Stephan Maags Geschichte ist die von Saulus zu Paulus: mit 16 wirft er Gott aus seinem Leben, weil er bei diesen „Langweilern und Heuchlern“ in seiner Gemeinde nicht bleiben will. Heute, fast 20 Jahre später, könnte der leidenschaftliche Christusnachfolger als die Schweizer Version von Shane Claiborne durchgehen. Was geschah dazwischen?

Rüti liegt wohl im einzigen Teil der Schweiz, an dem an diesem Februarmorgen die Sonne scheint. Wolken verhüllen die Sicht aufs Tal, doch in der Ferne beschnuppern die „Big Three“ den Himmel: Eiger, Mönch und Jungfrau. Diejenigen Berge, die jahrein jahraus unzählige Touristen ins Berner Oberland locken. Stephan Maag hat die Aussicht umsonst. Gemeinsam mit seiner Familie und seiner Lebensgemeinschaft lebt er in einem alten Bauernhaus, wo er Obdachlose, Alkoholabhängige und spirituell Suchende aufnimmt und in die Gemeinschaft integriert. An diesem Tag wird jemand getauft; kaltes Wasser sprudelt in eine Steintraufe. „Ein Mann, der vor vier Wochen stark alkoholabhängig zu uns kam. Pro Tag trank er etwa zwei Flaschen Whisky. Wir haben das langsam reduziert und seit vier Tagen ist er clean.“ Stephan Maag sagt das, als sei es das Normalste auf der Welt. „Läuft das immer so bei euch ab?“, staune ich – und schon sind wir mitten im Gespräch.

Party in der „Hölle auf Erden“

Klar, als er Gott mit 16 aus seinem Leben kickt, geht er erst mal Party machen und nimmt Drogen. Stephans Lebensmittelpunkt wird ein Club, über den wegen Messerstechereien und Drogengeschäften regelmäßig in den Medien berichtet wird. „Selbst ich als Nichtchrist wusste: Das war die Hölle auf Erden.“ Abgehalten hat es ihn nicht. Anfang der 1990er-Jahre war ohnehin die Zeit der offenen Drogenszene in Zürich: „Ich war an der Grenze, zum Junkie zu verkommen – doch ganz so tief wollte ich nicht fallen.“

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Dass es nicht so weit kommt, „verdankt“ er einem Bodyguard: Dieser stößt ihn die Treppe des besagten Clubs runter. Stephan erwacht auf der Intensivstation. Es ist, als hätte er mit dem Tod Fangen gespielt und wäre gerade noch so davongehuscht. Seine Clubkollegen besuchen ihn nicht, und er selbst merkt schnell, dass er nicht in die Szene zurückkehren wird. Sie fühlt sich nach so einem Erlebnis hohl an. Doch wohin? „Ich fing an, Gott zu suchen.“

Stephan meldet sich an einer Bibelschule an. Er bleibt ganze drei Wochen, dann wird es ihm zu bunt: „Da kam man mir wieder mit genau demselben Gewäsch von früher, Gesetz und dieser Kram“, winkt er ab. Er zieht erneut einen Schlussstrich mit dem Glauben und lebt fortan in einem Bus. „Eine Buddhismus-Phase mit dem ganzen Gutmensch- und Öko-Getue“, wie er die zwei Jahre selbstironisch resümiert.

Grundsätzlich lebt er in dieser Zeit nicht viel anders als heute: Seine Lebensgemeinschaft in Rüti ernährt sich von Essen, das in den Läden nicht mehr verkauft werden darf, weil das Haltbarkeitsdatum abgelaufen ist. In naher Zukunft will die Gemeinschaft den gesamten Bauernhof übernehmen und versuchen, größtenteils selbstversorgend auszukommen. Und doch fühlt sich Stephans Leben heute so ganz anders an als früher. „Ich hatte alles: eine Freundin, Geld, ich hatte Soziales Management studiert … Gereicht hat es nicht.“

Stephans Dornbusch-Erlebnis

Stephan Maag (Foto: SCM)

An einem Tag im Wald stellt Gott Stephans Leben völlig auf den Kopf. „Verzweifelt schrie ich: ‚Gott, was willst du, das ich mit meinem Leben mache?‘“ Die Antwort gleicht einem Dornbusch- Erlebnis: „Ein Windstoß fuhr in einen Baum. In diesem Moment sagte eine Stimme zu mir: ‚Stephan, ich möchte, dass du ganz für mich lebst.‘ Seit diesem Moment war kein Tag mehr wie der andere. Gott hat mein Leben wie in ein Buch geschrieben. Es ist das beste, spannendste und tollste Abenteuer geworden, wie ich es mir in meinen wildesten Träumen nicht hätte wünschen können.“ Stephan absolviert ein Praktikum beim ICF, studiert am ISTL. Gerade als sich die kirchliche Karriere vor ihm ausbreitet, weiß er, dass seine Zeit beim ICF abgelaufen ist.

Abenteuer und Freiheit bilden den Herzschlag seines Glaubens, Karriere kümmert ihn nicht. Er startet ein Weihnachtsfest mit Obdachlosen, zieht evangelisierend mit Pferd und Wagen durch die Schweiz und eröffnet schließlich mit seiner Frau Nadine eine Notschlafstelle in einem Abrisshaus, in der bis zu 15 Personen Unterschlupf finden. Um all diese Initiativen gruppieren sich die Menschen, mit denen er heute in Gemeinschaft lebt und mit denen er den Verein Fingerprint gegründet hat. Als das Haus mit der Notschlafstelle letztes Jahr abgerissen wurde, zog die Gemeinschaft auf den Bauernhof nach Rüti.

Die eigene Geschichte nicht schönreden

Wenn Stephan auf sein Leben zurückschaut, zieht er ein durchaus selbstkritisches Zwischenfazit. Schließlich hat er mit seinem Lebensstil auch Menschen krass verletzt. „Da sind Narben entstanden, die bleiben.“ Das wischt man nicht einfach weg, indem man sich bekehrt. Stephan möchte seine Vergangenheit deshalb weder glorifizieren, noch möchte er sie „verraten“.“„Wenn ich meine Geschichte erzähle, ist mir der Teil mit Jesus immer wichtiger als der vorher. Jesus ist das Abenteuer! Andererseits finde ich es so schade, wenn Menschen von ihrer wilden Rocker-Vergangenheit erzählen, und im letzten Satz kommt: ‚Und dann habe ich mich bekehrt und habe das aufgegeben.‘ Wie traurig ist das bitte?“ Die Drogenvergangenheit, das Leben auf der Straße, die Anarcho-Szene – sie werden immer ein Teil seiner Persönlichkeit und seiner Biografie bleiben.

Stephans Vorbild ist Che Guevara. „Das kommt bei Christen zwar nie so gut an, aber dieser Mann hatte eine Vision, gab sein Leben dafür und hat gekämpft!“ So spielen er und sein Team schon mal die Kreuzigung auf der Zürcher Bahnhofstraße nach oder hängen einen Bibelvers auf das Dach eines Anarchisten-Areals. Dass seine Aktionen Christen wie Nichtchristen herausfordern, stört ihn nicht: „Wenn du was Soziales machst, so wie mit den Obdachlosen, bekommst du Applaus. Aber das Evangelium muss provozieren, sonst wäre etwas falsch.“ Als Vorbild nennt Stephan die Umweltschützer von Greenpeace. Die hätten die Menschen mit ihren Aktionen zu Beginn ebenso schockiert, mittlerweile habe sich ihr Anliegen breit etabliert. „Dasselbe wird auch mit dem Evangelium geschehen, davon bin ich überzeugt. Brave Christen hat Europa genug, wir dürfen ruhig wieder ein bisschen frecher werden!“

Dass auch Evangelisten nicht frei von Angst sind, gibt er ehrlich zu: „Ich mache mir jedes Mal fast in die Hose, wenn etwas ansteht.“ Als er letztes Jahr angefragt wurde, einem Freund, der im Nahen Osten arbeitet, Geld zu bringen, fiel es ihm schwer, seine Familie zurückzulassen – „unter Zuhältern, Mördern oder anderen Kriminellen, die bei uns wohnen. Ich übergab ihnen die Verantwortung für meine Familie und vertraute ihnen. Das war das eine. Als ich im Flugzeug saß, habe ich mir überlegt, was alles mit mir geschehen könnte. Aus lauter Angst wurde ich ohnmächtig.“ Im Land angekommen, wird Stephan am Zoll tatsächlich zur Seite genommen. Während sein Koffer gescannt wird, behält er den Rucksack mit dem Geld am Rücken. Die Beamten übersehen ihn und Stephan kommt unbehelligt raus.

„Viele fragen mich, weshalb sie nicht dasselbe wie ich erleben mit Gott. Ich glaube, ein Aspekt besteht darin, dass ich mich traue, die Dinge durchzuziehen. Gott zeigt mir darin, wie er in den Schwachen stark wird. Meine Familie hätte in der Zeit, in der ich im Nahen Osten war, keine besseren Beschützer haben können.“

Gottes Stimme im Alltag hören lernen

Stephan ist davon überzeugt, dass Gott für jeden ein Leben voller Abenteuer bereithält. Sein Geheimrezept: „Im banalsten Alltag auf die Stimme des Heiligen Geistes hören! Dort entstehen die verrücktesten Geschichten. Radikal zu glauben bedeutet wortwörtlich, verwurzelt zu glauben. Man kann nie genug verwurzelt in Gott sein. In dem Sinne kann man auch nicht radikal genug sein – aber radikal in Liebe. Ohne Liebe bringt es nichts.“ An Sätzen wie diesen merkt man, dass Stephan kein Schwarz-Weiß-Mensch ist. Er predigt das Evangelium glasklar, aber voller Liebe. Deswegen verneint er auch die Frage vom Anfang, ob es immer so laufe, dass Alkoholiker, Drogensüchtige oder Obdachlose sofort verändert werden. „Wir glauben immer an ein Wunder, aber wir glauben auch, dass es ein Weg ist, den wir mit den Leuten gehen. Nicht immer passiert sofort etwas und manchmal ganz lange nichts. Wir begleiten Menschen einfach als Gemeinschaft.“

Kurze Zeit darauf kommt der spätere Täufling um die Ecke. „Der Arzt hat eben gesagt, dass es an ein Wunder grenzt, was mit mir geschehen ist“, grinst er. Stephan lacht. An diesem Tag hat das Wunder gesiegt.

Von F.I.
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Stephan Maag – „Ungezähmt für Jesus“

Wer mehr lesen möchte: Stephan Maags Autobiographie Ungezähmt für Jesus – mein wildes, freies Leben ist gerade frisch im SCM Verlag erschienen.
Der SCM Verlag ist Teil der Stiftung christliche Medien, zu der auch Jesus.de gehört.

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