Einsamkeit kann krank machen. Der Hamburger Theologe Felix Roleder erklärt, wie Glaube, Gemeinde und Seelsorge helfen können.
Einsamkeit ist nach Einschätzung des Theologen Dr. Felix Roleder kein Randphänomen, sondern Teil menschlicher Erfahrung. Besonders in Umbruchphasen wie Trennung, Krankheit oder Trauer trete sie verstärkt auf, sagte er in einem Interview mit der Evangelischen Kirche in Deutschland. Zugleich warnt der praktische Theologe davor, Einsamkeit vorschnell zu pathologisieren: „Zunächst ist Einsamkeit ein subjektives Gefühl – schmerzhaft, oft auch schambesetzt. Aber sie erfüllt auch eine wichtige Funktion: Wie ein sozialer Hunger zeigt sie uns, dass wir Anschluss suchen sollten.“ Problematisch werde es dort, wo dieser Anschluss dauerhaft ausbleibe. Gerade hier könne kirchliche Seelsorge eine zentrale Rolle übernehmen, indem sie Menschen nicht alleinlasse, sondern ihnen Resonanz ermögliche.
Kirche und Glaube bieten nach Roleder vielfältige Chancen, Einsamkeit zu lindern. Kirchengemeinden, Besuchsdienste, diakonische Angebote oder die Telefonseelsorge schafften Orte verlässlicher Beziehung. Auch Gottesdienste könnten soziale Nähe fördern: „Gottesdienste können das soziale Vertrauen stärken – und soziales Vertrauen erleichtert soziale Nähe.“ Religiöse Praxis stifte Zugehörigkeit und könne Menschen Halt geben, besonders in Phasen existenzieller Verunsicherung. Gleichzeitig betont Roleder die Ambivalenz: Wo Kirche einengende Lebensbilder transportiere, könne sie Einsamkeit auch verstärken – etwa bei Alleinerziehenden oder queeren Menschen. Kirche stehe deshalb in der Verantwortung, Vielfalt sichtbar zu machen und Anerkennung zu fördern.
Trost durch Gottesbeziehung
Eine besondere Stärke der Seelsorge sieht Roleder in ihrer religiösen Kompetenz. Biblische Texte wie die Klagepsalmen gäben Erfahrungen von Verlassenheit Sprache und stellten sie in einen größeren Horizont. „Manche Menschen in Einsamkeitssituationen erleben durch ihre Gottesbeziehung Trost und Unterstützung“, sagt Roleder. Seelsorge könne diese Ressourcen stärken, zugleich aber auch Erfahrungen von Gottverlassenheit ernst nehmen. Angesichts sinkender Zahlen hauptamtlicher Seelsorgerinnen und Seelsorger werde zudem das Ehrenamt immer wichtiger. Entscheidend sei eine gute Begleitung: Ausbildung, Supervision und Fortbildung sorgten dafür, dass Seelsorge auch künftig ein tragfähiges Netz gegen Einsamkeit bleibe.
Dr. Felix Roleder ist Juniorprofessor für Praktische Theologie an der Universität Hamburg. Derzeit arbeitet er an einem Habilitationsprojekt zum Thema „Einsamkeit, Gesellschaft, Religion“.
>>> zum Interview mit Felix Roleder auf der Homepage der EKD.

„Einige haben sich angewöhnt, den Gemeindeversammlungen fernzubleiben. Das ist nicht gut; vielmehr müsst ihr einander Mut machen“.
Hebräer 10, 25
(Bibel in heutigem Deutsch)