Auch mehr als 20 Jahre nach dem gesetzlichen Verbot körperlicher Gewalt in der Erziehung hält sich der Glaube an den „harmlosen Klaps“. Eine Expertin von SOS-Kinderdorf widerspricht entschieden.
epd-Gespräch: Daniel Staffen-Quandt
Diese Sichtweise sei grundfalsch, sagte Barbara Mühlenhoff-Wirth, Leiterin der Stabsstelle Kinder- und Betreutenschutz bei SOS-Kinderdorf. „Etwas, was ich selbst erlebt habe, darf nicht der Maßstab sein für das, was ich weitergebe“, betonte sie. Gewaltfreie Erziehung sei kein bloßes Ideal, sondern ein verbrieftes Kinderrecht.
Gewaltfrei zu erziehen bedeute jedoch nicht, dass Kinder alles bestimmen oder Erwachsene auf Orientierung verzichten, so Mühlenhoff-Wirth weiter. Entscheidend seien Klarheit, Verlässlichkeit und Beziehung. Leitung dürfe nicht über Macht oder Abwertung laufen. Auch in Stresssituationen bleibe es Aufgabe der Erwachsenen, Verantwortung zu übernehmen, statt sie an das Kind abzugeben. Hilfreich könnten kurze Unterbrechungen sein – etwa den Raum zu verlassen oder bewusst durchzuatmen.
Forderung: mehr Unterstützung für belastete Familien
In belasteten Familien, etwa bei Alleinerziehenden oder in Pflegesituationen, braucht es laut der Expertin Einschätzung mehr Unterstützung. Wer selbst die Kontrolle verliere und bereits abgewertet oder geschlagen habe, solle Verantwortung übernehmen, sich ehrlich mit dem eigenen Verhalten auseinandersetzen und Hilfe suchen. Auch Kinder sollten sich an Vertrauenspersonen wenden, wenn ihnen zu Hause Gewalt widerfahre, sagte sie mit Blick auf den «Tag der gewaltfreien Erziehung» an diesem Donnerstag (30. April).
Das Recht auf gewaltfreies Aufwachsen gelte aber nicht nur im Elternhaus, sondern auch in Schule, Kita und Sportverein, betonte die Expertin.
Hintergrund:
Am 6. Juli 2000 verabschiedete der Bundestag das „Gesetz zur Ächtung der Gewalt in der Erziehung“. Seitdem heißt es in Paragraf 1631 (Absatz2) des Bürgerlichen Gesetzbuchs:
„Das Kind hat ein Recht auf Pflege und Erziehung unter Ausschluss von Gewalt, körperlichen Bestrafungen, seelischen Verletzungen und anderen entwürdigenden Maßnahmen.“
Die gesellschaftliche Akzeptanz körperlicher Bestrafungen ist seitdem laut Umfragen deutlich gesunken. In einer repräsentativen Befragung der Uniklinik Ulm im Jahr 2025 gaben allerdings immer noch 30,9 Prozent der Befragten an, den „Klaps auf den Hintern“ als Mittel zur Erziehung einzusetzen (2016: 44,7 Prozent). 14,5 Prozent hielten auch „leichte Ohrfeigen“ für angebracht (2005: 53,7 Prozent). Die Zustimmung zu der Aussage „Ein Klaps auf den Hintern hat noch keinem Kind geschadet“ lag 2016 bei 53,7 Prozent, 2020 bei 52,4 Prozent und sank 2025 auf 36,9 Prozent.
Erklärung: Das Jesus.de-Team verurteilt jede Form von physischer oder psychischer Gewalt gegen Kinder. Wir empfehlen dazu diesen Artikel aus der Redaktion unserer Familienzeitschrift Family:
