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Kolumne: Was würde Jesus zu den Jugendprotesten sagen?

Seit Wochen demonstrieren in Europa Jugendliche und junge Erwachsene, von Paris bis Tirana – nun auch in Deutschland. Ich frage mich, wie Jesus diese Proteste bewerten würde, und finde in der Bibel Antworten.

Seit einigen Wochen demonstrieren Jugendliche und Menschen im erwachsenen Alter in Europa. In Frankreich, Italien oder Albanien. Und auch in Deutschland hat die Initiative Gen Z regelt für den 31. Oktober zu Demos eingeladen.

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Der Protest startet meist friedlich, doch dann entlädt sich teils die Gewalt. Schnell kommt der Gedanke auf, diese Proteste per se abzulehnen – zu schnell münden sie in Ausschreitungen. Doch warum gehen viele junge Leute auf die Straße? Wollen Sie nicht für eine bessere Zukunft aufstehen? In alldem frage ich mich: Was hätte Jesus dazu gesagt?

Mit Jesus bei einer Demonstration

Ich stelle mir Jesus gerne auf einem Marktplatz vor, zwischen Demoschildern und Megafon-Gesängen. Vielleicht trägt er ein etwas abgewetztes Hemd, und jemand fragt ihn freundlich, ob er die Demo unterstützt. Was würde er antworten?

Die Bibel gibt darauf keine Antwort mit Hashtag, aber sie zeigt ziemlich genau, wie Jesus mit Protest umgeht. Und da wird es interessant.

Man muss nur die Evangelien aufschlagen, um zu merken: Jesus war kein stiller Typ, der alles einfach hingenommen hat. Er legte sich mit religiösen Autoritäten an, sprach offen über Armut, Machtmissbrauch und Heuchelei. Schon die Propheten im Alten Testament hatten es nicht leicht mit Vorgesetzten, die lieber Opfer brachten als Gerechtigkeit herstellten. Der Prophet Amos formuliert es unmissverständlich: „Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein unversiegbarer Bach“ (Amos 5,24).

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Wer also meint, Glaube bedeute Schweigen und Stillhalten, hat die Bibel nicht gelesen. Drum würde Jesus Menschen – seien sie jung oder alt – für Protest nicht verurteilen, im Gegenteil; er begrüßt es, wenn seine Geschöpfe sich für etwas Gutes eintreten.

Auch Jesus kann Protest

Übrigens: Auch Jesus selbst hielt sich nicht zurück, die berühmteste Protestaktion findet sich im Johannesevangelium (Johannes 2,13–17). Er betritt den Tempel, sieht die Händler mit ihren Tauben und Wechselstuben und macht kurzen Prozess: Er treibt die Tiere hinaus und wirft die Tische der Geldwechsler um.

Das war kein Kaffeeklatsch. Das war eine ziemlich deutliche Ansage. Aber beachten wir, was nicht passiert: Jesus verletzt niemanden! Die Tauben werden hinausgetrieben, die Tische umgeworfen, doch kein Mensch wird verletzt. Der Zorn gilt den Missständen, nicht den Menschen.

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Gewalt ist keine Lösung!

Eine ganz andere Situation, kurz vor Jesu Kreuzigung: Als im Garten Gethsemane die Gewalt eskaliert, zückt einer der Jünger ein Schwert und schlägt einem Diener des Hohepriesters ein Ohr ab. Jesus stoppt ihn sofort: „Stecke dein Schwert an seinen Ort; denn wer das Schwert nimmt, der wird durch das Schwert umkommen“ (Matthäus 26,52).

Dieser Satz sollte eigentlich auf jedem Plakat stehen, das durch die Innenstädte getragen wird. Denn er beschreibt eine einfache Wahrheit: Gewalt erzeugt Gegengewalt. Wer den Konflikt mit Fäusten, Flaschen oder Brandsätzen löst, verliert am Ende die Sache, für die er zu kämpfen behauptet.

Friedensstifter sind keine Sofa-Pazifisten

Jesus formuliert in der Bergpredigt eine Seligpreisung, die vielen Protestierenden gut stehen würde: „Selig sind, die Frieden stiften; denn sie werden Gottes Kinder heißen“ (Matthäus 5,9).

Beachten Sie das Wort „stiften“. Es heißt nicht „verhindern“ oder „zusehen“, sondern aktiv etwas aufbauen. Friedensstifter sind keine Sofa-Pazifisten. Sie sind unbequem, sie reden, sie organisieren, sie halten aus. Aber sie werfen keine Steine.

Übrigens ist auch Jesus nicht immer bequem. Er sagt auch: „Liebt eure Feinde“ (Matthäus 5,44). Das klingt nach Lehrer-Spruch auf Kaffeetasse, ist aber ziemlich radikal, besonders wenn man gerade auf der anderen Straßenseite steht.

Wenn die Steine schreien

Jesus weiß, dass manche Botschaften raus in die Welt müssen. An Palmsonntag, als Jesus feierlich in Jerusalem einzieht, wird laut gejubelt. Einige Pharisäer fordern ihn auf, die Menge zum Schweigen zu bringen. Jesus antwortet: „Wenn diese schweigen werden, so werden die Steine schreien“ (Lukas 19,40).

Was damals für die göttliche Botschaft galt, gilt sicher auch noch heute: Wer die Stimme der Menschen unterdrückt, bekommt irgendwann einen Lärm, den keiner mehr kontrolliert. Die Forderung nach Gehör ist legitim. Dafür braucht es aber keine Steine, sondern Argumente, die sich nicht verstecken müssen.

Regeln für den Demo-Alltag

Der Prophet Micha bringt es auf eine Formel, die man gut als Checkliste verwenden kann: „Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der HERR von dir fordert: nichts anderes, als Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott“ (Micha 6,8).

Oder frei übersetzt für den Demo-Alltag: Recht fordern, Menschlichkeit bewahren und die eigene Sicht nicht für die einzig wahre halten.

Und wenn es um das Verhältnis zum Bösen geht, findet sich bei Paulus ein Satz, der auch Jugendlichen mit Wut im Bauch gut tut: „Lass dich nicht des Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem“ (Römer 12,21).

Was würde Jesus uns jetzt sagen?

Würde Jesus also zu den Protesten sagen: Ja, geht auf die Straße! Ich glaube, ja. Er hätte vermutlich mehr Verständnis für eine Generation, die Missstände sieht und sie nicht hinnehmen will, als für Erwachsene, die sagen: „Das war schon immer so“ oder „Hier wird nichts dran gerüttelt.“

Aber er würde auch im gleichen Atemzug sagen: Keine Gewalt! Keine Steine, die fliegen. Keine Menschen, die verletzt werden. Keine Provokation nach der nächsten. Wer Gewalt anwendet, hat das Anliegen verloren, egal wie gerecht es ist. Protest ja. Gewalt nein. Und zwar nicht aus Feigheit, sondern weil man weiß, wo der Unterschied zwischen Veränderung und Zerstörung liegt.

Wenn am 31. Oktober, auch in Deutschland viele junge Menschen auf die Straße gehen, würde Jesus vielleicht mit einem Augenzwinkern und dennoch tiefer Klarheit sagen: „Erinnert euch, was die Reformation euch lehrt: Veränderung ist möglich – und Wahrheiten werden dadurch deutlicher denn je. Lasst die Steine liegen, nehmt die Stimme. Die ist lauter, als ihr denkt.“

Die Kolumne „Was hätte Jesus gesagt“ ist ein Beitrag in unsere Zeit, mal humoristisch – mal tiefsinnig. Die Texte sollen zum Denken anregen: über Jesus, uns Christinnen und Christen, die Welt und wie alles in Verbindung steht. Die Texte werden im Wechsel von Tim Bergen und Johannes Schwarz verfasst.

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