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Christentum breitet sich durch Hoffnung aus

Im Römischen Reich gab es immer wieder verheerende Epidemien. Die Zahl der Christen wuchs gerade in diesen Zeiten stark. Warum?

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Von Pfarrer Steffen Tiemann

Stellen Sie sich vor: Eine Gruppe von kriegsgefangenen Männern sitzt in einer dunklen Zelle. Sie hocken da seit Monaten. Das Essen reicht nicht zum Sattwerden, die Wärter sind gehässig und kein Ende ist abzusehen. Die Stimmung in der Zelle ist miserabel. Der Ton zwischen den Gefangenen wird immer rauer. Sie raunzen sich nur noch an und lästern über die Wärter.

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Den ganzen Tag lungern sie auf ihren Pritschen, dämmern vor sich hin. Die Männer vernachlässigen ihren Körper. Sie waschen sich nicht, rasieren sich nicht mehr, ihre Kleidung lassen sie vergammeln. Wozu auch die Mühe? Die Wunden pflegen sie nicht. Eiter und Gestank breiten sich aus. Was soll’s?!

Aussicht auf Freiheit

Eines Tages wird ein kleiner Zettel in die Zelle geschmuggelt. Keiner weiß woher. Auf dem Zettel stehen nur zwei Worte: Befreiung naht! Diese beiden Worte verändern alles. Auf einmal zieht Hoffnung in ihren Stumpfsinn ein. Aussicht auf Freiheit! Auf ein Leben in Licht und in Würde! Die Perspektive verwandelt die Männer. Sie reden wieder miteinander.

Der Ton ändert sich. Er wird hoffnungsvoll, ehrenhaft. Sie wollen ordentlich aussehen, wenn die Befreier kommen. Und so waschen und rasieren sie sich, flicken die Jacken und Hosen. Sie behandeln gegenseitig ihre Wunden. Neue Energie erfüllt sie. Und wenn die Wärter sie schikanieren, reagieren sie mit einem unergründlichen Lächeln.

Die Zukunft hat die Gegenwart verwandelt.

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Allein die Erwartung der Befreiung hat sie schon befreit. Die Zukunft hat die Gegenwart verwandelt. Genau so hat sich die Hoffnung auf das Leben der ersten Christen ausgewirkt. Die Jesus-Nachfolger rechneten fest damit, dass das Reich Gottes kommt. Sie erwarteten, dass die Zeit kommt, wo Gott sichtbar wird, wo seine Liebe alles bestimmt, wo es kein Unrecht mehr gibt, keine Lüge, keine Bosheit, kein Leid. Diese Zukunft, die sie erwarteten, hat ihr Verhalten in der Gegenwart transformiert. Sie fingen jetzt schon an, so zu leben, wie es der neuen Zeit entspricht.

Aufstieg des Christentums

Der amerikanische Religionssoziologe Rodney Stark hat in den 90er Jahren ein viel beachtetes Buch über die Ausbreitung des Christentums in den ersten drei Jahrhunderten geschrieben: The Rise of Christianity – der Aufstieg des Christentums (Rodney Stark: The Rise of Christianity. A Sociologist reconsiders History. New Jersey 1996).

Es gibt viele Werke zu diesem Thema. Starks Monografie unterscheidet sich von ihnen in ihrem Ansatz. Er untersucht die Ausbreitung des Christentums als Soziologe. Er nähert sich dem Thema also nicht als Christ, sondern wie ein neutraler Beobachter, der sich die sozialen Phänomene, die Zahlen und Fakten genau anschaut und daraus seine Schlüsse zieht.

Die Sonne geht hinter dem Kolosseum in Rom auf.
Foto: piola666 / E+ / gettyimages

Eine seiner Schlussfolgerungen ist: Die Hoffnung der Christen war ein entscheidender Faktor für die Ausbreitung des neuen Glaubens. Im Römischen Reich gab es immer wieder verheerende Epidemien. Besonders schlimm wüteten sie Mitte des zweiten und Mitte des dritten Jahrhunderts. Man schätzt, dass diesen Seuchenausbrüchen jeweils etwa ein Viertel bis ein Drittel der Bevölkerung zum Opfer fiel. Während und nach solchen Epidemien ist die Zahl der Christen stark angestiegen. Und dies hatte mit ihrer Hoffnung zu tun.

Heiden ließen ihre Kranken im Stich

Die Heiden hatten keine Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod. Die Seele der Toten mochte irgendwie in den Hades kommen. Doch das war absolut kein erstrebenswerter Ort. Der Tod war das Ende und musste daher um jeden Preis vermieden werden.

Das war auch der Grund, so Rodney Stark, warum bei Seuchen die heidnische Bevölkerung ihre kranken Mitbewohner im Stich ließ. Aus Angst vor einer Ansteckung flohen sie um ihr Leben. Keiner pflegte die Erkrankten, keiner beerdigte die Toten. Auch die Priester und Politiker überließen sie ihrem Schicksal und flohen aus den Städten, die von der Seuche betroffen waren.

Die Hoffnung, die sie hier sahen, weckte ihr Interesse und öffnete sie für den neuen Glauben.

Die frühen Christen aber machten es häufig anders. Sie pflegten die Kranken; nicht nur in der eigenen Familie und Gemeinde, sondern auch bei den heidnischen Nachbarn. Es gibt Predigten von Cyprian, in denen der Kirchenvater die Christen ausdrücklich auffordert, die von einer Seuche befallenen Kranken zu pflegen und die Verstorbenen zu bestatten, auch auf die Gefahr hin, selber angesteckt zu werden. Und viele taten es. Dieses Verhalten der Jesusanhänger machte auf die heidnische Bevölkerung einen starken Eindruck. Die Hoffnung, die sie hier sahen, weckte ihr Interesse und öffnete sie für den neuen Glauben.

Aus Zuversicht wächst Liebe

In seiner Studie weist Rodney Stark auf eine weitere Besonderheit hin: Die innige Verbindung von Hoffnung und Liebe. Weil die Christen Hoffnung auf ewiges Leben hatten, konnten sie ihr irdisches Leben riskieren und es in Liebe für andere einsetzen. Aus der Hoffnung erwuchs die Bereitschaft zur Fürsorge.

Für uns klingt das vielleicht banal und selbstverständlich. In der Antike war das ein völlig neuartiges Phänomen. Die antiken Gottheiten hatten mit der alltäglichen Ethik nichts zu tun. Sie waren, wenn man so will, krasse Egoisten. Die Götter wollten die Verehrung der Menschen, wollten Opfer und Anbetung und verhießen dafür im Gegenzug Gesundheit, Reichtum, Kinder oder Kriegserfolg. Wie sich die Menschen untereinander verhielten, war ihnen mehr oder weniger egal.

Soziales Engagement rettet Staatsreligion

Das ist der Grund, warum das Heidentum angesichts von Epidemien und sozialer Not versagte. Kaiser Julian, der um 360 regierte, wollte die Konstantinische Wende, die Einführung des christlichen Glaubens als Staatsreligion, zurückdrehen. Er hatte sich vom Christentum seines Onkels Konstantin abgewendet und wollte den alten Götterglauben im Römischen Reich wieder durchsetzen. Doch das soziale Engagement der Christen stand diesem Projekt entgegen.

Julian beklagt, so zitiert ihn Stark, dass die Christen nicht nur „ihre eigenen Armen versorgen, sondern auch unsere“. Und so fordert er die heidnischen Priester auf, ein Wohlfahrtssystem aufzubauen, wie es die Christen hatten. Dieser Versuch scheiterte jedoch. Es gab keinen plausiblen Grund, warum man sich um Kranke und Witwen kümmern sollte, wenn man doch nur mit den Gottheiten einen Deal machen will.

Wenn sich Hoffnung mit Liebe verbindet, wird eine starke Energie freigesetzt.

Ein Gott der Hoffnung

Der Gott der Christen war ganz anders als Jupiter und Co. Er war kein Egoist auf dem Himmelsthron, sondern ein Gott, der die Menschen liebt, sich für sie hingibt und mit seiner Liebe anstecken will. Der Glaube an diesen Gott und die Hoffnung auf ein ewiges Leben bei ihm führte dazu, dass die Christen sich in einer historisch völlig neuen Weise um die Not ihrer Mitmenschen kümmerten, die Herzen der Menschen gewannen und die Gesellschaft transformierten.

Die Studie von Rodney Stark belegt auf überzeugende Weise: Wenn sich Hoffnung mit Liebe verbindet, wird eine starke Energie freigesetzt. Hoffnung ist, anders als Karl Marx meinte, kein Opium, das uns betäubt, sondern eine Kraft, die uns in Bewegung bringt. Hoffnung beflügelt.


Diesen Artikel erschien im Magazin AUFATMEN (Ausgabe 04/21). AUFATMEN ist Teil des SCM Bundes-Verlags, zu dem auch Jesus.de gehört.

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2 KOMMENTARE

  1. Kinderglauben kann Hoffnungs-Christentum hemmen

    Christinnen und Christen breiten Hoffnung aus – oder wir sollten dies eigentlich tun. Als die auf eine Verwandlung/Erneuerung aller Dinge Hoffenden haben wir eine Perspektive. Eigentlich kann man dem Text von Pfarrer Tiemann wenig hinzufügen. Allerdings mache ich mein schon recht langes Leben lang immer wieder die Erfahrung – und war auch selbst davon betroffen – dass die Bilder eines Kinderglaubens in vielen unserer Gehirne haften geblieben sind, welche die Hoffnung dämpfen und als sogenannte Anfechtung den Glauben bzw. das Vertrauen auf Gott sogar völlig infrage stellen. In unserem Ev. Jugendkreis haben wir als Nachpubertäre genauso engagiert als auch kontrovers diskutiert, inwieweit die biblischen Texte annähernd wörtlich zu nehmen sind. Bei diesem wörtlich nehmen (und sie anscheinend damit ernst nehmen) stand auch ohne unser nicht verfügbares theologisches Grundwissen dabei schon beim blosen Lesen der Bibel das Problem ins Haus, dass sich Widersprüche auftaten. Es steht unterschiedliches und auch gegensätzliches in der Heiligen Schrift. Es geht mir an dieser Stelle aber heute nicht um das Schriftverständnis – das wäre ein anderes Thema – sondern die äußeren Ursachen, die Hoffnung dämpfen oder verdampfen lassen. Vor allem eine Hoffnung auf die Realität Gottes, seine wirkliche Hilfe, dass er meine Gebete erhört und wir alle uns freuen dürfen auf den Neuen Himmel und die Neue Erde, wo alles neu beginnt und das ganze Universum erneuert und auf Anfang gestellt wird. Also Hoffnung ganz zentral auf das Paradies. Da ich mein Leben lang alle gut verständlichen Bücher über das Universum verschlungen habe, auch versucht habe das Gelesene mit meinem Glauben zu verknüpfen, hat mich eine Erkenntnis gelehrt: Auch die klügsten Köpfe können das Universum nur sehr eingeschränkt begreifen, schon gar nicht wie es entstanden sein kann, was es im Innersten zusammenhält und wohin es vergeht bzw. ob es unendlich ist. Da wurde mir klar, dass man den Schöpfer des Universums auch nie verstehen kann, der doch die Unendlichkeit in seinen Händen hält. Gott ist kein Objekt wie ein Tisch, Stuhl, Fixstern, Körper oder eine Kraft, die man materiell begreifen könnte, auch nicht wie sein unendlicher Geist beschaffen sein müsste. Es geht also nicht um das Begreifen. Aber dann bin ich innerlich Gott begegnet und habe mich in einem (sogenannten) existenziellen Akt (bildlich gesehen) in seine Arme geworfen. Ich bin dabei nicht ins Bodenlose gefallen, sondern habe Gott als eine Realität und als die Möglichkeit einer Beziehung erfahren. Dies alles heißt nicht, dass irgendein Mensch oder gar ich perfekte Christen sein könnten, aber wir dürfen – gelegentlich auch gefühlt – die Liebe Gottes fast körperlich empfinden, bzw. auch so manches Wunder erleben. Dagegen gibt es Menschen, und ich meine dies nicht arrogant, die sich ein Leben nach dem Tod nicht vorstellen können, schon gar nicht die Ewigkeit, oder wo denn nun Gott sei, wie er überall sein kann, der alles aus dem Nichts erschuf und wo dann die vielen Menschen leben sollen, wenn sie in ein Paradies kommen. Ich bin davon überzeugt, dass eine persönliche Beziehung zu Gott den Weg ebnet, eine große Hoffnung zu erlangen. Dies erzeugt auch ein großes Vertrauen in das was kommen wird und wie es im Himmel ist, was heute noch nicht mit unseren kleinen Gehirnen zu begreifen ist. Ein alter Pfarrer sagte damals zu unseren Nöten mit mit unserem Bibelverständnis, doch einfach Glaubenskrücken als falsche Sicherheiten weg zu werfen und dass man als Christ ohne sie viel besser laufen kann. Man darf nämlich Gott lieben von ganzen Herzen und mit aller Kraft, und auch versuchen nach eigenem Vermögen seine Mitmenschen zu lieben, wenn wir das Heilsgeschehen als ein Geheimnis geistig/geistlich verstehen. Eine solche befreite Hoffnung will nicht etwas begreifen, was völlig unbegreifbar ist. Da wird dann unsere Hoffnung leicht wie das Fliegen eines schönen Vogels. Eine alte Bekannte sagte immer das vor vielen Jahrzehnten gelernte auf und behauptete, Jesus sei nach Neujahr getauft worden. Für sie war Gott da oben irgendwo über den Wolken, die Engel hätten Flügel und das Trinitätsdogma hat sie wie ich auch nicht verstanden. Zuletzt waren es große Glaubenszweifel, die an ihr nagten. Sie ist gescheitert daran sich ein zutreffendes Bild über Gott zu machen. Wie gut, dass es nicht um ein Gottesbild geht, sondern seine Liebe. Wir benötigen als Hoffnungsmenschen und -kirche/n weniger dick aufgetragenen Dogmatismus, sondern mehr das Wehen des Heiligen Geistes. Charismatisch zu sein, käme dem näher.

  2. Die Konstantinische Wende, also der Punkt, wo das Christentum Staatsreligion wurde, als Zeitpunkt zu definieren, wo das Christentum auf Grund individueller christlicher Verhaltensweisen seinen Welterfolg begründete, zeigt für mich eine ziemliche Geschichtsverdrehung.

    War es doch das genaue Gegenteil. Wie man leicht am Begriff ‚Staatsreligion‘ sehen kann.

    Schaut man sich die Lage der christlichen Feiertage an oder des christlichen Sonntags, so wurden heidnische Bräuche schlicht verdrängt, überlagert und umgedeutet.

    In den folgenden Jahrhunderten wurde es dann aber oft noch viel schlimmer. Die Mission in Amerika, Afrika und Asien erfolgte oft mit Unterdrückung, Mord und Ausbeutung. Und in Europa mit Krieg, aber da ging es ja oft nur um die richtige Form des Christentums.

    Und wer meint, dass sei nun ja schon lange her:

    https://www.katholisch.de/artikel/30348-missionare-und-ihre-schulen-ein-dunkles-kapitel-der-kirche

    Hier ging das bis 1996. Und das ist keine nichtchristliche Quelle. Und diese Fälle sind auch keinesfalls nur auf Kanada bezogen sondern schlicht ein Beispiel von vielen in der Welt. Mission und Kolonialismus marschierten Hand in Hand.

    Aber ich kann diese Tendenz zur Umdeutung von Mission schon verstehen. Wer möchte sich dieser gar nicht so weiten Vergangenheit schon gern stellen? Zum Glück gibt es Christen, die dieses tun, leider aber immer noch keine Selbstverständlichkeit.

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