Nicht nur in der Heiligen Nacht tut uns Stille gut. Gerade jetzt sollten Kirchen aufhören mit allem geschäftigen Tun und zur Stille zurückfinden, ist Pfarrer Sebastian Steinbach überzeugt.

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Stille. Dieses Wort. Ich höre es in letzter Zeit häufiger. Und es beschäftigt mich. Auf der einen Seite mag ich Stille. Es gibt viel zu wenig von ihr in meinem Leben – und auch in unserer Gemeinde. Obwohl wir uns auf einige wenige Dinge beschränken, die wir in unserer Gemeinde anbieten und tun, erlebe ich: Ehrenamtliche kommen müde und auf den letzten Drücker. Der Job. Die Familie. Verpflichtungen. Hobbys. Einladungen. Unsere Kirchengemeinderats-Sitzungen sind voll von Punkten, die unsere Kraft und unsere Konzentration brauchen. Mein Schreibtisch ist voll. Morgens in meiner Gebetszeit halte ich ein paar Minuten der inneren und äußeren Stille kaum aus: Ein Gefühl von Zeitverschwendung nagt an mir – schließlich tue ich nichts Produktives in diesen Minuten, nicht einmal Fürbitte. „Doch, doch …“, denke und sage ich: „Stille – super! Ist wichtig! Haben wir viel zu wenig!“

Stille: Nur nicht in mir

In dieser Hinsicht war der Corona-Lockdown zwischen März und Mai revolutionär. Unser Gemeindehaus: still(gelegt). Unsere Kirche: still(gelegt). Mein Reli-Unterricht: still(gelegt). Mein Konfi-Unterricht: still(gelegt). So viel Stille überall um mich herum. Nur leider nicht in mir drin. In mir wirbelten und riefen alle möglichen Gedanken durcheinander: „Wie um alles in der Welt feiern wir jetzt Ostern?“ „Was braucht meine Gemeinde jetzt?“ „Was ist jetzt als Kirche unser Auftrag?“ „Wie können wir digitaler werden?“ „Wie funktioniert überhaupt Gemeindearbeit digital?“ „Ist das der Beginn einer Erweckung? Oder die Beschleunigung unseres Niedergangs?“

Ich habe versucht, Corona geistlich zu verstehen und zu deuten. Ich habe mit Kollegen gesprochen. Und so viel Zeitung gelesen wie möglich. Um mich herum mag Stille gewesen sein, in mir dagegen war es laut und unruhig. Lauter und unruhiger noch als sonst. Und dann ging es ja auch schon wieder los mit der neuen Normalität: Gottesdienste waren wieder möglich – aber nur unter strengen Auflagen. Wir haben Schutzkonzepte geschrieben, uns mit Gruppen unregelmäßig draußen getroffen, mal dies probiert und mal das versucht. Jetzt im zweiten Halbjahr experimentieren wir: Wie viele Präsenzveranstaltungen braucht unsere Gemeinde? Was geht digital? Wie kommen wir als Gemeinde durch den Winter? Unsere Veranstaltungen werden kürzer und kälter. Müssen wir Kirche neu denken? Neu erfinden? Aber wenn ja: wie?

Stille: Können wir uns nicht leisten?

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Ich empfinde einen inneren Druck. Einerseits war das nun zu Ende gehende Jahr für mich (und für uns von der Gemeindeleitung) ein emotional, geistig und geistlich zutiefst anstrengendes Jahr. Ich habe wohl noch nie zuvor so viel Neues in so kurzer Zeit ausprobiert und gedacht. Gleichzeitig haben wir als Kirchengemeinde in diesem Jahr deutlich schlechter „abgeliefert“ als sonst. Unsere großen Leuchtturm-Veranstaltungen: abgesagt. Unsere Kinder- und Jugendgruppen: über ein halbes Jahr auf Eis gelegt. Wichtige Gottesdienste: abgesagt oder digitalisiert oder kurz und knapp runtergefeiert, um innerhalb der Corona-Zeitvorgaben zu bleiben. Wir hatten kein Kirchcafé mehr und keine gemeinsamen Mittagessen. Ich werde die Sorge nicht los, dass einige aus unserer Kerngemeinde langsam „austrocknen“. Und dass wir den Kontakt zu einer Reihe von „Halbdistanzierten“ immer mehr verlieren. Ich empfinde immer noch und wieder Druck.

Stille? Können wir uns nicht leisten! Es muss weitergehen! Immer weiter! Wir müssen weiter nachdenken und weiter ausprobieren! Weiter tun, was wir können! Nicht nachlassen! Oder? Mich beschäftigt der Text „AUF-HÖREN“, ein Zwischenruf des Evan­gelischen Jugendwerks, des Netzwerks churchconvention (in dem auch ich vertreten bin) und des Pfarrergebetsbundes.

Wir glauben: „Die Corona-Krise ist nicht nur eine Art Zwangspause, sondern ein Kairos voll heiliger Verunsicherung. Niemand weiß, wie genau es weitergehen wird in unserem Land, in der Gesellschaft und Wirtschaft, in der Jugendarbeit und in der Kirche. (…) Darum wollen wir uns von Gott unterbrechen lassen und ‚AUF-HÖREN‘. Wir wollen AUF- HÖREN im Sinne von Beenden und Stoppen: Wir wollen aufhören, uns primär von Angst und Sorgen leiten zu lassen. […] Wir wollen aufhören mit hektischer Betriebsamkeit und einem Immer-Weiter nur unter veränderten Bedingungen. […] Wir fragen uns: Was von dem, was wir getan haben und tun, hat seinen Ursprung wirklich in Gott? Wo hat sein Heiliger Geist uns geleitet? Wo hat seine Liebe uns motiviert? Haben wir Gott gefragt, uns mit ihm abgestimmt? Wir wollen uns daran erinnern lassen, dass Krisenzeiten für das Volk Gottes immer auch Zeiten waren, das eigene Handeln zu bedenken und umzukehren. Wir möchten deshalb neu lernen, AUF Gott zu HÖREN: Wir wollen eine neue innere Haltung entwickeln, die offen ist für die Leitung Gottes. Wir wollen uns darin üben, sensibel zu sein für das leise Reden und Wehen des Heiligen Geistes. Wir glauben, dass wir dazu eine neue Spiritualität in Gremien und Gruppen brauchen. Eine Spiritualität, die uns in ein verletzliches Fragen vor Gott hineinführt. Eine Spiritualität, die nicht aus sich selbst heraus ‚funktioniert‘, sondern darauf angewiesen ist, dass Gott sich ereignet, dass Gott redet, dass sein Heiliger Geist unser Denken und Handeln erfüllt. Hierfür brauchen wir in unseren Sitzungen neue Freiräume. Für eine solche Offenheit braucht es entsprechendes ‚Handwerkszeug‘. Es braucht Strukturen und Ideen, wie wir als Gremien und Gruppen in ein ‚Hören‘ vor Gott finden und anschließend gemeinsam dem Gehörten auf die Spur kommen. Hier wollen wir experimentieren und lernen. Zugleich geht es um mehr als um Liturgien und Gebetsentwürfe für Gremien und Gruppen. Es geht um eine innere Haltung. Es geht darum, dass wir uns prägen lassen von Gottes Heiligem Geist. Und es geht darum, dass uns dies eine Perspektive für unser Handeln und Leiten gibt.“

Stille: Aufhören lernen

Bisher habe ich versucht, diesen Text zu leben inmitten all des Lauten in mir und um mich. Aber mehr und mehr merke ich: Ich glaube, ich muss noch viel mehr AUF-HÖREN. Ich habe bisher (außerhalb meines Urlaubs) nicht einen einzigen Tag lang aufgehört, mir Gedanken um die Zukunft von Kirche und unserer Kirchengemeinde vor Ort zu machen. Ich wälze diese Frage in Sitzungen und im persönlichen Gebet. Ich lese unter dieser Perspektive Zeitungen und Zeitschriften (christliche und weltliche). Ich höre innerlich einfach nicht auf, es wird einfach nicht still in mir.

Um auf Gott zu hören, brauche ich mehr Stille und weniger Betriebsamkeit. Um auf Gott zu hören, brauche ich mehr Gelassenheit und weniger Arbeit. Um auf Gott zu hören, muss ich mehr wahrnehmen und weniger selberdenken. Mehr sein und weniger tun. Um auf Gott zu hören, brauche ich mehr Vertrauen und weniger Angst (um die Kirche). Nur: Wie um alles in der Welt kriege ich das hin?


Diesen Artikel schrieb Pfarrer Sebastian Steinbach aus Hirsau (www.gemeinde.hirsau.elk-wue.de) zuerst für das Magazin 3E. 

3E erscheint regelmäßig im SCM Bundes-Verlag, zu dem auch Jesus.de gehört. 

 

 

6 DIREKT-KOMMENTARE

  1. Dazu die Einladung unseres HERRN JESUS CHRISTUS:

    „Kommt her zu Mir, alle ihr Mühseligen und Beladenen, und Ich werde euch Ruhe geben.
    Nehmt auf euch Mein Joch, und lernt von Mir, denn Ich bin sanftmütig und von Herzen
    demütig, und ihr werdet Ruhe finden für eure Seelen; denn Mein Joch ist sanft und Meine
    Last ist leicht.“
    Schriftstelle aus Elberfelder Bibel 1982/Mt. 11, 28-30

    Wollen wir Unruhige diese Einladung annehmen, oder weiterhin die „Macher“ sein, Mühselig bleiben, d. h. „selig in unserer Mühe“?

    KaRo

  2. Stille vor Gott ist notwendig

    Stille vor Gott ist notwendig. Da gebe ich Pfarrer Sebastian Steinbach vollständig recht. Für eine so von ihm gesehene Entschleunigung ist die Corona-Pandemie wie jede andere Krise eine Möglichkeit, lange eingelaufene Wege zu verlassen. Oder auch zur Quelle zurück zu gehen, zu den Kernkompetenzen von Christ*innen und Gemeinden. Ich bin auch zutiefst davon überzeugt, dass wir als Glaubende, örtliche Gemeinden und weltweite christliche Kirchen viel lernen können. Vor allem auch die Erfahrung gemacht zu haben, dass eine Realpräsenz im Gottesdienst überhaupt nicht selbstverständlich ist, aber auch nicht Gesundheit und allgemeine Wohlfahrt. Die vielen aus der Not geborenen Netzgottesdienste wurden und werden von engagierten Menschen phantasievoll sowie sehr liebevoll vorbereitet, oft mit wunderbarem Gesang und der Coronaabstandsregelung zelebriert und man sieht man den Gesichtern an, dass ihr Tun aus dem Herzen kommt.

    Aber es gibt leider – auch ganz konkret – Gemeindesituationen, in denen es schon lange keine Kerngemeinde mit Gruppen, Kreisen und Treffs mehr gibt, was manchmal ausgeglichen wird durch übergemeindliche Angebote. Allerdings die konkrete
    Gottesdienstgemeinde ist am Sonntagsvormittag in Nicht-Coronazeiten auf ein klägliches Häuflein von zwei Dutzend Seelen geschrumpft. Die hier kommen sehen selten einen (Vor)Konfirmanden in der Kirchenbank. Die überwiegend Älteren sind davon überzeugt, dass sie die letzte Generation Gottesdienst verkörpert. Aber dies bleibt leider zumeist unausgesprochen.
    Es existiert leider der Schlaf der Sicherheit, aus dem man erweckt werden möchte, wenn man geistlich nicht schon ganz tot oder komatös ist. Die wenigen Ehrenamtlichen arbeiten sich fast zu Tode, weil es zu wenige gibt, die mit Hand anlegen. Dass dies die Frau oder den Mann am Altar nicht hoffnungsfroh macht und zu besonders guten Predigten führt, stelle ich einmal dahin. Es gibt einen gut funktionierenden Test zum Erkennen von Predigtqualität: Wenn du dich zuhause am Sonntag nicht mehr daran erinnerst, was der Theologe sagte, wird das nicht nur am eigenen Gedächtnisproblemen liegen. Gegen Kirchenschlaf hilft auch kein rückenunfreundliches Gestühl, sondern die Fähigkeit zu einer intelligenten und frohmachenden Nachricht. Seelsorge und Predigt sind Kernkompetenzen, nicht aber Verwaltungsmanagement. Das können andere besser.

    Jedenfalls gibt es so einen Schlaf der Sicherheit, einen Routinebetrieb und niemand muss sich in gesunden Zeiten wundern, dass die Leute mit den Füßen abstimmend nicht kommen und lieber einen Fernsehgottesdienst sehen – oder eher auch nicht. Nun könnte und sollte man hoffen – und auch beten – dass durch den wiederholten Lockdown wieder so etwas wie eine innere Widerstandskraft gegen die Geistlosigkeit generiert wird, vielleicht auch wieder mehr Stille und Kontemplation. Vielleicht wird man auch gemeinsam sich wieder nach den normalen und dann besser besuchten Gottesdiensten sehnen, den schönen Konzerte der Singschule oder den Angeboten der Citykirchenarbeit, sodass nach den Wüstenzeiten dank Corona ein Aufbruch geschieht. Aber diesbezüglich bin ich eher in der Rolle des ungläubigen Thomas.

    Wir brauchen an vielen Stellen einen Aufbruch, ein Zurück in die Zukunft, das Wehen des Heiligen Geistes und dass das himmlische Bodenpersonal diesem keine Knüppel zwischen die Beine wirft. Ich glaube nicht, dass Gott uns mit einer Pandemie bestraft. Aber er verhindert sie nicht, damit wir vielleicht aufwachen wie Dornröschen und das ganze Schloss, aber hoffentlich nicht wie im Märchen nach einhundert Jahren. Gott wirkt zwar alles im allem, aber wegen unserem Freien Willen können wir verhindern – auch mittels Faulheit – dass sich die Dinge grundsätzlich ändern. Dass die Karawane weiterzieht, reicht nicht.

  3. Wir haben die Dez|Jan Ausgabe unserer Gemeindezeitung (Evang. Lydiagemeinde in Frankfurt am Main) auch mit „Stiller Advent“ betitelt. Treffender kann man diese besondere Zeit in 2020 aus meiner Sicht auch nicht betiteln.

  4. Stille, das ist ein gutes Motto, Zeit des Nachdenkens im Advent, erwarten unseres
    Herrn Christi.

  5. Stille kann man auch in der Gemeinschaft unter gleichgesinnten Christen haben. Die Gemeinde Jesu lebt von der Gemeinschaft untereinander. Gerade zum Weihnachtsfest gehören wir deshalb gemeinsam unter das Wort “ Er wurde Fleisch und wohnte unter uns“ Wer sich das nehmen lässt muss sich selber prüfen ,inwieweit Glaube und Vertrauen in den gekreuzigten und auferstandenen Herrn Jesus Christus vorhanden ist,oder ob es besser wäre, dem Mainstream folge zu leisten.


    [Natürlich lebt die Gemeinde von Gemeinschaft. Aber wir lehnen es ab, Glaube & Vertrauen gegen das Einhalten der Corona-Bestimmungen auszuspielen und Rücksicht mit fehlendem Vertrauen gleichzusetzen. MfG, das Jesus.de-Team]

    • Du meinst, es ist ein Dienst an Gott und ein Zeichen für die Nachfolge Jesus, Gemeindemitglieder und andere ggf. zu infizieren, dass sie erkranken oder gar sterben, nur um gemeinsam singen o.ä. zu können?
      (was ja schon in mehreren Gemeinden so passiert ist)

      Wenn Du meinst, dass es das ist, wofür Jesus steht, haben wir beide offensichtlich sehr unterschiedliche Bibelfassungen.

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