Für viele Menschen ist Weihnachten das Familienfest schlechthin. Andere sind einsam, allein, ausgegrenzt. David Werner hat die Feiertage in Hannover verbracht und sich bei „Christmas in the City“ engagiert, einem sozial-missionarischen Projekt in der Drogenszene. Ein Erlebnisbericht.
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Für gewöhnlich kann ich mir Bibelverse, Zitate oder andere Weisheiten eher schlecht merken. Aber diesmal war das anders. „Wenn Gott redet, ist die Gemütlichkeit zu Ende“. Diesen Satz von Peter Hahne, dem aus dem ZDF bekannten christlichen Fernsehmoderator und Buchautor, hörte ich einige Wochen vor Weihnachten am Frühstückstisch. Und er ließ mich nicht los. Eigentlich hatte ich vorgehabt, Weihnachten im Kreis der Familie zu verbringen. Spätgottesdienst am Heiligabend, ein bisschen Gemütlichkeit… Doch die Worte setzten sich in meinem Hirn fest.

SOS Bistro
Foto: Neues Land e.V.

Und so sitze ich einige Wochen später, es sind nur noch wenige Tage bis zum Christfest, in einem mit „Weihnachtstouristen“ gefüllten ICE und bin auf dem Weg in die niedersächsische Landeshauptstadt. Aller Vorfreude auf ein gemütliches Weihnachten zu Hause zum Trotz habe ich mich bei „Christmas in the City“, einer sozial-missionarischen Einsatzwoche in Hannovers Drogenszene, angemeldet. Was mich bei der von „Neues Land“, einer christlichen Drogenarbeit mit mehreren Therapiehäusern, organisierten Aktion erwartet, weiß ich einerseits schon, da es nicht das erste Mal ist, dass ich an diesem besonderen Weihnachtsprogramm teilnehme. Andererseits ist es wieder ein Schritt in eine fremde Welt: Es erwarten mich Begegnungen mit Menschen, die vom Leben nichts mehr erwarten und sich aufgegeben haben. Menschen, die die Hoffnungslosigkeit, in der sie gefangen sind, nicht mehr verstecken (können).

Meine neue Dankbarkeit

Es dauert ein paar Tage bis ich die ersten Berührungsängste überwunden habe, ohne Scheu auf die Menschen zugehen kann und dann häufig „nur“ zuhöre. Ich höre viel von Kinder- und Jugendzeiten, die alles andere als behütet waren und werde dabei neu dankbar für meine Familie und die Zuneigung, die ich von meinen Eltern erfahren habe. Es geht um gescheiterte Therapien, bei manchem waren es Dutzende. Unter den Betroffenen sind auch betrogene Arbeiter aus Osteuropa, die auf Hannovers Straßen gestrandet sind und von dort nicht mehr wegkommen.

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Bei allem Zerbruch und „Getrieben-sein“, dem man sich nicht entziehen kann, wenn man sich den Menschen zuwendet, nehme ich auch eine große Wertschätzung für unseren Dienst wahr. Ein ehrliches „Danke“ oder ein liebevolles Lächeln für einen Kaffee von einem vom Leben gezeichneten Mann, der ansonsten niemandem vertrauen kann, in der Obdachlosenunterkunft sogar sein Hab und Gut, zusammengepackt und verstaut in wenigen Gepäckstücken, mit auf die Toilette nimmt, sind in diesen Tagen unser Lohn.

Obdachlose, Alkoholiker und Drogenabhängige werden nicht nur in Hannover so gut es mit legalen Mitteln geht an den Rand der Gesellschaft geschoben. Die Substitutionsprogramme versorgen viele täglich auf Kosten der Beitragszahler mit der notwendigen Ration „Stoff“. Hilfe beim Ausweg gibt es kaum.

Jesus Christus schenkt Freiheit

Je näher Heiligabend rückt, desto voller werden Hannovers Straßen. Junge Reisende gehen eilenden Schrittes zum Bahnhof, um noch rechtzeitig daheim anzukommen. Diejenigen, die kein Zuhause haben, ihre Nöte in Alkohol und Drogen ersticken, haben wenig Vorfreude auf die Feiertage. Der Verlust von Angehörigen oder Weggefährten wiegt in diesen Tagen noch schwerer, die Einsamkeit verfolgt manchen wie ein treuer Begleiter.

Ich fühle mich in der Zwischenzeit angekommen, habe viele der 90 anderen Teilnehmer von „Christmas in the City“ etwas besser kennengelernt und empfinde Freude daran, mit den Menschen auf der Straße Zeit zu verbringen. Besonders begeistern mich die Unterhaltungen mit anderen Mitarbeitern, ehemaligen Drogenabhängigen, die bereits seit Jahren ein Leben in Freiheit führen, eine Therapie erfolgreich durchlaufen haben und nun auch mit Jesus durchs Leben gehen. Sie haben eine besondere Leidenschaft für ihre ehemaligen Weggefährten, die immer noch im Sumpf der Abhängigkeit feststecken und für die sich die Spirale fortwährend nach unten bewegt. Von Jahren auf der Straße, Gefängnisaufenthalten und der Zerstörung, die die illegalen Substanzen auch in ihrem Leben angerichtet haben, gezeichnet, verbreiten sie nicht nur in der Weihnachtszeit Hoffnung auf ein Leben in wirklicher Freiheit.

Drogen Heroin
Getty Images

Heiligabend im SOS-Bistro

Als in den Kirchen der Stadt Tausende gerührte Kehlen „O du Fröhliche“ schmettern, wird die Menschenschlange vor dem „SOS-Bistro“, dem Hauptquartier von „Neues Land“ in Hannover, immer länger. Die Weihnachtsfeier im Rahmen von „Christmas in the City“ ist für viele zu einer festen Institution an Heiligabend geworden. Es ist der Platz, der diejenigen aufnimmt, die (nicht nur) an Heiligabend niemanden haben.

Innendrin geht es kurz vor dem Einlass geschäftig zu: Die Helfer in der Küche nehmen Stellung, um das Essen zu servieren, der Punsch wird portioniert und findet schnell nach Öffnung der Türen dankbare Abnehmer. Nicht nur ich frage mich mit kindlicher Spannung: „Sehen wir einige von denen wieder, die wir in den vergangenen Tagen kennengelernt und eingeladen haben?“

Es wird ein stimmungsvoller Abend. Die vielen Gäste fühlen sich sichtlich wohl und sind erleichtert, den Heiligen Abend nicht alleine verbringen zu müssen. Nach der Weihnachtsgeschichte überreichen Kinder den gerührten Gästen schließlich die Geschenke, gespendet von christlichen Gemeinden aus der Umgebung. Ich ertappe mich, wie meine Augen umherstreifen und die Besucher mustern. So mancher Anblick führt zu einem Schmunzeln, zum Beispiel über einen Gast, der während seines Aufenthalts seine überdimensionierten Kopfhörer nicht abnimmt. Auf vielen der von Enttäuschungen und Tiefschlägen gezeichneten Gesichtern ist ein Lächeln zu sehen. Es ist Weihnachten geworden, mitten in Hannover und hoffentlich in vielen Herzen.

Christmas in the city Neues land
Christmas in the city (Foto: Neues Land e.V.)

Was bleibt

„Ich muss hier raus, das ist mir zu viel Liebe“, höre ich eine junge Frau von ihren Gefühlen überwältigt sagen, die mit glasigen Augen den Raum verlässt. Es gab schon schlimmere Gründe, warum Menschen gegangen sind, denke ich mir.

Was bleibt nach acht Tagen „Christmas in the City“? Es sind wohl die vielen Begegnungen mit den Menschen in den dunklen Ecken Hannovers. Es ist die Hoffnung, dass sich der eine oder andere im neuen Jahr auf den Weg macht, seine Drogensucht hinter sich zu lassen und mit einer Therapie zu beginnen. Und es bleibt die Gewissheit, dass Jesus diese Menschen liebt! So sehr, dass er es vor über 2.000 Jahren Weihnachten hat werden lassen.

Von David Werner

Link: Neues Land

 

 

1 DIREKT-KOMMENTAR

  1. Ja, es wäre wirklich schön, wenn einige dieser Hoffnungslosen neue Hoffnung schöpfen und den Mut aufbringen, aus ihrem jammervollen Leben auszusteigen. Denn es braucht viel Mut, das zu tun, sie müssen dann nämlich für sich selbst sorgen und grade stehen. Das haben viele gar nicht gelernt, die wenigsten haben jemals einen Beruf ausgeübt, sind ihren Verpflichtungen nachgekommen, haben einen 24-Stunden-Rhythmus gehabt, der von Arbeit und Freizeit bestimmt war. Die meisten haben früh mit dem Alkohohl oder anderen Drogen begonnen, um erst gar nicht in diesen Arbeitsrhythmus einsteigen zu müssen. Sie werden ja versorgt, der Staat und andere Einrichtungen kümmern sich um sie, obwohl auch viele den Gang zum Sozialamt scheuen, um gar keine Abhängigkeiten einzugehen, wie sie meinen.Sehr viele sind entweder durch die Drogen krank, nicht nur körperlich, sind psychisch oft völlig daneben, wollen aber keine ärztliche Hilfe in Anspruch und auch keine Tabletten nehmen. Es wird sie immer geben, die Außenseiter der Gesellschaft, Resozialisierung schaffen wirklich nur sehr wenige. Und wenn diese dann auch noch in der Obdach-und Drogenhife mitarbeiten, ist das ein Wunder, das wirklich nur Jesus bewirken kann. Und sie verdienen Hochachtung, dass sie sich ihm überlassen und sich von ihm haben heilen lassen. Danke für alle, die ihnen zur Seite stehen und ihre Hilfe denen anbieten, die sich hoffentlich bald dafür entscheiden!

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