Wege zum Glauben verlaufen selten geradlinig, folgen aber oft bestimmten Mustern. Wie Gemeinden darauf reagieren sollten.
Von Johannes Zimmermann
Vor wenigen Wochen kam ich beim Kirchenkaffee nach dem Gottesdienst mit einer Frau ins Gespräch, die berichtete, dass sie im Alter von 42 Jahren zum Glauben gefunden habe. Das hat mich neugierig auf ihre Glaubensgeschichte gemacht und sehr bewegt, denn es ist alles andere als alltäglich, Menschen zu begegnen, die davon offen erzählen. Viele Glaubensgeschichten beginnen in der Kindheit oder Jugend. Bei manchen ist es eine mehr oder weniger kontinuierliche Entwicklung, bei anderen kann es durchaus vorkommen, dass sie es mit einem bestimmten Erlebnis in Verbindung bringen und von ihrer „Bekehrung“ erzählen.
Aber wie ist es bei Erwachsenen? Der Tübinger Religionspädagoge Prof. Dr. Karl Ernst Nipkow schrieb 1990: „Das … alte Denkmodell eines gestuften kontinuierlichen Aufbaus, der auf in der Kindheit zu legenden Grundlagen aufruht, ist allein nicht mehr tragfähig. Es ist durch das Modell eines je neuen Anfangs zu jedem Lebenszeitpunkt und an jedem Ort zu ergänzen“. (Karl Ernst Nipkow, Bildung als Lebensbegleitung und Erneuerung, Gütersloh 1990, 40-41)
Der Zug ist noch nicht „abgefahren“
Es gibt kontinuierliche, aber zunehmend auch diskontinuierliche Verläufe in Glaubensgeschichten. Dass Menschen der Glaube im Verlauf des Lebens abhandenkommt, kommt leider vor – aber, Gott sei Dank, auch das andere: Menschen finden im Erwachsenenalter zum Glauben, halten sich zu einer Gemeinde, steigen in die Mitarbeit ein und erzählen fröhlich von dem, was ihr Leben erfüllt. Bei Menschen, die noch nicht getauft sind, sind es zugleich Wege hin zur Taufe. Auch in der Landeskirche gibt es Erwachsenentaufen, bei denen Menschen sagen können: „Ich sage Ja zu dir, denn du sagst dein Ja zu mir“ (Gerhard Schnitter).
Auch im Erwachsenenalter ist der Zug zum Glauben keineswegs „abgefahren“. Krisen und Umbrüche im Leben können zu „Einstiegsstellen“ werden: Etwa ein Umzug, die Geburt eines Kindes oder eine Trennung. Das ist Grund zur Hoffnung in einer Situation, in der in der Kirche Wahrnehmungen des „Schrumpfens“ dominieren.
„Muster“ von Glaubenswegen
Darüber hinaus gibt es auch immer wiederkehrende „Muster“ von Glaubenswegen. Bei einer Untersuchung haben wir in einem Team drei Typen unterschieden (die sogenannte Greifswalder Konversionstypologie):
- Da sind zunächst Menschen, die aus dem engeren Umfeld der Gemeinde kommen und sich zur Kirche halten. Irgendwann geht es ihnen auf, was Glaube bedeutet, sie werden ihres Glaubens gewiss, etwa im Rahmen eines Kurses zum Glauben. „Vergewisserung“ haben wir diesen Typ genannt.
- Der zweite Typ, die „Entdecker“, sind Männer und Frauen, die in ihrer Kindheit und Jugend Berührungen mit der Kirche hatten, etwa durch Religions- und Konfirmandenunterricht. Danach haben sie sich in mehr oder weniger großer Distanz zur Kirche bewegt. Wenn sie festgefahrene Ansichten über Glauben und Kirche haben, kann es eine Hilfe sein, wenn sie Gemeinde erfrischend anders erleben, etwa in neuen Gottesdienstformen. Immer wieder kommt es vor, dass sie Gelegenheiten zum „Einstieg“ in die Gemeinde und zum Glauben finden.
- Dem dritten Typ nannten wir „Lebenswende“. Es sind Menschen, die von ganz außen kommen, häufig sind sie konfessionslos. Hier braucht es oft einen langen „Anmarschweg“. Mit zunehmender Entfernung zur Gemeinde und zum Glauben werden sie kaum von Einladungen zu Veranstaltungen erreicht. Dann sind Menschen wichtig, die sie auf ihrem Lebens- und Glaubensweg begleiten. Es sind oft Menschen aus dem näheren Umfeld wie Familienangehörige, Nachbarn, Freunde, Kolleginnen und Kollegen, die für die Betroffenen etwas „bedeuten“.
Natürlich lassen sich nicht alle einem dieser drei Typen zuordnen – Gottes Wege mit Menschen sind vielfältig und immer individuell. Aber die Typologie kann eine Hilfe sein, im Blick zu behalten, dass für Menschen in ganz unterschiedlichen Situationen Glaubenswege beginnen können.
Gottes Wirken und der „menschliche Faktor“
Geeignete Veranstaltungen sind das eine, wichtig sind vor allem Personen. Darüber hinaus ist es auch eine Frage an Gemeinden: Dass mehr Menschen kommen, ist ein allgemein verbreiteter Wunsch. Wenn jedoch das Anliegen, dass Menschen zum Glauben finden, ernst gemeint ist, muss es Folgen haben: Es braucht „Einstiegsstellen“, Angebote, den Glauben „fest“ zu machen. Weiter ist es wichtig, dass Menschen nicht nur dann willkommen sind, wenn sie bereits ein hohes „Glaubenslevel“ vorweisen können, sondern erfahren, dass sie mit ihren Fragen und Zweifeln willkommen sind. Sie begegnen anderen, die ihren Glauben glaubwürdig leben und spüren, dass es nicht darum geht, leere Kirchenbänke zu füllen oder neue Kirchensteuerzahler zu generieren. Sie erfahren, dass es um sie persönlich geht. In der Zuwendung anderer Menschen wird die Zuwendung Gottes erfahrbar. Sie sind anderen Menschen wichtig, weil sie für Gott wichtig sind.
Wo Menschen zum Glauben finden, ist Gott am Werk. Gottes Wirken verbindet sich dabei mit dem „menschlichen Faktor“. Der Soziologe Franz Xaver Kaufmann formuliert es so:
„Wenn es zutrifft, dass Wertorientierungen nur über die Identifikation mit Gruppen oder Personen erworben werden können, so gibt es aus erfahrungswissenschaftlicher Sicht eigentlich nur zwei Wege, um zu einem in theologischer Hinsicht qualifizierten Glauben zu gelangen: entweder die länger dauernde Einbindung in religiös motivierte Gruppen oder die Identifikation mit Personen, die als Vorbilder erfahren werden“. (Franz Xaver Kaufmann, Religion und Modernität, Tübingen 1989, 226).
Ich bin überzeugt, dass Sie, liebe Leserinnen und Leser, sich in dieser Aussage wiederfinden können. Meist ist es kein „entweder – oder“, sondern ein „sowohl – als auch“ von Personen und Gruppen.
Prof. Dr. Johannes Zimmermann ist Dekan des Kirchenbezirks Vaihingen-Ditzingen und Gastdozent am Albrecht-Bengel-Haus. Von 2004 bis 2010 war er Theologischer Studienleiter am Institut zur Erforschung von Evangelisation und Gemeindeentwicklung in Greifswald.
Dieser Artikel erschien zuerst in der Zeitschrift Theologische Orientierung (Ausgabe 219 „Kirche mit Mission“). Die Veröffentlichung auf Jesus.de erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Albrecht-Bengel-Haus e. V.
Das könnte Sie auch interessieren:


Der Glaube ist wie der lange Weg ins Gelobte Land
Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass unser aller Fundament des christlichen Glaubens, viel mehr ist als nur die Summe seiner Lehre. Aber Glaube nicht, wie viele andere Religionen, hier widerspruchsfreie Erklärung der Welt wäre. Denn Glauben erlebe ich als großes Vertrauen in Gott. Wie er beginnen kann, etwa durch eine existenzielle Erfahrung, oder ein Hineinwachsen in ihn wie in einen längerfristiger Prozess der Annäherung, ist so individuell wie jene Straßen, die sprichwörtlich alle immer nur nach Rom führen, direkt oder über Umwege. Als etwa fünfjähriges Kind hat mich mein Opa, ein sehr frommer Mann und zugleich bereits in Hitlers unseligem Reich überzeugter Sozialdemokrat, zwangsläufig sonntags in die schöne evangelische Martinskirche leider hat spontan mitnehmen müssen. Ich hatte mit guten Absichten versucht, unserer lieben Katze den Bart zu kürzen und Oma Minna dadurch leider erschrocken ihre Kartoffeln versalzte. Dann wurde aus mir ein Besucher des Kindergottesdienstes und zugleich begeisterten mich die wunderbar erzählten Jesusgeschichten einer dazu prädestinierten Lehrerin. Ich blieb über jener Schwelle der Konfirmation so hinaus, wie durch ein Wunder, regelmäßiger Stammgast im Gottesdienst, der meist nur uralten Männer. In jener konservativen Adenauerzeit waren die guten Hausfrauen eher mit Herd und Küche verbunden, sonntags weniger mit Gott.
Aber in einer großen inneren Not und mit in den Himmel regelrecht gerufenen Frage „Gott, wo bist du – gibt es dich wirklich“?, lenkte hier mein Leben aber radikal in eine Richtung eines gefühlten inneren Gelobten Landes. Ich empfand dies damals so, als werfe ich mich Gott wirklich einfach in seine Arme. Als ich dies 2-3 Wochen später verdrängt hatte, luden mich über ein totales Zufallsprinzip 2 junge Leute, obwohl wir uns niemals kannten, zufällig zum Ev. Jugendkreis ein. Da machte es in meinem Kopf irgendwie ganz laut „Klick“, ich wuchs jetzt wirklich in meine Kerngemeinde hinein, erlebte die christliche Gemeinschaft und dies war individuell wie eine wirkliche „geistliche Neugebur“. Hier aber im Rückblick scheint mir mein fast 60jähriger Weg im Reich Gottes wie jene Wegstrecken zu sein, welche die Israeliten dort mit Abraham und Moses ins Gelobte Land in langen 40 Jahren zurück legten. Gepflastert auch mit Wüsten, engen Tälern, lichten Höhen und ebenso Abkehr und Heimkehr als Verlorener Sohn, oder als Verlorenes Schaf. Eine Wegstrecke, gepflastert mit Brüchen, die aber auch für meinen Glauben als wirkliches erprobtes Gottvertrauen notwendig sind, damit er sich ausdehnen konnte. Ich bin überzeugt, dass auch Christinnen und Christen sich stets immer wieder häuten, um jenen Weg so ins Paradies (Gelobtes Land) fortzusetzen. Es ist immer ein schwerer Lebensvollzug, der selbstkritisch sein könnte, aber auch Vernunft und so Eigenverantwortlichkeit benötigt. Allerdings habe ich auf diesem Weg die Leidenschaft meines Hobbys, alles über das unendliche Universum zu lesen, verbunden mit jener Mühe, beide Realitäten – der christlichen Vorstellung von unserer Welt – uns unserem modernen Weltbild – möglichst so zu vereinen. Die Unendlichkeit der Schöpfung Gottes machte mir bewusst, wie groß unser Schöpfer aller Dinge ist, zugleich Schatten über meiner rechten Hand. Es
gibt keine größere Sicherheit als das Bewusstsein, dass ein Gott völliger Liebe sowie unendlicher Macht, mich niemals fallen lässt
Ich habe auch (erst) mit 52 Jahren zum lebendigen Glauben an Jesus Christus gefunden. Personen haben dabei nur insofern eine Rolle gespielt, als ich damals „zufällig“ in eine Sendung von ERF Plus reingeschaltet hatte, die mich angesprochen hat und mich meinen bisherigen Weg bzw. meine „Suche“ überdenken ließ. Es folgte eine Web-Recherche zum christlichen Glauben, Austausch in einem christlichen Forum (livenet.ch – inzwischen geschlossen), ein Alphakurs, Teilnahme an einem Hauskreis, Taufe und Mitgliedschaft in einer freikirchlichen Gemeinde. – Ich hätte nie gedacht, dass ich mich einmal als „Christ“ bezeichnen würde…
Ich finde es immer schön, wenn sich jemand bewusst für seinen Glauben entscheidet und dieser eben nicht anerlernt oder nur reingeboren ist. Insofern sehe ich es sogar eher positiv, dass Du erst mit 52 zu Deinem Glauben gefunden hast.
Hast du dir eigentlich auch Alternativen (christliche wie nichtchristliche) damals angeschaut oder lief es dann eher geradlinig dorthin, wo du jetzt bist?
Lieber Stefan,
vielen Dank für dein wunderbares Zeugnis. Halleluja! Es ist so ermutigend zu sehen, wie Gott Menschen ganz unterschiedlich begegnet und Wege findet, Herzen zu erreichen, selbst dann, wenn man es am wenigsten erwartet.
Der HERR hat mich kurz vor meinem 39. Geburtstag in meiner tiefsten Depression bekehrt. Er hat mich auf die Knie gebracht – und danach noch tiefer in eine Art „Wüste“ geführt, in der ich lernen durfte, mich ganz von seinem Wort zu nähren.
Obwohl ich in einer tiefgläubigen Familie aufgewachsen bin, bin ich mein ganzes Leben vor Jesus weggerannt und habe ihn sogar gehasst. Es ging so weit, dass ich kaum mit meinen Eltern oder Geschwistern sprechen konnte, weil ich die Gegenwart des Heiligen Geistes nicht ertragen habe.
Und bis heute kann ich kaum begreifen, warum der HERR jemanden mit so einem sündigen Leben wie meinem erwählt hat, um ein Gefäß seiner Gnade zu werden – und nicht eines, an dem sich sein Zorn zeigt. Aber genau das macht seine Gnade für mich umso größer.
Deine Geschichte macht mir Mut und bestätigt mir: Es ist wirklich nie zu spät. Danke, dass du das so offen geteilt hast!
Ich sehe da keinen Widerspruch zwischen den im Artikel genannten Zugängen zum Glauben und dem Wirken des Heiligen Geistes, ich stimme dem Satz voll zu: „Wo Menschen zum Glauben finden, ist Gott am Werk. Gottes Wirken verbindet sich dabei mit dem „menschlichen Faktor“.
@Seltsam:
Nun haben Sie natürlich den Satz im Artikel ausgewählt, der noch am meisten Gottesbezug hat.
Aber sogar dieser Satz sagt nicht, dass das entscheidende Handeln von Gott kommt.
Insgesamt ist der Artikel schon sehr auf das Handeln der Menschen ausgerichtet.
Ich habe durchaus geschrieben, dass Aussagen von Menschen zu Analysen und Methoden usw. auch nützlich sein können.
Jedoch sollte man meines Erachtens beachten, dass das entscheidende Handeln von Gott kommt und nicht von Menschen!!!
Liebe Grüße
Aku
Tut mir leid, aber ich sehe immer noch keinen Widerspruch und teile die Skepsis nicht.
Im Artikel heißt es ja „…In der Zuwendung anderer Menschen wird die Zuwendung Gottes e r f a h r b a r. Sie sind anderen Menschen wichtig, weil sie für Gott wichtig sind…´“ und eben: „…Wo Menschen zum Glauben finden, i s t Gott am Werk. Gottes Wirken v e r b i n d e t sich dabei mit dem „menschlichen Faktor“. Das sind ja nicht nur Methoden, es geht um den Weg zum Glauben hin. Der Weg, der von Gott eröffnet und erst ermöglicht wird. Und er wird eben – wie im Artikel ausgeführt – durch Menschen, durch Gruppen erfahrbar. Darin handelt e r , aber wir Menschen sollen diesen Weg eben auch gehen. Aus meiner Sicht steckt „…dass das entscheidende Handeln von Gott kommt und nicht von Menschen…“ da ja schon drin. Aber Gott nimmt den Menschen nicht die Freiheit, er will, dass wir den Glauben ergreifen, bzw. uns von Gott ergreifen lassen. Der Artikel schaut auf diesen Weg, der uns möglich gemacht wird von Gott. Aus Ihre Sicht scheint darin nicht ausdrücklich genug das entscheidende Handeln Gottes sichtbar zu werden. Diese Ihre Sichtweise wird sicher so bleiben, ist eben eine andere Sichtweise.
@Seltsam:
Natürlich ist meine Meinung im Prinzip genauso subjektiv wie Ihre.
Außerdem habe ich eine komplementäre Aussage gemacht und keinen Widerspruch.
Liebe Grüße
Aku
Der Herr Jesus Christus sagte direkt vor seiner Himmelfahrt:
Ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen, wenn er auf euch kommen wird, und werdet meine Zeugen sein in Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien und bis an das Ende der Erde.
(Apostelgeschichte 1:8)
Während Petrus noch diese Worte redete, fiel der Heilige Geist auf alle, die dem Wort zuhörten. (Apostelgeschichte 10:44)
Damit Menschen Sündenvergebung und ewiges Leben im Frieden mit Gott als Gnade Gottes erhalten, braucht es in der Regel den Heiligen Geist bei den Zeugen des Evangeliums und bei den Empfängern des Evangeliums!!!
Wobei Ausnahmen die Regel bestätigen und Teil des souveränen Handelns Gottes sind!!!
Aussagen von Menschen zu Analysen und Methoden usw. können auch nützlich sein.
Aber Christen müssen vor allem auf die Leitung und das Wirken des Heiligen Geistes achten!!!
Liebe Grüße
Aku