Kaum jemand hat die christliche Musikszene in Deutschland so sehr geprägt wie Manfred Siebald. In diesem Jahr wird der Mann mit der Gitarre 70, aber ans Aufhören denkt er noch lange nicht.

Herr Siebald, kann ich schon gratulieren – oder liegt Ihr Geburtstag noch in der Zukunft?

Manfred Siebald: Das hat noch Zeit: Ich werde erst im Oktober 70 Jahre alt.

Was Ihre Lehrtätigkeit als Professor für Amerikanistik angeht, sind Sie schon seit sechs Jahren im Ruhestand. Haben Sie sich ganz von der Wissenschaft verabschiedet?

Nein, Ruhestand bedeutet ja nicht Stillstand. Deshalb arbeite ich noch mit, wo ich gebraucht werde, betreue weiter Master-Arbeiten und erstelle Gutachten. Ich halte auch jetzt gelegentlich noch Vorträge, habe einige Doktoranden und bin noch ein bisschen am Forschen: In den letzten Jahren habe ich mehrere wissenschaftliche Artikel veröffentlicht, und ein Buch ist fast fertig, das sich mit Musicals auf der Grundlage von literarischen Texten beschäftigt.

„Es ist ein wunderschön bewegter Ruhestand“

Manfred Siebald
Manfred Siebald (Bild: Wolfram S. C. Heidenreich)

Und ich leite immer noch meinen Chor aus Studierenden und Lehrenden. Er heißt „The Authentic Voices“ (Die authentischen Stimmen) und entstand vor 20 Jahren. Einmal im Jahr geben wir ein großes, immer überfülltes Weihnachtskonzert. Aber auch im Sommersemester üben wir jeden Donnerstag – einfach so aus Freude. Ich bin jetzt sozusagen im Darf-Modus statt im Muss-Modus und kann mir sinnvolle Tätigkeiten aussuchen und sie selbst takten. Es ist ein wunderschön bewegter Ruhestand.

Auch als christlicher Liedermacher sind Sie weiterhin sehr aktiv. Bleibt daneben Zeit für Muße?

Was ich jetzt unternehme, geht nicht über meine Kräfte und macht mir einfach Freude. Weil ich nicht mehr von Montag bis Freitag meinen Dienst ableisten muss, habe ich größere Flexibilität. Früher konnte ich die Konzerte nur an den Wochenenden geben. Und bei größeren Touren, wie zum Beispiel nach Südafrika, Sri Lanka oder Brasilien, habe ich normalen Erholungsurlaub beantragt. Das ist jetzt sehr viel lockerer. Ich kann leichter Einladungen annehmen, um zum Beispiel auf Kreuzfahrten Musik zu machen.

„Wenn es sinnvolle Arbeit ist, dann ist sie für mich ein Genuss“

Aber meine Frau und ich achten auch sehr darauf, dass wir zwischendurch Phasen der Ruhe haben. Dann tue ich sowas von nichts: Sitze im Gärtchen und schaue substantielle Löcher in die Luft. In so einer Phase sind wir jetzt gerade. Wir sind einfach Dorfbewohner und Gemeindeschafe. Allerdings gibt es auch da Aufgaben. Gestern habe ich zum Beispiel in unserer Gemeinde die Predigt gehalten. Aber danach habe ich eine gewaltige Mittagspause eingelegt.

Und welche Rolle spielt bei Ihrer Zeitplanung die Familie?

Wir haben einen Sohn, der Kinderarzt an der Frankfurter Universitätsklinik ist. Wir besuchen uns, so oft wir können, aber er hat natürlich durch seinen Beruf eine Menge an Verpflichtungen. In diesem Jahr waren wir zusammen in Korsika im Urlaub. Es hat richtig Freude gemacht, mit ihm Fahrrad zu fahren oder ihm beim Surfen zuzugucken.

Insgesamt habe ich aber den Eindruck, dass Sie sehr gerne aktiv sind …

Ja, ich arbeite gerne. Wenn es sinnvolle Arbeit ist, dann ist sie für mich ein Genuss.

Manfred Siebald (Bild: Wolfram S. C. Heidenreich)

Planen Sie eigentlich alles genau vor?

Ich plane meine Zukunft am liebsten nach der Bergpredigt: „Lasst den morgigen Tag für das Seine sorgen.“ Die Konzerte stehen aber schon anderthalb Jahre im Voraus im Internet. Meine Frau hat mit der Planung und mit der organisatorischen Begleitung dieser Konzerte alle Hände voll zu tun – und das ist genug an Planung. Im Verlauf eines Jahres bekommen wir zwischen 200 und 300 Anfragen, um die ich mich überhaupt nicht bemühen muss. Ich habe mich noch nie irgendwo eingeladen, sondern lasse das auf mich zukommen.

Sie haben einmal gesagt, dass Ihre Eltern Ihnen ein Vorbild fürs Älterwerden waren. Was fanden Sie so vorbildlich an Ihren Eltern?

Sie waren schon früher ein Vorbild für mich, vor allem darin, wie sie ihren Glauben lebten. Aber gerade auch in Bezug auf das Älterwerden haben sie meine Frau und mich sehr geprägt. Sie haben sich gegenseitig wunderbar ergänzt in ihren Begabungen und Begrenzungen. Zum Schluss war meine Mutter faktisch blind, aber sie war das Gehör für meinen stark hörbehinderten Vater, und umgekehrt war er das Auge für sie. Wir wünschen uns, dass wir das ähnlich tun können, wenn wir einmal derart eingeschränkt sind. Altersbedingte Einschränkungen kann ich subjektiv noch nicht melden, bin aber realistisch genug zu erwarten, dass sie noch kommen. Ich freue mich einfach noch an jedem klaren Gedankengang, jedem Hörgenuss und allen schönen Anblicken, und an jeder Bewegung beim Joggen und beim Fahrradfahren – und danke Gott täglich dafür.

Meine Eltern waren mir aber auch Vorbild darin, dass sie bis ins hohe Alter Interesse an ihrer Umgebung und an anderen Menschen hatten – vor allen Dingen an Hilfsbedürftigen, an Fremden, an Einsamen, an zweifelnden Menschen. Meine Frau und ich wünschen uns für den Rest unseres Lebens, dass unser Leben möglichst nicht eng wird, dass wir uns nicht nur auf unsere eigenen Bedürfnisse konzentrieren.

Inzwischen sind 22 Studioalben von Ihnen erschienen. Fliegen Ihnen die Ideen für neue Texte einfach zu?

Irgendwie schon, aber man muss dann auch willens sein, an zugeflogenen Einfällen zu arbeiten. Mein kleines schwarzes Notizbuch füllt sich jetzt schon wieder mit einfachen Gedankensplittern, mit Bildern, mit Zeilen, mit Melodien. Manche von diesen Gedanken werden gar nicht zu Liedern, sondern zu Kurzgeschichten. Ich sage immer: Das Leben ist voller Lieder. Die Bibel ist voller Lieder. Man muss sich nur ein bisschen bücken, um sie aufzuheben.

Finden Sie alle Ihre Lieder weiterhin gut? Haben Sie Lieblingslieder?

Wie gut sie sind, müssen wahrscheinlich andere beurteilen. Lieblingslieder? Oft liegen mir einfach die neuesten Lieder am meisten am Herzen. Aber es gibt auch Lieder, die so eine Art Kopfkino starten, weil ich mich plötzlich genau an die Begegnung erinnere, die dem Text zugrunde liegt, an irgendein Erlebnis oder an ein Gebet, das ich irgendwann zum ersten Mal gesprochen habe und das mich dann zum Schreiben gebracht hat. Und dann sind es natürlich die vielen Geschichten und Briefe und Mails, in denen Hörer mir erzählen, wie ein bestimmtes Lied sie zum Glauben an Christus begleitet oder ihnen durch ein dunkles Tal geholfen hat.

Gerade in der letzten Woche habe ich einige Lieder wieder ganz besonders lieb gewonnen, weil mir Leute zum Beispiel davon erzählt haben, wie bestimmte Texte ihnen eine Stütze gewesen sind, als bei ihnen schwere Krankheiten diagnostiziert wurden. Vorgestern kam ein Video an, in dem ein zweijähriger Junge in North Carolina in den USA ganz laut zu der Musik von der CD das Lied „Danke, dass du da bist“ singt. Mir geht natürlich das Herz auf, wenn ich so etwas sehe – und dann liebe ich dieses Lied wieder besonders. Aber ich stehe eigentlich zu allen meinen Liedern.

Im Herbst kommt unter anderem eine Sammlung Ihrer Liedtexte heraus. Sind darin alle Lieder enthalten, die Sie geschrieben haben?

Das Buch enthält zunächst mal die Texte von meinen 22 Studioalben. Wenn ich ein Album zusammengestellt habe, habe ich meistens darauf geachtet, dass die Texte dieser zwölf bis vierzehn Lieder zusammenpassen und ein Konzept bilden. Dabei habe ich eine ganze Reihe Lieder ausgelassen. Deswegen gibt es in diesem Buch auch das Kapitel „Ausgelassene Gesänge“. In diesem Buch stehen aber auch viele Texte, die ich für musikalische Kolleginnen und Kollegen und für Chöre geschrieben habe. Nicht ins Buch aufgenommen habe ich eine Reihe von Übersetzungen, die ich einmal maßgeschneidert für eine vorhandene Melodie geschrieben habe, aber die ohne diese Melodie irgendwie in der Luft hängen. Dafür habe ich aber ein Verzeichnis erstellt, in dem die Bibelstellen gelistet sind, die den Texten zugrunde liegen. Das ist vielleicht für Pastoren oder für Hauskreisleiter ganz hilfreich, die einen Bibeltext auszulegen haben.

Manfred Siebald
Manfred Siebald (Bild: Wolfram S. C. Heidenreich)

Sie haben mal gesagt, dass Sie drei Lieder schreiben und zwei davon wieder verwerfen. Holen Sie die verworfenen irgendwann doch nochmal hervor?

Das klingt so, als würde ich drei in sich geschlossene Lieder schreiben und dann zwei wegwerfen. Nein, so läuft das nicht. Aber ich habe oft einfach so viele Strophen geschrieben, dass man daraus drei Lieder machen könnte. Für mich ist ein Text wie ein Kreuzworträtsel: kein Wort zu viel, kein Wort zu wenig und jedes Wort an der richtigen Stelle. Die allermeisten meiner Lieder haben das Evangelium zum Inhalt, und deswegen gebe ich mir größtmögliche Mühe, damit sie mit dem Evangelium harmonieren, damit sie in sich stimmen, damit sie auch den Regeln der Poetik genügen und trotzdem noch lebendig sind. Da bleibt auf dem Wege zum fertigen Lied alles auf der Strecke, was nicht genau hineinpasst.

Warum ist diese Liedtextsammlung gerade jetzt erschienen? Ihr Schaffen ist damit doch sicher nicht abgeschlossen.

Dadurch, dass ich noch sehr viel wissenschaftlich gearbeitet habe und mein Leben überhaupt, sagen wir mal, „wunderfurchtbar voll“ war, hatte ich bisher einfach nicht die Zeit, die Lieder früher in einem Buch zu sammeln. Und jetzt zum 70. Geburtstag hat der Hänssler Verlag die Idee gehabt, mir ein Geschenk zu machen: 22 Studioalben in einer Box und eine Liedtextsammlung – sozusagen als gigantisches Booklet.

Aber Sie haben völlig recht: Abgeschlossen ist meine Arbeit im Augenblick sicher noch nicht. Eine Gesamtausgabe dürfte eigentlich erst nach meinem Tod herauskommen – aber ich fühle mich im Augenblick noch sehr lebendig.

Was planen Sie für die Zukunft?

Ich schreibe still vor mich hin und schaue, ob und wann es ein weiteres Album geben wird. Mich drängt ja kein Verlag und keine wirtschaftliche Notwendigkeit dazu, schöpferisch tätig zu sein, denn ich hatte und habe durch meinen universitären Beruf genug zum Leben. Die Einnahmen aus den Konzerten gehen seit 50 Jahren alle in die Mission und in die Diakonie.

Ein langgehegter Wunsch ist aber, ein Album mit meinen englischen Liedern zu veröffentlichen. Danach werde ich immer wieder gefragt, vor allem, wenn ich in englischsprachigen Ländern singe. Vielleicht wird daraus nächstes Jahr etwas.

Vielen Dank für dieses Gespräch!

Die Fragen stellte Agnes Wedell, Redaktionsleiterin der Zeitschrift LebensLauf.


Dieses Interview ist zuerst im Magazin LebensLauf erschienen, das wie Jesus.de zum SCM Bundes-Verlag gehört.

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