Leise Töne und vielfältige Angebote prägten den Leitungskongress in Dortmund.
Von Ellen Nieswiodek-Martin
Es war ein Gänsehautmoment: Während die Musiker spielten, kamen nach und nach immer mehr Menschen auf die Bühne der Westfalenhalle und blieben in der Mitte stehen. Ein Jugendlicher im blauen Hoodie, eine Rollifahrerin, eine blinde Frau, ein Mitarbeiter der Müllabfuhr, eine Mutter mit Kind, ein Geschäftsmann, ein Priester, eine Krankenschwester und viele weitere Menschen sangen zusammen: „All my life I have been faithfull, All my life you have been so good“ In der Mitte die Dame im Rollstuhl, die im Rhythmus mitschwang.
„Ich hatte Pippi in den Augen“ verriet Moderatorin Jele Mailländer nach dem Lied. Auch einige Besucher zückten ihre Taschentücher.
Es gab mehrere emotionale Momente auf diesem Kongress. Und auch leise Töne. Die Inhalte der Vorträge und Interviews lassen sich in zwei Bereiche zusammenfassen: Wie sorgen wir für unsere Seele? Und wie können Gemeinden den Herausforderungen der Welt begegnen?
John Mark Comer ermutigte dazu, das Leben so anzuordnen, dass „immer genug Zeit für Jesus“ da sei. Um in Verbindung mit Gott zu bleiben, sei Raum für Rückzug und Stille genauso wichtig wie für Mitarbeit und Aktivität.
Die Frage, wie Kirchengemeinden den Herausforderungen einer sich verändernden Welt begegnen können, griffen mehrere Redner auf und waren sich einig: Es braucht Transformation, Gemeinden müssten lernen, neue Wege zu gehen. „Gemeinden schauten zu oft auf den Mangel statt auf die Chancen, dabei könnten sie gerade in Krisen neue Wege ausprobieren“, sagte die Sozialwissenschaftlerin Maike Richter. Sie ermutigte dazu, Gemeinde als Garten zu sehen, in dem Menschen aufblühen können. Dr. Patrick Todhjeras sieht viele Möglichkeiten für Ortsgemeinden, wenn sie hinschauen, welche Bedürfnisse Menschen im Umfeld der Gemeinde haben und mehr Kraft in Beziehungen investieren als in Gebäude. „Jesus und sein Evangelium sind nicht auf Gebäude angewiesen“.
Raum für Ruhe und Gespräche
Zwischen Vorträgen, Musik und Diskussionsrunden gab es weitere Angebote in den Pausen.
Erschöpfte Besucher konnten sich in zwei Ruhezelten hinsetzen oder legen. Die „Willow-Welt“ lockte mit Wohnzimmeratmosphäre: Stilvoll gestaltete Bereiche mit Sesseln und Sofaecken luden zum Ausruhen und zu Gesprächen ein. An einigen Tischen konnte man kreativ werden, Lego bauen oder malen.
Am Freitagabend war die Willow-Welt für die „Young Leaders“ reserviert. Für alle Besucher unter 30 gab es Coaching Angebote, Beratung von erfahrenen Christen und viele Möglichkeiten für Networking. Die Angebote kamen offenbar gut an – alle Sitzgelegenheiten waren besetzt.
Währenddessen klangen laute Töne von verschiedenen Ständen bei den Standpartys. Zahlreiche Aussteller nutzten die Chance, den Abend mit den Besuchern zu verbringen. An der „Israelinsel“ konnten Besucher unter Anleitung gemeinsam den Schabbat begrüßen – mit Wein aus Israel und echtem Schabbatbrot.
30 Jahre Willow Creek Deutschland
Am Rande des Leitungskongresses feierte Willow Creek Deutschland sein 30-jähriges Bestehen. 1996 veranstaltete Willow Creek den ersten Gemeindekongress in Hamburg. Seitdem fanden viele unterschiedliche Kongresse statt: Für Gemeinden, für Leitende, für junge Leute, für Mitarbeiter im Kinderbereich, aber auch zahlreiche Tageskonferenzen für verschiedene Themen.
Vieles hat sich verändert in dieser Zeit. Waren die ersten Leitungskongresse noch geprägt durch US-amerikanische Sprecher wie Bill Hybels, Nancy Beach, John Ortberg und weitere amerikanische Pastoren und Musiker, gestalten heute mehr deutsche Männer und Frauen das Programm.
Diese wirkten dieses Mal „nahbarer“, boten in den Pausen Gespräche und Fragerunden für die Besucher an. Auch ein Teil der Aussteller präsentierte ihre Themen. Und manchmal erinnerte die Atmosphäre eher an ein Familientreffen als an einen Kongress.
Der Leitungskongress in Dortmund war mit 6.000 Besuchern und 224 Ausstellern ein Kongress mit wichtigen Denkanstößen und Impulsen für den persönlichen Glauben und für Gemeinden.
Mein Fazit: Der Leitungskongress ist eine wertvolle Möglichkeit, über den Tellerrand der eigenen Gemeinde zu schauen. Von den unterschiedlichen ReferentenInnen und SprecherInnen zu hören, was sie mit Gott erlebt haben, welche Erfahrungen andere Kirchengemeinden gemacht haben, wie sie sich verändert haben ist bereichernd. Manchmal muss man offene Worte hören, um die gewohnten Verhaltensweisen und Problemlösungen zu hinterfragen und Dinge aus einer neuen Perspektive anzugehen. Passend zur Jahreslosung: „Gott spricht: Siehe, ich mache alles neu.“
Hier geht es zur Historie der Willow Creek Kongresse.
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