Ein Gespräch mit Heinrich Bedford-Strohm, Vorsitzender des Zentralausschusses des Weltkirchenrats (ÖRK), zu dessen umstrittener Israel-Palästina-Erklärung – und der Frage, ob er an Rücktritt gedacht hat.
Der frühere EKD-Ratsvorsitzende hat in einem Interview mit dem evangelischen Magazin zeitzeichen Stellung zur Israel-Palästina-Erklärung des Weltkirchenrats (ÖRK) bezogen. An Rücktritt habe er trotz teils anderer persönlicher Überzeugungen nicht gedacht. Dies wäre „völlig unangemessen und kontraproduktiv“, so der frühere bayerische Landesbischof. Gerade jetzt brauche es Stimmen, die in der Lage seien, beide Seiten der eskalierenden Debatte wahrzunehmen und zu vermitteln – auch innerhalb der Kirchen.
Der Weltkirchenrat hatte in seiner Erklärung Israel ein „System der Apartheid“ gegenüber den Palästinensern attestiert. Bedford-Strohm selbst verwendet diesen Begriff nicht. Er sehe darin einen „Trigger“, der mehr verhärtet als öffnet. Der Begriff sei emotional aufgeladen und eigne sich daher kaum, um konstruktiven Dialog zu fördern – insbesondere nicht mit Menschen, die durch Terror und Antisemitismus tief traumatisiert sind. „Ich wünsche mir, dass wir die Sicht etwa der durch den 7. Oktober retraumatisierten Jüdinnen und Juden deutlicher wahrnehmen. Das versuche ich als Vorsitzender, auch wenn man mir in dieser Frage nicht gefolgt ist, auch immer wieder einzubringen.“
Gleichwohl verurteile er das, was in Gaza geschehe. „Der Tod von so vielen tausenden Kindern, die nichts mit irgendwelchen Gewalttaten zu tun haben und von so vielen Zivilisten, der wird durch keinen noch so brutalen Angriff der Hamas gerechtfertigt.“
Distanzierung von BDS-Bewegung
Kritik gab es auch daran, dass eben jener Hamas-Angriff vom 7. Oktober 2023 nicht in der ÖRK-Erklärung erwähnt wird. Bedford-Strohm räumt ein, dass er eine explizite Verurteilung der Hamas in der aktuellen Erklärung begrüßt hätte. Zwar gebe es frühere Verlautbarungen des ÖRK, in denen die Angriffe der Hamas, darunter auch Folter und sexuelle Gewalt, deutlich verurteilt worden seien. Doch deren Abwesenheit in der aktuellen Erklärung sorge für Missverständnisse. Ihm sei es daher wichtig zu betonen, dass der ÖRK keinesfalls die Gräueltaten der Hamas relativiere.
In Bezug auf die im Dokument geforderten Sanktionen und Desinvestitionen gegen Israel stellt Bedford-Strohm klar, dass er kein Unterstützer der BDS-Bewegung ist (Boycott, Divestment and Sanctions ist eine transnationale Initiative, die den Staat Israel wirtschaftlich, kulturell und politisch isolieren will – Anmerkung der Redaktion). Diese sei zu heterogen, enthalte auch Stimmen, die das Existenzrecht Israels infrage stellten – eine rote Linie für den Weltkirchenrat, wie auch für ihn persönlich. Der ÖRK habe seit 1948 stets das Existenzrecht Israels betont, betont Bedford-Strohm. Die Forderungen im aktuellen Dokument zielten eher auf gezielte Maßnahmen gegen Produkte aus illegalen Siedlungen – nicht auf eine generelle Boykottstrategie.
Die Rolle Deutschlands und der EKD
Bedford-Strohm erklärt, dass er seine persönliche Perspektive auch aus seiner Erfahrung im christlich-jüdischen Dialog in Deutschland schöpft. Worte wie „Boykott“ seien hier historisch vorbelastet – ein Aspekt, den er im Weltkirchenrat deutlich gemacht habe. Die Positionen der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und seine eigene stünden daher oft in Spannung zur Sicht vieler Kirchen im globalen Süden, die Israel aus der Perspektive postkolonialer Machtkritik betrachten. Die Erfahrungen von Rechtlosigkeit und Unterdrückung führten dort zu einer starken Solidarisierung mit den Palästinensern.
Er schäme sich nicht für die Erklärung des Weltkirchenrats, betont Bedford-Strohm. „Ich versuche zu erläutern, wie es dazu gekommen ist und die Erklärung einzuordnen. Was mich vor allem bewegt, ist das schreckliche Leid auf beiden Seiten, nicht Scham über diesen Beschluss.“ Angesichts der Differenzen innerhalb des Weltkirchenrats sieht Bedford-Strohm seine Rolle darin, für „radikale Leidsensibilität auf allen Seiten“ einzutreten. Er plädiert dafür, andere Sichtweisen ernst zu nehmen, statt sie reflexhaft zurückzuweisen. Das gelte auch für unbequeme Begriffe. Nur im Dialog mit allen Seiten – unter Einbeziehung ihrer jeweiligen Traumata – könne ein Weg zu Frieden und Gerechtigkeit gefunden werden. „Der Weltkirchenrat muss damit leben, dass sein Vorsitzender an der Stelle den Begriff Apartheid nicht gebrauchen will. Umgekehrt muss ich aber auch nicht nur mit der jetzt eingenommen Position leben, sondern ich will auch zuhören, was die Menschen in aller Welt sagen.“
Das komplette Interview von zeitzeichen-Redakteur Philipp Gessler mit Heinrich Bedford-Strohm können sie auf dieser Webseite lesen.
Weiterlesen:
Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) hat sich am 4. Juli in einer Stellungnahme vom Apartheid-Vorwurf des ÖRK distanziert. Wörtlich heißt es:
„Die EKD hält an ihrer Positionierung von 2022 fest, dass der Begriff ‚Apartheid‘ die komplexe Realität in Israel und den palästinensischen Gebieten nicht in geeigneter Weise beschreibt. Der Begriff entstammt dem spezifischen historischen Kontext des südafrikanischen Systems der gesetzlich verankerten rassistischen Trennung und Unterdrückung. Eine Übertragung dieses Begriffs auf die Situation in Israel und den besetzten Gebieten greift aus unserer Sicht zu kurz und trägt nicht zu einer sachgerechten und verantwortlichen Debatte bei.„
Sehr scharfe Kritik an der Entscheidung des Weltkirchenrats äußert Pfarrer Josias Terschüren in einem Kommentar für die Jüdische Allgemeine.

Wer sich mit der Evangelischen Kirche in Deutschland beschäftigt, stößt früher oder später auf den Namen Bedford-Strohm. Was an dem Mann auffällt, dass er politisch eigentlich alles beurteilen kann, es auch mit Leidenschaft tut und sich dabei selbstverständlich immer auf der korrekten Seite sieht.
Ich selbst kann mit dieser christlichen Besserwisserei nicht viel anfangen und finde, sie ist keine Reklame für die Kirche.
(Ich kenne nur seine öffentlichen Auftritte. Vielleicht ist er privat ein total netter Typ)
Der Artikel in der Jüdischen Allgemeinen zum Thema ist sicherlich polemisch, trifft den Nagel aber auf den Kopf!
Die eine Seite vergisst die Hamas und ihre Opfer, die andere Seite die verhungernde und vertriebene Zivilbevölkerung in Gaza.
Das ist ein politisches Statement und könnte auch von Baerbock oder Klingbeil stammen. Der Mann hat geringe oder gar keine geistliche Sicht auf den Konflikt. Sie entspringt einer ausschließlich humanistischen Denkweise, lässt historische und religiöse Aspekte nicht einfließen. Zudem drängt sich einem der Verdacht auf er wird zum Spielball linker und Israelfeindlicher Regime wie Südafrika um nur ein Land zu nennen. Bedford-Strohm mag eine Organisation vertreten die sich christlich nennt, aber das wars dann auch schon!
Danke, Stammtischbruder, für Ihren Kommentar. Dem ist nichts hinzuzufügen. Einfach grauenhaft !
Nachfolgend zur Info ein Kommentar dazu aus der Jüdischen Allgemeinen, der mit der EKD hart ins Gericht geht:
Die Kirche schafft sich ab | Jüdische Allgemeine https://share.google/FyOXYSbclH4J8Tdj0
Ich teile die dort geschriebene Ansicht so nicht, finde sie in diesem Zusammenhang aber wichtig.
Mir scheint hier, beide Seiten blenden den jeweils wichtigsten Fakt der Gegenseite aus.
Und damit wird eine Verständigung schwierig.
Die Stellungnahme von Bedford-Strohm ist sehr lobenswert
Dem Kommentar von Bedford-Strohm ist nichts hinzu zu fügen. Ich könnte mir nicht den Menschensohn Jesus vorstellen, der zwischen Menschen Unterschiede macht. Der Jesus Christus der Bibel ist am Kreuz für die Schuld aller Menschen dieser Welt gestorben und dies war schon vor 2000 Jahren bitter notwendig und auch heute um so mehr. In einem wirklich Heiligen Land dürfen nicht jüdische Siedler die fremden Grundstücke der Palästinenser einfach stehlen und rechtswidrig auch für den Staat Israel dort eigene Siedlungen erbauen. Gott erschuf nicht nur ein unendliches Universum, dachte sich die Quantenphysik aus und die Biologie aller seine Geschöpfe und er ist ebenso der Schöpfer aller Menschen: Der Juden, Palästinenser, Deutschen, Moslems, Christen sowie Atheisten. Wir alle sind seine geliebten Geschöpfe, er ist der gute Vater aus den Gleichnissen des Verlorenen Sohnes und des Verlorenen Schafes. Für uns alle, die wir hier und in Gottes Unendlichkeit wohnen, gelten die 10 Gebote und „du sollst nicht töten“. Gott zu lieben, den Nächsten und sich selbst, ist unsere Aufgabe und eine Zusammenfassung aller christlichen Glaubenslehre. 80.000 Frauen und Kinder wurden im Gazastreifen bestialisch ermordet und weitere Menschen drohen dort täglich dort zu verhungern. Genauso schlimm sind die Untaten der Hamas und jede Kriegshandlung mit Raketen, Drohnen oder Gewehrschüssen. So lange kein Frieden im Nahen Osten und global herrscht, sollten wir alle, die wir uns zurecht als Christinnen und Christen bezeichnen, oder an die guten Taten von Abraham und Moses glauben, nicht gut schlafen können.
Wir sollten auch das Schicksal von Krieg und Frieden nicht Menschen wie Putin, Erdogan oder Trump überlassen, sondern den guten und lieber auch den menschlich geeigneten Diplomaten mit westlichen Werten. Ich liebe Israel sehr, habe es seit 1990 dreimal bereist und bewundere seine riesige Friedensbewegung. Aber Sympathien für die rechtsgerichtete israelische Regierung vermag ich nicht zu finden. Umso mehr sollten wir für den Weltfrieden und den Frieden im Heiligen Land beten und auch die dortigen Regierungen haben Anspruch auf unser Gebet. Am Ende gilt auch der Glaube an die alttestamentliche Prophetie, daß die Schwerter einst zu Pflugscharen werden und alle Kriege dann geächtet werden. Dann wird auch das Heilige Land wieder heilig und heilige Menschen töten sich nicht gegenseitig und verachten nicht andere Vorstellungen von Gott und seiner großen Liebe. Gott führt keine Kriege, wirft kein Feuer vom Himmel und bietet keinen kriegerischen Engeln Unheil auf den Erdball zu werfen. Wir sind es, die hier die Hölle befeuern und Jesus ist nicht wegen Pilatus gestorben, sondern wegen der Schuld aus unserer Menschheit. Gott schickt nie Engelheere zur Befriedung seiner Schöpfung, nur seinen Heiligen Geist, dem wir keine Knüppel zwischen die Beine werfen sollten.
Jesus weinte über Jerusalem, über Herrn Bedford-Stohm, kann man auch nur noch 😢!
Eine abgefallene Weltkitche
Du sollst nicht falsch Zeugnis reden gegen deinen Nächsten
Lieber Untertan: Heißt nicht eines der 10 Gebote „du sollst kein falsch Zeugnis reden gegen deinen Nächsten“? was hier Bedford-Strohm betrifft. Das Narrativ, also die erzählte Geschichte. die so nicht stimmt, stammt sogar aus den 1980er Jahren. Da wurde behauptet, der Ökumenische Rat der Kirchen finanziere Gewehre für Widerstandskämpfer, eine glatte boshafte Lüge. Richtig war, das diakonische und auch medizinische Hilfe auch in Gebieten sichergestellt wurde, in der bewaffnete Banden der Bevölkerung Todesangst einjagten. Die Ökumene hatte sich auch immer für die Menschenrechte eingesetzt, die immerhin Christen formulierten: Also für Demokratie, gegen Rassismus sowie Antisemitismus, für Frauenrechte und auch die Ideale der Bergpredigt wie Frieden und Versöhnung. Das halten aber tatsächlich sogar Christinnen und Christen für antichristlich. Heute sind wohl die gleichen seltsamen Heiligen auch gegen quere Menschen, wobei Gott doch jeden Menschen auf Erden so liebt, als sei er der Einzige. Sogar für Homosexualität gibt es in manchen Staaten noch die Todesstrafe. Ich glaube, daß Jesus darüber sehr weint und dass manche Gott und den Nächsten nur lieben wollen, wenn beide so denken wie sie selbst.
Traurig lieber Untertan haben mich deine zwei Sätze gemacht, weil sie weder die christliche Nächstenliebe, auch keinerlei Toleranz und zudem jeglicher Sachlichkeit entbehren. Wieso soll eine Weltkirche, die in Wirklichkeit aus ganz unterschiedlichen und teilsweise auch strikt konservativen Kirchen und Glaubenstraditionen besteht, nunmehr abgefallen sein? Wer natürlich die Einheit in der Vielfalt ablehnt, der muss sich fragen lassen, ob eine Meinungsfreiheit und damit auch eine Freiheit des Glaubens (nicht eines Unglaubens) immer erlaubt sein muss. Auch wenn eine sehr fundamentalistische und möglicherweise bigotte Elite glaubt, sie sei besser als alle anderen Menschen dieser Welt und hätte alles Wissens Gottes. In einer solchen Glaubensenge könnte meine Seele nicht leben und ich nicht geistlich atmen. Eine alte Lehrerin war als gläubige Christin zeit Lebens fest davon überzeugt, daß jeder Gläubige auf dieser Welt eine eigene sehr bildhafte Vorstellung von Gott hat. Wobei die volle Wahrheit allerdings wäre, dass die Gedanken unseres Schöpfer höher sind als unsere Gedanken, Er aber alles Gute und jede Barmherzigkeit in Person ist.
Ach Herr Bedford-Strohm, wieder mal schafft es die Kirche nicht, sich auf die richtige Seite zu positionieren. Wieder mal geht es gegen Israel, wieder mal gegen Juden. Gegen Israel, weil es das Land ist, in dem Juden Heimat finden und das von aller Welt verachtet wird. Er und der Weltkirchenrat vertrauen auf die Zahlen einer terroristischen Organisation und biedern sich einer Israel-, einer -judenfeindlichen, Meute an. Liebe Landeskirche: Wieder habt ihr versagt.
https://www.juedische-allgemeine.de/meinung/die-kirche-schafft-sich-ab/