„Es macht mich traurig“, sagt Pfarrer Mike Gray über die USA. Warum Evangelikale und Politik seiner Meinung nach eine explosive Mischung bilden, erklärt er im Interview.
Wenn er in diesen Tagen auf die Vereinigten Staaten blickt, dann empfindet Mike Gray Trauer. Der reformierte Pfarrer, aufgewachsen im Mittleren Westen der USA, beobachtet eine zunehmende Polarisierung: „Die US-Politik kennt wie ein binäres System nur 0 und 1, Republikaner und Demokraten. […] Gut und Böse“, sagt er im Interview mit dem Schweizer Kirchenportal ref.ch. Besonders auf der republikanischen Seite verstärke ein evangelikales Schwarz-Weiß-Denken diese Spaltung. „Du bist entweder von Jesus gerettet oder eben nicht.“
Evangelikale Theologie präge alle Lebensbereiche, erklärt Gray. Wer evangelikal glaubt, bekennt seine Sündhaftigkeit und vertraut darauf, dass Jesus für seine Sünden gestorben ist. „Man spricht von Neugeburt“, so Gray. Diese Überzeugung habe auch seine Eltern motiviert, als Missionare nach Europa zu gehen – „zuerst nach Ungarn, um die Kommunisten anzusprechen. Dann in den 1980er-Jahren nach Sizilien, um katholische Leute zu konfrontieren und zu sagen: Euer Glaube führt nicht zu einer persönlichen Beziehung mit Gott.“
Dämonisierung des politischen Gegners
Politisch aktiv wurden Evangelikale vor allem in den 1970er-Jahren. „Die Abtreibungsfrage hat Evangelikale politisiert“, sagt Gray. Nach dem Urteil „Roe vs. Wade“ 1973 formierte sich Widerstand. Organisationen wie die „Moral Majority“ verbanden Glauben und Politik – und legten den Grundstein für die enge Allianz mit den Republikanern.
Heute sieht Gray eine neue Dynamik: „Man kämpft nicht für konservative Politik, sondern für Gott.“ Diese Haltung sei gefährlich, weil sie politische Gegner dämonisiere. Hinzu komme ein verändertes Endzeitdenken: Statt passiv auf Jesu Wiederkunft zu warten, fühlten sich viele berufen, aktiv gegen das „Böse“ zu kämpfen – ein Narrativ, das Politiker wie Donald Trump geschickt nutzten. Dabei seien Evangelikale in den USA nicht mit denen in Europa gleichzusetzen. Letztere „ticken in vielem anders.“
Trotz aller Sorgen beim Blick auf die USA bleibt Gray hoffnungsvoll: „Ich will daran glauben, dass man von gewissen Übertreibungen wieder zurückschwenkt.“ Begegnungen in seiner eigenen Familie zeigten ihm, dass Dialog möglich ist – selbst über politische Gräben hinweg. „Im Sommer waren für zwei Wochen republikanische US-Verwandte bei uns in der Schweiz zu Besuch. Der Mann meiner Cousine ist Pastor in einer sehr konservativen US-Kirche. Wir konnten uns gegenseitig wertschätzen, selbst wenn wir uns politisch widersprechen.“
Das komplette Interview ist bei ref.ch zu lesen

Es mag sein, dass die Abtreibungsdebatte der Auslöser war für die evangelikalen Christen, jetzt derart stark politisiert zu sein pro Trump.
Aber zumindest auf den 1. Blick sind die weiteren Themen, die diese Gruppen betreiben, überraschend:
– Demontage der Demokratie
– Umverteilung von unten nach oben; immer mehr Wohlstand für Superreiche, immer weniger für die Armen, z.B. bei der Gesundheitsversorgung
– Bekämpfung der Gleichberechtigung von Frauen (nun gut, das ist nicht so ganz überraschend)
– Bekämpfung der Rechte von Minderheiten
– Rassismus
– keine Probleme, mit übelsten Antisemiten zusammen zu arbeiten bei gleichzeitiger geradezu blindhafter Israelunterstützung
– Keine Probleme bei Mord wie beim Kapitolsturm, solange es die ‚Richtigen‘ trifft..
– keine Beschränkung von Waffenrechten
– und ein nun wirklich nach christlichen Maßstäben eigentlich nicht geeigneter Trump wird geradezu als Messias verehrt. Da gelten offensichtlich die engen moralischen Sichtweisen nicht.
Es scheint so, als wenn sie sich nicht an Gott ausrichten sondern an jemanden ein paar Etagen tiefer, sehr viel tiefer.
„aktiv gegen das „Böse“ zu kämpfen“
Ich versuche im Gegensatz dazu nach Römer 12,2 zu handeln: durch die Erneuerung des Sinnes prüfen zu können, was der Wille Gottes ist: das GUTE und WOHLGEFÄLLIGE UND VOLLKOMMENE.
Über das nach unserer Meinung Böse zu schimpfen, macht unsere Gegner nicht zu besseren Menschen.
Wir Christinnen und Christen schwimmen gegen den Strom
Ekkehard schreibt: „Über das nach unserer Meinung Böse zu schimpfen, macht unsere Gegner nicht zu besseren Menschen“! Richtig. Es geht mir wirklich darum, mich durch die Erneuerung des Sinnes zu prüfen, was Wille Gottes ist. Grundsätzlich ist dies hier jüdisch-christlich völlig klar: Das Doppelgebot der Liebe zu praktizieren. Nicht um sich damit den Himmel zu verdienen. Außerdem wäre gut, sich immer den Balken zuerst auch aus dem eigenen Augen zu ziehen und vor der eigenen Haustür zu kehren. Nicht die anderen Menschen sind der Maßstab, sondern ich. Ich darf, so sagt mir hier das Neue Testament, einen Maßstäbe an andere nur anlegen, der auch für mich gilt. (Der politisch-ethische Kompromiss war bei uns damals beim Schwangerschaftsabbruch (Fristenlösung), ihn mit der Pflichtberatung zu verbinden. Dies rettete sehr viel ungeborenes Leben und die betroffenen Frauen bzw. Paare haben sich freiwillig umentschieden. Hilfsbedürftige bekamen Hilfe aus staatlichen und privaten Stiftungen). Die moralische Entrüstung hätte leider nichts geändert. Auch meine sehr berechtige Entrüstung gegen Krieg lässt ihn leider auch nicht enden.
Aber auch auf diesem Umweg sind wir wieder da, was in den USA auch unter den Bemühungen, dort die Demokratie abzuschaffen, dann so auch gleichzeitig ungültig wird. So kam Jesus nicht in die Welt, um uns und die ganze Schöpfung durch Gewalt zu retten, sondern durch Liebe. (Trump glaubt, dass man nur durch Gewalt Frieden stiften kann). Am Kreuz kamen keine kriegerischen Engel, um Jesus vor dem Tode zu bewahren. Die Liebe Gottes siegte nicht mit Gewalt. Aber wenn sie nicht mit der Gewalt hantiert, dann musste und wollte Jesus sich nicht wehren. Daher ist Gott Liebe auch in jenem Sinne, weil er nicht mit Gewalt regiert. Jesu Wiederkunft ist kein Strafgericht, es werden keine Todesstrafen verhängt, sondern er kommt zur Erlösung aller. Sogar als sanfter Herrscher. Wie er Saulus/Paulus vor Damaskus erschien. Aus dem Christenmörder wurde ein Apostel. Niemand kann sich eine Liebe vorstellen, die tödlich wäre. Wenn wir Liebe leben, oder es wenigstens versuchen, werden wir Gottes Willen tun. Es geht hier nicht um Perfektionismus. Denn jene vorbeieilenden Religionsdiener im Gleichnis des barmherzigen Samariters sind falsch-perfekt, als Funktionäre des Glaubens, sie haben einen vollen Terminkalender und daher keine Zeit, dem unter die Räuber gefallenen Menschen zu helfen. Wir laufen also an dem Eigentlichen, am Konkreten der Liebe hoffentlich nicht vorbei. Neben Diplomatie können wir für die Amerikaner auch beten.
Für mich ist daher das Liebesgebot außerordentlich praktisch. Vor allem auch begründet im ständigen Bemühen, Meinung und Wahrheit hier zu trennen. Für manche Evangelikalen in den USA ist die Meinung von Donald Trump Wahrheit. Für mich ist die Erkenntnis wichtig, dass ich meine Meinung habe und mein Mitmensch öfters eine (andere) Meinung besitzt. Ethisch wird es immer Meinungsverschiedenheiten geben und hier haben auch wir Christen eine Bring-Pflicht, denn damit können wir leben. Der casus knacksus in Amerika besteht darin, dass Meinungen oft zur absoluten Wahrheit werden. Etwa dortige Demokraten seien linksradikal. Häufig ist dann auch die falsche Meinung eine böse Lüge, wenn aus dem Klimawandel nur ein Aberglaube wird und eine angebliche Lüge. Naturgesetze werden nicht durch Meinung bestimmt, sondern die Naturgesetze hat Gott erfunden. Wer sie leugnet, versteigt sich gerne zu alternativen Wahrheiten. Falsche Propheten arbeiten mit falschen Wahrheiten, aber sie verkleiden sich oft vorsichtig als Wölfe mit einem Schafsfell. Diese Mühen machen sich Herr Trump nicht. Er sieht sich als guter Mensch an, der den Friedensnobelpreis verdient. Menschen die im Schlamm und bei tropischem Regen in Flüchtlingslagern anderen Menschen helfen, haben eher diesen Preis verdient. Oder die auch heute noch in Israel friedensbemüht sind und keine Gräben zwischen Menschen akzeptieren. Zudem noch in Gaza Menschenleben retten, mitten in der Hölle. Übrigens: Wenn Gott Liebe ist, hat er nicht die Hölle erfunden, es sind hier die irdische Menschen. Die Hölle wird, ohne ihre Diener und Förderer, im Feuer verbrennen. 70x7mal sollen wir vergeben. Gott ist nicht schlechter als wir, er vergibt auch.
Von Anfang an hat der Glaube bei der Besiedelung und Gründung der USA eine große Rolle gespielt. Nicht wenige der ersten Siedler suchten neben einer gelingenden Existenz auch religiöse Freiheit. „The Great Awakening“ , geistliche Aufbrüche im 18 und frühen 19 Jahrhundert prägten das Land, etwas Vergleichbares hat es in Europa nicht gegeben. Der deutsche Pietismus vertrat wohl ähnliche Werte, konnte aber nie zur Massenbewegung werden. Diese geschichtlichen Hintergründe muss man kennen wenn man die aktuelle Situation verstehen will.
Amerika hat viele Jahrzehnte von den christlichen Durchdringung der Gesellschaft profitiert und nicht nur materiell.
Die Verbindung zwischen Religion und Politik ist gewachsen.
Jetzt hat die „Kulturevolution“ der 70 Jahre auch vor Amerika nicht haltgemacht, christliche Werte und Lebensentwürfe wurden in Frage gestellt und wollten regelrecht verteidigt werden. Die Abtreibungsfrage ist eine „Frontlinie“ von vielen.
Nicht wenige US-Bürger hadern mit der „Moderne“ und sehnen sich nach der „guten alten Zeit“.
Tragischerweise wird hier Donald Trump zur Gallionsfigur, er repäsentiert Licht und Schatten wie kein anderer.
Die Spaltung der Gesellschaft ist ein Problem, dass auch Europa kennt, nicht die Einheit der Nation scheint die Prämisse zu sein sondern das Durchziehen des eigenen Programms. Da schenken sich die Rechten und Linken wenig.
Ich würde sogar die These aufstellen, dass die komromisslose Durchsetzung der jeweiligen politischen Agenda die Spaltung verursacht, das fängt bei der Besetzung von Richterämter an und hört bei der Amnestie von politischen Kriminellen auf.
Die „Rechten“ wittern gerade Morgenluft, ob es sich so verhält ist fraglich, ich vermute es ist ein kurzes Aufbäumen vor der Versenkung in die Bedeutungslosigkeit.
„…Amerika hat viele Jahrzehnte von den christlichen Durchdringung der Gesellschaft profitiert und nicht nur materiell….Jetzt hat die „Kulturevolution“ der 70 Jahre auch vor Amerika nicht haltgemacht, christliche Werte und Lebensentwürfe wurden in Frage gestellt und wollten regelrecht verteidigt werden…“ – Ich finde es immer ausgesprochen einseitig und hoch problematisch, wenn die Geschichte so idealisiert wird. – Die gepriesene „religiose Freiheit“ wurde für sich selbst in Anspruch genommen, aber den Indigenen nicht gewährt. Was war z.B. an der Sklaverei auf den Baumwollplantagen der südlichen USA christlich? Aber dieses System wurde auch von Baptisten verteidigt und biblisch gerechtfertigt. Und selbst der Ku-Klux-Klan hat sich auf christliche Werte berufen, ein Kreuz als Markenzeichen vor sich hergetragen. Und es sind in der von Ihnen sogenannten „Kulturrevolution“ gerade christliche Werte gewesen, die der bürgerlichen, materiellen Praxis entgegengehalten wurden. Die Gleichberechtigung der schwarzen Bevölkerung zumindest im Wahlrecht 1964 (hundert Jahre n a c h dem Bürgerkrieg) wurde von dem Kirk als Fehler bezeichnet. Haben Sie gelesen, was Kirk über Martin Luther King und Michelle Obama geschrieben hat? Die immer noch bestehenden Diskriminierungen stellen kein gutes Zeugnis aus.
Wenn Geschichte idealisiert wird, kann es problematisch werden, genauso aber wenn man hunderte Jahre später mit moralischem Zeigefinger die Fehler der Generationen vor uns an den Pranger stellt. Wo Licht ist, ist auch Schatten, an der Abschaffung der Sklaverei aber waren evangelikale Christen maßgeblich beteiligt. (Wilberforce)
Carly Kirk hat bestimmt auch dumme Dinge gesagt, die Rassismusvorwürfe sind aber eher unbegründet, er hat die Bevorzugung von Schwarzen um einer Quote willen abgelehnt. MLK darf man ehren um seines Kampfes der Gleichberechtigung von Schwarzen. Als Christ und Pastor hat er nicht wirklich überzeugt !
Vielleicht noch ein Blickwinkel beigefügt der über die Rassen/Geschlechter und soziale Gerechtigkeit hinausgeht.
Evangelikale/Pietistische Theologie hat die Ewigkeit im Auge und frägt nach dem geistlichen Zustand des Menschen.
Der klassische Evangelikale glaubt an Himmel und Hölle und an das Sühneopfer Jesu. Jetzt kann man das natürlich als überholt abtun, oder einfach nicht daran glauben, aber um die amerikanischen Christen (auch die Deutschen )zu verstehen sollte man das schon irgendwie bedenken. Für „uns“ relativiert sich Sozialkritik, wenn Menschen zum Glauben kommen, retten sie ihre Seele, ihr irdisches Los mag deswegen nicht zwangsläufig leichter werden. Ich glaube das deckt sich mit dem Auftrag Jesu („was nützt es dem Meschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nimmt Schaden an seiner Seele“) und auch der apostolischen Lehre.
„…die Fehler der Generationen vor uns…“ – na ja, die Diskriminierungen der schwarzen Bevölkerung und vieler Minderheiten sind immer noch aktuell.
Wilberforce kennen Sie, das ist schön, macht aber als eher Einzelfall den hohen christlichen Anteil an der Sklaverei nicht ungeschehen.
„…die Rassismusvorwürfe sind aber eher unbegründet….“ So wird denn alles verharmlost – die Aussagen von Kirk erschöpfen sind nicht in der Kritik an den Quoten (Wobei man auch sagen muss, eine Quote mag die Chance zum Einstieg in eine Ausbildung sein, aber es wird unterstellt, dass auch der Abschluss quasi geschenkt wird). Ich greife nur noch mal heraus: Haben Sie gelesen, wie er z.B. Michelle Obama und weitere Frauen etikettiert hat? Was ist mit dem Wahlrecht? Und und und
Für „uns“ relativiert sich Sozialkritik,…“ warum hat sich denn Kirk über Quoten ereifert und so scharf politisch gegen Gleichberechtigung der schwarzen Bevölkerung geredet anstatt sich auf „…den geistlichen Zustand des Menschen…“ zu konzentrieren? Ich höre schon, dass jetzt kommt; so ist eben die Mentalität in den USA- wie fadenscheinlich.
Interessant finde ich wiederum den Satz:“… Die „Rechten“ wittern gerade Morgenluft, ob es sich so verhält ist fraglich, ich vermute es ist ein kurzes Aufbäumen vor der Versenkung in die Bedeutungslosigkeit…“ – Dies Aufbäumen wird aber massive Schäden anrichten in so vielen menschlichen Errungenschaften, die jetzt brachial zerstört werden. – Und die Schäden betreffen auch und insbesondere das Christentum. So wie das Rechtssystem gerade ausgehöhlt wird, droht die Gefahr, dass gerade im Namen des Christlichen das Christliche ausgehöhlt wird. Mittelfristig werden sich dann die Kinder oder Enkel der heute fanatischen Fundamentalisten vom Christentum ganz abwenden, gerade weil diese christliche Ausprägung die geistliche Wirklichkeit so einseitig mit dieser politischen Ideologie verquickt hat.
ok, es war ein Versuch wert
„Einen Versuch war es wert“? Also ging es Ihnen nicht um Inhalte? Sonden nur ums rechthaben??? Sie weichen der Diskussion aus, das ist traurig. Und Sie behalten offensichtlich als Beigeschmack, dass diejenigen, die Ihre Argumente in Frage stellen, nicht wirklich (nicht richtig) glauben würden.
„…Evangelikale/Pietistische Theologie hat die Ewigkeit im Auge und frägt nach dem geistlichen Zustand des Menschen…Jetzt kann man das natürlich als überholt abtun, oder einfach nicht daran glauben…“ – Im Gegenteil. Gerade weil wir für die Ewigkeit bestimmt sind, gibt uns das eine große Würde, schon jetzt und hier. Und eine große Aufgabe: und die beschränkt sich eben nicht auf eine Morallehre oder ein gläubiges Leistungsdenken oder ein Vertrösten auf das Jenseits, sondern bedeutet tatkräftige Hilfe für den Nächsten (nicht nur die eigne Gruppe), die Wertschätzung aller Menschen als Gottes geliebte Geschöpfe, glaubwürdiges Zeugnis der Botschaft Gottes durch Jesus Christus in Kraft und Wahrheit.
Warum können Evangelikale, Fundamentalisten, Biblizisten das so oft nicht erkennen? Wie gerade von dieser Art Gläubigen anderen Menschen die Würde abgesprochen wird (s. meine Beispiele weiter oben) untergräbt deren Glaubwürdigkeit.
Über Jahrhunderte oder sogar Jahrtausende wurden un- oder außereheliche Geburten allein den Frauen angelastet, führten zu deren Ächtung, Bestrafung, sozialer Vernichtung, so gut wie nie die jeweiligen Männer. Und Abtreibungen wurden oft sogar von Männern erzwungen, das hohe Sterberisiko für die Frauen in Kauf genommen, Hauptsache, der Mann kam ungeschoren aus der Sache heraus. Es lässt sich in einem kurzen Posting überhaupt nicht alles aufführen. – Vergewaltigung wurde und wird als Kriegsgräuel bewusst eingesetzt. Frauen in Kriegsgebieten in Afrika, die Opfer von Vergewaltigung geworden sind, werden anschließend noch Opfer ihrer eigene Stammesgruppe, denn sie werden ausgestoßen, weil sie nun „unrein“ sind. – Ich sage mal ganz provokant: Wenn Männer sich zurückhalten würden, bräuchte es gar keine Regelung für Abtreibungen! – Ich weiß natürlich, dass das völlig illusionistisch ist. Ich würde dadurch nur gern deutlich machen, dass oft gerade von evangelikaler Seite ganz einseitig auf die Frau gesehen wird und nicht auf den beteiligten Mann. Und dieser Blick auf die Frau dann eben noch aus Männersicht. Ggfs. sogar mit der Unterstellung, eine Frau würde es sich mit der Abtreibung leicht machen, wenn da nicht die Strafgesetze wären.
Es ist doch wirklich die Frage, warum gerade dieses Thema die Evangelikalen so politisiert hat. Warum nicht die weltweiten Hungersnöte mit mutmaßlich noch mehr Toten als bei Abtreibungen? Warum nicht z.b. in den USA die Armut im eigenen Land?
Bei der Auseinandersetzung mit den Ungerechtigkeiten, Hungersnöten, Bürgerkriegen in anderen Ländern müsste man dann vielleicht darüber ins Grübeln kommen, wie das eigene Land direkt oder indirekt darin verwickelt ist (wie oft hat die USA verheerend mitgemischt durch politische Intrigen auf fast allen Kontinenten) Das wäre alles viel zu kompliziert.
Aber das Thema Abtreibung bietet sich da weit mehr an: für die ungeborenen Menschen kann man sich ganz leicht als Beschützer deklarieren und die Mütter als Täter diffamieren, vor allem aber ist man selbst nicht direkt betroffen, kann aus sicherer Position scharf argumentieren und verurteilen, sich zu den Guten rechnen. Das macht schon mehr her.
Mir geht es darum, mal von anderer Seite her zu schauen, nicht nur die so oft beschworenen hehren christlichen Motivationen, sondern vor allem die vielleicht verdeckten unbewussten psychologischen Motivationen in den Blick zu nehmen.