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Heiligabend-Gottesdienst mit vier Besuchern – macht das Sinn?

Wenigstens Heiligabend sind die meisten Kirchen voll. Aber wie fühlt sich die weihnachtliche Hoffnungsbotschaft an, wenn die Bänke leer bleiben? Erlebnisse in einer Dorfkirche.

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Von Pastor Henning Dobers

In meinem Dienst als ev.-luth. Pfarrer bin ich zur Zeit als Springer tätig. Springer sind eine Art „geistliche Zulieferindustrie“ oder „schnelle Eingreiftruppe“ im Reich Gottes, speziell im kirchlichen Alltag mit seinen Herausforderungen und Schwierigkeiten. Springer haben keine eigene Gemeinde, sondern sind jene extra im Stellenplan vorgesehene Pastoren, die andere kurzfristig entlasten und ein„springen“, wenn jemand krank ist, aus anderen Gründen ausfällt, entlastet werden will oder muss oder eine Pfarrstelle eine Zeit lang nicht besetzt ist.

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Auf diese Weise komme ich gut herum, lerne unterschiedliche Gemeinden und ihre jeweiligen Gepflogenheiten kennen und mache sehr interessante Erfahrungen. Ich lebe und arbeite in einer Region, die vor circa 1.200 Jahren trotz zähem Widerstand irgendwann dann doch christianisiert wurde. Eine Erweckung hat es hier noch nie gegeben, aber ich spüre durchaus unterschiedlich ausgeprägte geistliche Atmosphären in den jeweiligen Ortschaften – sei es Offenheit oder Verschlossenheit.

In nahezu jedem Dorf steht eine Kirche und es gibt so etwas wie einen kirchlichen Grundwasserspiegel (der allerdings kontinuierlich sinkt). Insbesondere ältere Menschen legen Wert auf die Kirche in der Mitte ihres Dorfes, aber es gibt keine Gottesdienstkultur. Schon gar nicht geht man in das Nachbardorf zum Gottesdienst, auch wenn das Nachbardorf nur zwei Kilometer entfernt ist. Wenn dann doch mal im eigenen Dorf Gottesdienst gefeiert wird, sammelt sich eine eher kleine Schar, die dankbar und erwartungsvoll Gott die Ehre gibt. Der Gottesdienstbesuch ist sehr überschaubar. Die Teilnehmerzahl beläuft sich meist auf unter 15 (inklusive Konfirmanden), häufig auch unter zehn. Aber es gibt noch Steigerungen.

Heiligabend vor leeren Kirchenbänken

Da war zum Beispiel das sehr eindrückliche letzte Weihnachtsfest. Es war eh schon hart umkämpft wegen der pandemischen Lage. Schließlich wurde von der Gemeindeleitung entschieden, dass am Heiligabend nun doch ein Gottesdienst für die gesamte Gemeinde mit ihren zahlreichen Dörfern gefeiert werden sollte (im Unterschied zu den sonst üblichen vier bis fünf Gottesdiensten am 24.12.). Man wählte wegen Corona bewusst die größte aller Kirchen aus, um ein solides Hygienekonzept gewährleisten zu können.

Nun könnte man meinen, dass Weihnachten und Gottesdienstteilnahme, speziell die Heiligabend-Gottesdienste, Selbstläufer sind. Aber dem ist nicht so – zumindest nicht da, wo ich Pastor bin. Als die Christnachtfeier begann, waren wir zunächst zu sechst (Pastor, Küsterin, Kirchenvorsteherin, Organistin plus Assistent beim Notenblättern sowie ein Gemeindeglied). Später kamen noch drei Frauen von außerhalb dazu, ich kannte sie nicht. Man beachte: Heiligabend, einziger Gottesdienst, größte Kirche, vier Teilnehmende plus Mitarbeiter … Wie gesagt: Dass wenige Menschen den Weg in den sonntäglichen Gottesdienst finden, ist mir vertraut. Ich erlebe sehr viele Gottesdienste mit unter zehn Teilnehmenden. Aber dieses Weihnachtsfest war bisher die (negative) Spitze.

Zuversicht auf Gottes Wirken

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Nun könnte man sich fragen: Warum tue ich mir das an? Macht das überhaupt noch Sinn? Sollte man diese Gemeinde(n) nicht schließen, wenn noch nicht einmal am Heilig Abend die Menschen den Weg in den Gottesdienst finden? Besteht da noch Hoffnung? Wenn noch nicht mal das „Kerngeschäft“ der Gemeinde, nämlich die Anbetung des Dreieinigen Gottes, die Verkündigung des Evangeliums und die Feier des heiligen Abendmahls gesucht wird?

Merkwürdigerweise bin ich dennoch nicht frustriert. Im Gegenteil: Ich bin voller Hoffnung. Ich bin nachdenklich, aber nicht frustriert. Ich bin fragend, aber nicht mutlos. Ich bin angefochten, aber ich resigniere nicht. Ich bin gewiss, dass Gott in all diesen Dörfern wirkt. Und zwar gerade durch diese Gottesdienste. Warum gebe ich nicht auf? Warum schüttele ich nicht den Staub von den Füßen und ziehe weiter?

Kerzen in einer Kirche
Foto: BrianAJackson / iStock / Getty Images Plus

Ein Recht auf Jesus

Sicherlich, weil Gott mir schenkt, trotz allem froh meinen Dienst zu versehen. Das ist ein Wunder, ein Geschenk. Es ist emotionale Bewahrung. Es ist Gnade, dass ich nicht aufgebe. Sicherlich, weil ich immer wieder Sternstunden der Gottesgegenwart erlebe im Feiern und Verkündigen seiner Gegenwart. Sicherlich, weil er mich schützt vor dem Bedürfnis, mich mit den großen und erfolgreichen Gemeinden der christlichen Szene zu vergleichen.

Aber dann auch, weil ich glaube, dass Gott es wert ist, angebetet und verkündigt zu werden an jedem Ort dieser Erde – unabhängig davon, wie viele Menschen Sehnsucht danach haben oder zum Gottesdienst kommen. Weil ich dazu beitragen will, dass der Dreieine Gott regelmäßig, öffentlich und unter hörbarem Glockengeläut in der Mitte des Dorfes angebetet und verherrlicht wird. Weil ich glaube, dass jeder Mensch ein Recht auf Jesus hat und – zumindest im dörflichen Kontext – die großen Volkskirchen häufig die einzigen Anbieter sind (abgesehen natürlich von digitalen Angeboten) und ich als landeskirchlicher Pastor von daher eine hohe Verantwortung habe.

Weil ich glaube, dass Gott Wort hält und sein Wort nicht leer zurückkommt, wenn es verkündigt wird (Jes 55,11). Die ausgestreuten Samenkörner fallen auf unterschiedliche Böden, aber sie werden ausgestreut. Gott hat verheißen, dass sie aufgehen. Wir streuen nicht irgendetwas aus, wir verbreiten nicht theologische Geräusche oder fördern religiöse Gefühle, wir halten nicht eine religiöse NGO am Leben, sondern wir verkündigen Gottes Wort. Und das kommt nicht leer zurück! Irgendwann wird es aufgehen. Irgendwann, irgendwie, aber es wird so kommen.

Geist – nicht Gefühl

Von Vaclav Havel stammt der Satz: „Hoffnung ist nicht die Zuversicht, dass etwas gut ausgeht, sondern die Überzeugung, dass etwas sinnvoll ist, egal, wie es ausgeht.“ Ein starkes, mich inspirierendes Zitat. Als Christ würde ich den Satz dennoch ein wenig verändern. „Hoffnung ist nicht die Zuversicht, dass etwas gut ausgeht, sondern die Überzeugung, dass etwas sinnvoll ist, weil Gott es geboten oder versprochen hat – egal, ob ich die Auswirkungen noch erlebe oder erst Generationen nach mir.“ Hoffnung ist eine Haltung des Geistes, nicht des Gefühls. Christliche Hoffnung hält an Gott fest, unabhängig von den Umständen. Sie hält an Gott und seinem Wort fest, nicht an dem Erbetenen oder Erwünschten.

Es gibt einen Unterschied zwischen begründeter und unbegründeter Hoffnung. Der Grund meiner Hoffnung ist nicht mein Glaube, mein Fleiß, meine Kreativität, mein Eifer – sondern nur Gott und sein Wort. Er ist meine Burg, mein Fluchtort, mein Herr, mein Freund und Bruder, mein Tröster. Er hat mich beauftragt, ich bin nicht in eigenem Auftrag unterwegs. Ich weiß mich gesandt. Und deshalb habe ich Hoffnung. Geistlich inspirierte Hoffnung ist eine Haltung, die sich weigert, den Umständen größeren Raum zu geben als den Verheißungen und der Kraft Gottes. Aber es ist und bleibt natürlich immer auch ein Ringen, in dieser Haltung zu bleiben und zu wachsen.

Ich glaube gewiss, dass es zu einer Erweckung und zu nachhaltiger Christusnachfolge in den Dörfern kommen wird. Erstens, weil Gottes Wort verkündigt wird, zweitens, weil ich ihn um Erweckung gebeten habe und drittens, weil Gott Wort hält. Im Glauben weiß ich, dass meine Gebete nicht sterben, wenn ich tot bin. Manchmal werden sie erst Jahre, Jahrzehnte oder Jahrhunderte später erhört. Gott hält Wort. Er ist der Grund unserer Hoffnung.


Diesen Artikel erschien im Magazin AUFATMEN (Ausgabe 04/21). AUFATMEN ist Teil des SCM Bundes-Verlags, zu dem auch Jesus.de gehört.

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1 Kommentar

  1. Das tückische ist, wenn man die Erwartungshaltung einer Erweckung zu optimistisch ansetzt. Nichts gegen Erweckung, für die jede und jeder beten sollte. Ich halte auch nichts davon, den sinkenden geistlichen Grundwasserspiegel (nur) dem sogenannten Traditionsbruch zuzuschieben wie einem unabwendbaren Naturereignis. Wir als Gemeinde(mitglieder) sind auch selbst Ursache für Fehlentwicklungen. Etwa wenn in der Noch-Volkskirche die Kerngemeinde unter die Räder kommt, es also kaum noch Gemeindegruppen gibt als Orte der Kommunikation und damit eines geistlichen Lebens. Manchmal sind es auch die grottenschlechten Predigten, an die man sich so gewöhnen kann, so dass man kaum anderes erwartet. Einen geistlichen Neustart muss man als Gemeinschaft wirklich wollen, er sollte getan werden und vorher muss darüber gesprochen werden, unter welchen Zielvorgaben die Arbeit vor Ort erfolgen sollte. Der Heilige Geist weht zwar wo er will, aber wir können ihn durch Aussitzen und Nichtstun auch Knüppel zwischen die Beine werfen. Wenn eine Evangelisation erfolgt, muss es auch eine Nacharbeit geben. Menschen die neu zur Gemeinde kommen, was ansich schon eher ein Wunder ist, brauchen Mitchristinnen und Mitchristen. Im übrigen ist ein Heiligabend mit einer Handvoll Gemeindemitglieder, auch in Coronazeiten, nicht vom Himmel gefallen. In meiner Bibel steht auch nicht, dass man sich über die menschlichen Ursachen hier keine Gedanken machen sollte.

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