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Das Vaterunser neu entdecken

Millionenfach gesprochen, oft auswendig, manchmal fast nebenbei – und doch steckt im Vaterunser eine Kraft, die unser Gottesbild vertiefen und unsere Gemeinschaft prägen kann: als Gebet voller Nähe und Ehrfurcht, als Fundament christlicher Identität und als verbindendes „Wir“ der Gemeinde.

Von Rainer Harter (Gründer Gebetshaus Freiburg)

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Die Schönheit der scheinbaren Diskrepanz zwischen der Ansprache „Vater unser“ und der Tatsache, dass sich unsere Gebete an die höchste, heilige und in der Tat auch furchterregendste Autorität wenden, die existiert, spannt einen Raum der Herrlichkeit über unserem Beten auf: Diesen erhabenen Gott und Schöpfer des Universums darfst du deinen Vater nennen!

Obwohl er in seiner Vollkommenheit so anders ist als wir und uns in seiner Gegenwart Ehrfurcht erfasst, möchte er zugleich, dass wir ihm ohne Angst und auf der Grundlage unserer Beziehung begegnen. Wenn wir auf dieser Erde Menschen mit Macht oder Einfluss begegnen, halten wir uns gewöhnlich an gewisse Protokolle. Niemand würde einfach an die Tür der Downing Street Number 10 in London klopfen und erwarten, dass der Premierminister ihn persönlich empfängt.

Ebenso wenig würde man Könige oder Würdenträger ohne den gebührenden Respekt ansprechen. Ihre Stellung verlangt es, ihnen ein bestimmtes Maß an Achtung entgegenzubringen.

In diesem einen Wort – abba, Vater – liegt eine ganze Welt. Es bedeutet, dass wir nicht als bloße Untertanen, sondern als geliebte Kinder vor Gott treten dürfen.

Rainer Harter

Doch wenn wir dieses Verhalten auf Gott übertragen, was für eine Anrede wäre dann angemessen? Wir wollen schließlich mit Gott sprechen, der weit über allen irdischen Herrschern steht. Er, der Gott, der die Sterne zählt und zugleich das kleinste Flüstern unseres Herzens hört.

Diese Frage offenbart uns, wie außergewöhnlich es ist, dass wir ihn „Vater“ nennen dürfen. Vermutlich wären wir selbst nie auf diese Idee gekommen. Sie mutet fast schon despektierlich an. In diesem einen Wort – abba, Vater – liegt eine ganze Welt. Es bedeutet, dass wir nicht als bloße Untertanen, sondern als geliebte Kinder vor Gott treten dürfen. Es bedeutet, dass der Gott, der das Universum erschaffen hat, sich uns in seiner unendlichen Gnade und Liebe zuwendet. Wir sprechen den höchsten König mit „Vater“ an – nicht, weil wir es etwa verdient hätten, sondern weil er es so will!

Diese Eröffnung des Vaterunsers ist eine grundlegende und gewaltige Offenbarung. Das Gebet beginnt mit einem Paukenschlag, der durch alle Schöpfung hallt: „Gott ist unser Vater!“ Ich kann mir vorstellen, wie Gott auf dieses Wort reagiert, wenn wir ihn so ansprechen: Seine Aufmerksamkeit wendet sich uns sofort zu, sein Herz strömt über von seiner Liebe. Durch Jesus ist der Zugang zu Gott als Vater für uns frei und unverstellt.

Manchmal nehmen wir das als eine gewohnte Selbstverständlichkeit hin und vergessen leicht, dass es nicht immer so war. Zu Zeiten des Alten Testaments beispielsweise war die Vorstellung verbreitet, dass aufgrund seiner Heiligkeit eine direkte Begegnung mit Gott den Tod zur Folge haben würde. Jeder war damals davon überzeugt, dass kein Mensch vor dem heiligen Gott stehen kann und weiterlebt. Der große Unterschied zur damaligen Zeit ist, dass wir durch den stellvertretenden Tod von Jesus zu Gottes Kindern geworden sind, die sich Gott ohne Furcht nähern dürfen (Hebräer 4,16; 10,9).

Dass wir Christen keinen formellen Ritualen folgen oder Angst haben müssen, Gott zu begegnen, liegt daran, dass Jesus Christus den Zugang zu Gott durch sein Opfer am Kreuz für immer geöffnet hat. Wir können uns im Gebet ohne Scheu an ihn wenden. Das ist ein Vorrecht, das Jesus uns mit seinem eigenen Blut erkauft hat. Ein hoher Preis war nötig, um in Gottes Gegenwart sein und sie genießen zu dürfen. Was Jesus am Kreuz getan hat, macht die Ansprache Gottes als unser Vater zu einem überaus wertvollen Geschehen. Es ist ein Akt unserer Zustimmung gegenüber Jesu Erlösungstat und Ausdruck unseres Glaubens: Gott ist unser Vater geworden.

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„Vater unser“ – schon diese ersten Worte bergen eine Bedeutungstiefe, die kaum auszuloten ist. Kaum ausgesprochen, öffnen sie eine Tür zu Nähe, Vertrauen und Geborgenheit. Denkt doch einmal gemeinsam im Hauskreis über folgende Fragen nach: Warum ausgerechnet diese Eröffnung? Was sagt es über Gott aus, dass Jesus uns lehrt, ihn als Vater anzusprechen? Und was bedeutet es für unsere Stellung vor Gott, dass wir ihn Vater nennen dürfen?

Gemeinsam das Vaterunser beten

Er ist nicht nur mein Vater, sondern unserer. Ein Wort, das uns Christen miteinander und mit ihm verbindet. Noch bevor ein einziges Anliegen genannt ist, wird deutlich: Wir sind Teil einer Familie. Geliebte Kinder eines Gottes, der sich nicht distanziert, sondern uns in seine Nähe ruft.

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Wenn wir das Vaterunser betrachten, fällt sofort auf, dass Jesus das Gebet nicht in der Einzahl formuliert hat: „… unser Vater … gib uns … erlöse uns“. Schon in der Sprache ist deutlich, dass dieses Gebet nicht nur für die stille Kammer gedacht ist, sondern auch für die Gemeinschaft der Glaubenden.

Es verbindet uns über persönliche Grenzen hinaus und führt uns hinein in das große „Wir“ der Familie Gottes. Die Geschichte der Kirche zeigt: Von den ersten Jahrhunderten bis heute ist das Vaterunser das bekannteste und am häufigsten gemeinsam gebetete Gebet. In allen Konfessionen, in allen Sprachen und auf allen Kontinenten wird es gesprochen. Manchmal flüsternd, manchmal feierlich gesungen, manchmal schlicht in Alltagskleidung gebetet, manchmal mit liturgischer Pracht vorgetragen.

Immer aber ist das Vaterunser ein Gebet, das die Einheit der Christen betont. Das „Wir“ zeigt: Trotz aller Unterschiedlichkeit sollen und dürfen wir uns nicht auseinanderdividieren lassen. Der von Gott selbst festgelegte Plural ist unauflösbar – als Christen gehören wir zueinander.

Das Vaterunser eignet sich wunderbar für das gemeinsame und miteinander verbindende Beten. Man kann es ausgezeichnet dafür verwenden, als Gruppe den Fragen nachzugehen, die im Blick auf die Worte des Vaterunsers auftauchen. So kann eine theologische Diskussion entstehen, die beispielsweise einen Hauskreis gemeinsam auf Entdeckungsreise gehen lässt, die Teilnehmer einander näherbringt und in den hinter den Bitten des Vaterunsers liegenden Zusagen Gottes verwurzelt. Hier ein paar Tipps, wie das Vaterunser auch gemeinschaftlich gebetet werden kann:

  • Gemeinsam im gleichen Tempo sprechen: Die einfachste und bekannteste Form: Alle beten das Vaterunser gleichzeitig. Wenn wir uns vor dem Beten kurz vergegenwärtigen, zu wem wir beten, und dann beim Beten selbst weniger auf den Rhythmus und dafür mehr auf den Inhalt des Gebets achten, liegt in der Einfachheit dieser Form eine große und verbindende Kraft. Wenn eine Gruppe bewusst langsam und bedacht betet, entsteht ein starkes Empfinden von Einheit.
  • Im Wechsel sprechen: Die Struktur des Vaterunsers bietet sich außerdem bestens für ein Wechselgebet an: Eine Person spricht beispielsweise die Du-Bitten („Dein Name werde geheiligt …“), die anderen antworten mit den Wir-Bitten. So wird die innere Gliederung hörbar und durch das wechselseitige Zuhören werden die Worte des Gebets besonders tief wahrgenommen.
  • Mit Stille oder Fürbitten verbinden: Nach jeder Bitte kann ein Moment der Stille folgen oder kurze Fürbitten. Etwa: Nach „Dein Reich komme“ können konkrete Anliegen für Stadt, Gemeinde oder Welt eingefügt werden. Auf diese Weise wird das Vaterunser zum Rahmen für gemeinsames freies Gebet.

Was geschieht, wenn wir gemeinsam beten?

Gemeinsames Beten lehrt uns etwas Wichtiges: Glaube ist nie nur privat. Wenn wir unsere Stimmen im Vaterunser vereinen, begegnen wir gemeinsam unserem Vater im Himmel. Wir beten nicht als isolierte Individuen, sondern als Teil des weltweiten Leibes Jesu. Wenn der eine schwach ist, trägt der Glaube des Bruders oder der Schwester dessen Gebet mit. Wenn die Worte fehlen, verleiht das gemeinsame Beten des Vaterunsers unserer Seele und unserem Geist einen Ausdruck, der sich mit dem der anderen Beter vereint.

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So trägt das gemeinsame Beten des Vaterunsers zur Stärkung der Zugehörigkeit und des Miteinanders bei.
Deshalb ist das Vaterunser nicht nur das Gebet der persönlichen Nachfolge, sondern auch das Gebet der gesamten Kirche. Es überwindet Konfessionen, Kulturen und Generationen. Wenn wir es beten, beten wir es immer in der Verbundenheit mit anderen, selbst dann, wenn wir dabei alleine sind. Denn irgendwo auf der Welt betet wahrscheinlich im selben Moment jemand dieselben Worte.

Rainer Harter ist Gründer des Gebetshauses in Freiburg. Er ist Autor der Bücher „Intimität mit Gott“, „Brannte nicht unser Herz?“, „Majestät“, „Die Gebetshausbewegung“ (alle SCM) und „Radical Love“ (Herder). Sein neuestes Buch heißt „Vater.unser. Eine faszinierende Wiederentdeckung“ und ist bei R.Brochhaus erschienen. Der Artikel ist ein gekürzter und bearbeiteter Auszug aus dem Buch.

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