Je gläubiger Christen sind, desto eher schlagen sie ihre Kinder. Diesen Befund hat das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN) veröffentlicht und sorgt damit für Gesprächsstoff – und für viel Widerspruch.
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Freikirchliche Christen tendierten noch eher zu Gewalt in der Erziehung als etwa Muslime, sagt die Studie, aus der das KFN vorab einige Ergebnisse bekannt gab. Die vorab veröffentlichten Studienergebnisse besagen, dass Jugendliche aus Familien freikirchlicher evangelischer Gemeinden in Deutschland häufiger von ihren Eltern „gezüchtigt“, also geschlagen werden, als der Nachwuchs von Katholiken, Protestanten oder Muslimen. Das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen hatte 45.000 Neuntklässler im Alter zwischen 14 bis 16 Jahren aus 61 deutschen Städten und Landkreisen befragt. Darunter waren mehr als 600 Kinder freikirchlicher Eltern.

Laut einem dpa-Bericht gaben dabei 27 Prozent der Kinder von Freikirchlern an, gewaltfrei erzogen zu werden. 21,3 Prozent sagten, sie seien massiven Schlägen ausgesetzt. Seit 1998 verbietet das Bürgerliche Gesetzbuch entwürdigende Erziehungsmaßnahmen, insbesondere körperliche und seelische Misshandlungen. Seit 2000 wurde Kindern zudem „ein Recht auf gewaltfreie Erziehung“ zugestanden.

Anleitungen zum biblischen Züchtigen

Auslöser für die Studie war laut Pfeiffer ein Artikel in der „Süddeutschen Zeitung“ über zwei christliche Bücher zur Züchtigung von Kindern. Der Artikel mit dem Titel „Liebe geht durch den Stock“, der am 24. September erschienen war, berichtet unter anderem von einem ehemaligen Mitglied einer Freikirche. Das sagte, das Schlagen von Kindern sei „in den evangelikalen Freikirchen weitgehend akzeptiert“. Immerhin heiße es im Alten Testament: „Wer seine Rute schont, der hasst seinen Sohn; wer ihn aber lieb hat, der züchtigt ihn bald“ (Sprüche 13,24) und „Rute und Strafe gibt Weisheit; aber ein Knabe, sich selbst überlassen, macht seiner Mutter Schande“ (Sprüche 29,15).

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Die Zeitung berichtet zudem von zwei Büchern mit Anleitungen zur Züchtigung des Nachwuchses, deren Autoren evangelikale Christen in den USA seien. Von dem Buch „Wie man einen Knaben gewöhnt“ und dessen Nachfolger von Michael und Debi Pearl habe die Europäische Missionspresse in Heidelberg in den vergangenen drei Jahren rund 4.000 Exemplare verkauft. Darin wird empfohlen, zuerst zu beten, und dann die Rute anzuwenden. „Das Kind sollte die Rute an ihrem ganzen ruhigen, überlegten und beherrschten Geist kommen sehen…“, heißt es da. Als „Instrumente der Liebe“ bezeichnen die Autoren die Rute, und empfehlen, niemals mit der Hand zu schlagen, denn das sei ein Ausleben elterlicher Frustration. Im Ratgeber „Eltern – Hirten der Herzen“ stellt US-Pastor Tedd Tripp klar: „Wenn dein Kind nicht gehorcht, muss es diszipliniert werden“. Nach der Bestrafung solle das Kind jedoch auf den Schoß genommen und umarmt werden.

Der Deutsche Kinderschutzbund nannte das Buch laut SZ eine „Anleitung zur Kindesmisshandlung und -entwürdigung“ und verwies auf den Paragraphen 1631 BGB. Derartige Misshandlungen könnten auch „zu Isolation, psychischen Störungen und sogar zum Suizid führen“. Inzwischen hat der Kinderschutzbund bei der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien eine Indizierung des Buches „Wie man einen Knaben gewöhnt“ erreicht.

Evangelikale Leiter distanzieren sich von häuslicher Gewalt

Vertreter evangelikaler Organisationen und Einrichtungen distanzierten sich von derlei Literatur. Helmut Wegner, Leiter des Kinderheims Elisabethstift in Berlin, einer Jugendhilfeeinrichtung im Diakonischen Werk. Diese gilt als der evangelikalen Szene nahestehend. Wegner sagte der SZ: „Ich befürchte, dass einzelne Bibelstellen aus dem biblischen Zusammenhang herausgerissen werden und dadurch eine Fehldeutung erleben.“ Der Geist des Neuen Testamentes rechtfertige keinerlei körperliche Züchtigung. Auch Wilhelm Faix, Vorsitzender der Konferenz Bibeltreuer Ausbildungsstätten (KBA), rät vom Buch „Eltern – Hirten der Herzen“ ab. „Die Berufung auf die Bibel, mit der Rute zu züchtigen, setzt ein bestimmtes hermeneutisches Schriftverständnis voraus, dem ich so nicht zustimmen kann, obwohl ich auch eine evangelikale Theologie vertrete“, sagte Faix gegenüber der SZ.

„Freikirchler sind am unzufriedensten“

Studienleiter Pfeiffer erklärte gegenüber dem christlichen Medienmagazin pro, warum seine Studie so viele christliche Gruppierungen unter dem einen Begriff „Freikirchler“ zusammengefasst habe. Ursprünglich sollten tatsächlich einzelne Gruppierungen innerhalb der Freikirchen untersucht werden, also etwa Baptisten, Adventisten und Methodisten. Doch dann wären einzelne Schüler identifizierbar gewesen, etwa in Kleinstädten mit nur einem Gymnasium. Dies habe datenschutzrechtliche Bedenken ausgelöst. „Deswegen haben wir als Sammelkategorie die ‚Freikirchler‘ genommen, auch wenn das keine wissenschaftliche Kategorie ist“, sagte Pfeiffer gegenüber pro.

Der Kriminologe erklärte, dass der Anteil der Kinder, die gewaltfrei erzogen werden, unter „Formalchristen“, die die Kirche nur zur Lebensdekoration wie Taufe und Heirat brauchen, 50 Prozent betrage. Bei den Hochgläubigen waren es hingegen nur noch 27 Prozent. Unter den Muslimen wenden demnach bei den hochgläubigen nur 35 Prozent Gewalt in der Erziehung an. „Da liegt der Verdacht nahe, dass diese Gruppe von Gläubigen sehr bibeltreu vorgehen und die im Alten Testament auffindbaren Stellen aktiv als Rechtfertigung oder als Handlungsleitlinie sehen“, so Pfeiffer. Dabei hätten die Freikirchen einen höheren Anteil an Akademikern unter den Eltern, und einen deutlich niedrigeren Anteil an Hauptschülern unter den Kindern. „Generell gilt eigentlich, die höher Gebildeten schlagen ihre Kinder weniger, aber das ist bei den Freikirchlern offenkundig anders.“

Weiter erforschten die Kriminologen die Zufriedenheit der Befragten. „Die Zufriedenheit ist mit Abstand am niedrigsten bei den Freikirchlern, mit nur 32 Prozent. Bei den Evangelischen sind es fast 50 Prozent, bei den Katholiken fast 53 Prozent der Leute, die mit ihrem Leben zufrieden sind“, so Pfeiffer. Er schließt daraus: „Dieser Erziehungsstil der Evangelikalen wirkt sich nicht positiv aus, sondern nimmt den Kindern ihre Lebenszufriedenheit.“ Er selbst sei auch als Laienprediger unterwegs und habe auch schon drei Mal in baptistischen Gemeinden gepredigt, deshalb habe ihn das Ergebnis selbst überrascht. „Ich hatte einen denkbar positiven Eindruck von Baptisten gewonnen.“

Die Forscher hätten auch psychische Gewalt erfasst, ebenso wie positive Behandlungen wie Schmusen und Trösten. „Positive elterliche Liebe wurde gleichgewichtig erfasst“, sagte Pfeiffer. Weiter erklärte der Forscher, die Russischstämmigen seien herausgerechnet worden. „Unsere jetzt veröffentlichten Daten erfassen Personen, die in Deutschland geboren wurden und deren Eltern die deutsche Staatsangehörigkeit haben.“

Auf die Frage nach einer möglichen Erklärung für die Ergebnisse sagt Pfeiffer: „Es scheint so, dass es sich hier um stark fundamentalistisch orientierte Menschen handelt, das sind Machtmenschen. Der Typ Mensch, der sich entscheidet, einer solchen Religion anzugehören, hat einen eher autoritären Charakter. Das Ganze macht auf mich aus der Ferne betrachtet den Eindruck einer Gruppe von Menschen, die in ihrem Glauben und in den innerfamiliären Ritualen im 18. oder 19. Jahrhundert stehen geblieben sind.“

„Jesus predigte die Liebe“

Jürgen Werth, ehrenamtlicher Vorsitzender der Deutschen Evangelischen Allianz und Vorstandsvorsitzender von „ERF Medien“, wies die Praxis der „Züchtigung“ an Kindern zurück. „Das Gebot Jesu ist das Doppelgebot der Liebe, nämlich Gott lieben und den Nächsten lieben wie sich selbst“, sagte Werth gegenüber pro. „Ich glaube, dass Eltern so mit ihren Kindern umgehen sollten, wie Christus mit seiner Gemeinde, oder wie Gott mit uns umgeht.“ Man müsse nur an die Geschichte vom verlorenen Sohn denken, diese stehe symbolhaft für das Verhältnis Gottes zu allen Menschen. Im Alten Testament stünden auch manche Anweisungen, die viele Leute dann wiederum nicht beherzigen würden, etwa dass man seine Tochter vor der Stadtmauer steinigen soll, wenn man sie beim Ehebruch erwischt hat.“ Für Werth steht fest: „Ich glaube, dass Gewalt kein Mittel der Erziehung ist.“ Dennoch hält er das Ergebnis der Studie für glaubwürdig. „Denn es gibt sicherlich Gemeinden, bei denen das gang und gäbe ist, seine Kinder zu schlagen.“ Er fordert deshalb: „Wir müssen als Evangelikale sehr kritisch unsere eigene Pädagogik überprüfen. Es wäre mal an der Zeit, eine biblisch begründete Pädagogik zu entwickeln.“

Der evangelische Theologe Stephan Holthaus, Dekan der Freien Theologischen Hochschule (FTH) Gießen und Leiter des Instituts für Ethik und Werte in Gießen, sieht die KFN-Studie indes skeptisch. Er ist der Meinung, wenn man Freikirchen in Deutschland als eher gewaltbereit gegenüber Kindern bezeichnet, bedürfe es einer genaueren Betrachtung. „Streng religiöse Katholiken schlagen ihre Kinder zum Beispiel wesentlich weniger, als Eltern, für die Religion in der Erziehung keine Rolle spielt“, so Holthaus. „So einfach kann man es sich also nicht machen.“ Er zeigte sich gegenüber pro zudem verwundert darüber, dass sich die KFN besonders die Freikirchen herausgepickt habe. „Unter diesem Sammelbegriff werden in Deutschland mindestens 30 Gruppierungen geführt, die sehr unterschiedlich sind. Von der Heilsarmee bis zu den Evangelisch Freikirchlichen Gemeinden, von den Herrnhutern bis zu den pazifistisch eingestellten Mennoniten, von den Brüdergemeinden bis hin zu den Pfingstlern und Aussiedlergemeinden. Das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen, bisher durch sachliche Beiträge aufgefallen, hätte hier differenzieren müssen, statt eine ganze Bewegung undifferenziert in Sippenhaft zu nehmen.“ Der Theologe fügte hinzu: „Klar ist: Die allermeisten Freikirchler und Landeskirchler praktizieren eine gewaltfreie Erziehung.“

Holthaus vermutet hinter der Motivation des Kriminologischen Forschungsinstitutes den Versuch, die Muslime in Deutschland, die derzeit viel Kritik trifft, in Schutz zu nehmen. „Die Studien des Forschungsinstituts hatten in den letzten Monaten herausgefunden, dass Gewalt unter Migranten viel weiter verbreitet sei, als unter der deutschen Bevölkerung und damit der Sarrazin-Bewegung ungewollt Material geliefert. Jetzt rudert man zurück: Nein, auch die Christen hätten ein Problem, besonders diejenigen, die sich an der Heiligen Schrift orientieren. Ein Schelm, der sich dabei etwas denkt.“ Er selbst würde es nicht bestreiten, dass es christliche Kreise gebe, in denen Kinder geschlagen werden, auch wenn er niemanden kenne, der es tue. „Das aber als typisch für Freikirchen zu bezeichnen, ist Quatsch.“