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Ist die Kirche wirklich heilig?

Die Serie zum Apostolischen Glaubensbekenntnis (Teil 11)

Heutzutage erscheint es fast schon anstößig, so etwas zu behaupten. Und dann bleibt da noch die Frage nach den Geistesgaben, die uns dabei helfen sollen, Gemeinde zu bauen. Wolfgang Kraska blickt in die Bibel und erläutert die Bedeutung hinter dieser Passage im Glaubensbekenntnis.

„Ich glaube an den Heiligen Geist, die heilige, christliche Kirche, Gemeinschaft der Heiligen.“

Anfang der 1970er-Jahre habe ich zum Glauben an Jesus Christus gefunden. Da ich von zu Hause her ohne christlichen Hintergrund war, gab es für mich viel Neues zu entdecken. Durch die Gemeindearbeit und schriftliche Kurse lernte ich Stück für Stück die Grundlagen des christlichen Glaubens kennen.

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Der Heilige Geist kam dabei allerdings kaum oder gar nicht vor. In späteren Jahrzehnten wurde ich mit der Frage nach ihm umso intensiver konfrontiert. Es ging dabei vor allem um die Gaben des Geistes und die durch ihn ermöglichten übernatürlichen Erfahrungen.

Erstaunlicherweise kommen solche individuellen Aspekte im Credo überhaupt nicht vor. Stattdessen geht es um die Gemeinde bzw. die „heilige, christliche Kirche“ als ein Werk des Heiligen Geistes. Diese Worte kann man wohl nur noch intern aussprechen. Angesichts des schlechten Rufes der Kirchen ruft die Aussage, die Kirche sei heilig, bestenfalls Spott, vielleicht aber auch lautstarke Aggression hervor.

Doch auch fromme Christen unserer Tage können mit dieser Beschreibung kaum etwas anfangen. Vor allem nicht, wenn die Gemeinde primär der eigenen Glaubenserfahrung und religiösen Selbstverwirklichung dienen soll.

Trotzdem lohnt es sich, hinzuschauen, was mit der Formulierung ausgesagt wird.

Dreimal Heilig

Gleich dreimal kommt in dem kurzen Satz das Wort heilig vor. Bereits in der letzten Folge hatten wir gesehen, dass es der Heilige Geist ist, der an Pfingsten die Gemeinde entstehen lässt (Apostelgeschichte 2). Die Bildung einer ersten konkreten Ortsgemeinde ist kein erfreulicher und zufälliger Nebeneffekt. Vielmehr ist sie der Start einer weltweiten Missionsarbeit, die in der Bildung von Gemeinden ihren Ausdruck findet.

Weil die Entstehung der Gemeinden so eng mit dem Wirken des Heiligen Geistes verknüpft ist, sollten die Apostel mit der Umsetzung des bereits in Matthäus 28,19f formulierten Missionsauftrags noch warten.

Und zwar so lange, bis der Geist Gottes ausgegossen wird (Apostelgeschichte 1,4). Ohne den Heiligen Geist ist wirksame Mission und Verkündigung des Evangeliums nicht möglich. Und das bis heute. Aber mehr noch. Der Heilige Geist führt die Menschen, die er erfasst hat, zusammen und formt sie zu einem Team. Gemeinde ist also von Anfang an weit mehr als ein religiöses Zweckbündnis Gleichgesinnter. Sie geht auf das Wirken des dreieinen Gottes zurück. Sie gehört ihm und steht in seinem Dienst.

Jesus selbst ist das Haupt der Gemeinde (Epheser 1,22) und ist lebendig unter ihr gegenwärtig. Das macht sie einmalig.

Weil Jesus der ewig Heutige ist, darf seine Gemeinde nicht von gestern und somit unrelevant sein.

Weil Gemeinde also von Gott geschaffen und auf ihn ausgerichtet ist, ist sie kein soziologisches Gebilde wie andere in unserer Gesellschaft. Zwar kann sie dazu verkommen, und oft genug geschieht das auch. Aber recht verstanden ist sie ein einzigartiges Gebilde, zu dem es keine Parallele in der säkularen Welt gibt. Aus diesem Grund ist Gemeinde heilig. Einzigartig, von Gott gewollt, erschaffen und erhalten. Und deshalb sollte sie auch uns heilig sein.

Das gelingt aber nur, wenn auch die Menschen, die zu ihr gehören, sich als Gottes Eigentum verstehen und verhalten. Solche Menschen bezeichnet Paulus in den Anfängen seiner Briefe als Heilige (z. B. Epheser 1,1). Das Credo übernimmt diesen neutestamentlichen Sprachgebrauch, wenn es von der „Gemeinschaft der Heiligen“ spricht. Im ursprünglichen Sinne sind Heilige also nicht herausragende Christen, die von der Katholischen Kirche heiliggesprochen wurden. Sondern wir alle, die wir an Jesus glauben und ihm nachfolgen, sind Heilige. Menschen, die Gott gehören und von ihm zu einer Gemeinschaft der Heiligen zusammengestellt werden.

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Gottes Bild von Gemeinde

Das sind natürlich steile Aussagen, wenn wir auf die Realität in Kirchen und Gemeinden schauen. Wer Kirche nur aus den Nachrichten kennt, wird dabei vielleicht empört aufbegehren oder uns verspotten. Selbst wenn wir blühende Gemeinden betrachten, die es Gott sei Dank ja auch gibt, geht es bei näherer Betrachtung doch sehr menschlich und bescheiden zu. Dass sich dort „Heilige“ treffen und miteinander eine heilige Gemeinschaft bilden, in der der Heilige Geist regiert, erschließt sich einem kritischen Betrachter in der Regel nicht.

Deshalb wird man wohl zugeben müssen: Nein, eine Beschreibung des Erscheinungsbildes und des Ist-Zustandes der Gemeinde Jesu ist die Formulierung des Credos sicher nicht – und ist sie wohl auch nie gewesen. Vielleicht allenfalls in den ersten Wochen der Jerusalemer Urgemeinde.

Deshalb sind Kirchen und Gemeinden auch keine unantastbaren Institutionen, die man nicht kritisieren dürfte. Aber im Credo wird Jesu Vision von Gemeinde beschrieben, an der wir uns immer wieder neu ausrichten können. Auch wenn wir das Ideal nie erreichen werden, sollten wir uns nicht mit weniger zufriedengeben: Menschen, die der Heilige Geist prägt und zu einer ganz besonderen Art des Miteinanders befähigt.

Die Gaben des Heiligen Geistes dienen dem Gemeindeaufbau

Das wird nun auch daran besonders deutlich, wenn wir uns die Aussagen über die Gaben des Heiligen Geistes anschauen. Die Versuchung war und ist groß, Gaben umso höher einzuschätzen, je übernatürlicher sie in unseren Augen sind. Der nächste Schritt besteht dann darin, die Träger solcher Gaben wie etwa Prophetie, Krankenheilung und Sprachengebet für besonders wichtig und geistlich zu halten.

Das ist dem Neuen Testament allerdings völlig fremd. Die geistliche Reife, das Maß der Prägung durch den Heiligen Geist, lässt sich allenfalls an der „Frucht des Geistes“ ablesen. Also an vom Geist gewirkten Charaktereigenschaften wie Liebe, Treue und Selbstbeherrschung (Galater 5,22f). Die Gaben hingegen werden vom Heiligen Geist ohne vorherige Qualifikation der Person vergeben. Er allein entscheidet, welche Gabe jeder Einzelne erhält (1. Korinther 12,11). Die „Charismen“, wie die Geistesgaben im Neuen Testament genannt werden, sind also keine Auszeichnungen, auf die jemand stolz sein könnte. Vielmehr sind sie Werkzeuge, die ein Mensch anvertraut bekommt, um damit zu arbeiten.

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Ein geistliches Wunderwerk

Der Apostel Paulus hat in 1. Korinther 12,12ff zu den Charismen einige grundlegende Aussagen gemacht. Sie lauten: Jeder hat mindestens eine Gabe, und niemand hat alle Gaben. Deshalb wird jeder mit seinen Gaben gebraucht, und niemand darf meinen, die anderen nicht nötig zu haben. Alle Gaben dienen dem Ziel Jesu, seine Gemeinde zu bauen, und nicht der frommen Selbstverwirklichung des Einzelnen. Paulus beschreibt dieses von Gott gewirkte Wunderwerk einer geistlichen Gemeinde mit dem Bild vom Leib, der nur existiert durch das Zusammenwirken der unterschiedlichen Körperteile und Organe.

Diese Skizze ist nur ganz grob, denn für unseren Zusammenhang ist lediglich wichtig zu sehen, in welchem Maße Jesus selbst durch das Wirken seines Geistes in der Gemeinde präsent ist. Die Gemeinde gehört nicht uns, sondern Jesus, und er ist der Herr der Gemeinde. Das macht ihre Einmaligkeit aus, und deshalb können wir die Gemeinde Jesu zu Recht als „heilig“ bezeichnen. Sie verdankt ihre Existenz dem Wirken Gottes, und dient einzig den Anliegen Gottes. Dass zu Gottes Anliegen auch unser Wohlergehen und die Freude an der Gemeinschaft der Glaubenden gehört, ist eine wunderschöne Auswirkung, nicht aber das primäre Ziel.

Nicht beliebig gestaltbar

Das bedeutet dann aber auch, dass wir Gemeinde nicht beliebig gestalten und als Instrument für eigene, vom Zeitgeist bestimmte Werte und Ziele missbrauchen dürfen. Das ist sehr herausfordernd, denn die Gemeinde muss gleichzeitig zeitgemäß und lebendig sein. Weil Jesus der ewig Heutige ist, darf seine Gemeinde nicht von gestern und somit unrelevant sein. Es gilt also, in der Welt und doch nicht von der Welt zu sein (Johannes 17,11–16). Das kann bisweilen auch zu Widerspruch und Distanz bis hin zur Ablehnung und Verfolgung durch die Gesellschaft führen.

Einfach weil die Gemeinde einer anderen Logik und Autorität folgt als Menschen, die sich Gott nicht unterstellt haben. Die Gemeinde muss sich dazu immer wieder an der Bibel, insbesondere am Neuen Testament orientieren. Und sie braucht dazu den Heiligen Geist, der die Aussagen der Schrift aktualisiert und zugleich die Kraft gibt, Gott mehr zu gehorchen als den Menschen. Zusammengefasst kann man also sagen: Der Heilige Geist wirkt am einzelnen Christen, sodass Paulus solche Menschen als Heilige bezeichnen kann.

Derselbe Heilige Geist fügt diese Menschen dann aber in einer Gemeinschaft ganz eigener Art zusammen: der Gemeinde Jesu Christi. Er selbst ist ihr Haupt (Epheser 4,15), und er selbst heiligt sie (5,25f). Deshalb hat der Satz aus dem Credo nach wie vor seine Berechtigung: „Ich glaube an den Heiligen Geist, die heilige, christliche Kirche, Gemeinschaft der Heiligen.“



Dieser Artikel ist in Christsein Heute erschienen. Christsein Heute ist das Magazin des Bundes Freier evangelischer Gemeinden (FeG).

Hier geht es zum vorherigen Artikel der Serie zum Glaubensbekenntnis:

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