Out of the Box – Weil wir wunderbar gemacht sind
Die Kolumne von Tom Laengner

Wie gemütlich lebt es sich auf Messers Schneide?

Wie verhalte ich mich, wenn das Leben auf der Kippe steht? Aufgrund eines Hollywood-Streifens denkt Tom Laengner über diese Frage nach. Der leidgeprüfte Dichter Paul Gerhardt ist für ihn ein Vorbild.

Wer beständig auf seinen Ohren sitzt, braucht ein ziemlich kleines Hinterteil. Und unter aller Sau zu leben, empfände ich als eine Herausforderung für meine Geruchsorgane. Und auf Messers Schneide? Also, ich muss da nicht hin. Ich habe mir mal einen Film gleichen Namens angeschaut. Da setzte sich Anthony Hopkins mit einem Grizzlybären auseinander. Für den Riesenbären ging es entgegen aller Erwartungen nicht gut aus. War unterhaltsam, aber vorhersehbar. Hopkins musste wohl wegen seines hohen Honorars länger durchhalten. Hat er auch gemacht.

Riskant zu leben geht nicht immer gut aus

Im echten Leben wird nichts aus wohligem Schaudern, wenn das Leben auf Messers Schneide steht. Radrennfahrer nehmen das in Kauf. Das birgt ein Risiko und geht nicht immer gut aus. Bei der Baskenlandrundfahrt im April stürze Jonas Vingegaard grauenvoll. Der dänische Profi hatte mit 26 Jahren bereits zweimal in Folge die Tour de France gewonnen. Über 3344 Kilometer fuhr er einen Schnitt von 42,03 km/h. Aber Unfälle passieren. Vingegaard rauschte mit einigen anderen Fahrern bei einer kurvigen Abfahrt in einen Betongraben. Schlüsselbein, Rippen und Lunge müssen stationär behandelt werden.

Die Straßenmusiker von Staff Benda Bilili aus Kinshasa in der Demokratischen Republik Kongo bringen es auf den Punkt: „Das Leben überwältigt dich ohne Vorwarnung.“ Ja, so sieht es wohl im Leben aus. Im Lied der durchweg polio-geschädigten Musiker war das sogar positiv gemeint: „Ich habe bislang auf Pappe geschlafen“, singt Papa Ricky Likabu, „Aber dann hatte mir das Leben Glück geschenkt. Ich konnte mir eine Matratze kaufen.“ Manche Menschen sehen als Segen, was wir im deutschsprachigen Raum als menschenunwürdig betrachten könnten. Wir denken uns ein Anrecht auf ein komplett eingerichtetes Schlafzimmer. Nach Schätzungen der Weltbank lebten 2022 etwa 1,2 Milliarden Menschen in Slums. Dort herrschen Verhältnisse, die in Leipzig oder Hamburg den Tierschutz alarmieren würden. Doch in Lagos oder Mumbai träumen viele Menschen von einer unverschimmelten Matratze.

Vorbereitet sein für den Katastrophenfall?

Manche denken, man könne sich gut für den Ritt auf der Messerklinge vorbereiten. Zu ihnen gehören die Prepper. Das sind Leute, die dauerhaft auf das Schlimmste vorbereitet sein wollen. Sie wappnen sich beispielsweise, indem sie sich mit Gütern eindecken, die im Katastrophenfall ihr Überleben sichern sollen. Für mich schlösse das ein, mich ständig mit Katastrophen auseinandersetzen zu müssen. Ich weiß nicht, ob das Misstrauen und Angst mehr schürt als Zuversicht und Lebensfreude. Doch im Sinne der Prepper stellt auch das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe Überlegungen an. Auf seiner Webseite klärt die Behörde leicht sichtbar darüber auf, wie ich mich in einem Verteidigungsfall verhalten soll oder mit meinen Kindern über den Krieg rede. Solange ich noch kann, würde ich eher versuchen das zu verhindern, anstatt mich darauf vorzubereiten. Auf Messers Schneide lebt es sich gefährlich. Auch ich habe da inzwischen ein paar Erfahrungen.

Nun horte ich weder Lebensmittel, noch mache ich Schießübungen. Einer meiner Lehrmeister für das Leben auf Messers Schneide ist ein Experte aus eigener Erfahrung. Sein Name ist Paul Gerhardt. Dieser sächsische Dichter und Theologe durchlebte Pestzeiten und den kompletten 30-jährigen Krieg. Der kostete im 17. Jahrhundert jeden Dritten das Leben (Zum Vergleich: Im Zweiten Weltkrieg starben etwa zehn Prozent der Bevölkerung). Seine Eltern verlor Gerhardt als Jugendlicher. Drei seiner Kinder starben als Babys. Zweimal wurde er seines Amtes enthoben. Sein Gewissen war stärker als die Anweisungen der kurfürstlichen Regierung. Und in diesen hammerharten Zeiten schreibt der Mann Lieder wie ‚Geh aus mein Herz und suche Freud‘ und auch ‚Befiehl du deine Wege‘. Wenn Gerhardt Fahrt aufnahm, dann kam er durchaus auf mehr als zehn Strophen. In einer davon heißt es:

„Ihn, ihn lass tun und walten,
er ist ein weiser Fürst
und wird sich so verhalten,
dass du dich wundern wirst,
wenn er, wie ihm gebühret,
mit wunderbarem Rat
das Werk hinausgeführet,
das dich bekümmert hat.“

Das sind steile Aussagen! Aber eines habe ich inzwischen gelernt:

Wenn das Leben auf der Kippe steht, hilft es nicht, sich selber etwas einzureden. Auch wenn ich mich dabei sehr anstrenge. Also bin ich bereit, Paul Gerhardts Gedanken über das Leben mit Gott ernst zu nehmen. Wie der Mann das gemacht hat, versuche ich gerade herauszufinden. Ach übrigens: wer sich leicht auf die Palme bringen lässt, merkt bald, dass er die falsche Entscheidung getroffen hat. Oben angekommen, hält man es nicht lange aus.

Out of the box - weil wir wunderbar gemacht sind

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Tom Laengner

Tom Laengner ist ein Kind des Ruhrgebiets. Nach 20 Jahren im Schuldienst arbeitet er journalistisch freiberuflich und bereist gerne afrikanische Länder. Darüber hinaus arbeitet er als Sprecher für Lebensfragen und Globales Lernen.

In seiner Kolumne „Out of the Box – Weil wir wunderbar gemacht sind" schreibt er alle 14 Tage über Lebensfragen, die ihn bewegen.

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1 Kommentar

  1. Sogar Jesus hatte große Angst vor der Kreuzigung

    „Wie verhalte ich mich, wenn das Leben auf der Kippe steht“? So eine richtige Antwort vermag wohl niemand zu geben, nicht Tom Laengner und eigentlich – worauf die Kolumne hinausläuft – auch der bekannte Liederdichter Paul Gerhardt nicht. Der schreibt: „Ihn, ihn lass tun und walten, er ist ein weiser Fürst und wird sich so verhalten, dass du dich wundern wirst, wenn er, wie ihm gebühret, mit wunderbarem Rat, das Werk hinaus
    geführet, das dich bekümmert hat“!

    Damit will der Kirchenliederdichter Gerhardt wahrscheinlich sagen: Gott wird alles richten und am Ende wird alles gut. Nun: Dies glaube ich vollkommen. Spätestens im Ewigen Leben wird Gott alle unsere Tränen abwischen. Denn wir können – bis wir zum Ziel des Lebens kommen – nie tiefer fallen als in die geöffneten Hände Gottes. Aber trotzdem leben wir auf des Messers Schneide. Es ist auch gar nicht wirklichkeitsfremd, für den Fall einer ganz großen Krise, auch eines Krieges, Vorsorge zu treffen. Also auch Vorräte anzulegen. Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe klärt als Behörde leicht sichtbar darüber auf, wie ich mich in einem Verteidigungsfall verhalten soll.. Wenn die Kriegsgefahr so marginal wäre, eigentlich also nur theoretisch, müssten nicht Milliarden in die Verteidigung investiert werden und der Verteidigungsminister oder der Bundeskanzler würden nicht sagen: Putin kann in seinem Wahn sehr schnell auf die Idee kommen einfach ein Stück vom Baltikum sich noch zu vereinnahmen. Dabei sehen die Fachleute für denkbare globale Katastrophen nicht den Wahnwitz von den Mächtigen im Fordergrund der Bedrohungen, sondern die viel größere Chance, von des Messers Schneide herunterzufallen: Durch einen Krieg lediglich aus Versehen, wegen menschlichem Irrtum, oder Fehlfunktion der entsprechenden KI. In der alten Sowjetunion sollen beinahe die Atomraketen gestartet sein, weil ein fehlgeleitetes Computerprogramm dies anzeigte. Derjenige der den roten Knopf nicht drückte, wurde wegen der Nichtbefolgung von Befehlen zuerst bestraft und anschließend mit einem großen Orden behängt. Er hatte – oder durch ihn Gott – den Zivilisationsuntergang verhindert.

    Nun vertraue ich auf Gott. Aber ich und wir alle – obwohl nicht wahnwitzig und auch nicht im Katastrophenmodus – sind nicht dünner betucht wie Jesus selbst. Der vor seiner Kreuzigung imense Ängste hatte und noch nach seiner Hinrichtung betete „mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen“! So endet die Geschichte nicht, denn Jesus wirft sich (als Messias erst der Juden und dann der Menschheit), Gott in die Arme. Am Ende kommt dann die Auferstehung. Also: Durch Ängste, wenn sie denn vorhanden sind, müssen wir durch. Also durch den dunklen Tunnel, an dessen Ende Licht ist. Will sagen: Vorhandene Ängste verdrängen: Auf keinen Fall. Ängste zulassen: Auf jeden Fall. Umgang mit Ängsten: Darüber reden, beten und sich Gott (notfalls) in die Arme werfen. Die erlebten Pestzeiten und der Dreißigjährige-Krieg von Paul-Gerhardt, die ihn beim Dichten deutlich noch traumatisiert erscheinen lassen, helfen uns nicht. Es ist auch nach dem 1. Weltkrieg nicht alles gut gegangen, denn danach sind noch mehr Leute an Hunger und Krankheit gestorben als im ganzen Weltkrieg. Nach dem 2.Weltkrieg: War auch nicht alles gut. Viele Städte lagen in Trümmern, die heimkehrenden Soldaten traumatisiert, die Nazis bekamen oft wieder neue Stellen und am schlimmsten war: Über 6 Millionen jüdische Menschen hatte der Antichrist Hitler vergast oder anders zu Tode gebracht, dazu noch viele Menschen die sexuell anders waren, seelisch erkrankt, als Teenager stärker in der Pubertät, Sinti oder Roma angehörten, anderen Parteien, oder weiter selbst nachdachten und Meinungen äußerten. Es war und ist nicht alles gut. Denn heute sind erneut wieder Menschen mit Steinzeitgedanken unterwegs, um alle Probleme zu lösen. Allerdings war die Steinzeit friedlicher. Einer der am Boden lag, wurde dort oft verschont. Die 10 Gebote waren bekannt, bevor sie bekannt waren.

    Aber das Kreuz, an dem Jesus starb und danach auferstand, bleibt in dieser Welt – noch eine Weile lang. Wir müssen es noch ertragen. Dies zu schaffen, dazu brauchen wir Gottes Segen. Nur das Kreuz bringt Erlösung. Denn die böseste Spezie auf Erden ist der Menschen und Auschwitz läßt grüßen. Jedenfalls ist es ermutigend, dass viele Menschen in Deutschland sich von Ewiggestrigen nicht mehr den Verstand rauben lassen.Wer allerdings selbst Gewalt sät, oder Flüchtlinge nicht mehr im Mittelmeer retten will, der nagelt Jesus (sinnbildlich) erneut an sein Kreuz.

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