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Wurde dir heute der Heiland geboren?

Out of the Box – Weil wir wunderbar gemacht sind

Die zweiwöchentliche Kolumne von Tom Laengner


Ein Linker spricht von Gotteskindschaft und Nächstenliebe im Umgang mit Ungeimpften – und bringt Tom Laengner damit ins Grübeln.

Thorsten Latzel ist seit März 2021 Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland und spricht sich für Dialog aus. Sich impfen zu lassen empfindet der promovierte Theologen als einen Akt der Nächstenliebe. Gleichzeitig lehnt der 51-Jährige Katetegorisierung in Geimpfte und Ungeimpfte ab. Der Gedanke dahinter: „Es sind doch erstmal alle Menschen“.  Das teile ich. Einen Kloß im Hals habe ich, weil es scheinbar aktuell nötig ist, darauf hinzuweisen. Was sollen wir denn sonst sein? Sorgen macht dem Familienmenschen, dass die Gesellschaft auseinander driften könnte. Also sei das Gespräch gefragt.

Das habe ich für meinen Teil mal getan. Meine Kontakte waren überwiegend Menschen, die über viele Jahre hinweg im kirchlichen Raum ehrenamtlich unterwegs sind. Wegen der Regulierungen sind sie das jetzt zum Teil nicht mehr. Immer wieder müssen sie sich damit auseinandersetzen, als Asoziale, Unsolidarische, Dummbatzen oder gar potenzielle Mörder bezeichnet zu werden. In einem Falle dachten Gemeindemitglieder einer Freikirche darüber nach, ob nicht das Gefängnis der angemessene Ort der Aufbewahrung ungeimpfter Menschen sein sollte. Das kommentierten meine Gesprächspartner nicht.

Das Schlimmste seien jedoch nicht die verordneten Einschränkungen, die es unmöglich machen, einen schnellen Kaffee zu genießen, ein Restaurant zu besuchen oder das Weihnachtsoratorium. Und ja, das habe seit Jahrzehnten zum festen Bestandteil der Vorweihnachtszeit gehört. Das Beängstigende an all dem sei, dass es fast nicht möglich ist, offen über diese Vorkommnisse zu reden, ohne ein bestimmtes Label aufgedrückt zu bekommen.

Unübersehbare Regelflut

Ein Dilemma besteht sicherlich darin, dass sich soviele kirchlich Verantwortliche mit einer immer unübersichtlicher werdenden Flut von immer neuen Regelungen auseinander zu setzen haben. Da kann einem schwindelg werden. Da haut man schon mal auf den Putz.

So rät die Evangelische Kirche von Westfalen ihren Mitgliedern ohne Impfung vom Besuch von Weihnachtsgottesdiensten ab: „Nicht immunisierte Menschen werden gebeten, sich zum eigenen Schutz vor einer Infektion mit möglicherweise schwerem Krankheitsverlauf nicht der Gefahr einer Menschenansammlung auszusetzen“. Ich persönlich empfinde die Art, wie Kirche Verantwortung für Gesundheit übernimmt, nicht so gut. Eher übergriffig. Und ich bin mir unsicher, ob ich ihnen die Motivation abkaufen soll oder nicht.

„Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser“ hörte ich auch  von Mitarbeitenden kirchlicher Arbeit. Meines Wissens war Wladimir Iljitsch Lenin keiner der so ganz und gar ambitionierten Jünger Jesu. Von daher mag der Gedanke funktionsgerecht sein. Aber ist das auch jesuanisch?

Inspiriert hat mich dann eine Rede von Oskar Lafontaine. Der einstige Ministerpräsident des Saarlandes und Bundesfinanzminister hat seine Gedanken im November im saarländischen Landtag gehalten. Da spricht er im Zusammenhang der ‚Pandemie der Ungeimpften‘ über Solidarität und Nächstenliebe. Das gelte doch für alle Menschen einer Nation! Dann hörte und staunte ich: Für Lafontaine habe das mit der Gleichheit der Gotteskindschaft zu tun. Und dann sagt er abschließend:“Was du nicht willst, dass man dir tut, das füg auch keinem anderen zu“.

So ähnlich hatte der Mann aus Nazareth das auch gesagt. Dieser Satz macht Coronaverordnungen nicht überflüssig! Aber es ist doch zumindest ein Ansatz, der weder angstbesetzt ist, noch ausgrenzt. Und wenn mir das Evangelium aus dem Munde der Linken gesagt wird, möchte ich mich davon aufrütteln lassen, auch wenn sie nicht meine Partei ist.

Soll heißen: Wie begegne ich den Christen, die meine anderen christlichen Freunde im Knast sehen möchten? Ganz schön schwer? Ja, aber auch ganz schön jesuanisch! Aber hey: Uns ist doch heute der Heiland geboren!

Alle Kolumnen von Tom Laengner findet ihr hier.


Tom Laengner ist ein Kind des Ruhrgebiets. Nach 20 Jahren im Schuldienst arbeitet er journalistisch freiberuflich und bereist gerne unterschiedliche afrikanische Länder. Darüber hinaus arbeitet er als Sprecher für Lebensfragen und Globales Lernen. In seiner Kolumne „Out of the Box – Weil wir wunderbar gemacht sind“ schreibt er regelmäßig über Lebensfragen, die ihn bewegen.

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3 KOMMENTARE

  1. Leider wieder so ein Text, in dem Ungeimpfte und Impfverweigerer als Opfer , als Ausgestoßene, als Unterdrückte dargestellt werden, die von allem (offensichtlich ja irgendwie grundlos) ausgeschlossen werden.

    Ich verstehe nicht, wie man diesem Opfermythos einer Minderheit , die sich immer aggressiver und extremer zeigt, weiter auf dem Leim gehen kann.

    Die Einschränkungen für Ungeimpfte sind nicht grundlos, sie sind pandemiebedingt. Und sie sind in einem Rechtsstaat auch gerichtlich überprüfbar. In einigen Fällen wurden sie gerichtlich korrigiert, in den allermeisten Fällen gerichtlich bestätigt.

    Gegen eine Pandemie hilft nur Immunisierung. Wir leben zum großen Glück in einer Zeit, wo dieses über Impfen geht.

    ich habe großes Mitgefühl mit den Pflegerinnen und Pflegern, Krankenhauspersonal, Gastronomen, vielen Gewerbetreibenden, Schulkindern und vielen mehr, die sehr unter dieser Pandemie leiden.

    Mein Mitgefühl mit denen, die diese Pandemie durch ihr Verhalten verlängern und verschlimmern, hält sich dagegen sehr in Grenzen.

    • Joerg, damit hier kein Irrtum aufkommt: Wir unterstützen seit Anfang an alle RKI-Empfehlungen, die Impfung + Booster und bitten alle, dies auch zu tun. MfG, Daniel vom Jesus.de-Team

  2. Ich habe es erlebt

    Ich habe es erlebt, allerdings nicht in der Corona-Pandemie, sondern exakt vor 20 Jahren. Ich lag auf der Intensivstation nach einem extrem Asthmaanfall, konnte kein Luft mehr bekommen und wurde daher in ein künstliches Koma versetzt. Wie durch ein Wunder – vielmehr als ein Wunder – konnte ich nach drei Tagen wieder aufgeweckt werden, mit großem Hunger und fast wieder hergestellt. Daher weiß ich wie es sich anfühlt, nicht mehr atmen zu können. Der leichtfertige Umgang mit absurden Verschwörungstheorien und der Methode, jedem/jeder zu glauben nur nicht der Wissenschaft, bringt Leute dem Tode nahe und manchmal schlimmer als eine gefährliche Körperverletzung, insbesondere wenn gut begründbare Kontaktregeln nicht eingehalten werden. Nächstenliebe ist daher, sich impfen zu lassen. Interessant ist dass 1813 die ersten Pockenimpfungen in Bayern ebensolche extremen Ängste auslöste, damit würde Böses getan oder verursacht. Nur bei den damaligen Menschen ist ihre Angst noch einigermaßen nachvollziehbar. Auch die manchmal unaufrichtigen Selbstbezichtigungen von Politiker*innen, die Menschen würden über die Impfungen nicht ausreichend aufgeklärt, sind mir ein ewiges Rätsel. Es gibt derzeit fast kaum eine Nachrichtensendung, Sachbeiträge oder Fernsehdiskussionen, in denen das Thema wie in einer ewigen Litanei von allen Zeiten durchgenommen wird. Man muss sich also schon interessieren müssen.

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