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Dietrich Bonhoeffer: Fromm, sozial, politisch

Widerstandskämpfer, Ethiker – oder gar „Heiliger“? Der Theologe Thorsten Dietz verrät, was ihn an Dietrich Bonhoeffer fasziniert und wie dieser überzeugend persönliche Frömmigkeit und politisches Engagement lebte.

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Professor Dietz, ihre erste Begegnung mit Dietrich Bonhoeffer hatten Sie …

Dietz: 1991. Als Atheist war ich ins Theologiestudium reingestolpert. Ich fing an, die Bibel zu lesen, fand Jesus und schaute mich in der Theologie um, nach einem Theologen mit Herzblut für Jesus. Dabei stieß ich auf Bonhoeffer. Wenige Monate nach meiner Bekehrung habe ich die dicke Bethge-Biografie über Bonhoeffer komplett durchgelesen. Dieses Buch hat mich fasziniert, begeistert, aber auch überfordert. Seit 30 Jahren lebe ich mit Bonhoeffer.

Dietrich Bonhoeffer gilt für einige Menschen als „Heiliger“ der Gegenwart. Was spricht für Sie für diese These? Und was dagegen?

(lacht) Bonhoeffer ist für uns Evangelische ein Gegenüber zu den katholischen Heiligen. Der Protestantismus hat ja ganz wenige Figuren, mit denen alle etwas anfangen können. Im Grunde haben wir nur Martin Luther und Dietrich Bonhoeffer. Die Idee von Vorbildern gehört für mich unbedingt zum Christentum. So wie Gott Mensch wurde, sich anschaubar machte, so brauchen wir auch Zeugen des Glaubens. Wir sollten die „Heiligen“ aber nicht als fehlerlose Menschen wahrnehmen und verehren.

Bonhoeffer war unfähig,
oberflächlich zu sein.

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Was macht den Menschen Dietrich Bonhoeffer besonders?

Seine Tiefe! Bonhoeffer war unfähig, oberflächlich zu sein. Er ist immer sehr tiefgründig in der Bibel und in theologischen Fragen beheimatet, ohne dabei weltfremd zu werden. Bonhoeffer war trotz aller gedanklicher Tiefe nahe bei den Menschen, in den Weltkrisen und Auseinandersetzungen zu Hause.

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Was war für ihn der Beweggrund, in den Widerstand gegen die Nationalsozialisten zu gehen?

Die Judenverfolgung. Von seiner Herkunft her war er dem Dritten Reich gegenüber skeptisch eingestellt. Bonhoeffers Familie war weder links noch liberal, sondern konservativ. Sie fanden den aufkommenden Nationalsozialismus primitiv. Bonhoeffer hat immer mehr erfahren, welch schreckliche Auswirkung die Judenverfolgung hat. Dies war für ihn so grauenhaft, dass er als überzeugter Pazifist bereit wurde, dieses Regime auch mit Gewalt zu beseitigen.

Thorsten Dietz
Thorsten Dietz (Foto: SCM Bundes-Verlag)

Führte seine positive Stellung zu den Juden nicht auch zum Bruch mit der Bekennenden Kirche?

Der Antisemitismus war damals in Deutschland – auch in der Kirche, der Gemeinschaftsbewegung, den Freikirchen – ganz selbstverständlich. Die waren alle Kinder ihrer Zeit, mit wenigen Ausnahmen. Die Liberalen oder die Kommunisten, die hier gegen dieses Unrecht aufschrien, waren eine Minderheit. Auch die Bekennende Kirche spielte hier eine unrühmliche Rolle. Karl Barth sagte nach dem Zweiten Weltkrieg, dass es seine schlimmste Anfechtung gewesen sei, dass er die Judenfrage nicht zentral gemacht hätte. Barth war nicht antisemitisch, aber er hat das aufflammende Feuer bei weitem unterschätzt. Dem Großteil der Bekennenden Kirche ging es überwiegend um den Schutz der Eigenständigkeit der Kirche. Bonhoeffer hingegen gehörte dem radikalen Flügel an. Für ihn war klar: Wir können nicht gregorianisch singen, wenn wir nicht für die Juden schreien. Dies war jedoch eine Randposition auch in der Bekennenden Kirche.

Was ist der zentrale Gedanke in Bonhoeffers Theologie und Ethik?

(lacht) Bei 10.000 Seiten ist dies gar nicht so einfach zu sagen. Das Zentrale ist der Weg Jesu Christi. Jesus Christus selbst, der menschgewordene Gott, ist für ihn das Zentrum des christlichen Glaubens und seiner Überlegungen. Bonhoeffers Schwerpunkt lag nicht auf der Lehre über Jesus, sondern auf der Person Jesus. Bonhoeffer ging es um das „Du“ als Gegenüber, mit seinem Weg von der Höhe in die Tiefe, mit seinem Weg von der Mitte an die Grenzen, mit seinem Weg, auf dem er sich denen zuwendet, die an den Rand gedrückt werden. Dieser Blick von unten ist für Bonhoeffer entscheidend. Christus ist für ihn an die Grenzen gegangen. Daraus konstruiert er den Weg der Nachfolge.

Glauben in biblischem Sinne
wird für ihn zur Nachfolge.

Daraus entwickelte sich dann das Buch „Nachfolge“?

Richtig! Glaube allein ist für ihn zu wenig. Glaube darf für ihn nicht in der Theorie stecken bleiben. Glauben in biblischem Sinne wird für ihn zur Nachfolge. Dieses Sein und Werden und Unterwegssein wie Jesus ist für seine Ethik und Dogmatik zentral.

Sie haben gemeinsam mit Ihrem Kollegen Prof. Dr. Tobias Faix eine Ethik veröffentlicht. Was würde Bonhoeffer als Rezensent Ihrer Ethik sagen? Gäbe er eine Leseempfehlung?

Das hoffe ich doch! (lacht) Im Ernst: Jede Theologie ist Theologie ihrer Zeit. Dies gehört auch zu den großen Einsichten Bonhoeffers. Er sagt früh: Eine Erkenntnis kann nicht getrennt werden von der Existenz, in der sie gewonnen wird. Von daher gilt: Wir machen eine Ethik 2021, Bonhoeffer machte eine Ethik 1940.

Ich hake trotzdem nochmals nach …

Bonhoeffer würde sicher merken, dass wir ihn uns zum Vorbild nehmen. Er wurde uns zum Leitstern, über Ethisches nachzudenken.

Bonhoeffer prägte den Begriff des „religionslosen Christentums“. Was verbirgt sich dahinter und was können Gemeinden heute davon lernen?

Bonhoeffer sieht das, was wir heute Säkularisierung nennen. Er steigt aus der Chorgemeinschaft derer aus, die das als den Untergang des christlichen Abendlandes beklagen.

Hat dies nicht etwas Prophetisches?

(leidenschaftlich) Ja, natürlich! Er sagt, die Säkularisierung sei nicht zu stoppen. Nach dem Zweiten Weltkrieg sagten viele, da gab es die gottlosen Nazis, jetzt ist wieder die Kirche im Dorf, jetzt kommen wir wieder in glorreiche Verhältnisse. Bonhoeffer sagt hier deutlich: Nein! Für ihn ist hier ein großer Prozess im Gange, der sich immer mehr durchsetzen wird. Er sagt, was hier verloren geht, ist nicht das Wesen des Christentums, sondern es geht nur eine bestimmte Gestalt des Christentums verloren. Diese Gestalt nennt er Religion.

Was geht genau verloren?

Die große Überzeugung, dass der christliche Glaube von einer Weltanschauung getragen wird, in der Gott und Kirche schon immer selbstverständlich sind. Zudem geht eine Art Heils-Egoismus verloren. Das Christentum als Innerlichkeit, „wo ich gerettet werde, wo ich in den Himmel will und die Welt ein Jammertal ist“, leuchtet vielen nicht mehr ein.

Lasst uns nicht klagen über den Schwund der Religion, sondern lasst uns neu buchstabieren, was Nachfolge Christi in der heutigen Zeit heißt.

Für Bonhoeffer kein Grund, den Kopf in den Sand zu stecken?

Überhaupt nicht. Für ihn ist der Wegfall dieser Stützen kein Schaden. Er sagt, die „mündige Welt“ ist in gewisser Hinsicht gottloser, aber sie ist gottnäher, weil sie ehrlicher ist. Sie verzichtet auf ein Gehäuse, auf Tragstützen, die den christlichen Glauben auch überschrieben haben. Die imperiale Überformung des Christentums geht verloren. Bonhoeffers Impuls lautet daher: Lasst uns nicht klagen über den Schwund der Religion, sondern lasst uns neu buchstabieren, was Nachfolge Christi in der heutigen Zeit heißt. Es gilt, sich seiner Überzeugung nach neu von Jesus in diese Welt senden zu lassen, von ihm zu lernen, wie wir unseren Glauben bezeugen ohne die Selbstverständlichkeiten von früher. Bonhoeffer rechnet hier mit einem langen Prozess über Generationen.

Würde Bonhoeffer von der Kanzel verkündigen, dass die Welt schwärzer wird?

(leidenschaftlich) Nein! Die hier und dort verkündigte Verfallslogik stimmt für ihn nicht. Bonhoeffer schreibt seine Ethik in den finstersten Jahren der Menschheitsgeschichte. Vieles ist heute objektiv besser geworden. Die ganze Logik „Es geht nur noch abwärts“ ist Käse! Das Christentum ist in einer Umformungskrise. Es muss sich erneuern angesichts einer Welt, die aus dem bisherigen Gehäuse des Christentums herausgewachsen ist. Dies gilt es, nüchtern anzuerkennen und als Chance zur Neuentdeckung des christlichen Glaubens in der heutigen Zeit zu begreifen.

Was kann die Kirche der Gegenwart vom Seelsorger und Prediger Dietrich Bonhoeffer lernen?

1. Hinsehen. 2. Hinsehen. 3. Hinsehen. Für Bonhoeffer war es immer wichtig, dass man in die Welt hingeht, die man verändern will. Die Menschwerdung Christi kann man nicht vom Schreibtisch her, vom Gebetssaal her in die Welt tragen, sondern nur, indem man hingeht, sich den Fragen, den Herausforderungen, den Problemen der Welt stellt. Bonhoeffer lädt ein, mit den Menschen zu leben, bei ihnen zu sein und in ihrer Gemeinschaft die Frage nach Jesus Christus zu stellen und von ihm zu reden.

Der frühe Bonhoeffer schreibt: „Mission ist Handeln Gottes durch die Gemeinde.“ Später redet er davon: „“irche ist Kirche für andere.“ Wie kann Mission von Bonhoeffer her heute gedacht und gelebt werden?

Bonhoeffer ist die Verkündigung Jesu Christi wichtig. Jesus Christus zur Entscheidung zu predigen, ist für ihn ein Grundauftrag der Kirche. Er sagt aber auch sehr klar: Mission gelingt heute nicht mehr nur durch Worte, sondern die Kirche muss durch ihr Leben, ihre Existenz ausstrahlen, was sie glaubt. Dies kann sie aber nur, wenn sie sich die weltlichen Fragen der Menschen zu Herzen nimmt.

Bonhoeffer ist evangelistisch
wie die Frommen.
Er ist politisch wie die Sozialen.

Setzt sich Bonhoeffer damit nicht zwischen die Stühle?

Ja! Bonhoeffer steht sozusagen zwischen den Lagern. Er ist evangelistisch wie die Frommen. Er ist politisch wie die Sozialen. Er ist beides von ganzem Herzen. Das ist sein Vermächtnis an uns, seine Kirche: Das Engagement für die weltlichen Fragen ist nicht von der Verkündigung des Evangeliums zu trennen.

Bonhoeffer wird ja heute von vielen Richtungen vereinnahmt. Wo haben Sie Bauchschmerzen?

Ich finde es gut, dass er von verschiedenen Richtungen entdeckt und zitiert wird. Er hat etwas zu bieten für Soziale, Liberale und Konservative. Bauchschmerzen habe ich bei der Vereinnahmung Bonhoeffers durch Rechte. Da erlebe ich eine völlige Verfälschung seiner Person. Bonhoeffer bekommt ja wesentliche Anstöße für sein Wirken durch die Begegnung mit einer People of Color-Gemeinde in Harlem. Diese Begegnung mit der schwarzen Frömmigkeit ist für ihn nochmals eine Glaubenswendung und Glaubensvertiefung. Er gewinnt an Jesus- und Bibelfrömmigkeit. Gleichzeitig erlebt er aber auch, dass Bürgerrechtsfragen sehr zentral sind. Bonhoeffer ist daher gänzlich antirassistisch eingestellt. Die Rassentrennung in den USA schockiert ihn zutiefst. Er überträgt diese Erfahrung drei Jahre später auf den Antisemitismus in Deutschland. Dass Bonhoeffer teilweise für eine Agenda einer rechten Politik vereinnahmt wird, die nationalistisch das Wohl des eigenen Landes höher wertet als das Leben von Menschen auf der Flucht, ist unmöglich.

„Dem Rad in die Speichen fallen“: Wo gilt dieser Auftrag heute für Kirchen und Gemeinden?

Ich rate damit zur Vorsicht. Dies ist eine frühe Formulierung aus dem Jahr 1933. Dort sagt Bonhoeffer: Aufgabe der Kirche kann nicht nur sein, den Verwundeten zu helfen, die unter die Räder gekommen sind. Es kann seiner Überzeugung nach auch die Zeit kommen, wo man dem Rad in die Speichen greifen muss. Dies war jedoch ein Gedanke innerhalb eines totalitären Systems. Ich halte gar nichts davon, wenn Christen sich in einem demokratischen Rechtsstaat aufführen wie Christen im Widerstand. Dies ist abwegig, falsch und pervertiert die eigentliche Grundaussage Bonhoeffers.

Füllen Sie die Aussage Bonhoeffers mal positiv …

Nehmen wir die Aktion „Wir schicken ein Schiff“. Dies ist der Protest gegen eine EU-Politik, die Menschenrechte ignoriert. Hier wird stellvertretend für staatliche Instanzen im Graubereich gehandelt, zugunsten von Menschenleben und Menschenrechten. In diesem Sinne wird vielleicht nicht dem Rad in die Speichen gegriffen, aber doch mal aufs Schutzblech oder die Karosse gepocht mit der klaren Ansage: Hey, es wäre eure Aufgabe, Menschen zu retten. Solche Zeichenhandlungen gehören zur Kirchenpolitik im Sinne Bonhoeffers, aber ganz klar auch in dem Bewusstsein: Kirche kann niemals Politik machen oder gar ersetzen. Kirche muss und darf im demokratischen Gemeinwesen aber auch deutlich machen, an wessen Seite sie steht, wofür sie steht.

Bonhoeffers Frauenbild war damals
schon völlig aus der Zeit gefallen.

Jetzt haben Sie Bonhoeffer viel gelobt. Welche kritischen Fragen würden Sie Dietrich Bonhoeffer stellen?

Er bekommt keinen Zugang zur Demokratie. Er träumt von einem Elitenstaat, einem Staat der Optimaten. Und sein Frauenbild: Dies war damals schon völlig aus der Zeit gefallen. Diese Frage würde ich ihm stellen: Warum bekommt er keinen Draht dazu, Frauen als gleichberechtigte, ebenbürtige Menschen in seiner Zeit wahrzunehmen? Warum gelingt es ihm nicht, an der Weimarer Republik das Schützenswerte und Gute zu sehen? Warum hat er keine demokratische Vision für ein Deutschland nach dem Krieg entwickeln können?

Welche Bonhoeffer-Bücher würden Sie Interessierten ans Herz legen?

Zum Einstieg empfehle ich die Lektüre „Gemeinsames Leben. Darin findet sich viel Stoff für Leute mit geistlicher Sehnsucht. Menschen, die tiefer in Bonhoeffers Werke einsteigen wollen, sollten „Widerstand und Ergebung“ lesen. Darin findet man die Vision für eine Kirche, die Jesus nachfolgt. Es geht weg vom Heilsegoismus hin zu einer Erlösung in Christus und einer Verantwortungsübernahme in dieser Welt. In der Antwort auf die weltlichen Fragen zeigt sich seiner Überzeugung nach am besten, an welchen Gott wir wirklich glauben. Dieser Impuls mit Christus als Mitte und Ausgangspunkt ist bei Bonhoeffer echt, wahrhaftig und damit anregend für uns Christen heute.

Herzlichen Dank für das inspirierende Gespräch!

Die Fragen stellten Rüdiger Jope (Chefredakteur des Kirchenmagazins 3E) und Ulrich Mang (Referent für Sozial-Missionarische Arbeit des Deutschen EC-Verbandes).


Wir haben das Interview für Jesus.de an einigen Stellen gekürzt. Das vollständige Gespräch mit Thorsten Dietz ist in Ausgabe 3/21 des Kirchenmagazins 3E erschienen. 3E wird vom SCM Bundes-Verlag herausgebracht, zu dem auch Jesus.de gehört.

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4 KOMMENTARE

  1. Warum nur haben wir „Protestanten“ so große Angst vor der Bezeichnung „Heiliger“? Die Bibel beschreibt genau, was einen Menschen zum Heiligen macht, nämlich die persönliche Beziehung zu Jesus Christus. Kein Mensch hat das Recht, jemanden zum „Heiligen“ zu erklären oder ihm diesen Status zu verwehren. Es wird auch niemand von Amts wegen heilig („Heiliger Vater“). Ebenso ist die Verehrung Verstorbener aund das Gebet zu ihnen unbiblisch. Ein heiliger ist auch nicht per sé frei von Makeln und Fehlern.

    Von daher gibt es (übrigens auch unter katholischen Geschwistern) viel mehr Heilige als uns irgend ein ofizielles Register weis machen will. Und längst nicht alle, die diesen Titel tragen sind es auch wirklich. Doch so viel nur am Rande… Vielen Dank für das aufschlussreiche und informative Interview!

  2. Bonhoeffer war ein Heiliger

    Dietrich Bonhoeffer war ein Heiliger, weil er gegen das Unrecht und die Tyrannei des Dritten Reiches ankämpfte. Der die Hand in die Speichen des Rades der Geschehnisse steckte: Denn schon dieses Bild zeigt, dass selbst dabei Schaden zu nehmen sehr wahrscheinlich ist. Wer im Altertum gegen einen ganz normalen Alleinherrscher widerborstig oder gar ungehorsam war, musste mit dem Tode rechnen. Bei Adolf Hitler war dies 2000 Jahre später ebenso. Nicht wenige unserer Diskussionsrunden in den evangelischen Jugendkreisen vor vielen Jahrzehnten hatten daher das Problem zum Inhalt, ob der Widerstand gegen Hitler, und ein daraus resultierender Tyrannenmord, sich mit dem Leben und der Botschaft Jesu Christus vereinbaren lassen. Denn Jesus hat keine Gewalt gegen seine Verfolger geübt und in seiner Feindesliebe verzichtete er darauf, sich der Kreuzigung zu erwehren. Aber sind wir denn Jesus ? Sicherlich ist die Frage immer, ob Gewalt nur in Ausnahmesituationen (und in welchen) erlaubt ist, auch aus der Sicht Gottes. Darauf habe ich persönlich eine doppelte Antwort gefunden. Erstens ist der Weg das Böse letztlich mit Gewalt zu bekämpfen immer so, als müsse man sich zwischen Pest und Colera alternativlos entscheiden. Und Zweitens: Manchmal sind Wege notwendig, die niemand ohne Schuld gehen kann, wenn er nicht noch viel größeres Unrecht zulassen möchte. Ethische Entscheidungen beinhalten mitunter, dass diese nicht ohne eigene Schuld möglich sind. Bei der Jesusnachfolge müssen wir uns manchmal die Hände schmutzig machen und dies bringt uns dabei in Lebensgefahr.

    Leider gab es gegen den österreichisch-deutschen Antichristen keine rechtzeitige und damit nachhaltige Gegenwehr. Denn nach dem Ersten
    Weltkrieg, bei dem die anschließende Hungersnot mehr Tote hinterließ als das Kriegsgeschehen , waren die Menschen vermutlich noch viel obrigkeitsgläubiger als im Kaiserreich: Auch wegen Armut, Arbeitslosigkeit und den politischen Wirren in der Weimarer Republik. Der Rundfunk und die Zeitungen konnte man gut gleichschalten. Dass die jüdischen Nachbarn auf nimmer Wiedersehen abtransportiert wurden, die geistig behinderte Kinder in Hadamar zu Tode gespritzt wurden und der Gestank aus den großen Schornsteinen immer über dem Ort hing, hat angeblich niemand wahrgenommen. Die Nazis nahmen vor dem Zweiten Weltkrieg an den Wahlen in die Ev. Kirchenvorstände teil, besetzten diese und jagten die verbliebenen wirklichen Christen mit Fußtritten aus diesen Gremien. Der Stadtbürgermeister wurde in ähnlicher Weise aus seinem Amt entfernt. In meiner Heimatstadt wurden sämtliches Mobiliar und die Matratzen des jüdischen Waisenhauses auf die Straße geworfen, einen Tag verspätet nach der sogenannten Reichskristallnacht. Die Jugendlichen, welche am Sonntag die katholische Messe besuchen wollten, mussten sich dabei immer von einer großen Horde Hitlerjungen verprügeln lassen. Einer der Ev. Pfarrer wurde vom Gerichtsvollzieher aus dem Amt entfernt und musste den Kirchenschlüssel abgeben, bekam kein Gehalt mehr und wurde von seiner Gemeinde alimentiert. (Der liebe Reichsbischof Müller pflegte eine gute Zusammenarbeit mit dem Führer) Aber der Pfarrkollege der gleichen Gemeinde im zweiten Gemeindebezirk war ein Deutscher Christ, der am Anfang des Gottesdienste Heil Hitler sagte und es glaubte, dass dieser Heil brächte. Nur wenige waren in Deutschland nicht blind, taub, stumm sowie obrigkeitsgläubig und sind auch nicht auf die tumben Sprüche eines Adolfs hereingefallen. Beispielsweise jene riesig große Trauergemeinde, die den beliebten und wider den Stachel löckenden katholischen Gemeindepfarrer von der Kirche zum Friedhof begleiteten, als der ausgerechnet im Krieg verstarb. Unter dieser großen Schar der Kurstädter, die hinter dem Sarg singend hergingen, waren auch die Pfarrer aller Konfessionen in ihren Talaren. Die Glocken läuteten dabei in den Kirchen. Die Nazis standen an den Fenstern, Mauern oder auf ihren Dächern, fotografierten und ärgerten sich hasserfüllt. Es war wie ein nie gedachtes Aufbäumen, ein Aufstand, auch gegen die Angst. Dies hätte viel früher und globaler erfolgen müssen: Die Christenheit in Deutschland war groß und leider war sie zur Unchristenheit geworden. Leider gab es auch die massenhafte Tötung unschuldiger Mensch, vor allem der ganz vielen Jüdinnen und Juden, der aufrechten Christinnen und Christen oder jenen Menschen mit einer demokratischen oder nicht diktaturangepassten politischen Überzeugung: Es war eine Tötung durch Unterlassung bzw. in mittelbarer Täterschaft, fast eines ganzes Volkes. Selbst der Papst in Rom erhob überhaupt nicht seine Stimme gegen die Widerlichkeiten. Zu den wenigen Heiligen zählte auch die Krankenschwester, die dem jungen Soldaten zwei Ohrfeigen mitten in der Stadt verpasste, als der die große Kanonen munitionieren wollte, um mit dem Endkampf gegen die einmarschierenden Amerikaner die Stadtbesetzung zu verhindern. Die als mütterlich empfundene Gewalt bewirkte, dass für den Fast-Jugendliche der Krieg beendet war. Und Jesus weinte nicht nur über meiner Kurstadt, dass ihm so wenige Menschen nachfolgten und seine Botschaft von der Liebe fast jeder vergessen hatte. Die sich den Widerstand etwas kosten ließen oder dabei sogar ihr Leben verloren: Sie sind wirkliche Heilige. Ergo: Wir müssen Gott immer mehr gehorchen als den Menschen.

    • Die christlich-abendländische Kultur ist eine der wenigen, die Verstorbene aufgrund ihrer Taten zu Heiligen erklärt. In den meisten Religionen sind Heilige besonders verehrte lebende Personen. Im Heidentum und in der esoterischen Szene werden sie nach ihrem Tod häufig als Götter oder Engel verehrt. Asiatische Kulturen sind häufig sogar noch weniger anspruchsvoll: Dort gilt im Grunde jeder als heilig, der sich von Menschen verehren oder gar anbeten lässt. Er benötigt nicht mal Kenntnisse der „heiligen Schriften“. Es reicht völlig aus, wenn er beim Geräusch der Gebetsmühlen, die mit „heiligen“ Texten und Zaubersprüchen versehen sind, meditiert.
      Wenn man der biblischen Lehre folgt, so ist jeder heilig, der in Gottes Gegenwart bestehen kann. Im Alten Testament ging dem immer eine rituelle Reinigung voraus. Das Neue Testament bezeugt, dass mit dem Zerreißen des Vorhangs zum Allerheiligsten im Tempel bei Jesu Tod der unmittelbare Zugang zu Gott frei wurde. Durch Jesus werden alle Jünger, also alle, die sich zu ihm bekennen, zu Heiligen und können in Gottes Gegenwart bestehen. Dafür sind keine besonderen Taten notwendig. Doch so viel nur vorab.

      Lieber Herr Hehner,
      Ihre langen und umfassenden Kommentare machen es einem nicht immer leicht, Ihren Ausführungen zu folgen. Das ist schade, weil dadurch wohl manche fruchtbare Diskussion von vorne herein verhindert wird. Ich habe mir dennoch einmal die Mühe gemacht und versuche dieses eine Mal, darauf einzugehen. Einige Ihrer Ansichten kann ich so nicht stehen lassen, andere wiederum möchte ich aus einer anderen Perspektive beleuchten.

      Beginnen wir bei der Person Jesu und den ersten Christen: Es war nicht die Feindesliebe, die Jesus dazu bewegte, diese barbarische und auch noch schmachvolle Hinrichtung über sich ergehen zu lassen. Er ließ sich kreuzigen, weil dies der einzige Weg war, die Welt mit Gott zu versöhnen (vgl. Joh. 3, 16 und Phil. 2, 8). So wie es ein Mensch (Adam) war, der die Schöpfung von Gott trennte, so konnte nur ein Mensch durch sein Opfer diese Trennung wieder aufheben. Und da keiner von uns dazu fähig war oder ist, dieses Opfer zu bringen, so musste Gott selbst in Christus ganz Mensch werden. Dann der vermeintliche Pazifismus der Christen: Schon in der „Urgemeinde“ gab es römische Legionäre, also Berufssoldaten. Das älteste „Graffiti“ über Christen in Rom handelt von einem Legionär, der einen Esel am Kreuz anbetet. Es ist unwahrscheinlich, dass sie ihren Beruf, zu dem nun mal das Töten gehörte, aufgeben mussten. Einzige Ausnahme war die Verfolgung um ihres Glaubens willen. Dann leisteten auch sie keinen Widerstand und ließen sich hinrichten. Aus der Spätantike und dem Mittelalter ist uns nichts über gewaltsamen Widerstand von Seiten der Christen bekannt. Das heißt aber nicht, dass es ihn nicht gegeben haben könnte. Was wir als Christen jedoch bekommen haben, ist unser Verstand und ein offenes Ohr für Gottes Wort. Bisher konnte mir noch keiner schlüssig belegen, dass Pazifismus eine christliche Ureigenschaft ist.

      Zu den Ereignissen im Nationalsozialismus: Das Dritte Reich basierte wohl weniger auf irgend einer Form der „Obrigkeitsgläubigkeit“. Im Gegenteil. Die Menschen waren desillusioniert und perspektivlos. Seit Ende des Kaiserreiches regierten Gewalt und Chaos und auch Hitler kämpfte mit seinen Kumpanen aktiv gegen die „Obrigkeit“. Die Waffen der Nationalsozialisten waren Verrat, Mord und Denunziation. In den frühen 1930ern reiste ein amerikanischer Dokumentarfilmer durch Deutschland und redete mit den Leuten. Dabei bemerkte er, dass sehr viele Deutsche sehr zurückhaltend waren, wenn es um politische Themen ging. Bei den Meisten glaubte er, eine latente Angst vor den Nazis zu erkennen. Zurück in den USA warnte er vor einem bevorstehenden Krieg und wurde dafür verlacht.

      Auch mein Großvater (Jahrgang 1916) wußte Einiges zu berichten, was in dieselbe Richtung weist. Sein erstes Erlebnis in dieser Hinsicht war, dass die humanistisch geprägten Wandervögel, denen er zusammen mit seiner Schwester in ihrer Jugend angehörte, über Nacht von HJ und BDM einverleibt wurden. Einige ihrer Leiter wurden unvermittelt ausgetauscht. Später erlebte er Schikane als Mitglied des Roten Kreuzes und erzählte, wie sein Chef in einem medizinischen Beruf heimlich noch jüdische Patienten besuchte und behandelte. Er berichtete auch von den zwei Lagern: Dem der eingefleischten Nazis und dem der Kritiker, die immer vorsichtiger mit ihren Äußerungen sein mussten. Auch in der Wehrmacht, der er als Sanitäter angehörte, gab es Unteroffiziere, die untereinander unverblümt ihre Meinung zu NS-Diktatur kundtaten – stets mit einer Wache an der Casinotür, die vor eintreffenden Hitlertreuen warnte.

      Dass hinterher niemand mehr etwas gewusst haben will, hat auch mehrere Gründe: Das Perfide am System war, dass sehr viele Leute aus ihrer Bedeutungslosigkeit geholt wurden. Wissenschaftler und Menschen mit höherer Bildung wurden systematisch demontiert, nicht systemtreue Unternehmer abgesetzt. Da war es für manche scheinbar der bessere Weg, als Mitläufer möglichst wenig aufzufallen. Dann wurden Menschen mit niedrigem Bildungsniveau und/oder wenig gesellschaftlicher Anerkennung mit einer für sie schier unglaublichen Machtfülle ausgestattet. Von ihrem Wohlwollen hingen oft Menschenleben ab, weshalb auch viele versuchten, sich dies zu erkaufen.

      Einen anderen Aspekt brachte dann ein Historiker in den 1990ern mit aufs Tapet: Viele haben sich einfach durch Unterlassen oder vermeintliche „Kleinigkeiten“ schuldig gemacht. Wenn die SS oder die Gestapo vor der Tür des Nachbarn standen und die gesamten Bewohner des Hauses mitnahmen, dann war die Versuchng einfach zu groß, nützliche oder gar wertvolle Möbelstücke und Kunstgegenstände dem eigenen Haushalt einzuverleiben. Schließlich wusste man ja inzwischen, dass die Wenigsten wiederkamen. Hätten sie sich nach dem Krieg daran erinnert, so wären diese Güter beschlagnahmt, die Diebe gar bestraft worden. Also war es besser, jegliches Mitwissen abzustreiten. Ähnliches berichten übrigens auch Historiker über den Umgang mit Systemkritikern in der DDR im Zusammenhang mit der Enteignung ihrer Häuser.

  3. Ich werde aufs schreiberische Altenteil gehen

    Hallo Andi: Zur Person Jesu habe ich in vielen Kommentaren gleiches wie Sie geschrieben. Nun kann ich mir allerdings überhaupt nicht vorstellen, dass Römische Soldaten im allgemeinen solche mit gutem Gewissens bleiben konnten und wollten, da dies ja völlig unvereinbar ist mit der Feindesliebe. Ich kann hier spontan keine Quellen nennen, aber es ist bekannt, dass die ersten Christen Gewalt in jeder Form ablehnten. Aber auch dies mag damals nicht alle betroffen haben, wie überall und jederzeit im Leben. Leider muss ich mich ja immer wieder entschuldigen, dass ich kein Theologe bin. Daher habe ich Theologie trotzdem (laienhaft) betrieben und selbstverständlich, wie vielfach kommentiert, habe ich die
    gleichen theologischen Gründe für Jesu Tod wie Sie hier benannt. Aber Gewalt nicht mit Gegengewalt zu beantworten, diesen Pazifismus, wenn man ihn denn so bezeichnet, gibt es auch in der Bibel. Und selbstverständlich nehme ich die Bergpredigt ernst. Ich bin für Gewaltlosigkeit, aber nicht für völlige Wehrlosigkeit. Die Urchristen hätten sich nur gegen ihre Glaubensverfolgung nicht gewehrt, klingt allerdings für mich nicht sehr folgerichtig und da müsste ich mich erschüttert fragen, wie umfangreich denn Nachfolge Jesu zu sein habe. Und nun zum Nationalsozialismus: Selbstverständlich war man schon im Kaiserreich sehr obrigkeitsgläubig und auch im NS-Reich, es war ja auch eine andere Zeit. Und die Menschen waren gleichermaßen auch desillusioniert und perspektivlos nach dem 1. Weltkrieg. An anderer Stelle habe ich dies auch geschrieben. Daraus kann man allerdings keinen Widerspruch ableiten. Natürlich bestand Angst vor den Nazis. Aber dass ein ganzes Volk sich so verführen lässt und insbesondere die Christen, betrachte ich schon für erwähnenswert. Dass fast sämtliche Institutionen und Gruppierungen in den antichristlichen Nationalsozialismus zwangsweise vereinnahmt wurden, habe ich nicht bestritten, aber auch nicht erwähnt. Sonst wäre mein Geschreibe zu lang.

    Ich gebe Ihnen recht, dass meine Texte oft zu lang sind. Aber dort wo man Schwieriges und/oder Komplizierteres kommentiert, mag das jemand mit wenigen Sätzen machen, aber für mich funktioniert dies nicht. Meine Mitteilungsbedürfnis konnte ich nicht eindämmen. Ich werde aber jetzt nichts mehr kommentieren. Denn anscheinend will es ja kaum jemand lesen. Dann soll man halt alles in Kurzkommentaren abarbeiten. Sie schreiben: „Ihre langen und umfassenden Kommentare machen es einem nicht immer leicht, Ihren Ausführungen zu folgen. Das ist schade, weil dadurch wohl manche fruchtbare Diskussion von vorne herein verhindert wird“! Ich werde keine fruchtbaren Diskussionen, die dann kommen, zukünftig verhindern. Ich höre ganz auf hier zu schreiben. Allerdings werde ich dann interessiert hier nachsehen, wie und wo diese fruchtbaren Auseinandersetzungen stattfinden. Dies rechne man mir bitte nicht als Überheblichkeit zu. Ich gehe jetzt also endgültig aufs Altenteil. Ade

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