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Ist Rache wirklich süß?

Ja, oder nicht? Gerade deswegen fällt es uns so schwer, auf Vergeltung zu verzichten und von Herzen zu vergeben. Wie können wir es trotzdem schaffen?

Von Lina Ellert

Vergebung ist ein zentrales – wenn nicht DAS zentrale Thema der Bibel schlechthin. Jesus vergibt uns unsere Sünden, Gott vergibt dem Volk Israel, der Vater vergibt dem verlorenen Sohn. Immer wieder manifestiert sich Gottes Liebe zu uns in gnädiger Vergebung.

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So weit, so gut. Nun die Handlungsanweisung: Um Gott ähnlicher zu werden, sollen wir es ihm gleichtun. Als Petrus Jesus fragte, wie oft wir jemandem vergeben sollen, der uns verletzt hat, antwortete Jesus: Sieben mal siebzigmal (Matthäus 18, 21 ff.). Im darauffolgenden Gleichnis betont Jesus nicht nur die Wichtigkeit, sich gegenseitig zu vergeben, sondern auch, dass wir mit dem Maß gemessen werden, das wir an andere legen. Wenn ich jemandem Unglück wünsche, weil er in mein Auto gekracht ist, wird Gott mir vielleicht auch Unglück wünschen, wenn ich eines Tages Schuld an einem Unfall bin. Gott wendet also, zumindest in der Theorie, unsere eigenen Standards auf uns an. In unserem eigenen Sinne sollten wir also möglichst nachgiebig sein. So wie Jesus:

„Ich versichere euch: Einer von euch, der jetzt mit mir isst, wird mich verraten! Bestürzt fragte einer nach dem andern: Du meinst doch nicht etwa mich? Jesus antwortete: Es ist einer von euch zwölf, der mit mir das Brot in die Schüssel getaucht hat.“ (Markus 14,17-20)

Ich an Jesu Stelle, hätte mir nicht verkneifen können, auf Judas zu zeigen und laut zu rufen: „Und dieser jemand bist DU! Warum gibst du es nicht endlich zu?“ Jesus hingegen bringt seinem Verräter die demütigste aller Handlungen entgegen: Er wäscht ihm die Füße – und demütigt sich freiwillig vor jemandem, der dabei hilft, ihn umzubringen. „Denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig“ (Matthäus 11, 29), sagt Jesus über sich. Er bringt seinem Peiniger aktiv Liebe und Fürsorge entgegen.

Unerträgliche Nachteile

Mein Opa war kein gläubiger Mann, aber er fand die Bibel toll. Nur eine Stelle aus Matthäus 5 störte ihn:

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„Wehrt euch nicht, wenn euch jemand Böses tut! Wer euch auf die rechte Wange schlägt, dem haltet auch die andere hin! Wenn ihr vor Gericht erscheinen müsst und euer Hemd wird euch abgenommen, gebt euren Mantel noch dazu. Wenn jemand von euch verlangt, eine Meile weit mit ihm zu gehen, dann geht zwei Meilen mit ihm.“ (Matthäus 5,39-41)

Mein Opa war davon überzeugt, dass ein Mensch sich wehren muss. Warum dachte er das? Weil es in unserer Gesellschaft als notwendig und bewundernswert erachtet wird, sich nicht alles gefallen zu lassen. Es gibt viele heroische „Rachegeschichten“ – von Tarantino-Filmen bis hin zu griechischen Tragödien.

Der Unterschied zu fiktiven Racheakten wird jedoch deutlich, wenn man reale Beispiele betrachtet: Diese handeln selten von fairen Kämpfen, bei denen man einen langjährigen Streit von Angesicht zu Angesicht „aus der Welt schafft“. Reale Rache ist meiner Erfahrung nach eher heimlich und hinterhältig.

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Ein Beispiel, welches mir in Erinnerung geblieben ist, stammt aus meiner Grundschulzeit. Damals waren Freundebücher sehr angesagt. Die Freunde, denen das Buch ausgeliehen wurde, konnten darin einen Steckbrief über sich ausfüllen und ein Foto von sich auf die Seite kleben. So hatte man all seine Freunde – meist noch mit persönlichen Nachrichten ausgeschmückt – in einer Art Erinnerungsbuch. Eines Tages im Jahr 2008 beschuldigte Kind A ihre Freundin Kind B, Seiten aus ihrem Freundebuch gerissen zu haben. Kind B leugnete das. Daraufhin rächte sich Kind A, indem es das Freundebuch von Kind B in den Müllcontainer hinter der Schule warf.

Obwohl das nur ein Kinderstreit war, lässt sich hier, wie ich finde, ein Teil der menschlichen Natur erkennen: Selbst in Kindern ist schon das Bedürfnis nach Vergeltung verankert. Unsere Gesellschaft vermittelt uns: Der sicherste Weg, jemandem „eine Lektion zu erteilen“, ist anonym – denn so zeigst du zwar deine Grenzen auf, ziehst dich aber auch aus der Verantwortung. Kind B kann sich denken, dass Kind A ihr Freundebuch in den Müll geworfen hat, aber ihr fehlt der Beweis.

Damals dachte ich auch, Kind A hätte keine Wahl gehabt. Jemandem zu vergeben, war damals gleichbedeutend mit der Aussage: „Ich habe keine Grenzen. Macht mit mir was ihr wollt“.

Wer sich nicht durchsetzt, hat keine Zukunft. Oder?

Wer glaubt, diese Art von Vergeltung käme nur bei Kindern vor, für den habe ich ein Beispiel aus dem Universitätskontext. Der harte Konkurrenzkampf von Jurastudenten artet manchmal in berechnende und hinterhältige Intrigen aus, wie mir Freunde erzählt haben. In Großkanzleien gibt es nur sehr begrenzte Praktikumsplätze. Chancen haben nur Jurastudenten mit den besten Noten. Das jedoch löst oft Neidreaktionen der Kommilitonen aus. Deswegen gilt das ungeschriebene Gesetz, seine Hausarbeiten auf den Computern in der Bibliothek immer sofort auf einem USB-Stick zu speichern – sollte man nämlich kurz seinen Platz verlassen, wäre es nicht unwahrscheinlich, dass ein Kommilitone an den Computer geht und die komplette Arbeit löscht. Schließlich muss man die Zahl der Konkurrenten irgendwie minimieren. Denn: Wer sich nicht durchsetzt, hat keine Zukunft. Oder?

Vergebung als Luxus?

Auf der persönlichen Ebene geschehen ähnliche Dinge am häufigsten in Bezug auf Ex-Partner. Meistens geht es dabei um Menschen, die in ihrer Beziehung betrogen wurden. Um ihrer Wut Ausdruck zu verleihen, schlagen sie die Autofenster ihres Ex-Partners ein, bewerfen sein/ihr Haus mit Eiern oder teilen beleidigende Videos, in denen sie erzählen, wie schnell und einfach es ihnen gelungen ist, über ihren Ex-Partner hinwegzukommen.

Dass uns solche Racheaktionen bekannt und sogar klischeehaft vorkommen, zeigt nur, wie normal sie geworden sind. Der „Nachteil“ von Vergebung wäre hier: Ein fehlendes Ventil zur Schmerzverarbeitung, ein scheinbar verlängerter Heilungsprozess und ein angeschlagenes Selbstbewusstsein.

Aus Sicht der Gesellschaft ist Vergebung also ein Luxus, den wir uns eigentlich nicht leisten können. Ich erwische mich immer wieder dabei, wie ich mir bereits im Voraus schlagfertige Konter überlege, wenn sich das nächste Mal jemand bei Aldi an der Kasse vordrängelt. Und wenn ich einen Streit mit einer Freundin habe, schreibe ich alles, was mich an ihr nervt, mit akribischer Genauigkeit auf, um ihr dann im nächsten Gespräch alles auf einmal an den Kopf werfen zu können.

Die wahre Natur der Rache

Es gibt jedoch nicht nur gesellschaftliche Rahmenbedingungen und Erwartungen, die uns zur „Rache“ verleiten. Wir Menschen haben auch ein inneres Verlangen nach ihr. Der Gerichtsgutachter Prof. Dr. Reinhard Halle erklärt in einem Vortrag die psychologischen Hintergründe, die uns dazu bewegen – wie Jesus sagte – unsere Herzen zu verhärten und auf Rache zu sinnen.

In erster Linie ist Rache ein emotionaler Prozess, sagt Halle. Wenn wir gekränkt werden, erleiden wir einen unvorhergesehenen Kontrollverlust. Wir fühlen uns ohnmächtig oder angreifbar. Deshalb versuchen wir, sowohl unseren Selbstwert als auch unsere Kontrolle wiederzuerlangen. Es ist nachgewiesen, dass unser Handlungsimpuls dabei auch auf biologischer Ebene ansteigt: in Form von Adrenalinausschüttungen oder erhöhtem Puls, so Halle. Es erscheint uns, als wäre Vergeltung der einzige Ausweg.

Ich glaube, dass Vergebung diesen aktiven Handlungsimpuls genauso gut stillen kann. Wenn ich meinen „Feind“ vergebe, ihm helfe, ihn nett behandle und täglich für sein Wohlergehen bete, handle ich nicht mehr ohnmächtig, sondern erhalte die Kontrolle über die Situation zurück. Ich habe eine aktive Entscheidung getroffen, durch die ich Frieden finde. Außerdem bewegt ein hohes Maß an Freundlichkeit die andere Person nicht selten dazu, sich zu entschuldigen.

Wer von euch ohne Sünde ist

Ich habe versucht, andere mentale Stützen zu finden, die dabei helfen können, zu vergeben. Ganz wie Jesus uns gelehrt hat: „Wer von euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein“ (Johannes 8,7), oder: „Denn wie ihr über andere urteilt, wird man über euch urteilen. Warum regst du dich über den Splitter im Auge deines Nächsten auf, wenn du selbst einen Balken im Auge hast?“ (Matthäus 7, 2-3).

Denn: Rückblickend fällt mir zu fast jeder Situation, in der ich mich ungerecht behandelt gefühlt habe, mindestens eine Parallele ein, in der ich jemand anderem dasselbe und noch viel Übleres angetan habe. Das hilft mir, mich in mein Gegenüber hineinzuversetzen. Warum hat die Person so gehandelt? Kenne ich solche Situationen nicht auch aus meinem Leben? Beispielsweise habe ich mich oft über eine Freundin geärgert, weil sie in wichtigen Situationen nicht an ihr Telefon gegangen ist. Dabei können meine Eltern ein Lied davon singen, wie oft ich einen Anruf verpasse, weil mein Handy stumm geschaltet ist.

Auch wenn eine Person mich mit etwas verletzt, was ich selbst nie tun würde, wird der Splitter in ihrem Auge schnell unsichtbar, wenn ich auf meine eigene breit gefächerte Fehlerpalette blicke. Darunter sind sicherlich auch viele Dinge, welche die andere Person nie tun würde.

Gesunde Grenzen

Das bedeutet natürlich nicht, dass wir alles stumm hinnehmen müssen. Es gibt auch gesunde Wege, seine Grenzen aufzuzeigen: Etwa mit einem (oder mehreren) Gespräch(en).

Jesus sagte: „Wenn dir ein Bruder unrecht getan hat, geh zu ihm und weise ihn auf seine Fehler hin“ (Matthäus 18, 15). Er betont, dass man seine Verletzung nicht in sich hineinfressen und verdrängen soll. Wir dürfen unsere Mitmenschen (nett) kritisieren.

Falls die andere Person uneinsichtig ist und wiederholt ungerechtes Verhalten an den Tag legt, besteht die Möglichkeit, sich von ihr zu distanzieren und den Kontakt abzubrechen.

Dabei beschreibt Jesus sogar, wie viel Mühe wir uns machen sollen, bevor wir wirklich den Kontakt zu einer Person abbrechen (erst mit zwei Personen konfrontieren, dann vor der Gemeinde etc.). Aber irgendwann ist Schluss: „Wenn die Gemeinde dir Recht gibt, aber der andere auch dieses Urteil nicht anerkennt, dann behandelt ihn wie einen, der Gott nicht kennt, oder wie einen bestechlichen Steuereinnehmer“ (Matthäus 18, 17)

Vergebung und Gebet

Es ist wichtig, Menschen zu vergeben, mit denen man sich nicht versteht. Ich kann weiterhin für diese Person beten und ihr alles Gute für die Zukunft wünschen, ohne ihr nah zu sein. Im Idealfall habe ich viel versucht, um mit ihr auszukommen – aber das heißt nicht, dass es immer gelingt. Es ist normal, sich mit manchen Menschen einfach nicht zu verstehen.

Zwar spricht Jesus in der oben genannten Bibelstelle von einem Mitchristen, aber ich persönlich meine, hier auch eine generelle Anweisung in unseren Umgang mit Menschen lesen zu können. Konkret: Hol dir andere Personen dazu, prüfe ob du nicht vielleicht übertreibst und wenn mehrere andere Personen dir Recht geben, und du keine andere Möglichkeit mehr siehst, ist es okay, den Kontakt mit einer Person abzubrechen.

Einen letzten Punkt möchte ich noch anmerken: Es ist viel schwerer, eine Verletzung zu verarbeiten, die man noch nicht verziehen hat. Ich erlebe es bei zerstrittenen Brüdern, deren Weihnachtsfeiern unter einer dunklen Wolke stattfinden oder bei Freunden, die alte Fotos behalten, aber seit Jahren nicht mehr miteinander sprechen. Vergebung macht es viel leichter, die Vergangenheit loszulassen und den Blick nach vorne zu richten.

Auch wenn ich mich bei Konflikten überwinden musste, jemandem zu verzeihen, hat es sich immer wieder gelohnt. Jesus selbst hat es mir gezeigt.

Lina Ellert ist Volontärin bei Jesus.de und MOVO.

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