„Sachsen-Anhalt ist weit weg!“ Einige wenige im Westen sagen das so. Viele, auch ich, würden dieser Distanzierung zum Osten widersprechen. Wir gehören zusammen!
Von Martin Gundlach
Aber tief innen kommt bei der Vorstellung einer möglichen AfD-geführten Regierung nach der Wahl im September bei manchem „Wessie“ schon der Gedanke auf: „Das ist eine andere Welt. Das könnte bei uns nicht passieren.“
Nur: Erstens stimmt das nicht, und zweitens ist das Wegducken feige. Es sind nur ein paar Kilometer. Stattdessen braucht es gelebte Solidarität. Drei Beispiele.
Solidarität für meine Schwiegermutter.
Meine Schwiegermutter wohnt in Zerbst, einer 20.000-Einwohner-Stadt nahe Dessau, in ihrer eigenen Wohnung. Sie ist gerade 90 geworden, ist geistig vollkommen klar. Sie hat eine bewegte und bewegende Lebensgeschichte: Sie hat sich als Christin durch die DDR gekämpft, hat ihre Kinder (das älteste davon ist meine Frau …) gegen staatliche Widerstände christlich erzogen, hat die Wende überstanden mit der Freude darüber, aber auch allen Umstellungen, die daraus erwachsen sind. Sie hat in kurz nach der Wende ihren Mann verloren und die anstrengenden Neuanfänge allein bewältigt.
Sie ist verunsichert und hat Angst vor dem, was kommen könnte. Nach einem Leben voller Kämpfe ersehnt sie die Zuversicht, dass es für ihr Land und für sie selbst jetzt am Ende nicht aus dem Ruder läuft. Sie denkt an ihre Enkel, von denen einige in Sachsen-Anhalt leben. Sie braucht vor allem die Nähe von vertrauten Personen und einen Raum, in dem sie ihre Ängste benennen kann.
Solidarität für die Pastorinnen und Pastoren
Sie bringen – in Landes- oder Freikirchen — das Reich Gottes unter die Menschen. Oft sind es überschaubare Gruppen, vor denen sie stehen. Sie müssen, und das schon lange, mit dem Spagat umgehen, dass in ihrer direkten Umgebung und in ihren Gemeinden die unterschiedlichsten politischen Gesinnungen vertreten sind. Der Spagat für sie lautet so. Zum einen die eigene Meinung zu vertreten und diejenigen stark machen, die sich für christliche Werte und Demokratie stark machen. Aber zum anderen eben auch: einladend sein für die Menschen, die so ganz anders denken. Das ist eine schmale Gratwanderung mit hohem Absturzrisiko.
Sie brauchen Gebet, Ermutigung. Und wenn ihr niemanden kennt, den ihr anfeuern könnt, dann lege ich euch als konkretes Beispiel die Leute aus Friedensau ans Herz.
Solidarität mit Friedensau
Friedensau ist ein kleines Dorf im Jerichower Land, ein paar Auto-Minuten von Magdeburg entfernt. Dort hat der Bund der Adventgemeinden seine Theologische Hochschule. Eine internationale (!) Hochschule, die Studierende für pastorale Dienste, Soziale Arbeit und in vielen anderen Studiengängen ausbildet.
Die Probleme der 70 Prozent ausländischen Studierenden sind vielfältig. Zum einen die real vorhandene Ausländerfeindlichkeit durch einige Menschen, die sie immer wieder erleben. Andere Befürchtungen für die Zukunft richten sich auf mögliche Studienabschlüsse, die international nicht anerkannt wären, wenn die Master- und Bachelorabschlüsse künftig (so die Ideen der AfD) wegfallen würden zugunsten von Diplom und Magister. Bildung ist eben Ländersache.
Und viele andere …
Das ist nur der Anfang einer langen Liste; Christinnen und Christen vor Ort geben ihr Bestes, in Magdeburg, in Dessau und in vielen anderen Städten und Dörfern im Bundesland. Auch andere Bürgerinnen und Bürger treten ein für die demokratische Zukunft von Sachsen-Anhalt — eine wunderschöne Gegend mit vielen großartigen Menschen.
Prof. Andreas Bochmann unterrichtet an der eben erwähnten Hochschule in Friedensau. Er nimmt in der Zeitschrift „Adventisten Heute“ (9-26) Bezug auf den alttestamentlichen Propheten Jeremia („Suchet der Stadt Bestes und betet für sie!“) und schreibt: „Politisches Engagement und geistliches Ringen gehören zusammen, auch in Bezug auf Wahlen, nicht nur in Sachsen-Anhalt.“
Politisches Engagement und geistliches Ringen. Nicht nur in und für Sachsen-Anhalt.
Martin Gundlach lebt mit seiner Frau Anja in einer Ost-West-Ehe. Er stammt aus Bayern, sie aus Sachsen-Anhalt. Gemeinsam leben sie jetzt im Ruhrgebiet.
Dies könnte Sie auch interessieren:
