Restaurator Matthias Raum kümmert sich um den Erhalt alter Schriftstücke. Durch seine Werkstatt gehen auch einige Bibeln – und eine Menge spannender Geschichten.
Von Malin Georg
Was ist 45 Zentimeter lang, 15 Zentimeter dick und wiegt volle 11 Kilogramm? Richtig: Eine Lutherbibel aus dem frühen 18. Jahrhundert. Eines dieser seltenen Exemplare liegt im untersten Fach einer Glasvitrine in der Werkstatt von Matthias Raum. Er ist Buchbindermeister und Restaurator und setzt sich mit Leidenschaft für den Erhalt solcher Unikate ein.
Die Tübinger Cotta-Bibel ist eine „Prachtausgabe“, erklärt er stolz. Neben dem Bibeltext enthält sie viele detaillierte Abbildungen, ausführliche Erklärungen und Kommentare – deshalb ist das Buch auch so dick.
Auf einer der ersten Seiten ist eine Abbildung von Adam zu sehen: Umgeben von Pferden, Löwen, Elefanten, Fischen, Dromedaren, Einhörnern und Vögeln steht er in einem Garten. Am oberen Rand des Bildes schwebt ein helles Dreieck – darin stehen die hebräischen Buchstaben הָו ֹהְי (der biblische Gottesname „Jahwe“, den man damals noch „Jehovah“ aussprach). Das Gesicht der Sonne erinnert irgendwie an die „Teletubbies“. Eine schöne und lebendige Abbildung der Schöpfungsgeschichte – fast wie ein Wimmelbild.

Leben und Tod
Jedes Buch, das seinen Weg durch die Restaurierungswerkstatt in Römerstein auf der Schwäbischen Alb geht, bringt seine Geschichte mit. Es trägt die Spuren der Menschen und Familien, die es begleitet hat. In vielen alten Bibeln wurden besondere Ereignisse notiert, erklärt Matthias Raum: Hochzeiten, Geburten, Sterbefälle, schlechte Erntejahre, Hungersnöte oder andere Katastrophen. „Ich bin manchmal ganz erstaunt, wenn da drinsteht: Zwölf Kinder geboren, davon sind acht gestorben. Trotzdem ging das Leben für die Menschen weiter. Das ist schon krass.“
Manche der alten Handschriften kann der Restaurator nicht entziffern – die Bücher, die er bearbeitet, stammen oft aus dem 16. bis 19. Jahrhundert. „Wir dürfen auch gar nicht alles lesen – sonst verlieren wir zu viel Zeit“, lacht er. „Für uns ist das Material entscheidend, nicht der Inhalt.“
Spannende Entdeckungen macht Matthias Raum trotzdem oft: Einmal fand er ein Mordgeständnis, das jemand bei der Geschichte von Kain und Abel in eine Bibel gekritzelt hatte. Ein anderes Buch hatte seinem Besitzer wohl das Leben gerettet – in den Seiten steckte noch die Kugel einer Schusswaffe. Und in einem Lagerraum der Werkstatt steht gerade das Pult von Friedrich Schiller: „Es ist tatsächlich nachgewiesen, dass es sein Tisch war. Da machen wir eine Holzbehandlung.“
Die Tische von bedeutenden Schriftstellern zu pflegen gehört zwar nicht zu seinen alltäglichen Aufgaben. Trotzdem ist der Restaurator begeistert von der Vielfalt seines Berufs: „Es ist nie eintönig. Wir arbeiten immer mit verschiedenen Materialien. Kein Buch ist wie das andere. Und bei der Bearbeitung tauchen manchmal unerwartete Dinge auf.“
Feuer und Wasser
Die Restaurierung eines Buches dauert mehrere Wochen oder Monate – je nachdem, wie stark das Schadensbild ist. Bei manchen Büchern ist lediglich der Buchrücken kaputt und muss repariert werden. Andere sind vom Papier- oder Holzwurm zerfressen – manchmal hat auch eine Maus an den Seiten genagt. Ein Problem, das in Süddeutschland häufiger wird, sind Papierfischchen: „Die fallen über Archivgut her. Sie fressen nicht nur Kanäle in das Papier, sondern zerhacken es komplett. Da kann man auch nichts mehr restaurieren.“
Auch Brandschäden bekommt der Restaurator immer wieder zu sehen. Ein größeres Problem als Feuer ist aber das Löschwasser: „Bücher brennen oft mehrere Stunden oder Tage lang. Irgendwann geht das Feuer aus, weil zwischen den Blättern kein Sauerstoff ist. Das Löschwasser geht aber komplett durch die Seiten und verursacht für uns einen viel größeren Schaden.“
Wasserschäden führen nämlich oft zu Schimmel. Solche Bücher müssen vor der Restaurierung besonders sorgfältig an Reinen Sicherheitswerkbänken gereinigt werden. Sie lagern im sogenannten „Schwarzraum“, damit sie nicht mit den restlichen Büchern in Kontakt kommen.
In einem anderen Raum warten noch mehr Werke auf ihre Wiederherstellung: Handschriftenbände, Bibeln, Gesangbücher, Geschichtsbücher und andere Literatur. „Privat“ steht auf einigen Klebezetteln und auf anderen „Stadtarchiv XY“. In einem Planschrank lagern ein paar vergilbte Stiche, Aquarelle und Gemälde. Sie werden nach ihrer Restaurierung unter UV-Schutzglas gerahmt.
Früher und heute
Der erste Schritt jeder Restaurierung findet an sogenannten Reinlufttischen statt: Die Mitarbeiter entfernen den groben Dreck mit elektronisch regelbaren Sicherheitssaugern. Mit einem speziellen Schwamm aus Naturkautschuk werden die Oberflächen der Buchseiten dann gründlicher gereinigt. „Der Radierschwamm ist unheimlich weich“, erklärt ein Mitarbeiter. „Man muss wenig Druck ausüben. Das ist ein großer Vorteil, wenn das Papier sehr brüchig ist.“

Bei ausgewählten Büchern schicken die Restauratoren den gesammelten Schmutz ins Labor, erzählt Matthias Raum. Oft sind Haare dabei, Getreidekörner oder andere Pflanzenreste. „Es wird analysiert: Waren die Menschen gesund? Welche Krankheiten hatten sie? Was ist das für ein Getreide? Da kann man schon ein bisschen was rauslesen.“
Neben dem Reinluftraum befindet sich der große Trockenraum: „Hier pulsiert das Leben“, verkündet der Inhaber der Werkstatt. Knapp zehn Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter werkeln hochkonzentriert an ihren Projekten. Hin und wieder wechseln sie ein paar Worte, überall raschelt das Papier. Sonst ist es still.Wie immer sind auch einige Bibeln in Arbeit. Eine fällt besonders ins Auge. Ihre Seiten sind zerrissen, zerknickt, befleckt und zerlöchert. Der Ledereinband ist brüchig und löst sich vom Buchblock. Die Ecken des hölzernen Buchdeckels sind abgebrochen. Das Team hat eine Menge Arbeit vor sich.
Schere und Papier
Bücher, die so stark beschädigt sind, müssen komplett zerlegt werden. Mit einem dünnen Messer oder einer Schere werden die Heftfäden auseinandergeschnitten, die die einzelnen Seiten zusammenhalten. Zerrissene Seiten kommen dann „nach hinten“ in den Nassraum.
Dort werden sie in angereichertem Wasser (einer Mischung aus Calcium, Magnesium und Kohlensäure) gewässert. Die spezielle Flüssigkeit bereitet die Werkstatt selbst auf – sonst wäre die Gefahr zu hoch, dass die Tinte auf dem Papier ausläuft. Bei Brandschäden löst der Alkohol Fett und Ruß von den Blatträndern aus den Seiten, damit die Klebstoffe später gut halten.


Ist das Papier gewaschen, wird es „angefasert“ – Löcher und Fehlstellen werden mit neuen Papierfasern aufgefüllt, Risse mit dünnem Japanpapier geflickt. Auch die Papierfaser-Mischung stellt das Team nach eigenem Rezept her: Sie enthält einen hohen Anteil an Baumwolle und wird passend zum jeweiligen Buch eingefärbt. „Man soll immer sehen, was neu und was alt ist“, erklärt Matthias Raum. „Deshalb sind Papier und Leder immer eine Farbnuance heller als das Original.“
Wenn die Seiten trocken sind, werden sie wieder zusammengeheftet – von Hand. Das kann je nach Buch und Hefttechnik einige Tage dauern. „Heute ist das alles selbstverständlich – früher war es wahnsinnig aufwendig, ein Buch zu binden. Die Menschen waren stolz, dass sie das konnten. Dem Buchbinder wurde eine gewisse Wertschätzung gegenübergebracht, wenn er das Handwerk beherrschte und seine Arbeit ordentlich gemacht hat.“
Alt und neu
Seine Arbeit gut zu machen hat auch für Matthias Raum höchste Priorität. „Bei den Materialien, die wir einsetzen, gucken wir immer, dass wir mindestens das Qualitätslevel erreichen wie das Original – oder sogar eine Stufe höher gehen. Wir wollen ja nicht, dass das Buch gleich wieder kaputt geht.“ Auch, dass die Materialien möglichst ökologisch sind, ist wichtig.
Eine Bibel ist fast fertig restauriert. Am Einband kann man deutlich erkennen, welches das alte und welches das neue Leder ist. Auch die Buchseiten haben ihren historischen Charakter beibehalten. Trotzdem wirken sie wieder frisch – man spürt die Zeit und Liebe, die in das Buch gesteckt wurde. Fast so, als hätte die Werkstatt ihm ein zweites Leben geschenkt.


Nur noch die metallenen Buchschließen fehlen. Wie sie früher aussahen, weiß der Restaurator nicht – wahrscheinlich waren sie kunstvoll verziert. Heute wird Matthias Raum eine neutrale Variante wählen: „Damit machen wir nichts falsch. Es sieht zwar ein bisschen schmucklos aus. Aber es ist nicht unsere Aufgabe, das Buch neu zu machen. Wir sollen das, was noch da ist, so bearbeiten, dass die nächste Generation es wieder verwenden kann. Schönheitsreparaturen machen wir eigentlich nicht – nur das, was absolut notwendig ist für den Erhalt der Bücher.“
Geld und Gefühle
Viele Privatkunden der Werkstatt sind ältere Menschen, die ihre Bücher in gutem Zustand an die Kinder übergeben wollen. Der materielle Wert spielt dabei kaum eine Rolle, erklärt Matthias Raum: „Aus finanzieller Sicht lohnt sich eine Restaurierung in den wenigsten Fällen. Viel wichtiger ist der emotionale Wert.“
Für Menschen, die alte Bibeln an ihre Familie übergeben wollen, hat der Restaurator einen Tipp: „Schreibt noch etwas rein: handschriftlich, schön sauber, damit man es gut lesen kann. Dann wird das Buch immer in der Familie bleiben. Wenn ich eine Bibel habe und nicht weiß, wem sie früher gehört hat und was ihre Geschichte ist, hat sie für mich keinen Wert.“ Es lohnt sich also, in der Familiengeschichte zu forschen und eigene Erinnerungen für die Nachwelt festzuhalten.

Und bei neueren Bibeln? Auch hier macht eine Restaurierung aus materieller Sicht kaum Sinn. Bücher sind heutzutage so günstig, dass man einfach eine neue Bibel kaufen kann, wenn der Einband der alten kaputt geht. Aber genau hier liegt die Krux: „Heute will keiner viel bezahlen für seine Sachen. Um ein preisgünstiges Buch herzustellen, muss es industriell gefertigt werden. Maschinen können das gar nicht so stabil machen wie wir im Handwerk.“
Moderne Bücher gehen eben schnell kaputt. Damit das nicht so wäre, müsste man das Buch zum Lesen immer auf einen Ständer legen, sodass es nicht ganz aufklappt. Es sollte klimatisch immer konstant bei 16 bis 18 Grad lagern, zwischen 50 und 55 Prozent Luftfeuchtigkeit. Und möglichst nicht in Kontakt mit UV-Licht kommen. „Das können Sie doch niemandem erzählen“, lacht der Restaurator.
Hände und Herzen
Also: „Machen Sie ruhig. Wir brauchen ja auch was zu tun. Die Leute sollen zu uns kommen, dann freuen wir uns. Und die Kunden freuen sich auch: Wenn sie ihr Buch mitnehmen, ist es stabiler als vorher. Es gibt keine alltagstauglichen Empfehlungen, damit Bücher länger halten.“
Vielleicht ist das auch gut. Denn so können Matthias Raum und sein Team noch eine Menge Menschen glücklich machen. Geldverdienen ist für ihn nämlich nicht alles: „Durch unserer Hände Arbeit können wir Menschen eine Freude bereiten. Es tut gut zu sehen, wie die Kunden strahlen, wenn sie ihren Auftrag abholen.“ Und man sieht dem Restaurator an, dass er das von Herzen meint.
Malin Georg ist Volontärin im Bundes-Verlag.

Dieser Artikel ist in der Zeitschrift Faszination Bibel erschienen. Faszination Bibel wird vom SCM Bundes-Verlag herausgegeben, zu dem auch Jesus.de gehört.
