Verlag: Gütersloher Verlagshaus
Seitenzahl: 352
ISBN: 978-3-579-07176-3

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Klaus Wengst: Wie das Christentum entstand

Die Entstehung des christlichen Glaubens aus dem Judentum ist eine historische Tatsache, die jahrhundertelang entweder „vergessen“ oder sogar bewusst umgedeutet wurde. Die ursprüngliche Gruppe der Jesusnachfolger bestand zunächst ausschließlich aus Juden oder dem Judentum nahestehenden Personen (Proselyten), die ebenfalls wieder hauptsächlich gebürtigen Juden die Botschaft des Evangeliums weitergaben (Apg. 2,14 und 11,19). Erst nach einigen Jahren, insbesondere durch die Missionstätigkeit des Paulus, stießen auch die ersten Heiden hinzu, ohne zuvor zum Judentum übergetreten zu sein.

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Das Buch des emeritierten Theologen Klaus Wengst zeichnet die Entwicklung des „Christentums“ aus einer ursprünglich innerjüdischen Bewegung in den Jahren um 30-150 n. Chr. nach und nimmt dabei sowohl die Schriften des biblischen Kanons als auch einige spätere christliche Werke in den Blick. Besonders im ersten seiner drei Blöcke arbeitet er überzeugend die jüdische Prägung der ersten Jesusnachfolger heraus, die keinesfalls die Absicht hatten, diese Wurzeln bewusst zu kappen oder das traditionelle Judentum in Misskredit zu bringen, wie etwa das Wirken des Jakobus, Halbbruder von Jesus, in Jerusalem verdeutlicht. Verfolgt man diese Gedanken konsequent weiter, war eben Stephanus nicht der erste christliche Märtyrer und auch Paulus ist nicht „zum Christentum konvertiert, sondern bleibt auch nach seiner Bekehrung Jude.

Der zweite Block, der sich den Bruchstellen zwischen 70 (Zerstörung Jerusalems durch die Römer) und 100 n. Chr. (Entstehung der Offenbarung) widmet, ist allerdings deutlich stärker von der klassischen historisch-kritischen Theologie geprägt, die auch zahlreiche kanonische Schriften vergleichsweise spät datiert und angeführte Autorenschaften teilweise abstreitet („Pseudepigraphie“). So wird leider auch bestimmten biblischen Aussagen einmal mehr Antijudaismus unterstellt (etwa Matthäus 27,25), obwohl dies m. E. eher an der Wirkungsgeschichte bestimmter Stellen liegt als an der Absicht der (jüdischen!) Autoren. Indem schließlich im 3. Block, der die Zeit zwischen 100 und 150 n. Chr. untersucht, die kanonischen „Pastoralbriefe“ des Paulus an Timotheus und Titus neben zwei außerkanonische Schriften (1. Clemensbrief und Barnabasbrief) gestellt werden, wird letztlich die Begründung schwieriger, warum die einen Schriften heute Bestandteil der Bibel sind und die anderen nicht, da der Autor eben auch die Pastoralbriefe in die Zeit nach der Jahrhundertwende datiert, was mich persönlich nicht überzeugt, auch wenn dies anscheinend weitgehender Konsens in der universitären Theologie sein soll.

Das Buch behandelt ohne Frage ein wichtiges Anliegen, setzt allerdings, auch wenn es nicht grundsätzlich an ein theologisch geschultes Publikum gerichtet ist, eine mehr oder weniger gründliche Kenntnis der Kirchengeschichte voraus, in der sich die beschriebenen Bruchstellen dahingehend auswirkten, dass die Kirche zunehmend in ein antisemitisches Fahrwasser geriet, das erst im 20. Jahrhundert überwunden zu sein scheint. Dies deutet der Autor lediglich in Vorwort kurz an. So hätte dem Buch, obwohl es sich durch eine gründliche, wenn auch durch das Fehlen von Fußnoten nicht im engeren Sinne wissenschaftliche Herangehensweise auszeichnet, zumindest ein kurzer kirchengeschichtlicher Abriss („Was waren die Folgen der Entwicklung im 2. Jahrhundert bis heute?“) gutgetan. Auch heutige Kontroversen (Verhältnis der christlichen Kirchen zu den messianischen Juden) werden leider ausgeblendet. Aber vielleicht plant der Autor ja noch ein Fortsetzungswerk.

Von Johannes Renz

Leseprobe (PDF)

ZUSAMMENFASSUNG

Obwohl es der Titel nahelegt, handelt es sich eher nicht um eine Einstiegslektüre zur Entstehung des Christentums. Die Heranziehung ergänzender Werke ist ggf. zu empfehlen. Evangelikal geprägte Leser werden dem Autor sicher auch an mehreren Stellen widersprechen.