Der Reformator Martin Luther hat über das Vaterunser einmal gesagt: „Es ist ein Jammer über alle Jammer, dass ein solches Gebet eines solchen Meisters so ohne Andacht zerplappert und zerklappert werden muss in aller Welt.“ Wie war es eigentlich gedacht?
Von Malia Blitz
Ich glaube, er fasst damit zwei Dinge ganz gut zusammen: Das Vaterunser ist nicht einfach irgendein Gebet, das es auf irgendeinem Weg in unsere Gottesdienste oder in den Religionsunterricht geschafft hat. Jesus selbst hat das Vaterunser gebetet. Mehr noch: Er hat es uns als Meister, als Lehrer, beigebracht. Seine Jünger, die Menschen, die täglich mit ihm unterwegs waren, die erlebt haben, wie er Wunder getan, Menschen geheilt, mit Gott geredet und gepredigt hat, haben ihn konkret danach gefragt. Sie wollten wissen, wie das läuft mit dem Beten.
Für Jesus war Gebet fest etabliert in seinem Alltag. Regelmäßig nahm er sich Zeit dafür, weil er wusste, dass das sein direkter Draht zu Gott, seinem Vater, ist.
Als die Jünger ihn fragten, ob er ihnen beibringen könnte, wie man beten kann, gab er ihnen das Vaterunser weiter. Vielleicht wünschst du dir auch manchmal, deine Fragen so konkret an Jesus stellen zu können. Doch wie cool ist es, dass wir durch die Bibel Jesu Antwort auf die Frage auch heute noch kennen!
Wie sollen wir beten? »Vater Unser im Himmel, geheiligt werde dein Name …«
Ein altes Gebet neu entdecken
Das bringt uns zur zweiten Sache aus Luthers Zitat: Vermutlich hast du die ersten Worte aus dem Vaterunser gerade in einem ganz bestimmten Tempo, man könnte auch sagen in einer sich eingespielten Melodie, gelesen. Wenn ich in Gottesdiensten bin, wo das Vaterunser gebetet wird, fällt mir das immer wieder auf, und ich selbst mache es ja genauso.
Das Problem entsteht da, wo das Vaterunser nur noch Worte sind, die wir mit- oder nachsprechen. Worte, über die wir nicht mehr nachdenken. Worte, die kein Gebet an Gott sind.
Doch darin liegt ja die Einladung des Vaterunsers: Mit all dem, wer wir sind und was wir brauchen, glauben und tun, vor Gott zu kommen. Und er nimmt uns mit hinein in seine Perspektive, in sein Reich, zeigt uns, wer er ist und was sein Wille in dieser Welt ist.
Das Schöne daran ist, dass das Vaterunser so viele Bereiche abdeckt. Vielleicht könntest du es als eine Art Checkliste fürs Beten betrachten. Nicht, damit einfach alles abgedeckt ist und du schnell wieder mit deinem Alltag weitermachen kannst, sondern, weil es abbildet, wie vielfältig und tief Beten aussehen kann.
Da geht es um ganz alltägliche, lebenswichtige Bitten im Hier und Jetzt – aber auch um die Tiefe dessen, wer Gott ist, der ein Ziel und einen Plan mit dieser Welt hat. Ihm geht es genauso um unseren Alltag wie um das, was unser Herz im Tiefsten bewegt und belastet. Er weiß, was wir wirklich brauchen.
Vater und König
Dabei lenkt Jesus unseren Blick erst einmal auf Gott selbst: Er zeigt uns, wer Gott für ihn ist: sein Vater. Der, der es in allem gut mit ihm meint. Der da ist, zuhört, Nähe schenkt. Der ihm etwas zutraut.
Und Jesus weitet diese Beziehung, die er zu seinem Vater hat, auf dich und mich aus. Gott ist unser Vater. Vielleicht hast du Probleme mit dieser Vorstellung. Das wäre verständlich. Vielleicht kannst oder willst du das, wie du deinen Vater erlebt oder nicht erlebt hast, nicht damit verbinden, wer Gott ist und wie er dir begegnen will. Dann ändere doch einfach mal die Anrede in diesem Gebet. Die Bibel ist voll von Bildern dafür, wer Gott ist. Gott wird genauso als Mutter, als Adler, als Hirte, als Burg, Arzt oder König beschrieben.
Die erste Hälfte des Vaterunsers ist eine Erinnerung daran, wer Gott ist. Ihn dürfen wir anbeten und loben. Wir sind ein Teil der Welt, die er erschaffen hat. Wenn wir beten »Geheiligt werde dein Name, dein Reich komme, dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden«, kann uns bewusst werden, wie groß Gott ist, größer, als wir es mit den Worten unseres Gebetes einfangen können.
Wir dürfen erleben: Gott bewegt die Zustände dieser Welt. Wir bitten ihn: Gott, zeig mir mehr von dem, was du willst, wie du dir diese Welt, meine Beziehungen, mein Leben vorstellst.
Versorger
Dieser Weitblick, den das Vaterunser uns anbietet, zeigt, wie viel Tiefe im Gebet steckt. Dazu passen auch die letzten Worte: »Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.«
Wenn du dich mit all dem, was dich beschäftigt, an Gott wendest, dann darfst du darauf vertrauen, dass es bei ihm in guten Händen ist. Er weiß schon, was du brauchst, und wird jeden Tag für dich sorgen. Es geht beim Beten nicht nur um einmalige, schnelle, vorübergehende Lösungen. Sondern darum, immer wieder neu erinnert zu werden, dass Gott da ist, dass er das letzte Wort hat und dass er es gut mit dir meint.
Dieser Artikel ist im christlichen Jugendmagazin Teensmag erschienen. Teensmag wird vom SCM Bundes-Verlag herausgegeben, zu dem auch Jesus.de gehört.

