Der Talar gehört zum Pfarrer wie das Amen zum Gebet. Doch besonders jüngere Geistliche distanzieren sich zunehmend von der traditionellen Amtstracht und setzen auf lockerere Kleidung.
Von Matthias Pankau (epd)
Die Mitgliederzahlen der beiden großen Kirchen in Deutschland sinken dramatisch. Allein im vergangenen Jahr traten rund 345.000 Menschen aus der evangelischen und weitere 322.000 aus der katholischen Kirche aus – zusammen entspricht das einer ganzen Stadt von der Größe Stuttgarts oder Leipzigs.
Was tun gegen den Schwund? Eine Antwort lautet: zeitgemäßere Formen finden. Dazu gehört für jüngere Pfarrerinnen und Pfarrer auch die Kleidung. Seit mehr als 200 Jahren ist der schwarze Talar die offizielle Amtstracht evangelischer Pfarrer. Eingeführt wurde er 1811 auf Anordnung des preußischen Königs Friedrich Wilhelm III. Bis heute gilt er in allen 20 Gliedkirchen der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) als verbindlich.
Talar ist offizielle Amtstracht
«Im Regelfall predigen Pfarrer im Talar», sagt eine EKD-Sprecherin dem Evangelischen Pressedienst (epd) und verweist auf Paragraf 36 des Pfarrdienstgesetzes, der das regelt. Der Talar sei das sichtbare Zeichen ihres Amtes. Allerdings gebe es Ausnahmen, etwa bei Gottesdiensten im Freien oder bei Jugendgottesdiensten. Dort könne auf den Talar verzichtet werden: «Dies geschieht aus praktischen Gründen oder weil die Form des Gottesdienstes es nahelegt.»
Für die konkrete Ausgestaltung dieser Vorschriften haben die EKD-Gliedkirchen eigene Regelungen. So ist der Talar etwa in der Evangelischen Landeskirche in Württemberg ordinierten Pfarrpersonen vorbehalten. In der Evangelischen Landeskirche in Baden dürfen ihn auch Diakone und Prädikanten tragen. Beide Kirchen betonen im Gespräch mit dem epd jedoch, dass der Verzicht auf den Talar bei Pfarrerinnen und Pfarrern die Ausnahme darstellt.
Zwanglose Kleidung signalisiert Nähe
Ganz anders handhaben es die Freikirchen: Hier ist der Talar zumeist unbekannt. Viele Pastoren wollen durch moderne und zwanglose Kleidung Nähe zur Gemeinde signalisieren. Ob Anzug oder Jeans mit Hemd – das Anliegen bleibt gleich: Distanz zur Gemeinde soll gar nicht erst entstehen.
Nach Einschätzung des Heidelberger Theologieprofessors Fritz Lienhard bleibt der Talar im landeskirchlichen Bereich zwar Standard, er verleihe der Predigt die nötige Autorität. Gleichzeitig beobachtet Lienhard einen tiefgreifenden Wandel: «Früher erinnerte die evangelische Kirche an eine Behörde – eine starke Institution. Heute entwickelt sie sich zunehmend zu einer Organisation, vergleichbar mit einer NGO.»
Kanzel symbolisiert Machtasymmetrie
Dieser Wandel zeige sich auch in der Kommunikation. So setze man heute in der Kirche stärker auf Interaktion. Es gehe um eine Kommunikation, die auf Augenhöhe stattfindet, so Lienhard. Aus diesem Grund predigten auch zunehmend mehr Pfarrer nicht mehr von der Kanzel, die traditionell über den Köpfen der Gemeinde thront, sondern vom Altar oder einem Lesepult aus. Sie empfänden die Kanzel als Symbol einer «starken Machtasymmetrie zwischen Pfarrperson und Gemeinde». Das sei heute vielfach nicht mehr gewünscht.
Der Trend zur Verkündigung auf Augenhöhe findet also nicht nur auf kommunikativer Ebene, sondern auch im äußeren Erscheinungsbild seinen Ausdruck: weniger Amtstracht, mehr Alltag. Ob sich durch Anzug statt Talar und einen veränderten Auftritt allerdings der Mitgliederschwund aufhalten lässt, bleibt fraglich und wird sich in den kommenden Jahren zeigen.

Preußentalar mit Bartschutz (Beffchen), in welchem Jahrhundert lebt denn die Ev. Kirche?
Die Liturgie erinnert mich an das Abfragen in der Schule und wer will sich beherrschen lassen?
Nicht jeder, der ein geistliches Amt ausübt, ist von Jesus Christus berufen.
Manch einer wollte Medizin, Jura usw. studieren und hat keinen Studienplatz bekommen und dann Theologie studiert.
Bei anderen war das Motiv, dass man als Pfarrer ja nicht einer Aufsicht und den Anforderungen wie in einem Wirtschaftsunternehmen unterliegt…
Andere wollten ein sicheres Einkommen und nichts für ihre Altersvorsorge einzahlen.
Wie viele Pfarrer glauben überhaupt an die wesentlichen Aussagen der Bibel?
Es ist eben sehr bequem, den Glauben nur ein bisschen zu verwalten. Aber laue Christen wird Jesus aus Seinem Mund ausspucken (Offenbarung 3,14-22).
Haben Sie sich schon mal über Mobbing in der Kirche informiert?
Mein Freund Roman Herzog sagte in seiner Rede 1998 in der Frankfurter Paulskirche:
„Was ich vom kirchlichen Engagement erwarte – und zwar nicht nur als Person, sondern dezidiert von meinem Amt her – ist, um es vorsichtig zu sagen, die Konfrontation der Menschen mit einer Vertikalen, mit einer ganz anderen Perspektive. Zu vieles, was Staat und Gesellschaft heute beschäftigt, macht den Eindruck es gehe um Allerletztes und Allerwichtigstes. Die Kirche sollte daran erinnern, dass viele unserer Debatten – sich im besten Fall – um Vorletztes drehen. Das scheint mir die Aufgabe der Kirche zu sein, die heute am notwendigsten ist.“
Die Kirche soll also den Menschen mit der Vertikalen konfrontieren, der Perspektive Gottes.
Was nutzen die teuren Talare, wenn der Charakter fehlt?
„Goldene Zügel machen ein Pferd nicht besser“ Seneca
Gandhi sagte einmal: „Wenn es keine Christen gäbe, wäre ich selbst einer geworden.“
Ich bin Mitglied der Oberpfarr- und Domkirche zu Berlin. Meine Devise ist auftreten und nicht austreten.
Die Bibel fordert uns zur Ermahnung auf (1. Thessalonicher 5,11)
Das habe ich auch in drei Gerichtsverfahren vor dem Kirchlichen Verwaltungsgericht, dem Gemeinsames Verwaltungsgericht der Union Evangelischer Kirchen in der EKD, erfolgreich bewiesen. Es ist ein Vorteil, wenn man auch Jura studiert hat und keinen Rechtsanwalt benötigt hat.
Der Talar gehört zum Pfarrer und Pfarrerin (oder Priester)
Die Kanzel wurde in meiner eigenen Gemeinde, und auch in anderen Gemeinden längst abgeschafft. Es ist nicht sinnstiftend und keine gutes Bild, wenn der Pfarrherr von oben auf seine Schäfchen herabsieht. Wir sind als Christinnen und Christen auch keine dummen Schafe. Wer echte Schäfer beobachtet, der sieht fast verwundert, wie sämtliche Kreaturen dieser Art ihm vertrauensvoll nachgehen. Darum – um Vertrauen – geht es bei Gott.
Ich bin weder modern und fortschrittlich, noch das Gegenteil. Ich bin für Gottesliebe, Nächstenliebe und auch eine Wertschätzung für mich selbst. Das evangelische Verständnis des/der Pfarrer/in ist, daß Theologen immer Erste unter Gleichen sind. Dies bedeutet, daß in Ev. Kirchenvorständen Theolog/in und die weiteren Mitglieder des Kirchenvorstandes als Kollegenschaft betrachten und jede Stimme gleich zählt. Ich wünsche mir für jede Kirche eine flache Hierarchie und einen demokratischen Führungsstil. Wenn ich meinen Mitmenschen in der Kirche als Kolleg/in betrachte, als Geschwister, dann ist dies in diesen Begrifflichkeiten sicherlich auch in moderner Form vorgesehen. Persönlich habe ich für die schwarzen Talare der Pfarrer/innen keine besondere Wertschätzung. Ich würde mir bunte bzw. helle Gewänder wünschen, denn die Talare beschreiben symbolisch, daß die Frau oder der Mann vor dem Altar hier nicht (nur) für eine eigene Meinung steht, sondern für das Evangelium und sein Amt.