Perfektion zu erwarten. Aber Liebe wird von uns schon erwartet, auch Umgang mit anderen auf Augenhöhe und der Verzicht auf alle Machtgeilheit (Man verzeihe mir diesen Ausdruck Machtgeilheit). In unseren Kirchen benötigen wir Papste, Päpstinnen, Bischöfe, Bischöfinnen, Pfarrerinnen und Pfarrer, Prediger*innen, Frauen und Männer in allen Ämtern und als Priesterinnen. Das sind immer dienende Ämter, moderner ausgedrückt auch demokratisch funktionierende Aufgaben. Jesus war zudem auch nicht katholisch, evangelisch oder freikirchlich. Aber er war aber so, wie Gott sich ein Mensch vorstellte. Er war und ist es an unserer Stelle. Und das genügte Gott wegen seiner Liebe zu uns. Es gibt weder linke oder rechte Kirchen, ebenso das Evangelium ist nicht in diesem Kategorien zu denken, aber seit Jesus die Tische der Wechsler im Tempel umgestoßen hat, besitzt Christsein auch die Aufgabe politisch zu sein. Nämlich dann, wenn christliche Institutionen nicht mehr für die Armen und Ausgegrenzten ihr Wort erheben und Religion ein Geschäftsmodell wird. Oder zum Missbrauch von Macht oder zum Zwecke von Denkverboten. Ich bin heute leider etwas ungnädig, denn beim Thema Gleichberechtigung könnte ich mir vorstellen, dass ein weiblicher Putin, also eine Putina, vielleicht etwas weniger mit dem Hufen scharrt und sich nicht benimmt wie ein mittelalterlicher Kriegsherr.

  3. Der Feminismus hat die Kirche infiltriert, die EKD schon längst, die KK bröckelt und in vielen Freikirchen predigen Frauen oder üben Leitungsämter aus, entgegen den Weisungen der Schrift. Mir fehlt der Glaube, dass Gott dies in irgendeiner Weise segnet.
    Allerdings muss man auch die Männer rügen, die sich rar machen in den Gemeinden oder ein geistliches Leben auf Sparflamme pflegen.
    In dieses Vakuum drängen die Frauen und meinen sich und dem Reich Gottes einen Gefallen zu tun.
    Hier ist aber nicht der hl Geist am wirken sondern der Zeitgeist !

  4. Wir müssen nicht krampfhaft nach Beispielen in der Bibel suchen, dass auch Frauen eine wichtige Rolle spielen können und dürfen. Nach meinem Verständnis hat Gott den Menschen als Mann und Frau geschaffen; also bis auf den körperlichen keinen Unterschied gemacht. Dass Frauen heutzutage(!) in der Kirche – sogar in manchen sogenannten ‚Freien Gemeinden‘ (die übrigens auch mein geistliches Zuhause sind) – um ihr Mitwirkungsrecht streiten müssen ist geradezu grotesk. Meines Erachtens sind die persönlichen Gaben das Entscheidende; nicht etwa Hautfarbe, Geschlecht oder irgendein anderes äußeres Merkmal. Die Mitarbeit in einer Gemeinde und auch Leitungsfunktionen dürfen nicht von Geltungssucht bestimmt sein (da haben Männer häufig die Nase vorn). Und die Gemeindeleitungen sollten idealerweise alle Gruppen und Facetten der entsprechenden Gemeinde vertreten; die ja zumeist überwiegend von Frauen gebildet werden. Dass die dann gern als passive Gottesdienstbesucher gesehen werden, aber jedes weitere Engagement jenseits von Kinder- und Familienarbeit kritisch beäugt wird, kann eigentlich nicht in unserem Sinne sein. Jesus hätte uns vermutlich die Leviten gelesen, wenn wir Frauen von der uneingeschränkten Mitarbeit in seiner Gemeinde abhalten wollten.

  5. Wir sollten beim Lesen der Bibel endlich die traditionell-europäische Brille absetzen und uns damit befassen, was Jesus, und durch ihm die Apostel, wirklich lehrten. Dabei werden wir auf viel Ungewohntes treffen und erkennen, wie wichtig es ist, alte, „konservativ-christliche“, Zöpfe abzuschneiden.

    Das Weltbild vieler, leider auch evangelikaler, Gemeinden ist immer noch vom frühmittelalterlichen römisch-katholischen Rollenbild geprägt. Frauen werden jegliche Kompetenzen abgesprochen, biblisch verankerte Rechte verweigert. Die Katholiken versuchten dies durch die Überhöhung Marias zu kompensieren, wiesen ihr Eigenschaften zu, die eindeutig Jesus zugeschrieben werden („Schlangenzertreterin“), machten sie gar zur „ewigen Jungfrau“, „Mutter aller Schmerzen“ usw. Wir Protestanten machten es uns allzu bequem, indem wir viele Klischees ungeprüft übernahmen.

    Häufig wurde jeglicher Versuch, aus diesem Rollenbild auszubrechen, gar gewaltsam unterbunden: Schon Katharina Luther, die zu Lebzeiten ihres Mannes ein außerordentliches Organisationstalent und überragende Geschäftstüchtigkeit bewies und deshalb von ihrem Mann als Universalerbin mit allen Befugnissen eingesetzt wurde, musste erleben, wie sie vom Magistrat kurzerhand enteignet wurde, weil sie ja „nur eine Frau“ und somit unfähig, einen Betrieb eigenständig zu führen, sei. Im „weltlichen“ Geschäftsleben hat sich dies erst in den 1970ern geändert: Der Großvater meiner Frau musste in einem Kreditvertrag von 1950, den wir unlängst fanden, die Gültigkeit der Unterschrift seiner Ehefrau bestätigen, mein Vater konnte meiner Mutter noch die Fortführung ihrer Berufstätigkeit untersagen, anderen wurde der Erwerb des Führerscheins verwehrt.

    Wenn man von der Faustregel ausgeht, dass bei den „Frommen“ immer alles erst fünfzig Jahre später kommt, dann haben wir jedoch gute Chancen, dass sich allmählich alles zum Guten (nämlich Bilischen) hin ändert…

    • Hallo Andi,
      Wie kommen Sie zu dieser Faustregel? Scheinbar kommen Sie wenig in der evangelikalen Welt herum, denn da ist von den ihnen genannten Missständen wenig zu sehen.

      • Zu dieser Faustregel komme ich durch mehr als vierzig Jahre Erfahrung in der evangelikalen Welt, Markus. In den 1970ern wurde dies noch als „Schwäche“ und „Einknicken“ bezeichnet. Erst allmählich entdeckten Evangelikale, dass das römische Rollenbild keineswegs dem entspricht, welches von Jesus und den Aposteln gelehrt wird.

  6. Die Herausforderung heutzutage scheint mir kaum noch die „Gleichberechtigung“ zu sein. Frauen sind doch längst schon Bundeskanzler, EU-Kommissions-Chef, CEO, Minister, Direktor, Präsident, Meister, Dirigent, Chefarzt, … you name it, they’ve got it.

    Es hat also doch wohl wenig Sinn die (schon gewonnenen) Kämpfe immer wieder neu zu zelebrieren und die (schon errungenen) Siege immer wieder „re-enacten“ zu wollen.

    Was aber doch wohl Not tut, ist, die spezifische weibliche Perspektive, Aufgabe und Einzigartigkeit wieder zu entdecken.

    Jedes Team lebt doch von den spezifischen Aufgaben, Begabungen und Verantwortungsbereichen seiner Mitglieder. Ein erfolgreiches Team lebt gerade nicht davon, dass jeder genau dasselbe tut (tun will): „Denn auch der Leib ist nicht ein Glied, sondern viele. Wenn nun der Fuß spräche: Ich bin keine Hand, darum gehöre ich nicht zum Leib!, gehört er deshalb etwa nicht zum Leib?“

    Und so ist die gegenseitige Wertschätzung und Ergänzung die heute entscheidende Herausforderung.
    „Im Herrn ist weder die Frau ohne den Mann noch der Mann ohne die Frau;
    denn wie die Frau von dem Mann, so ist auch der Mann durch die Frau; aber alles von Gott.“

    Weder die Frau, die den „besseren Mann“ darstellen will, noch ein geschlechtslos-andrygyne universell einsetzbares Wesen dient dem Menschen.
    >Er schuf sie als Mann(!) und Frau(!).
    Dann segnete er sie und gab ihnen noch am Tag ihrer Erschaffung den Namen „Mensch“.<

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