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Von Glaubensbrüdern und Hoffnungsschwestern

„Glaube, Hoffnung und Liebe, diese drei bleiben. Aber am größten ist die Liebe“ (1. Korinther 13,13) – wir kennen diesen Vers, besonders von Trauungen. Kristina Petzold verbindet eher weniger romantische Gedanken mit ihm: Sie verglicht ihn mit einem „Kauknochen“ – zumindest so lange, bis er eine unangenehme Beziehung vereinfacht hat.
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Wenn wir mal ehrlich sind, ist der Vers ein versiffter Kauknochen, auf dem wir schon viel zu oft unkonzentriert und gedankenverloren herumgebissen haben. Schmeckt ja auch immer wieder gut. Am Ende bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe. Wie schön! Ein Kauknochen zum übers Bett hängen. Wenn man das nicht eklig findet. Und die Liebe ist das Größte? Sowieso. Halleluja! Auch das ist schnell geschluckt. Doch Kauknochen schluckt man nicht so einfach. Die bleiben einem sonst im Hals stecken.

Bei mir läuft das ungefähr so: Nachdem ich die Bibel weggelegt und die Haustür hinter mir zugeknallt habe, prasselt über mir ein Gedankengewitter nieder. Ich bin auf dem Weg zur Arbeit, wo mich die unausstehlichste Person des Universums erwartet. Und das ist keine Übertreibung. Äußerst schwierig, jetzt nicht sämtliche vergangene und zukünftige Dreistigkeiten dieses Individuums durchzuspielen. Das schaffe ich nicht. Egal, wie verbissen ich den Kauknochenvers in Gedanken bearbeite: Frau S. verhagelt mir die liebevolle Stimmung.

Bild: pixabay

Gemeinsamkeit. Das ist die Zutat, die mir den Bibelvers aus 1. Korinther 13 wieder verdaulich und genießbar gemacht hat, nachdem ich ihn wieder und wieder ausgespuckt hatte. Der Vers öffnet nicht nur eine Zukunftsvision, er zeigt auch den Weg dahin. Er flüstert: Wie verrückt ähnlich sind wir Menschen uns eigentlich, wenn es um unseren Kern geht, unseren inneren Antrieb. Da scheint es irgendwo eine Ebene zu geben, auf der wir uns auch als grundverschiedene und vielleicht sogar grundunsympathische Zeitgenossen annähern können.

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Eines Tages purzelten aus der unausstehlichsten Person des Universums völlig überraschend Worte, die meine ganze Wut aufweichten: „Ich wünschte, ich hätte diese innere Ruhe schon gefunden, die mein Hund ausstrahlt. Aber irgendwie schaffe ich das nicht.“ Genau das sagte sie. Und plötzlich war sie meine Schwester. Einfach weil man zusammen Mensch ist und weil wir alle nichts daran ändern können, dass wir in einer Welt leben, die steinig und unwirtlich ist. Aber wenn wir sehen, dass wir alle hoffen und an irgendetwas glauben, könnten wir wenigstens damit aufhören, uns gegenseitig zu sabotieren. Das heißt jetzt nicht, dass wir beide von diesem Moment an unzertrennlich gewesen wären, aber es fiel mir von jetzt auf gleich leichter, freundlich mit ihr umzugehen.

Die Liebe verbindet

Eine Frau, die mich sehr beeindruckt hat, erzählte die folgende Geschichte: In einem afrikanischen Dorf vermisste eine Bäuerin eines Morgens ihren Hofhund. Sie suchte ihn überall, konnte ihn aber nirgends finden. Auch rufen und Futterköder halfen nichts. Nachdem der Hund auch die nächste Nacht nicht zurückkam, ging die Frau in den Wald, um nach dem Hund zu suchen. Sie rief nach ihm, aber er kam nicht. Irgendwann fand sie den Hund unter einem Baum. Geborgen an seinem Körper lag ein neugeborenes Baby. Die Eltern hatten das Kind einfach im Wald ausgesetzt. Der Hund hatte sich an ihrer Stelle um das Kind gekümmert und es die ganze Nacht warm gehalten. Die Frau, die davon erzählte, war die Friedensnobelpreisträgerin von 2011, Leymah Gbowee. Zum Schluss sagte sie: „Wie beschämend ist es für uns Menschen, wenn die Tiere schon mehr Menschlichkeit zeigen als wir.“

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Leymah Gbowee ist Liberianerin und schon allein ihre Art zu sprechen und ihre Kleidung wirkten auf mich vollkommen fremd. Aus einer anderen Welt. Aber alles, was sie sagte, war auch in meiner Welt so unfassbar wahr. War so universell und gültig in meinem Alltag wie in der Weltpolitik. Wir sollten dem anderen nicht mit Misstrauen begegnen.

Friedensnobelpreisträgerin Leymah Gbowee (Bild: picture alliance / GEORG HOCHMUTH / APA / picturedesk.com)

Nicht schon den Mörtel und die Ziegel in der Hand halten, mit denen wir die nächste Mauer hochziehen. Nicht dem anderen die Schere in der Hand unterstellen, mit dem er unsere Freiheiten beschneiden will. Nicht uns beide in einem Wettkampf wähnen, der nur einen Gewinner haben kann. Leymah Gbowee rief, gestikulierte und drängte unbedingt zur Menschlichkeit. Zur Suche nach dem Verbindenden, dem goldenen Faden zwischen uns Menschen. Zur Liebe. Denn daran glaubte sie unerschütterlich. Sie glaubte an jeden Menschen. Und ich schämte mich.

Glaube, Hoffnung, Liebe. Glaubensbrüder. Hoffnungsschwestern. Wir sollten mal unser Innerstes nach außen stülpen und vergleichen. Vielleicht sieht das eklig aus, aber vielleicht ist es sich auch ziemlich ähnlich. Dann könnten wir uns endlich liebevoll betrachten und gemeinsam ein Stück unfertige Ewigkeit bestaunen.

PS: Ich bin mir übrigens fast sicher, dass man das auch auf Hunde beziehen kann. Aber das ist ein anderes Thema.

Von Kristina Petzold 


Dieser Artikel ist ein Auszug aus dem Buch 

Pascal Görtz (Hrsg.): „Nicht von dieser Welt. Das WortProjekt: Gedanken zwischen Himmel und Erde“ (2014)

Verlag: SCM

Reihe: Das WortProjekt

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