Drei betagte Ordensfrauen besetzen seit Wochen ihr ehemaliges Kloster in Österreich. Die Solidarität ist groß – doch der Konflikt mit der Kirche schwelt weiter.
Seit Anfang September leben drei betagte Ordensfrauen wieder im ehemaligen Kloster Goldenstein bei Salzburg – gegen den Willen ihres Ordens (Jesus.de berichtete). Schwester Bernadette (88), Schwester Regina (86) und Schwester Rita (82) waren zuvor in ein Altenheim verlegt worden. Die Nonnen freuen sich über eine Welle der Unterstützung – von gespendeten Blumen bis hin zu einem Treppenlift aus Hessen, berichtet das Portal ref.ch. Ehemalige Klosterschülerinnen unterstützen die Ordensfrauen.
Der eigens eingerichtete Instagram-Kanal, der das Leben der Nonnen zeigt, hat mittlerweile 70.000 Follower. Auf einem Spendenkonto seien schon mehr als 21.000 Euro eingegangen. Eine Pflegerin wurde organisiert, um die Versorgung der Frauen sicherzustellen. „Das stärkt halt einfach“, sagt Schwester Rita über die Zuneigung, die sie erfahren. Die Geschichte der Nonnen sorgt auch international für Aufsehen. Unter anderem die BBC und CNN berichteten über den ungewöhnlichen Fall.
Keine Einigung in Sicht
Eine Einigung mit dem zuständigen Propst Markus Grasl vom Stift Reichersberg ist derzeit nicht in Sicht. Der möchte, dass die Ordensfrauen in die Seniorenresidenz zurückkehren. Das wollen die Nonnen auf keinen Fall. Laut Informationen von EWTN.tv haben sie sich dort haben sie sich dort mittlerweile abgemeldet. Die Frauen werfen Grasl vor, ohne Rücksprache ins Pflegeheim angeschoben worden zu sein. Der widerspricht. Gegenüber der ZEIT erklärte er schriftlich, der Gesundheitszustand und die Räumlichkeiten der Schwestern seien 2023 „absolut prekär“ gewesen. Dies sei auch mit den Nonnen besprochen worden.
Auch von anderen Ordensfrauen gibt es zumindest leise Kritik am Vorgehen der Nonnen in Goldenstein. Schwester Theresa von der Benediktinerinnen-Abtei St. Gertrud bei Passau sagte gegenüber dem BR, es gebe viele betagte Nonnen, auch in Deutschland, die aufgrund ihres Alters in Pflegereinrichtungen gehen müssten. „Und die tun das, ohne Wirbel zu machen.“
Ein Fall für die Justiz
Doch die Ordensschwestern in Goldenstein wollen bleiben. Und jetzt wehren sie sich auch juristisch. Sie haben den Propst und einen weiteren Kirchenvertreter angezeigt – wegen der Umstände ihrer Verlegung und dem Verbleib von Ordensvermögen. Dieser „feindselige Akt“ habe die Möglichkeit eines Dialogs zerstört, so der Sprecher des Propstes.
Das Kloster Goldenstein war jahrzehntelang Heimat der Augustiner-Chorfrauen. Die angeschlossene Schule brachte zahlreiche Absolventinnen hervor – darunter auch die Schauspielerin Romy Schneider („Sissi“). Schwester Bernadette ist mit ihr zur Schule gegangen.
Medientipp: Plötzlich berühmt: Drei Nonnen und ihr öffentlicher Ungehorsam (Video des BR)

„ohne Rücksprache ins Pflegeheim angeschoben worden zu sein“
Nonnen haben zwar grundsätzlich ihrem Orden gegenüber absoluten Gehorsam versprechen müssen bei der Profess – Menschenwürde gilt aber auch für sie, und die endet nicht mit 80. Und in einem früheren Beitrag wurde geschildert, dass ihnen Vermögensgegenstände genommen wurden. Wenn ich, wie Andi wünscht, „die Situation im Ganzen betrachte“, finde ich das Verhalten ihres Probstes fragwürdig.
„…finde ich das Verhalten ihres Probstes fragwürdig…“ Genau dafür wäre ja gut, nicht einseitig sofort die Sichtweisen der Nonnen zu übernehmen, wie es viele Tausende sofort tun. Bei allem menschlichen Verständnis für die Notlage sollte man vielleicht auch der Gegenseite zuhören. Z.B. hat die Gegenseite gesagt, es hätte über längere Zeit Gespräche mit den Nonnen über deren Zukunft gegeben, nicht nur vom Probst, auch andern Nonnen (Z.B. eine Oberin aus anderm Kloster) Sie waren inhaltlich nicht mit möglichem Umzug einverstanden, aber überrascht von dem Thema an sich können sie also auch nicht gewesen sein. Sogar Umbauten zur Barrierefreiheit seien in früheren Jahren angeboten worden, aber von den Nonnen seien diese abgelehnt worden. Und zur Umzugsaktion aus dem Klinikaufenthalt heraus ins Pflegeheim müsste man fragen, ob dies nicht vielleicht auf Rat der Ärzte erfolgt ist. Wie oft kommt es auch im privaten Bereich vor, dass die Ärzte es nicht verantworten können, jemanden in die häusliche Umgebung zu entlassen. Immerhin ist das Heim offensichtlich nur ca. 10/15 Min mit Auto von Goldenstein entfernt, d.h. der Freundeskreis der Schwestern hätte diese auch dort gut kontakten können. Und nicht zu unterschätzen: die drei haben sich gehabt, ich meine, zu dritt ins Heim ist eine ganz anderer Nummer, als allein davor zu stehen und dort überhaupt niemand zu kennen. – Ich will den Einschnitt nicht kleinreden, den der Verlust des eigenen Heimes bedeutet, und dieses existentielle Loslassen ist wohl die schwierigste Aufgabe überhaupt, aber ob wirklich die Menschenwürde der Nonnen so außer acht gelassen wurde, ist für mich nicht ausgemacht.
Ich kann Seltsam nur zustimmen. Hinzu kommt, dass mit Dingen, wie etwa den „Vermögenswerten“ Stimmung gemacht wird. Wie genau sehen diese Vermögenswerte aus? Wer ist der rechtmäßige Eigentümer? Ist es nicht so, dass eine Nonne oder ein Mönch bei Eintritt in den Orden außer ein paar persönlichen Gegenständen allen irdischen Gütern entsagen? Hätten sie nicht auch gesund und in jüngeren Jahren eine „Versetzung“ an einen anderen Ort widerspruchslos hinnehmen müssen?
Nach meinem Kentnissstand gehören diese „Vermögenswerte“ dem Orden oder der Kirche. Ihnen wird also keinessegs ihr persönliches Eigentum unterschlagen oder gar geraubt. Was genau ist also fragwürdig?
Hier gilt, wie so oft, die Situation im Ganzen zu betrachten. Dabei habe ich den Eindruck, dass die Öffentlichkeit etwas voreilig einseitig Partei ergreift. Natürlich ist es „cool“, wenn die drei alten Damen sich nicht abschieben lassen wollen und es „der Kirche“ zeigen. Schön auch, dass jemand einen Treppenlift spendet und ein Pflegedienst regelmäßig vorbei schaut. Doch wie schaut es im Alltag aus?
In meiner Verwandtschaft fand der Pflegedienst eine Achtzigjährige abends völlig dehydriert im Sessel vor: Zuerst vergaß sie zu trinken, dann konnte sie es nicht mehr. Ein Andermal lag sie bewusstlos im Zimmer und wusste nicht, wie sie den Notrufknopf gedrückt hatte. Kurze Zeit, nachdem sie versorgt war, wollte eine Enkelin nach dem rechten sehen und fand sie wieder auf dem Boden liegend. Hinzu kamen noch sichtbare Zeichen von Altersdemenz. Auf den dringenden Rat des Arztes und der Familie, in eine Pflegeeinrichtung zu gehen, weigerte sie sich strikt, weil sie der Überzeugung war, sie käme noch gut alleine zurecht. Schließlich sorgte der Sohn, der die Vorsorgevollmacht hatte, dafür, dass sie dennoch ins Heim kam. Seitdem ist er zwar für sie die Verkörperung des Bösen, doch das Pflegeteam im Heim findet sie regelmäßig auf dem Boden liegend und teilweise erheblich verletzt vor.
Natürlich kann man dies nicht verallgemeinern, ich kenne z.B. auch eine Neunzigjährige, die ihren Haushalt weitestgehend alleine führt und nur gelegentlich um Hilfe bittet. Dennoch glaube ich nicht, dass diese drei Damen grundlos in die Seniorenresidenz kamen. Wie sieht es z.B. aus, wenn die Jahrzehnte lang eingeübte Alltagsroutine aus dem Tritt gerät? Wer ist dann zur Stelle? Ein „Outlaw“ wird zwar häufig bewundert, gerät aber schnell in Vergessenheit, wenn er sang- und klanglos untergeht!