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Wie das Ehrenamt die Kirche wieder lebendig macht

Brauchen wir keine Hauptamtlichen mehr? Pfarrer Felix Eiffler sieht das Potenzial in Ehrenamtlichen – nicht als „Mini-Pastoren“, sondern als Befähigte, die Verantwortung übernehmen und Kirche mit Leben füllen.

Rüdiger Jope: Eine deiner Grundthesen lautet: Kirche wird einladend und missional, wenn sie neu eine Freude am Evangelium entdeckt. Wie kann das gehen? Und warum braucht es Freude?

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Es geht um das Gleichnis vom Schatz im Acker oder von der Perle. Menschen stoßen dort zufällig oder nach langem Suchen auf einen Schatz, das Reich Gottes, das Evangelium. Dies löst große Freude in ihnen aus. Dabei entdecken sie: Für diesen Acker, für diese Perle lohnt es sich alles zu geben. Kirche wird einladend und missional, wenn Menschen die Schönheit des Evangeliums, die Zuwendung Gottes entdecken. Die Freude am Evangelium ist die Grundvoraussetzung für alles Tun, für alles Leben in der Kirche. Diese Freude ist ein wesentlicher Motor für Veränderungen in der Kirche.

Wie kann diese Freude überspringen, ja multipliziert werden?

Indem Pfarrpersonen Kirchenmitglieder befähigen und bevollmächtigen, Verantwortung für die Gestaltung ihres Glaubens und ihrer Gemeinde zu übernehmen, Empowerment vor Ort leben.

Du warst auf einer Studienreise in England, hast dort in der anglikanischen Kirche das Projekt „Myriad“ (Gemeindepflanzung) entdeckt. Was verbirgt sich dahinter?

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Die Church of England will 10.000 neue Gemeinden pflanzen und einige tausend sind bereits gegründet. Die Grundidee dahinter ist: Wir brauchen kleinere Formate von Gemeinden. Kirche lebt vor allem in Hauskreisen, Nachmittagstreffen, in Beziehungen. Sonntags 10:00 Uhr zum Gottesdienst ist für manche mühsam, aber wir treffen uns auf einer Decke am Nachmittag im Garten der Kirche und feiern Gottesdienst im Stil von Kirche Kunterbunt. Wir gründen und leben Gemeinde in ganz vielen Facetten ohne Hauptamtliche. Die Anglikanische Kirche ermutigt gezielt sogenannte „Everyday Christians“ – also Menschen ohne Amt und Auftrag – Verantwortung für diese Gründungen zu übernehmen.

Was bedeutet dies für die Rolle der Hauptamtlichen?

Die Aufgabe von Hauptamtlichen ist es dann, begabte Menschen zu identifizieren, zu ermutigen und zu fördern. Ganz viele von denen, die in den geistlichen Neugründungen Verantwortung übernehmen, hätten vorher gesagt: Das kann ich nicht! Die Hauptamtlichen übernehmen dort die Aufgabe der Mentorin, des Mentors. Sie versprechen den Ehrenamtlichen: Ich unterstütze dich bei dieser Aufgabe. Ich helfe dir, in diese Aufgabe hineinzuwachsen. Das ist eine spannende Rollenverschiebung. Hierzu bietet die Anglikanische Kirche den Hauptamtlichen Befähigungskurse an, denn die dazu nötigen Fähigkeiten lernen Theologinnen und Theologen im Studium häufig nicht: das Empowerment anderer!

Derzeit wird ja überall zusammengelegt oder netter ausgedrückt kooperiert. Und jetzt in der schwierigen Situation auch noch etwas Neues wagen, Aufgaben delegieren, mit der angeblichen Verheißung von Empowerment um die Ecke kommen. Hat das nicht ein Geschmäckle?

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(lacht) Ja und Nein! Ja, die Gefahr ist da, dass Ehrenamtliche jetzt als Notnagel herhalten sollen. Nein, denn die Idee aus England basiert darauf, dass den Ehrenamtlichen nicht alle Aufgaben einer Gemeinde aufgebürdet werden. Sie werden nicht als Minipastoren ausgebildet, die dann einen agendarischen Gottesdienst leiten sollen. Im Gegenteil, sie sollen als glaubende Menschen befähigt werden, ihren Alltag gemeinschaftlich und geistlich zu gestalten und Räume für Begegnungen zu eröffnen: Begegnungen miteinander und mit Gott.

Was könnte dieses Konzept für die Arbeit in unseren kirchlichen Strukturen bedeuten?

Eine Pfarrperson auszubilden dauert ultralang, ist irrsinnig teuer und Pfarrpersonen sind ein Flaschenhals in der kirchlichen Entwicklung. Wenn wir dementsprechend Ehrenamtliche befähigen, geht dies viel schneller. Es ist preiswerter. So der englische Pragmatismus.

Das ist aber ein sehr pragmatischer Gedanke, der in vielen Kirchenämtern sicher begeistert aufgenommen wird …

(lacht) Richtig, er atmet auf den ersten Blick etwas Widersprüchliches. Doch mein Eindruck ist: Die Anglikanische Kirche hat diese Gefahr im Blick. Ihr geht es gerade nicht darum, die geistliche Arbeit kostengünstig abzuwälzen, sondern vielmehr darum, Menschen in ihrer geistlichen Berufung vor Ort zu unterstützen. Die Initiative stellt sich die Frage: Wie können wir Frauen und Männer in ihrer intrinsischen Motivation, in ihrer Selbstwirksamkeit und Nachfolge fördern? Wie können wir sie unterstützen, dass sie beim monatlichen Treffen auf der Decke hinter der Kirche etwas Geistliches weitergeben können?

Gibt es im deutschen Bereich schon etwas von diesen Mikrogemeinden oder ist das nur eine
universitäre theoretische Denkfigur?

Hier stehen wir in Deutschland eher noch am Anfang. Aber es gibt bereits Initiativen, die einer ähnlichen Logik folgen: zum Beispiel die verschiedenen landeskirchlichen Innovationsprogramme, die in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) und der Evangelischen Kirche im Rheinland (EKiR) Erprobungsräume heißen. Aber auch die Bewegung Kirche Kunterbunt könnte man hier nennen.

Muss dafür die Verantwortung für geistliches Leben nicht noch viel mehr in ehrenamtliche Hände gelegt werden?

(leidenschaftlich) Unbedingt! Die Forderung, dass die zehn Christen im Dorf XY gemeinsam ohne Hauptamtliche das Abendmahl feiern können, gibt es schon sehr lange. Es gibt hier in der EKM Gemeinden, zu denen gehören um die zwanzig Kirchtürme. Die Pfarrstelle ist seit Jahren vakant. Können wir dort Ehrenamtliche nicht bitten und fördern, in dem Ort, in dem sie leben, geistliche Verantwortung zu über­nehmen?

Was würdest du Hauptamtlichen sagen im Blick auf das Konzept?

Hauptamtliche müssen den Mut und die Weisheit haben, die Menschen in den Blick zu nehmen, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen. Es gilt, Frauen und Männer gezielt zu befähigen und zu bevollmächtigen. Ehrenamtliche brauchen ein robustes Mandat, Freiheit und die Zusage, dass die Hauptamtlichen als Backup zur Verfügung stehen.

Brauchen wir dafür mehr Überzeugungstäter?

Wir brauchen Frauen und Männer, die vom Evangelium ergriffen sind, die den Lebensstil „Frohbotschaften“ praktizieren und die das, was sie vom Evangelium her berührt und angesprochen hat, in Wort und Tat umsetzen.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Dr. Felix Eiffler ist evangelischer Theologe und Pfarrer in der mitteldeutschen Kirche.



Dieses Interview ist im kirchlichen Ideenmagazin 3E erschienen. 3E gehört wie Jesus.de zum SCM Bundes-Verlag.

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1 Kommentar

  1. Speisung der 5000 im Jahr 2040

    „Die Church of England will 10.000 neue Gemeinden pflanzen und einige tausend sind bereits gegründet. Die Grundidee dahinter ist: Wir brauchen kleinere Formate von Gemeinden. Kirche lebt vor allem in Hauskreisen, Nachmittagstreffen und Beziehungen. Sonntags 10:00 Uhr zum Gottesdienst ist für manche mühsam, aber wir treffen uns auf einer Decke am Nachmittag im Garten der Kirche und feiern Gottesdienst im Stil von Kirche Kunterbunt. Wir gründen und leben Gemeinde in ganz vielen Facetten ohne Hauptamtliche. Die Anglikanische Kirche ermutigt gezielt sogenannte „Everyday Christians“ – also Menschen ohne Amt und Auftrag – Verantwortung für diese Gründungen zu übernehmen. Können wir davon etwas lernen? In manchem Gemeindebrief, wenn es denn einen gibt, kommt man auf 1-2 Taufen im Vierteljahr, wenn überhaupt. Die zumeist 18Jährigen treten aus, sie wollen Geld sparen und keine Kirchensteuer: „Sie können mit Glauben nichts mehr anfangen“! Nun könnte man zurecht sagen, was auch stimmt: Sie sind wirklich viel ehrlicher.

    Ich glaube nicht, dass die Leute früher frömmer waren, sie sind eher konservativer gewesen nach dem Motto „aus der Kirche tritt man nicht aus“! Heute kein Thema mehr. Das hat aber zur Folge, daß für eine helfende Kirche immer mehr auch Geld fehlt, die Berufschristen vor fast leeren Bänken predigen, ein Routinebetrieb aufrecht erhalten wird und manch einem depressive Gedanken kommen. Die Kerngemeinde kommt abhanden und es sitzen im Gottesdienst in meiner jetzigen Heimat meist nur 13 Leute, oder auch mal nur noch sechs. Da fehlen alle Gruppen und Kreise, ein fleißiges kleines Häuflein könnte dem ironisierten Bild vom Hamsterrad gleichen, wo immer die Gleichen arbeiten. Zu Events ist die Kirche voll, dies ist gut. Aber es ist nicht jenes so wichtige Markengeschäft, in der die beste Botschaft im Universum unter die Leute gebracht wird, wo wir wie Geschwister zusammenkommen, das Licht der Welt innerlich erwärmt und die Tankstellen für Seelen viele Leute anlocken, weil man sich da so gut aufgehoben erfährt. Ist es bei den Freien Kirchengemeinden anders? Sie klagen eher hinter vorgehaltener Hand, dass bei ihnen auch Luft raus ist. Jesus hat auch nur mit 2-3 Mitarbeitern angefangen. Auch vor einer Weltreise folgt immer der allerste Schritt.

    Auch vor 50 Jahren waren die als konservativ angesehenen Jesuiten teilweise mit revolutionären Gedanken unterwegs – in einer Zeit nach der Kirchensteuer – wo alles kleiner, aber feiner, privater, enger und doch sehr weit geöffnet im Herzen sein könnte. Es war die Prophetie ganz vieler ökumenischer Gruppen, wo Menschen Glauben exemplarisch leben, sogar einige eine zeitlang mit armen Menschen. Sie sind dort, wo die Menschen leben, arbeiten, ihre Freizeit verbringen und Urlaub machen, also auch an den Hecken und Zäunen der Städte. Kirchen für alle hohen Feiertage, schöne Konzerte und auch Orgelmusik bleiben. Als dann im Jahre 2040 sich keine Bank mehr am Sonntag füllte, hatte man den großen Platz davor genutzt, Bänke aufgestellt, man beteiligt die gern Gekommenden an der Gestaltung der Sonntagsfeier: Es geht familiär zu – auch im Park, alle sitzen auf Decken im Gras. In kleinen Orten feiern die Menschen Küchengottesdienste, oder liebevoll vorbereitete Gartenpartys. Das kann attraktiv werden, weil die vielen hellen Leuchtfeuer wie das Salz in der Suppe der Gesellschaft sind. Wo man gemeinsam Lasten trägt, die Vergebung wieder zur Kultur macht und jeder seine Ideen einbringt. Am Sonntag könnte jeder etwas mitbringen zum Essen und Trinken und dann wäre es wie bei der Speisung der 5000: Ein riesiger Event auf dem Marktplatz und mitkochen ist nicht nur erlaubt, sondern gewünscht. Wir schließen neue Freundschaften mit Menschen, die diesen auch völlig neuen Lebensstil bewundern. Dennoch behaupten die üblichen Bedenkenträger, daß dies reine Utopie sei. Nein: In Wien gibt es jeden Sonntag eine riesige Gemeinde auch von deutlich mehr als 100 Teilnehmern, die nach dem Gottesdienst gemeinsam essen, aus allen Kulturen und vielen Küchen

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