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The Greatest Of All Time: Wolfgang Huber war „Glücksfall“ für EKD

Der ehemalige EKD-Ratsvorsitzende Wolfgang Huber wird heute 80 Jahre alt. In seiner Amtszeit prägte er die EKD wie kein anderer und riss sie aus einem „defensiv-depressiven Kirchenschlaf“.

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Von Pascal Alius

Es ist ein bewölkter Tag im Oktober des Jahres 2009 als die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) den bedeutendsten Ratsvorsitzenden ihrer Geschichte verliert. Am 28. Oktober, einem Mittwoch, wird Margot Käßmann als erste Frau an die Spitze des EKD-Rats gewählt. Wolfgang Hubers geht in Ruhestand – auch als Bischof der EKBO.

Im US-amerikanischen Profisport gibt es das Konzept des GOAT – The Greatest Of All Time. Im Basketball streiten sich Michael Jordan und LeBron James um diesen Titel. In der Sphäre der EKD-Ratsvorsitzenden gibt es nur einen GOAT: Wolfgang Huber. Ein theologisches Schwergewicht.

Seine Vorgänger? Inzwischen so gut wie vergessen. Seine Nachfolger? Margot Käßmann („Nichts ist gut in Afghanistan“) tritt bereits nach einem Jahr zurück. Nikolaus Schneider? Hat ein bewegendes Buch über den Tod seiner Tochter geschrieben. Ansonsten nie gehört. Bedford-Strohm? Solide. Mal sehen, woran man sich in ein paar Jahren bei ihm noch erinnern wird. Vermutlich die Flüchtlingsthematik und „Wir schicken ein Schiff“. Ein Name taucht jedoch immer noch regelmäßig in den theologischen Debatten auf: Wolfgang Huber. 

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In der ZEIT heißt es wenige Tage vor der Wahl Käßmanns: „In Wolfgang Huber hatten die evangelischen Kirchen sich einen Repräsentanten gewählt, wie er allenfalls alle paar Jahrzehnte einmal zur Verfügung steht.“ Was hat Huber als EKD-Ratsvorsitzender in den Jahren 2003 bis 2009 bewegt, um sich diese Lorbeeren zu verdienen?

Vom Vater erbt er seine Leistungsbereitschaft

Wolfgang Huber wächst als jüngster von fünf Brüdern in Straßburg, Falkau im Schwarzwald und Freiburg im Breisgau auf. Sein Vater Ernst Rudolf war einer der führenden Verfassungsrechtler in der NS-Zeit. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs darf er deshalb nicht mehr arbeiten und Hubers Mutter Tula muss als Anwältin den Lebensunterhalt der Familie erwirtschaften. Die Nachkriegsjahre sind wie vielerorts von Hunger begleitet. 

Mit seinem Vater versteht Huber sich trotz dessen Kooperation mit den Nazis gut. Während seiner Studienzeit in Göttingen wohnt er mit ihm zusammen in einer Wohnung. Vom Vater erbt er seine Leistungsbereitschaft. 

Nach dem Studium der evangelischen Theologie in Heidelberg, Göttingen und Tübingen promoviert Huber 1966 und wird später mit der Schrift „Kirche und Öffentlichkeit“ habilitiert. Von 1980 bis 1994 ist er Professor mit dem Schwerpunkt Ethik, erst in Marburg und dann in Heidelberg. Huber prägt die Sozialethik dieser Zeit. Zu seinen Schülern gehört unter anderem der spätere EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm. 

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Der ehemalige Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Karl Kardinal Lehmann, schrieb 2009 im Tagesspiegel eine Würdigung Wolfgang Hubers. Seiner Ansicht nach lernt Huber durch die Studentenunruhen 1968 und die Jahre danach, dass „man sich als Theologe sowohl im Blick auf die Kirche als auch die Wissenschaft nicht in den elfenbeinernen Turm zurückziehen darf.“  

Huber „heizt“ den Politikern und Amtsträgern seiner Kirche immer wieder gehörig ein, wie es 1993 in der ZEIT heißt. Deutlich wird das im Streit um die „Gerechtigkeit“ von Krieg, besonders des ersten und zweiten Golfkriegs, und das Konzept der nuklearen Abschreckung. Huber spricht sich wiederholt deutlich für Frieden und Krieg als letztes Mittel in der Not aus.

Beim Hamburger Kirchentag 1981 fordert er vom damaligen Verteidigungsminister Hans Apel die Einbeziehung außerparlamentarischer Positionen in den Entscheidungsprozess. „Störend, unbequem, widersprechend“ charakterisiert ihn der ZEIT-Artikel. Das bleibt er auch in seiner Zeit als Bischof und EKD-Ratsvorsitzender.  

Von der Theorie in die Praxis

Das Jahr 1994 wird zum Scheideweg für Wolfgang Huber. Er will aus der Theorie in die Praxis und muss sich zwischen Politik und Kirche entscheiden. Huber plant erst für die SPD für den Bundestag zu kandidieren, entscheidet sich dann aber doch dazu, Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg zu werden. „Es war ein Glücksfall für unsere Kirche, dass du [Huber; Anm. d. Red.] 1994 nicht in die Politik gegangen bist“, sagt Nikolaus Schneider, der von 2010 bis 2014 EKD-Ratsvorsitzender war.  

Auch als Bischof bleibt Huber, wie Kardinal Lehmann schreibt, politisch, wie seine Kämpfe um das Kirchenasyl und in der Friedensbewegung sowie für den Religionsunterricht und die Sonntagsruhe in Berlin/Brandenburg zeigen. „Für Huber stehen Kirche, Politik und Öffentlichkeit stets in Beziehung“, schreibt der Journalist Thomas Schiller. Damit stehe er ganz in der Tradition des von ihm verehrten Bonhoeffer. Dessen Werke gibt er in einer historisch-kritischen Fassung neu heraus. 

Radikale Reform- und Sparpläne

Seine erste Amtszeit als Bischof in Berlin lässt ahnen, was auf die EKD zukommen wird. Die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg beschließt unter Huber 1997 radikale Reform- und Sparpläne, um 56 Millionen Mark innerhalb eines Jahres einzusparen. Sie entlässt 1.000 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen und reduziert die Anzahl der Gemeinden um 300, von 1.700 auf 1.400.  

In der Verwaltung waren teure Doppelstrukturen entstanden, sodass die Ostkirchen nach der Wiedervereinigung saniert werden mussten. Huber schreckt vor drastischen Einschnitten nicht zurück. Die katholische Kirche hingegen nimmt Kredite auf – und häuft bis 2003 148 Millionen Euro an Schulden an.  

„Großbischof“ verwandelt EKD zur „Großkirche“

2003 wird Huber zum EKD-Ratsvorsitzenden gewählt. Im ersten Anlauf 1997 war er noch am rheinischen Präses Manfred Kock gescheitert. Die ZEIT sieht seine Amtszeit geprägt von Haushaltskürzungen und „enormem“ Stellenabbau, landeskirchlicher Fusion und einer Kräftigung des Dachverbunds EKD. „Analog zum Großbischof wird ein Trend zur Großkirche bemerkt“, resümiert der Artikel. 

Huber führt seinen Reformkurs aus Berlin in der EKD fort. Das Impulspapier „Kirche der Freiheit“ aus dem Jahr 2006 soll die EKD für Zeiten mit weniger Mitgliedern und knapperen Mitteln ausrichten, wie es Huber schon in Brandenburg erlebte. Von Kritikern als neoliberal bezeichnet, zeigen 45.000 gedruckte Exemplare und 400.000 Downloads den Erfolg des Papiers.

Reformen verschleppt

Es reißt die EKD aus einem „defensiv-depressiven Kirchenschlaf“, wie die ZEIT schreibt. Jedoch überlagerten um das Jahr 2012 herum die Vorbereitungen auf das Reformationsjubiläum 2017 die Weiterarbeit am Reformprozess, wie Huber leicht enttäuscht in einem Artikel der EKD zugibt. 

Eine geplante Reduzierung der Landeskirchen von 23 auf acht oder zwölf kommt nicht zustande. Am Ende sind es immer noch 21. Dafür gelingt es, die Vereinigte Evangelisch-Lutherische Kirche Deutschlands (VELKD) und die Union Evangelischer Kirchen in der EKD (UEK) stärker mit der EKD zu verbinden. 

Pochen auf Mission

Immer noch sieht Huber die Ziele des Reformpapiers als richtig an – „eine Konzentration auf den Kern unseres kirchlichen Auftrags [der Verkündigung; Anm. d. Red.] zu verbinden mit dem Brückenschlag zu den Menschen, die den Kontakt zum Glauben verloren haben.“ Dieses Pochen auf Mission und Evangelisation führt dazu, dass ihn die konservativ-evangelikale Nachrichtenagentur idea 2006 zum Bischof des Jahres erklärt.  

Unter Huber nähern sich EKD und Evangelikale an. Er besucht 2008 den Jugendkongress CHRISTIVAL in Bremen. Dort kritisiert er, dass es falsch sei, theologisch konservative, evangelikale Christen mit Fundamentalisten gleichzusetzen.  Außerdem unterstützt er trotz Kritik die Evangelisationsbewegung ProChrist.

Einsatz für Ökumene

In der katholisch-evangelischen Ökumene ist Huber ebenso engagiert. In Berlin richtet er 2003 als Landesbischof den ersten Ökumenischen Kirchentag aus. Katholische und evangelische Kirche erkennen 2007 im Magdeburger Dom wechselseitig die Taufe an.  

In der Ökumene schlägt er jedoch nicht nur versöhnliche Töne an. Huber bleibt unbequem. Ab 2005 propagiert er eine „Ökumene der Profile“. Annäherung nicht um jeden Preis, das eigene Profil muss erkennbar bleiben.  

„Interreligiöse Schummelei“

Von Huber kommt auch der Begriff der „Schummel-Ökumene“, die zentralen Fragen ausweicht. Den erweitert er als „interreligiöse Schummelei“ auf den christlich-muslimischen Dialog – was Widerspruch hervorruft. Er vermisst bei den islamischen Organisationen die Selbstkritik der Schattenseiten des Islam. Trotzdem bleibt er in stetigem Austausch mit Muslimen und spricht sich für Differenzierung aus. 

In seiner Zeit als EKD-Ratsvorsitzender war Huber medial stets präsent. Weihnachten 2008 sorgt er mit einer Schelte des Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Bank, Josef Ackermann, für Aufregung. Er bezeichnete dessen Renditeziele von 25 Prozent als eine Form des Götzendiensts und kritisierte die kapitalistischen Strukturen. Im Nachhinein entschuldigt er sich für diesen Angriff. 

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Nach sechs Jahren als EKD-Ratsvorsitzender ist 2009 Schluss. Was bleibt? 2010 kehrt Huber in den Deutschen Ethikrat zurück, wo er vor seiner Zeit an der Spitze der EKD schon einmal wirkte. Er prägt also weiterhin ethische Diskussionen. Mit „Kirche der Freiheit“ brachte er ein wichtiges Impulspapier zur Zukunft der Kirche auf den Weg, das heute aktueller denn je ist.

Manch einer hätte sich weniger Streit und mehr Besinnlichkeit gewünscht. Aber egal, wie man die Amtszeit Hubers bewertet, dem Fazit eines ZEIT-Artikels aus dem Jahr 2009 ist schwer zu widersprechen: „Einen solchen Ratsvorsitzenden wird die EKD so schnell nicht wieder bekommen.“ 

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6 Kommentare

        • Jesus hat von seinen Jüngern offensichtlich erwartet, dass sie die Früchte erkennen können, sonst hätte er es ihnen nicht so gesagt.
          Sich mit eigenen Früchten selbst zu schmücken oder zu rechtfertigen, davon war nicht die Rede.

          • Ich selbst kenne Huber bei weitem nicht gut genug, um mir ein Urteil über sein Christsein erlauben zu können, aber ich bin zutiefst misstrauisch gegenüber Menschen, die hier solche absoluten Aussagen machen wie Du. Nach meinen Erfahrungen sind es eher genau die Menschen, die fruchtlos sind und die oft schlicht der Neid gegenüber Menschen treibt, die wirklich was geleistet haben.

  1. Ein kluger Kopf, philosophisch und rhetorisch brilliant, öffentlichkeitswirksam, ein moderner Theologe und Kirchenpolitiker, aber keine Ahnung vom Leben mit Jesus. Von geistlichen Aufbrüchen durch seine Wirksamkeit in der EKD ist nichts bekannt. Organisatorische Kirchenreformen ändern nichts am Fehlen des biblischen Christentums.

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