Out of the Box – Weil wir wunderbar gemacht sind
Die Kolumne von Tom Laengner

Wie weit will ich gehen?

1915 zog Willy Laengner mit Begeisterung in den Krieg. Er bekam das Eiserne Kreuz, doch Menschsein und Sinn blieben auf der Strecke.

Wie weit will ich gehen? Am Atlantik entschied ich mich für etwa 20 Meter. Da konnte ich noch stehen. Aber schwimmen konnte ich auch. Ich schmecke so gerne das Salz im Wasser! Doch getrunken habe ich es nicht. Stattdessen bin ich lieber so lange geschwommen, bis mir nicht mehr kalt war. Genau gesagt war mir dann eiskalt, und ich bin wieder ausgestiegen.

Mein Risiko bei kommender Flut und 13 Grad Wassertemperatur ist überschaubar.  Ein Schnupfen ist ungefähr das Schlimmste, was passieren kann. Diese Kleinstabenteuer habe ich meist im Griff. Ich kann sie kontrollieren, finde ich. Wenn ich zudem weder mir noch anderen dabei etwas beweisen will, ist dann nicht erst mal alles super?

Weiterzugehen und mich selbst zu überschätzen, wäre tollkühn gewesen und auch ein bisschen dumm.

Alles verloren

Mein Opa Willy ist viel weiter gegangen. 1915 zog er mit Begeisterung und hehren Werten in den Krieg, hatte allerdings noch sowas wie ein Mercator-Klappmesser in der Tasche. Da war er 21. Doch nachdem mein Opa Willy seinen letzten Uniformknopf zugeknöpft hatte, kontrollierte er gar nichts mehr. Als Soldat badete er in seinem Schweiß – aufgrund der Angst und den übermenschlich hohen Anstrengungen. Da war Feierabend mit Work-Life-Balance. In Polen und Russland wohnte er furchtbaren Dingen bei und er tat wohl selbst auch Grauenvolles. Im normalen Leben hätte man ihn womöglich einen Verbrecher genannt. ‚Wie konntest du das tun?‘, hätten die Nachbarn gefragt. Aber es war Krieg. Da galten andere Regeln. Da wurden Menschen von anderen Werten geleitet. So erhielt Willy Laengner für ‚besondere Tapferkeit vor dem Feind‘ das Eiserne Kreuz Zweiter Klasse.

Als der Krieg aus war, war Opa 25. In seinen Augen war der Krieg verloren. Dafür hatte er seine Jugend geopfert. Einen Sinn konnte er in seiner Hingabe nicht mehr erkennen. Dann erstand Willy zwei Eheringe. Doch in einem Teil seines Herzens blieb er wohl einsam. Er ersehnte einen Retter aus der Not, einen Führer. Den fand er auch. Man ahnt schon, dass es nicht der Herr Jesus war. Das ging also wieder schief – und zwölf Jahre später hatte Willy neben dem Sinn auch seine Heimat verloren. Seinen ganzen Besitz verpackte er 1945 in einen Pappkoffer.

Wirklich weit war er gegangen, hatte viel aufs Spiel gesetzt und immer weniger unter Kontrolle. Am Ende hatte er alles verloren. Das finde ich sehr traurig.

Frisch geduschte Phrasendrescher

Wie weit will ich selber gehen? Was setze ich im Fall der Fälle ein? Mich beschleicht das Gefühl, dass die Menschen, die an einer Front am wenigsten mit Schlamm und zerschossenen Gesichtern zu tun haben werden, in den Medien immer am lautesten ihre Stimme erheben. Sie sind stets frisch geduscht, riechen gut und an ihrer Businesskleidung gibt es keine Blutflecken. Sie vertreten eine Meinung, haben aber keine persönliche Erfahrung.

Solange andere mir die Kastanien aus dem Feuer holen, ist das mit dem Krieg die eine Sache. Aber wenn es um mehr als Meinungen geht? Wenn ich mittendrin stecke? Dann weiß ich, dass Gebäudeversicherungen bei Krieg mit dem Kopf schütteln. Da musst du dein Dach alleine reparieren. Notfalls mit Plastiktüten und Pappe. Ob ich das in Kauf nehmen will? Ich habe meine Zweifel.

Gott spricht: „Rufe mich an!“

Nun bin ich weder Militärexperte noch Diplomat. Ich habe keine Ahnung und wäre beständig überfordert, Entscheidungen treffen zu müssen. Einer, der das weiß, ist Gott selbst. Und so spricht er eine Empfehlung aus: „Rufe mich an, so will ich dir antworten und will dir kundtun große und unfassbare Dinge, von denen du nichts weißt“. Wäre das eine Maßnahme? Für mich schon. Wenn unsere Fachkenntnisse groß sind, aber nicht groß genug, dann wünsche ich mir diesen Ansatz: „Ich habe keine Lösung und brauche Hilfe!“ Von Verantwortlichen in der Politik wünsche ich mir das auch. Warum soll ich auch langfristig Menschen vertrauen, die sich in ihrer Begrenztheit immer wieder überschätzen?

Aktuell jährt sich der D-Day zum achtzigsten Mal. Gemeint ist die alliierte Invasion in der Normandie. Bis heute gibt es in Erinnerung aufwendige Gedenkfeiern in Frankreich und England. Im Juni 1944 begann die Offensive. Allein an diesem Tag starben etwa zehntausend Soldaten. Mit dabei war damals der US-Amerikaner Charles Norman Shay. Der heute 100-Jährige fasst in einer aktuellen Dokumentation zusammen: „Unglücklicherweise muss ich immer an die toten amerikanischen Soldaten denken. Aber es waren ja nicht nur Amerikaner. Es ist so sinnlos zu glauben, man könne die Probleme der Welt mit Krieg lösen. Es hilft auf keinen Fall. Und das ist alles, was ich dazu sagen kann“.

Out of the box - weil wir wunderbar gemacht sind

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Tom Laengner

Tom Laengner ist ein Kind des Ruhrgebiets. Nach 20 Jahren im Schuldienst arbeitet er journalistisch freiberuflich und bereist gerne afrikanische Länder. Darüber hinaus arbeitet er als Sprecher für Lebensfragen und Globales Lernen.

In seiner Kolumne „Out of the Box – Weil wir wunderbar gemacht sind" schreibt er alle 14 Tage über Lebensfragen, die ihn bewegen.

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1 Kommentar

  1. Krieg und Frieden ist eine Frage des Gewissens

    Wie weit wäre ich gegangen? Die Frage habe ich beantwortet, als ich vor mehr als 50 Jahren den Wehrdienst verweigerte. Heute würde ich dies wieder tun. Aber ich habe erst nach langen Jahren (auch) erkannt, dass 1) der Staat ein freiheitlicher Staat ist und mir deshalb gestattete, so nach meinem Gewissen zu verfahren 2) Ich weiß aus Gründen von Vernunft und Logik, dass der Staat derzeit nicht alle Waffen sowie den Krieg ächten kann und nicht als Kollektivwesen Wehrdienstverweigerer werden kann. 3) Deshalb bin ich tolerant gegenüber Menschen, die zur Bundeswehr gehen. Allerdings muss man dann im Allerletzten auch bereit sein zu töten und damit brutale Gewalt anzuwenden. Das Argument ist dagegen sehr unlogisch, dass man den Frieden auch mit Androhung von Gewalt verhindern kann. Wenn dies so wäre, dann gäbe es auf der Welt keinerlei Kriege. Ich hoffe dass die biblisch alttestamentarische Prophetie wahr wird, dass der Krieg geächtet wird und die Schwerter dann zu Pflugscharen werden. Aber 4) ) Oberster irdischer Maßstab für die Frage, wie weit ich gehen darf, ist aber immer vorallem mein Gewissen. Es ist ein Seismograph meiner Seele. Sogar in der Lehre der Katholischen Kirche steht das Gewissen über der Unfehlbarkeit des Papstes ex catera in allen Glaubensfragen. Bei uns evangelischen Christen ist dies nicht eindeutig als Lehre definiert, aber durch die ganze Bibel als Heilige Schrift, und auszulegen an Werk und Person Jesu Christi, eindeutig. Auch Gedanken, Ideen und ernsthafte Absichten können den Keim des Bösen beinhalten und sich dann in der Verwirklichung in Worten und Taten Realität werden. Daher liebe ich oft mein Gewissen und manchmal habe leider ebenso auch den Hang, es dann geflissentlich zu überhören.

    Wie weit ich gehen kann, ist immer eine Frage und den Anspruch an das Gebet und das vertrauensvolle Gespräch mit Gott. Jedenfalls ich erhalte immer Antwort, wenn ich dies nicht aus purem Eigennutz tue. Es gibt Bereiche, in denen ich mich zumindest sehr bemühe, Grenzen nicht zu überschreiten: Hinsichtlich Intoleranz, Lieblosigkeit, Hass, Hetze, Narrative und Verschwörungstheorien. Aber dazu steht es aber keinesfalls im Widerspruch, stets auch dezidierte und begründete Meinungen zu haben und ebenso in möglichst friedlichem Diskurs zu vertreten. Ich bin für einen fairen Streit, der das Gegenüber nicht kränkt. Alle Erfahrungen aus Generationen zeigen aber, dass dies bei Menschen mit einem dezidier rechts- oder linksradialen Weltbild nicht gelingt – vielleicht manchmal mit Populisten – dass hier Haltungen geändert werden könnten. Daher muss die Politik mit den Wählern kommunkativer umgehen.

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