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Bibel: Wenn die Prophetie nicht eintritt

Gott steht zu seinem Wort. Immer? Sind euch bei der Bibellektüre schon einmal Zweifel daran gekommen? Prophetie ist kein Dominospiel. Warum wir biblische Verheißungen mit Augenmaß auslegen sollten.
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Von Ulrich Wendel

Treue ist eine der herausragenden Eigenschaften Gottes. Was er sagt, hat Bestand. „Denn er sprach, und es geschah; er gebot, und es stand da“, bekennt der Psalmbeter (Psalm 33,9). Demzufolge wäre zum Thema Prophetie schon das Wichtigste gesagt: Gottes Ankündigungen werden sich so erfüllen, wie sein Wort sie ausgesprochen hat.

Was aber, wenn wir in der Bibel entdecken, dass alles doch ganz anders kam? Wenn Verheißung und Erfüllung nicht so zueinander passen wie korrekt gesetzte Dominosteine? Wenn die Rechnung nicht glatt aufgeht? Wer so fragt, ist nicht von vornherein ein Zweifler. Er kann auch einfach seine Beobachtungen innerhalb der Bibel gemacht haben.

Friedefürst gekommen, Soldaten geblieben

Gerade zur Advents- und Weihnachtszeit werden bestimmte Prophetenworte der Bibel besonders gern gepredigt. So z.B. das Versprechen des Kindes (Jesaja 9,1-6). Ein Kind ist uns geboren, auf dessen Schultern die Herrschaft ruht. Es wird unter anderem Wunderbarer Ratgeber und Fürst des Friedens genannt. Ganz klar – hier erkennen wir Jesus wieder. Aber andere Aspekte dieser Prophetie haben sich nicht erfüllt. Dröhnende Kriegsstiefel und blutgetränkte Soldatenmäntel (Jesaja 9,4) gibt es auch weiterhin, gerade auch in der Zeit von Jesus. Dessen Geburt nahm der König ja sogar zum Anlass, unschuldige Kinder zu töten (Matthäus 1,18–2,18). Hier scheint Gott sein Wort nicht vollständig erfüllt zu haben.

Oder nehmen wir den König, der auf dem Esel reitet (Sacharja 9,9-10). Genau so ist Jesus ja gekommen (Matthäus 21,1-10). Aber Kampfwagen aus Israel, Kriegspferde aus Jerusalem und der Kriegsbogen sind keineswegs ausgerottet, so wie es Sacharja 9,10 doch ankündigte. Verheißung und Erfüllung sind nicht deckungsgleich. Ebenso ist es mit der Verheißung an David, dass die Königslinie seiner Dynastie für immer über Israel regieren werde (2. Samuel 7,12-16). Der Psalmbeter beklagt bitter, dass Gott dieses Versprechen offensichtlich gebrochen hat (Psalm 89,36-50). Ganz deutlich wird hier: Nicht ein Zweifler, dem Gottes Wort sowieso nichts bedeuten würde, stellt hier Differenzen zwischen Ansage und Eintreffen fest. Sondern die aufrichtige Beobachtung innerhalb der Bibel bringt die Abweichungen zutage.

Gott hat offenbar sein eigenes Verständnis von Treue. Gott geht schöpferisch mit seinen Verheißungen um.

Schöpferischer Umgang mit Gottes Verspechen

Wenn wir die Bibel auch mit diesen Beobachtungen ernst nehmen, ergibt sich als Schlussfolgerung: Gott hat offenbar sein eigenes Verständnis von Treue. Gott geht schöpferisch mit seinen Verheißungen um. Er erfüllt sie wohl – aber anders als oft gedacht. Oder zu einem anderen Zeitpunkt als erhofft. Wenn wir Gottes Wort verstehen wollen, wenn wir der Bibel treu sein wollen, dann müssen wir offen sein für gewisse Verschiebungen zwischen Verheißung und Erfüllung. Wir müssen uns auch fragen, ob wir nicht zu schmalspurig denken, wenn wir ein prophetisches Wort lesen und dann ein inneres Bild davon entwerfen, wie denn die Erfüllung aussehen müsste.

Ein prägnantes biblisches Beispiel zeigt uns, wie souverän Gott mit der Erfüllung seiner Verheißung umgeht und wie festgelegt Menschen oft in ihren Erwartungen sind. Die Prophetin Debora beruft Barak, dass er gegen die Feinde Israels in den Kampf ziehen soll. Barak ist auch dazu bereit – jedoch nur, wenn Debora mitgeht. Das tut sie auch, aber sie kündigt an: Die Ehre für den Sieg wird einer Frau zufallen, denn diese wird den obersten Feldherrn der Feinde besiegen (Richter 4,4-9). Damit scheint der Fall klar zu sein. Die Botin Gottes, die mit in den Kampf zieht, hat gesagt, dass nicht Barak, sondern sie den Sieg davontragen wird. Was sollte man anderes als dies aus ihren Worten schließen?

Doch es kam anders. Barak macht mächtigen militärischen Druck, der Feldherr der Feinde flieht in das Zelt eines Verbündeten. Dessen Frau, Jaël, versteckt ihn. Und als er schläft, bringt sie ihn um. Sie also, Jaël, war die Frau, die in der Prophetie gemeint war, nicht Debora. Diesen Ausgang konnte man beim besten Willen nicht erwarten, als Debora ihre Prophetie aussprach – es sei denn, man hätte von vornherein einkalkuliert, dass Gott grundsätzlich seine Versprechen ganz anders erfüllen kann als gedacht.

Bist du wirklich der, der kommen soll, oder sollen wir auf einen anderen warten?“

Auf Gott anders warten

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Jahrtausende später arbeitet sich ein anderer Mann aus der Bibel an der Prophetiefrage ab. Johannes der Täufer hatte angekündigt, nach ihm werde ein Retter kommen, der zugleich als Richter auftritt (Lukas 3,16-17). Doch nun sitzt Johannes im Gefängnis. Jesus, auf den er hinwies, hat bisher alles von einem Retter und nichts von einem Richter. Also fragt Johannes: „Bist du wirklich der, der kommen soll, oder sollen wir auf einen anderen warten?“ (Lukas 7,19). Jesus antwortet ihm dann, dass er sehr wohl der Erwartete ist.

Von unseren Beobachtungen an der Bibel könnten wir Johannes antworten: Nein, du sollst nicht auf einen anderen warten. Aber du sollst auf den einen anders warten. Starre nicht allein auf Gottes Versprechen und dessen Inhalte. Blicke zugleich auf Gott, frage ihn immer wieder. Was sagt das über unseren Umgang mit biblischer Prophetie? Es wäre nicht gut, sich ein starres Raster zurechtzulegen: hier das Versprechen, dort die Einlösung – und wenn es erkennbar nicht gut zusammenpasst, biegen wir es zurecht und wagen abenteuerliche Deutungen, um es irgendwie passend zu machen. Beobachten wir lieber aufmerksam die biblischen Texte, die manchmal das Schema sprengen können. Und geben wir Gott die Zeit, später das zu erfüllen, was bis jetzt noch aussteht.

Ulrich Wendel ist Chefredakteur von Faszination Bibel


FaBi Cover Foto Dieser Artikel ist zuerst in der Zeitschrift Faszination Bibel erschienen, die wie Jesus.de zum SCM Bundes-Verlag gehört.

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