Im „Himmelwärts“-Gottesdienst der Creativen Kirche spricht der Theologe Thorsten Dietz darüber, wie Christen mit gesellschaftlicher Polarisierung umgehen können. Sein Kernanliegen: Entfeindung statt Schwarz-Weiß-Denken.
Von Lina Ellert
Erschreckende Meldungen über ICE-Einsätze, absurde Forderungen des US-Präsidenten Donald Trump, die in der Kapitalisierung einer eigenen Bibel noch nicht ihr Ende gefunden haben und hierzulande oft nur noch eine Reaktion von Entsetzen und Kopfschütteln auslösen, ein politischer Rechtsruck Richtung Nationalismus in vielen Ländern: Das alles kann Angst machen. Viele Christinnen und Christen fragen sich: Wie sollen wir uns im Hinblick auf die aufgeheizte politische Lage und polarisierenden Debatten verhalten?
Im Rahmen des „Himmelwärts“-Themengottesdienstes der Creativen Kirche im Saalbau in Witten versucht der Theologe, Autor und Podcaster Thorsten Dietz, Antworten zu formulieren.
Jesus und Politik: Unvereinbar?
Zuerst widmet sich Dietz der These, man könne aus der Bibel keine politischen Botschaften ableiten und Jesus selbst sei nicht politisch gewesen. Er selbst habe in seinem Leben unterschiedliche Meinungen zu dieser Frage gehabt. Um die These angemessen beurteilen zu können, sei es notwendig, die Bibel in ihrem historischen Zusammenhang zu betrachten – und nicht nur aus heutiger Perspektive. Die Antike unterschied nicht zwischen religiösem und politischem Machtanspruch, so Dietz. „Die Kaiser dieser Zeit waren erst Repräsentanten des Göttlichen, dann zunehmend selbst Götter.“ Jesu Zeichen und Lehren über das Reich Gottes waren für die römischen Statthalter deshalb so provokant, weil sie ihrer eigenen Macht die Grenzen aufzeigten. Dem entsprach auch der verhöhnende Schriftzug auf Jesu Kreuz: König der Juden. Der Aufruhr, den Jesus erzeugte, sei somit zutiefst politisch gewesen.
Dies bedeute jedoch nicht, die Bibel für die eigene politische Agenda frei drehen und wenden zu können, erläutert Dietz. Statt die Bibel als Megafon für die eigene Meinung zu nutzen, sollte man sie stattdessen als Fernrohr gebrauchen: „Wenn wir die Bibel in die Hand nehmen, dann ist sie ein Fernrohr in Gottes Welt, in Gottes Willen, in Gottes Gedanken, in Gottes Geschichte mit den Menschen. Du musst gut hingucken.“
„Suchet der Stadt Bestes“
Als Beispiel zitiert der Theologe aus Jeremias Brief an die Israeliten im babylonischen Exil. Dietz betont, wie verzweifelt diese Menschen waren. Aus ihrer Heimat entrissen, befanden sie sich in einem feindlichen Land und fürchteten sich vor der Ausrottung ihres Volkes: „Viele wurden getötet, man schnitt den Leuten Haare und Schlimmeres ab, viele mussten gefesselt, aneinander gekettet diesen Weg gehen“. Die Gefangenen rechneten nun in dem Brief mit einem Schlachtplan des Propheten, einer Versammlung zum gewaltsamen Widerstand im Kampf gegen den erbitterten Feind. „Sie haben Gott angefleht, dass er deren Kinder nehmen möge und am Felsen zerschmettern soll, aus Rache und Vergeltung für das, was diese furchtbaren Babylonier getan haben.“ Aber es kam ganz anders.
Stattdessen steht im Brief, den Jeremia explizit als Wort Gottes deklariert: „Baut Häuser und richtet Euch dort [im Exil] zum Wohnen ein. Legt Äcker und Gärten an und freut euch an den Früchten, die ihr erntet. Heiratet und zeugt Söhne und Töchter […], euer Volk soll wachsen und nicht kleiner werden […]. Betet für das Wohlergehen der Stadt – denn wenn die Stadt, in der ihr gefangen gehalten werdet, Frieden hat, habt ihr auch Frieden (Jeremia 29, 5-7).“
Diese Botschaft enthalte zwei konkrete Erkenntnisse, so Dietz. Erstens bedeute sie, dass Gott nicht nur „nationaler Kriegsgott“ der Israeliten ist, sondern ein Gott aller Völker. Gott sei ein „Gott der ganzen Welt und vor ihm sind alle Menschen gleich.“ Die Menschen damals wären zutiefst gerührt und erfreut gewesen, dass ihre Idee – diese Idee vom Gott Israels als dem Menschheitschöpfer – einmal wirklich um die Welt geht“, so Dietz.
Zweitens stelle sich diese Bibelstelle ganz klar dem Hass entgegen, den die Gefangenen gefühlt haben müssen. Das Schwarz-Weiß-Denken in Feind und Freund soll durch den Brief ein Ende finden – Gott fordert von den Israeliten in dieser Situation eine „innere Entfeindung“, erklärt Dietz. Um ganz nach Jesu Lehre der Feindesliebe handeln zu können, gelte es, sich nicht vom Hass zerfressen zu lassen – auch ungeliebten Menschen oder politischen Gegnern gegenüber. „[Wer das nicht versteht…] der kann mal anfangen: Welche Lehrerin war die Allerschlimmste und hat dein Selbstbewusstsein in der Schulzeit am meisten dezimiert? Nun stell dir die vor, segne sie und bitte Gott für sie um Gutes. Ja, da geht’s los.“
Gegner – nicht Feinde!
Jeremias Brief zeige etwas, was auch heute wichtig sei, sagt Dietz: „Rettung der Demokratie heißt: Sicher müssen wir kämpfen, aber wir sollten im Kampf menschlich bleiben und es niemals erlauben, dass Gegnerschaft zur Verfeindung wird. Wenn wir die innere Entfeindung verlieren – wenn wir ins Feindschema übertreten – ist nichts mehr zu retten.“ Dies sei auch ein Wagnis: „Du machst dich verletzlich, du machst dich angreifbar. […] Du trittst in einen Vertrauensvorschuss, du investierst Vertrauen, dass es geht, dass man miteinander in Frieden leben kann.“
Jeremia rede jedoch nicht von Unterwerfung. Auf Rückfrage ermutigt Dietz dazu, sich ein Beispiel an gewaltlosen, aber lauten und deutlichen Protesten wie dem von Martin Luther King zu nehmen. Er betont: Dessen gewaltloser Protest sei nicht passiv gewesen, sondern King stellte deutliche Forderungen.
Wie würde christliche Politik laut Dietz aussehen? In einer idealen Welt wäre niemand Herr oder Führer, so der 54-Jährige. „Wir würden alle gleichwertig und geschwisterlich nur Gott unterstehen.“ Es würde wie in den Seligpreisungen ein besonderes Augenmerk auf die Benachteiligten des Volkes gerichtet werden – ganz im Sinne der Präambel der schweizerischen Verfassung: „Die Stärke des Volkes misst sich am Wohl der Schwachen“.
Thorsten Dietz hielt seinen Vortrag im Rahmen des Himmelwärts-Gottesdienstes der Creativen Kirche im Wittener Saalbau.
Weiterlesen:

Witzig, dass eine Reizfigur innerhalb der christlichen Subkultur zum „Entfeinden“ aufruft …
zu reizen scheint er ja nur eine gewisse eh sehr reizbae Richtung.
Selbstverliebtheit
Wer soll hier als Reizfigur innerhalb der christlichen Subkultur zum Entfeinden aufrufen? Thorsten Diez? Jeder der sich Christin oder Christ nennt, darfso unter der Prämisse von Gedankenfreiheit auch eine eigene Meinung haben. Es ist auch nicht verboten, jemand als Reizfigur zu beschreiben. Dies kommt aber vielleicht meiner Vermutung nahe, dass Menschen bisweilen alleine die Existenz abweichender Meinungen von jeweils eigener absoluter Wirklichkeitserkenung in empfindlicher Ehre kränkt. So sollten wir nicht miteinander umgehen. Nur gut, wenn JohannN nicht von einer Witzfigur spricht. Mitmenschen nicht achtsam begegnen, rufen so oft aus dem Wald zurück, wie wir zornig, beleidigt oder an Narrzismus leidend es auch tun. (Ich meinte hier den Jüngling Narrzis, der nur sein eigenes Ich liebt und es als das Schönste anbetet.) Ich halte hier die Creative Kirche
für sehr notwendig, denn solche Eigenschaft hätte mit der Durchschlagskraft des Heiligen Geistes durchaus Legitimität. Und Subkultur ist sodann keine Selbstverhöhnung oder selbstgewählte Ironie, wenn man in den Gottesdiensten und Versammlungen (geistlich) nicht vor Langeweile schläft.
Christinnen und Christen haben Weltverantwortung
Jedenfalls dürfte nicht strittig sein, dass es eine Bergpredigt gibt und nach einer sehr einer weiten Interpretation des Wortes „Politik“, (in der Antike begrifflich unbekannt), ist alles was Menschen tun oder nicht tun ebenso Politik. Wenn im Generalstreik niemand mehr unsere Brötchen backt, die Lebensmittel nicht mehr verkauft, keine Busse fahren, keiner mehr arbeitet und damit politischen Druck ausübt – dann ist dies hier Politik. Ob gut oder böse kommt auf den Kontext an. Wenn wir unseren Glauben exemplarisch leben, dann ist es sogar – wie ich es tue – hier richtig zu behaupten: „Glaube ist für mich immer, was mich unbedingt angeht“! Wenn Flüchtlinge im Mittelmeer ertrinken höre ich Jesus sagen „ich bin im Mittelmeer ertrunken, weil ihr die privaten Rettungsschiffe nicht mehr finanziert“. Dies geht mich unbedingt an. Auch jener Krieg, wo doch die Ev. Kirche als Bekenntnis ihres Versagens unter Hitler, ihre Schuld bekannte. Dazu gehört ebenso, dass die Nazijünger eigene Wahllisten für Kirchenvorstände aufstellten und auch ein armer Bekenntnispfarrer der alten Heimat gab Dienstsiegel und Kirchenschlüssel beim Gerichtsvollzieher ab und musste
fortan in Wohnzimmern taufen und predigen, sowie von den Gemeindemitgliedern alimentiert wurde. Der Katholische Pfarrer, nahe daran wegen seiner Ansprachen ins KZ abgeschoben zu werden, besaß die Unverschämtheit, mitten im Krieg zu sterben und eine riesige Menschenmenge von 2000 Personen gingen hinter dem Sarg zum Friedhof und die Pfarrer aller Konfessionen ebenso in Amtstracht. Die frommen Gesänge brachten die
Hitleranhänger in Rage. Zweifellos war dies nicht nur des Theologen Beliebtheit geschuldet, sondern ausnahmsweise mal ein Schulterschluss auch der christlich und politischen Doppelbotschaft. Man kann dem Kaiser nur geben was des Kaisers ist, wenn dieser kein Tyrann ist. Die nach Luther eingesetzte Obrigkeit durch Gott sollte dann aber auch minimalste Formen von Menschlichkeit praktizieren. Wenn in den USA jener Gottesdienst eines vermummten brutalen Abschiebungspolizisten gestört wurde, der in zweiter Funktion Pfarrer war, dann war das keine Gotteslästerung, weil vermutlich Jesus, der ja auch die Tische der Wechsler im Tempel umkippte. dort sicherlich mit protestiert hätte. Wenn die Gottes- und ebenso die Nächstenliebe den ganzen Glauben an Gott zusammenfasst, dann sind auch die Menschenrechte und das Völkerrecht, sodann teilweise auch im Grundgesetz enthalten, durchaus eine religiöse und zugleich staatspolitische Grundlage. Tyrannen und ihre Staaten sind vom Himmel so niemals gewollt wie sie sind, aber leider (oder Gott sei es gedankt) sind wir ja auch keinerlei Marionetten des Himmels, sondern können uns in aller Freiheit und Verantwortlichkeit entscheiden, uns für das Reich Gottes zu engagieren, oder für das Gegenteil und als dritte Möglichkeit einfach als Neutrum leben. Für Politiker wäre die bescheidenste Form von christlicher Nächstenliebe, oder einfach nur von Nächstenliebe, nicht mehr über alle Maßen nur Populismus zu betreiben, der dann meist nur Schauspielerei ist, für Wahlbürger/innen gedacht und manche sind dabei wie Wechseltierchen. Dreht sich der politische Wind, ändern sich auch das Narrativ. Wenn wir nicht so sein sollen als Christen wie die Welt, dann ist es Aufgabe, nicht im oft gefühlten Haifischbecker bei jedem dummen Vorurteil und jeder aggressiven Reaktion auf angebliche Todfeinde mitzumachen. Parteien, für die viele Feinde oft nur sehr hohe Ehre bedeuten, sollte man nicht auf der gleichen Ebene von Sprache und Unkultur begegnen. Feindesliebe ist eine Versöhnung, die durch oft lange Annäherung nicht nur zu Akzeptanz werden kann, sondern letztlich zur Versöhnung. Da sind wir dann wieder bei dem Ziel von sehr viel Liebe. Aber ich glaube doch, dass wir auch die Welt, da wo es möglich ist, menschlicher machen sollten. Denn wenn wir es nicht versuchen, könnte hier die Welt oder unsere Kultur auf Erden einfach untergehen. Und wenn wir den Klimawandel nicht bekämpfen, tut es Gott an unserer Stelle nicht. Dies sind unsere Hausaufgaben. Es steht auch nicht in der Bibel, wir könnten nicht die ganze Welt in die Luft jagen.
Dies war in Zeiten der Antike und des Mittelalters noch kein Gegenstand von Glaubenserfahrung. Aber die Pest stand für baldigen Weltuntergang.
Noch ein weiterer Gedanke zu Jeremia 29 – gelesen mit dem Outlaw God von Steven Paulson im Hinterkopf. Dabei fällt auf: In seiner Auslegung kanalisiert Thorsten Dietz die Schrift sehr stark für „sein“ Narrativ – Frieden, innere Entfeindung und moralische Haltung – und wendet dabei alles andere als den historisch-kontextuellen Hintergrund des Exils an. Jeremia 29 ist kein psychologisches Friedensprogramm, sondern ein Brief im Kontext des babylonischen Exils, der Israel als Adressat göttlichen Gerichts anspricht.
Der Brief ist zuerst und vor allem Gesetz. Das Exil ist Strafe, kein Trainingslager für innere Entfeindung. „Baut Häuser“, „pflanzt Gärten“, „vermehrt euch“, „betet für die Stadt“ sind keine Appelle zur moralischen Selbstvervollkommnung, sondern konkrete Befehle Gottes an ein gescheitertes Volk. Israel soll lernen, Gott zu vertrauen, wo menschlich keine Rettung möglich ist. Das ist Gesetz in seiner ganzen Schärfe: Leben unter Gottes Wort, ohne Ausweg, ohne Kontrolle.
Die Botschaft wird erst im Evangelium erfüllt – nicht in den Versen, die Dietz zitiert, sondern in der Verheißung: „Ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe …“ (Jer 29,11). Hoffnung entsteht nicht durch innere Entfeindung, sondern durch Gottes freien Zuspruch nach Gericht. Wenn der Text primär als Aufruf zu Feindesliebe oder gesellschaftlicher Harmonie gelesen wird, werden Gesetz und Evangelium vermischt – das Gericht wird moralisiert und die Verheißung psychologisiert.
Wie Steven Paulson in Outlaw God betont: Gott rettet nicht, indem er zuerst unser Herz verbessert, sondern indem er uns durch sein Wort richtet und neu spricht. Jeremia 29 zeigt einen Gott, der sein Volk durch das Exil bewahrt – nicht einen Gott, der nur Gefühle beruhigt oder moralische Strategien lehrt. Dass Babylon dabei als Werkzeug Gottes ertragen werden muss, ist kein Appell zu innerer Entfeindung, sondern Kreuz.
Erst wer unter diesem Gesetz steht, kann das Evangelium hören. Alles andere liest mehr hinein, als der Text selbst sagt.
Vielleicht soll uns die Bibel dazu dienen, aus ihr die eine Rolle zu übernehmen, die in jedem von uns wachsen lässt, was die Gegenwart braucht, um von dem ewigen Bestand zeugen zu können, der uns von Gott seit der Geburt Christi zugesagt ist?
Zugesagt heißt nicht, dass er sich erfüllt, denn es braucht Jesus, das Leben der Menschheit, andernfalls bleibt sie tot. Ich glaube, wir müssen uns nicht über die Lebensweisheit von Jesus unterhalten, sie ist im NT hinterlegt und kann jeden von uns in seinem Handeln anleiten. Ich nenne es zur Würde berufen in einem Namen, der von ihr getauft, seine Herkunft nicht leugnet. Es mag sein, dass der Priester tauft, doch im Grunde ist es die Kirche, die uns alle taufen ließ, damit auch wirklich keine:r verloren geht, auch wenn sie sich selbst dabei aus den Augen verliert. Ich denke, wir sind auf einem guten Weg mit der Zeit, die wir ja durch unseren Glauben an Gott zurückgeben können, der sie uns als Kirche erneut anbietet.
Gottvertrauen heißt, dass das Leben an sich nicht auf unseren Schultern lastet, es verkörpert das Geschenk des Himmels, sodass der Mensch dafür danken kann, der mit diesem Körper erlebt, woran sich sein Herz gerade erfreut. Ich glaube, wir leben von einem Wechselbad der Gefühle, die wir durch Gott wahrnehmen können und mit dem teilen dürfen, der uns versteht. Wer immer das auch sein mag, er oder sie ist immer zu einer Hälfte Mensch und in der anderen Hälfte findet sich ihr oder sein Herz. Wir sollten nicht leugnen, was wir nicht wissen, denn Gott zeugt trotzdem oder gerade deshalb von einem Bestand, der uns aus gutem Grund nie in seiner Gänze zugänglich sein wird. Wir teilen mit Jesus, wovon sein Herz lebte, bevor es für sich selbst sprechen konnte. Damit gilt das Herz des Herrn als Maß der Zeit, die für uns Menschen wichtig ist, indem wir ihren Sinn für uns durch Jesus erkannt haben.
Liebe Frau Steffens,
vielen Dank für Ihre ausführliche Antwort und die Mühe, Ihre Gedanken auf meinen Kommentar hin hier zu teilen.
Ich möchte ehrlich sagen, dass ich große Schwierigkeiten habe, Ihren Beitrag inhaltlich nachzuvollziehen. Mir bleibt unklar, worauf Sie sich konkret beziehen – sowohl biblisch als auch heilsgeschichtlich. Viele Ihrer Formulierungen wirken auf mich sehr bildhaft und persönlich, aber ich kann nicht erkennen, wie sie aus dem biblischen Text oder aus dem Evangelium im engeren Sinn abgeleitet sind.
Gerade im Blick auf Jeremia 29 und auf die Unterscheidung von Gesetz und Evangelium frage ich mich, wo in Ihren Ausführungen Gottes konkretes Handeln an uns Sündern – Gericht und Verheißung – sichtbar wird. Für mich klingt vieles eher nach einer spirituellen Deutung des eigenen Erlebens als nach dem Zuspruch des Evangeliums von Christus her.
Wenn ich etwas Entscheidendes übersehe, helfen Sie mir gern weiter. Mich interessiert wirklich, wie Sie den Zusammenhang zwischen Ihren Gedanken und der biblischen Heilsgeschichte sehen.
Vielen Dank für Ihre Einlassung auf meinen Text!
Vielleicht komme ich mit einer Frage auf Sie zu, die mich seit Beginn der Zeit beschäftigt, in die meine Kinder hineingeboren wurden: „Was erwartet Gott von mir als Mutter, die ich sie bereits von Jesus geboren, durch meine (oder seine) Kinder verkörpere?“
Diese Frage warf mich immer wieder auf Maria zurück, den Vater von Jesus und damit auf Gott, Erst der Glaube eines Priesters an Jesus gab mir das Wort zurück, an dem ich festgehalten habe. Ich glaube an Gott als Vater der Allmacht, die sich aus ihm ergibt, sodass Jesus für mich zu einer Lebensstation für meine Kinder wurde, die ich hinterlasse, indem ich hier und jetzt für Sie, lieber Adrian das aufschreibe.
Meine Kinder sind nicht getauft, weil ich den Grund für meine Taufe erst als Mutter, nach ihrer Geburt erkannt habe. Nun sind beide Kinder erwachsen und müssen über ihr Leben, seine Herkunft und den Verbleib dessen, was ihnen nachfolgt selbst entscheiden. Das macht mir keine Angst, denn ich vertraue auf Gott, auch in diesem Fall. Die Kirche diente mir als Mutter im Verständnis um ihre Rolle für die Gesellschaft, sodass sie mir den Priester (Jesus) an die Seite stellte, der mich in diesem neuen Lebenszyklus begleitet.
In der Bibel gibt es viele Rollen, die es gilt, immer auf die gegenwärtige Gesellschaft zu übertragen, damit die nicht an Gehalt verliert, sondern lernt, wodurch sich Menschen im Umgang mit ihren Rollen auf Dauer weiter entwickeln können. Vater, Mutter und Jesus sind dabei die Feste, die sich einzig von Gott abbilden lassen. Alle anderen Rollen werden von Jesus angesprochen, der ihnen immer wieder aufs Neue vermittelt, was in den Evangelien hinterlegt, von ihm gelebt und vom damaligen Statthalter (Politiker) ans Kreuz genagelt wurde.
Für mich war die Schrift nie tot, sie stammt aus einer Feder, die sich nicht von selbst ergibt und in eine Hand gelegt das Herz ihres Schreibers wiedergibt. Wir können die Schrift wählen, die uns dabei den Zugang zu uns selbst, zu unserem Herz verschafft, da diese Schrift dieses Herz zu neuen Taten bringt, die es, einmal vollbracht, nie mehr vergessen wird. Dazu gehört eine Geburt!
Gott ist immer geblieben wie er ist
Ich (persönlich) glaube NICHT, auch wenn ich kein Theologe bin, dass Gott sich änderte. Weil unsere Perspektive Jesu auf Gott daher revolutionär das Gottesbild veränderte, aber niemals Gott. Ich kann mir nicht vorstellen, der Schöpfer aller Dinge habe folglich ebenfalls auch die Kriege Israels vor 3000 Jahren geführt, oder zumindest auch für richtig gehalten. Schon zur Zeit der 10 Gebote, die auf dem Berg Sinai übergeben wurden, waren diese auch in den umliegenden Gebieten bereits in die Herzen der Menschen gemeißelt, denjenigen auf dem Berg fast gleich und standen bereits auf steinernen Gesetzestafeln. Dies aber glauben auch Juden und ich habe dies einer guten Predigt eines Rabbiners aus Frankfurt in der Pandemie gehört. Jedenfalls Israel habe sie für sehr relevant gehalten, andere Völker leider damals nur zur Kenntnis genommen. Natürlich stelle ich niemals infrage, erst wer unter dem Gesetz stehe, könne das Evangelium hören. Dies kann/muss eher damit zusammen hängen, dass damals die Menschen zur Zeit auch der Wüstenwanderung noch nicht reif waren Kriege als böse zu betrachten, auch wenn die Gebote verbieten, andere Menschen auch wirklich töten zu dürfen. Immerhin verspeisen wir nicht mehr wie die Neandertaler unsere Mitmenschen und haben ebenso Sklaverei abgeschafft. Es gibt ein soziales und moralisch-ethisches Wachstum, auch wenn wir heute die Erde in die Luft sprengen könnten. Ich kann aber nie glauben, dass Gott Menschen mit einem Exil bestraft, Feuer vom Himmel wirft und wie im Weltraummärchen auch die Dunkle Seite seiner eigenen Macht wäre. Unseren Schöpfer für gewaltsam zu halten, scheint mir daher völlig unangebracht. Unsere so doch ethische und damit moralische Besserung sollte daher heute als Bergpredigt oder Bergrede, nicht im Sinne von Vollkommenheit, sondern nur als eine mögliche Annäherung an bestes Ideal gelten. Jene Langmütigkeit der Liebe im 1. Korinther 13 kann so eben nicht wie Feindesliebe nur etwas sein was wir niemals erreicht können, um es dann aber als Gnade jedoch geschenkt zu bekommen. Richtiger wäre es, hier auf Erden immer begnadigte und damit freigesprochene Sünder zu sein. Wir sind hier irdisch niemals vollkommen. Vollkommen sind ebenso auch die Jünger niemals und Jesu Gurkentruppe macht diese Nachfolger unseres Messias sympathisch, auch und vor allem Petrus, der Jesus dreimal verrät. Ich versuche täglich hier aus dieser Vergebung zu leben. Ich aber glaube niemals, dass Gott Feuer vom Himmel wirft und dann Jesus es wieder löscht. Krankheit ist keinerlei Strafe. Die Hölle sind leider nur wir. Gott ist die größte Liebe. Daher wird auch die Bibel vom Leben und Werk Jesu her, also vom Neuen Testament ausgelegt. Auch Altes Testament begeistert mich aber mit dort real ehrlich geschilderte Wirklichkeit: Menschen sind keine Engel und auch die wirklich großen biblischen Gestalten haben zumeist ihrer dunkle Seiten. Der liebende Gott jedenfalls ist wie sein Messias gewaltlos, Jesus ließ sich nur freiwillig kreuzigen und strafte nie seine Hinrichter. Der hier aber auch gekreuzigte Gott vernichtet keinen Menschen, auch wenn die Naturkatastrophen generell bereits als größte Gottesbestrafe angesehen wurden. Heutige Realität fühlt sich ebenso an wie ein Haifischbecken: Weil wir einen Freien Willen haben, damit aber Verantwortung, hatte Gott selbst Kain niemals in dessen Hand gegriffen, bevor er seinen Bruder erschlug. Wir produzieren die Hölle, die manche Christinnen und Christen hier Gott unterstellen. Eher ein absurder Gedanke . Ich glaube, dass Gott den Gottlosen rechtfertigt. Aber davon kann nie absolut getrennt werden darf, dass unser Gewissen weiß, was gut oder böse ist. Ich halte Gott – leider vermutlich im Gegenteil zu Ihnen – auch als ein Rechtfertiger, dass wir das Gute tun und so nach dem Reich Gottes streben. Dass Schwerter die so Pflugscharen werden und geächtete Kriege inhaltliche Alternative zur Apokalypse sind und nur erhältlich mit Gottes Geist. Das Streben friedlich zu leben, Versöhner zu werden, Mitmenschen und Gott zu lieben, sind daher nie eine falsch verstandene Werkgerechtigkeit. Sonst müssten wir unsere Bergpredigt aus unserer Bibliothek der Heiligen Schrift vollständig morgen bereits entfernen. Gott gibt uns alle Freiheit auch gegenüber dem Bösen, daher haben wir stets Verantwortung
Gott in mir als sich selbst lehrendes Wort an mir zu erkennen, das heißt, er erzeugt die Zeit bis der Tag ihrer Fülle erreicht ist! Erst als ihr Vater konnte ich mich als Mutter von der Zeit lösen, die Gott nicht kennt. An ihm bereits erfüllt für die Ewigkeit, schriftlich belegt, als Fülle des Lebens, das den Menschen auf seinem Weg begleitet. Gott bleibt der Menschenfischer, dessen Herz an seiner Einheit nicht verzweifelt. Evolution basiert auf der Kunst des Überlebens. Diese Kunst kann man nicht erlernen, man muss sie erlangen. Der Mensch ist in Jesus als gotteswürdig erfasst und erlangt damit als Überlebenskünstler, einen gewissen Status (Priester). Dadurch gilt für mich, dass ich immer besser begreife, warum sein Name zum Anfang meiner Geburt führte, die sich über genau den Zeitraum erstreckt, den seine Heiligkeit dafür benötigt. Überlebenskunst führt von ihrem Ende her auf den Anfang zurück, sodass Überlebenskünstler verkörpern, was sie an Gott finden und in seiner Würde weiter wachsen lassen, bis es in ihrer menschlichen Ausprägung als geistiges Wachstum einer Kirche gilt, die in ihrer unendlichen Weisheit mit Jesus durch ein mit ihm eingeführtes Ordnungssystem genau das vermitteln kann. Im Wissen um seine Überlebenskunst wurde sie selbst erwachsen und greift nun auf all die menschliche Substanz zurück die sich in ihrer größten Not an Gott gewendet hat und wieder bei Jesus angekommen ist.
Lieber Herr Hehner,
es ist mir ein großes Anliegen, gleich zu Beginn zu betonen, dass meine Antworten auf Ihre Kommentare nie persönlich gemeint sind, sondern sich stets auf die Inhalte und aus theologischer Sicht beziehen.
Dass Gott sich nicht ändert, ist unstrittig. Meine Irritation setzt an der Art an, wie in Ihren Beiträgen oft die Bibel gelesen wird: weniger als Offenbarung Gottes, sondern stark gefiltert durch Vorstellungen davon, wie Gott „sein müsste“. Genau diese Haltung begegnet uns in der Schrift selbst immer wieder – und endet dort regelmäßig fatal.
Ein zweiter Punkt: Viele Ihrer Ausführungen lesen die Bibel symbolisch. Wenn dies konsequent geschieht, stellt sich die Frage: Ist Christus dann nur symbolisch Gottes Sohn? Hat er nur symbolisch unsere Sünden getragen und gebüßt? Das Evangelium lebt nicht aus symbolischer Bedeutung, sondern aus Gottes realem Handeln an uns. Ohne dieses Handeln bleibt es bestenfalls ein Sinnangebot – keine Rettung.
Am Beispiel des Exils zeigt sich ein biblisches Muster: Gott handelt real mit seinem Volk, rettet, richtet und verheißt. Das Böse liegt nicht in Gottes Tun, sondern in der menschlichen Reaktion darauf. Wer Gottes gutes Handeln verdreht oder missversteht, handelt falsch – nicht Gott.
Sünde ist kosmische Realität, keine bloße pädagogische Herausforderung. Wird sie verharmlost, verliert auch das Kreuz seine Notwendigkeit und Tiefe. Das Evangelium lebt davon, dass Gott in Christus tatsächlich handelt – auch dort, wo uns das anstößig bleibt.
In vielen aktuellen Debatten über Frieden, Entfeindung und gesellschaftliche Verantwortung höre ich einen Ton, der mir schwer auf dem Herzen liegt. Es ist ein Reden von Menschlichkeit, von Vertrauen, von mutigem Frieden – aber oft ohne das Evangelium selbst.
Steven Paulson beschreibt in Outlaw God eindrücklich, dass Gott nicht der Garant unserer moralischen Projekte ist, sondern ihr radikaler Störer. Das Evangelium beginnt nicht dort, wo Menschen lernen, besser zu lieben oder weniger zu hassen, sondern dort, wo Gott den Gottlosen rechtfertigt – gegen jede Erwartung, ohne Vorbedingung (Röm 4,5). Alles andere bleibt Gesetz, selbst wenn es freundlich formuliert ist.
Wo Frieden, Feindesliebe oder Entfeindung zur Aufgabe gemacht werden, ohne dass zuvor der Mensch als verlorener Sünder unter Gottes Urteil angesprochen wird, entsteht ein frommer Aktivismus. Er meint es gut, aber er rettet nicht. Er will die Welt menschlicher machen, aber er bringt keinen Sünder in den Himmel.
Paulson erinnert daran: Gott rettet nicht, indem er unsere Herzen verbessert, sondern indem er uns durch sein Wort tötet und neu schafft. Der Feind wird nicht zuerst verwandelt, sondern freigesprochen. Erst dieser Zuspruch schafft Freiheit – nicht um gerecht zu werden, sondern weil wir gerecht gesprochen sind.
Mich treibt dabei kein politisches Interesse, sondern eine eschatologische Hoffnung. Ich will keinen möglichst höflichen öffentlichen Diskurs, wenn dabei das Evangelium verstummt. Ich will einen vollen Himmel. Und der wird nicht durch moralische Appelle gefüllt, sondern allein durch das unerhörte Wort Gottes an Sünder: Du bist gerecht – um Christi willen.
Christlicher Friede ist Frucht dieses Wortes, nicht seine Voraussetzung. Wo das Evangelium fehlt, mag Ordnung entstehen – aber keine Rettung.