Landesbischof Christian Stäblein sieht Israels Politik zu oft in der Kritik. Hier bediene man sich an Stereotypen – und vergesse dabei kritische Äußerungen zu den Nachbarländern.

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Der Berliner Landesbischof Christian Stäblein hat hinter Israelkritik versteckten Antisemitismus scharf kritisiert. Die Politik Israels werde häufig in einem bestimmten Kontext kritisiert, sagte er der evangelischen Berliner Wochenzeitung „Die Kirche“ (Ausgabe vom 12. Juli): „Zu diesem Kontext gehört, dass sich Israelkritik leider oft bestimmter Stereotype bedient, bestimmte schreckliche Traditionen reproduziert oder mit pauschalen Verurteilungen arbeitet.“

„Es scheint aus meiner Sicht geradezu eine Art Reflex bei vielen zu geben, zu meinen, man müsse bei jeder Gelegenheit Israels Politik kritisieren“, sagte der Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz. Wo Kritik sachlich geboten scheine, sei sie auch möglich, so Stäblein: „Ich frage mich allerdings manchmal, wo denn, wenn die Kritik so wichtig ist und zugleich immer betont wird, dass das aber nicht antijüdisch gemeint sei, ab und zu auch die Zustimmung zur Politik Israels bleibt.“

„Wo bleibt denn eine Art ‚Jordanienkritik‘?“

In Israel gebe es anders als in den meisten Nachbarländern freie Wahlen, betonte Stäblein: „Wo bleibt denn etwa so was wie ‚Saudi-Arabien-Kritik‘, wenn dort Menschenrechte nicht eingehalten werden? Wo bleibt denn eine Art ‚Jordanienkritik‘, weil es dort keine Demokratie gibt?“ Antisemitismus fange bei „Stereotypenbildung, bei pauschaler Verurteilung, bei Verknüpfung mit alten antisemitischen Mustern“ an, betonte Stäblein. Das „Geraune von ‚israelischer Lobby im Bundestag‘ etwa“, das „durch große deutsche Magazine zog“, habe sich ebenso eines solchen Stereotyps bedient wie Antisemitismus auf sogenannten Hygienedemos.

11 DIREKT-KOMMENTARE

  1. Noch mal: Meine Zuneigung zu Israel war nicht gespeist vom deutschen Mord und Totschlag. War nicht als „Wiedergutmachung“ gedacht. Sie galt vor allem einem Volk, das mir ungemein klug und feinsinnig, ungemein versessen nach Erkenntnis schien, ja, das sich nie schonte mit Selbstkritik. Heute muss ich um dieses Gefühl kämpfen. Israel unterlässt keinen Versuch, seine Freunde in die Flucht zu schlagen.

  2. Nur mal aus deutscher Sicht: Nach tatsächlich begangener, unsagbarer Schuld am jüdischen Volk, plagt uns heute eher ein nebulöser Schuldkomplex ! Statt realer Unterstützung Israels verliert man sich in Gedenkstunden und Betroffenheitsritualen.
    So wird neuer Antisemitismus geschürt, weil viele das „Gesülze“ nicht mehr hören können. Die Aversion dagegen bekommt zu einem Gut-teil Israel ab. Hinzu kommt die Hypermoral der links/grünen Gutmenschen, die Leute meinen sie hätten die Pflicht die Juden auf ihre Versäumnisse hinzuweisen. Eigentlich unverschämt ! Palästinenser und ihre Vertreter hingegen werden romantisch revolutionär verklärt.
    Eigentlich sollte unsere jüngste Geschichte völlig ausreichen um ein gesundes und angemessenes Verhältnis für den Judenstaat zu entwickeln. Wenn nicht, hilft das religiöse Brennglas, Gott hat sich dieses Volk erwählt, der Beweis dafür ist bereits erbracht. Wer den Herrn lieb hat, liebt auch die „älteren Geschwister“ !

    • Nur waren und sind es diese „älteren Geschwister“, von denen ein großer Teil des Antisemitismus ausgeht. Wenn von Theologen dem heutigen Judentum die Existenzberechtigung abgesprochen wird (Wave-Theorie), wenn ‚Pharisäer‘ synonym für Lügner verwendet wird (vom immer noch falsch verwendeten Talionsgebot ganz zu schweigen), wenn unter dem Deckmantel angeblichen Judentums Juden christlich missioniert werden (Messianische „Juden“), wenn schlicht Juden als Gottesmörder angesehen werden und vieles mehr. Von der christlichen Historie diesbezüglich mal ganz zu schweigen. Also bitte nicht so tun, als wenn das Problem nur andere Gruppen wären.

      Aber wenn ich schon ‚Links-grüne Gutmenschen‘ lese. Erstens sind die GRÜNEN schon lange nicht mehr links, und warum Gutmensch, also ein Mensch, der eine gute Sichtweise von Menschen hat, ein Schímpfwort sein soll, dazu muss man schon sehr weit rechts stehen, um das zu verstehen. Das ist so ein rechtspopulistischer Kampfbegriff geworden, nur um sich nicht mit den Inhalten auseinander setzen zu müssen (was Populisten ja eh nicht wollen). Und gerade bei den GRÜNEN gibt es sehr viel Verständnis und positive Ansichten zu Israel.

      Aber warum soll man sich mit Kritik an der Politik der israelischen Regierung zurück halten? Sie kommt derzeit ja wohl nicht nur von links und grün kommt sondern weit ins Konservative hinein. Nahezu die gesamte westliche Welt mit Ausnahme von Trump kritisiert die derzeitige Entwicklung in der israelischen Siedlungspolitik. Zu Recht meiner Ansicht nach. Wer Kritik generell nicht äußern kann, der hat eben kein gesundes angemessenes Verhältnis zu Israel. Kritik ist unter Freunden normal.

      • „Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege, spricht der HERR, sondern so viel der Himmel höher ist als die Erde, so sind auch meine Wege höher als eure Wege und meine Gedanken als eure Gedanken.“
        Das gilt auch für die Sicht auf Israel, darum beeindruckt es mich keineswegs wenn die ganze Welt gegen Israel Position bezieht.
        Ich hab nichts gegen gute Menschen, aber die „links/grünen“ halten Plakate hoch mit der Aufschrift „gegen Hass und Hetze“ gleich daneben „wir hassen die AFD“ symptomatisch für einen etwas begrenzten Horizont. Aber solche Leute gibt es natürlich auch bei den Rechten!
        Nein man muss nicht sehr weit rechts stehen, nur dort wo vor 20 Jahren die Union stand.
        Also bitte nicht gleich mit der Nazi-Keule fuchteln.
        Der aufmerksame Bibelleser weiß, Israel/Palästina ist Gottes Besitz und auch nur an die Juden „verpachtet“. Also meine Empfehlung: keinen Hausfriedensbruch begehen und den Augapfel Gottes nicht antasten !

        • Die Thora ist kein Grundbuch! Würde man religiöse Grundlagen als weltlichen Besitzanspruch akzeptieren, wo wäre da die Grenze? Würdest Du auch den Koran und andere religiöse Schrften akzeptieren? Sicher nicht. Ich auch nicht.

          Es gibt ein internationales Verständnis, die Grenzen des Krieges von 1967 anzuerkennen und weitere Grenzverschiebungen, die es geben muss und wird, im Rahmen eines Friedensvertrages zwischen Israel und den Palästinensern zu regeln. Mit einer 2-Staaten-Regelung und natürlich im beidseitigen Einvernehmen.

          Alles andere kann keinen dauerhaften Frieden schaffen und den ist es, den Israel wirklich nötig hat und der Israel auch vom Herzen zu wünschen ist.

          Das es so weit noch nicht gekommen ist, liegt vor allem an den Palästinensern, insbesondere deren Führung. Israel war in der Vergangenheit unter liberaleren Regierungen dazu bereit. Auch deshalb und durch die dauernden Angriffe auf Israel ist jetzt so ein wahrscheinlich krimineller, extrem rechter und friedensunwilliger Regierungschef in Israel am Ruder.

          Zur Nazi-Keule: Interessant, dass Du AfD mit Nazis gleich setzt. Ist auch bei Teilen nicht verkehrt. Und aus dieser braunen Suppe kommen eben Bemerkungen wie links-grüne Gutmenschen. Wer solch Vokabular benutzt, braucht sich dann auch nicht zu wundern, wenn er entsprechende Assoziationen weckt.

          Und nein, die CDU stand nie da, wo heute die AfD steht. Sie war immer eine Europa-Partei und eine Partei des Rechtsstaats. Die Asylgesetze unseres Landes wurden unter CDU-Mehrheit verabschiedet. Früher mag es Rechtsaußen wie Gauland auch in der CDU/CSU gegeben haben, aber sie waren nie bestimmend sondern eine kleine Minderheit. Das ist in der AfD anders.

  3. Man darf sich also nur dann gegen die Unterdrückung der Palästinenser durch das israelische Militär und gegen den permanenten Landraub palästinensischen Landes aussprechen, wenn man gleichzeitig das brutale Assad-Regime in Syrien (das ohne jegliche Kriegserklärung durch Israel wöchentlich bombardiert wird), das bigotte saudische Regime und die chinesische Besatzung Tibets kritisiert?
    Auf so eine bizarre Idee kann auch nur ein Kleriker kommen, der meint, Israel stünde über dem Gesetz. Leider erkennen die meisten evangelikalen Christen nicht, daß sie mit Israel ein Phantom unterstützen, das es gar nicht mehr gibt. Die über 50 jährige brutale Besatzung der Westbank hat die israelische Gesellschaft zerrissen, rassistisch und militaristisch-chauvinistisch gemacht, sodaß sie sich von innen selbst zu zerstören und dem Abgrund entgegenzueile droht.
    Das zionistische Siedler-kolonialistische Projekt ist gescheitert und das Land hat nur noch eine Chance des Überlebens: als Apartheidsstaat a la Südafrika. Und wie das endete, ist hinlänglich bekannt.

    • Israel soll leben, hochleben. Und glücklich sein. Nicht anders als Palästina: soll genau so leben, genau so hochleben. Mit dem selben Glücksquotienten wie sein Nachbar, sprich: in Freiheit. Denn dieses phänomenale Wort taugt auch als Synonym für den inzwischen so pathetisch gewordenen Ausdruck „Würde“. Freiheit besitzen genügt. Denn ein freier Mensch hat so vieles.

  4. Liebe zu Israel kritisch und fair

    Ich liebe Israel, war drei mal seit 1976 dort und meine, daß eine Zuneigung aus Fairnisgründen auch immer kritisch sein sollte. Der Staat Israel ist sozusagen von Staaten umzingelt, die zum großen Teil Israel von Herzen hassen. Da ist eine gewisse Inselmentalität der Israelis verständlich. Das Parlament hat 30 Parteien, Israel ist ein Rechtsstaat mit freien Wahlen und der für fortschrittliche Staaten erforderlichen Gewaltenteilung. Es gibt eine sehr große Friedensbewegung schon seit vielen Jahren, aber bereits seit längerer Zeit politisch rechtslastige Regierungen in einem komplizierten parlamentarischen Machtgefüge, in der oft auch die Ultraorthodoxen eine tragende Rolle spielen (müssen). Mit drei Studienreisen, die auch ein Stückweit Glaubensreisen waren, bin ich kein Israelfachmann. Mir leuchtet ein, daß die meisten Anrainerstaaten Israel von Herzen hassen, wobei auch die Palästinenser hier eine bestimmende Rolle haben. Sowohl unter den Israelis als auch unter den Palästinenser gibt es viele seelische Verletzungen und Traumata durch die viele gegenseitige Gewalt, die Toten auf beiden Seiten und eine tief verwurzelte Unversöhnlichkeit. Dabei sind die Juden als unsere älteren Geschwister im Glauben an einen barmherzigen und liebenden Gott eigentlich diejenigen, die auch aus dem Glauben sagen: „Wenn ein Mensch stirbt,
    stirbt die ganze Welt“! Dazu kommt, daß man – bis auf schwierig zu erreichende Ausnahmen – zumindest in Israel selbst nicht Jude werden kann, weil es dort Ziviltrauungen nicht gibt. Eine Ehe ist immer religiös, obwohl auch in Israel nur 3 % wie bei uns Christen ihre Religion praktizieren. Genauso kann im Staatsgebiet auch niemand Jude und damit Staatsbürger werden. Daher gibt es die Palästinenser mit einem israelischen Pass, die in Israel leben und zumindest halbwegs loyal dem Staat Israel gegenüber sind. Wir waren dort schon vor Jahrzehnten auch in Jugendzentren, haben auf der Westbank mit Palästinsern gesprochen und dabei wurde deutlich, daß arabische Jugendliche kaum Chancen haben ein sozial gleich-
    wertiges Leben zu führen, was widerum von geringeren Bildungsmöglichkeiten abhängt und von einer ganz anderen Mentalität. Das Land, das ich sehr mag, welches Gottes Volk mit einer gültigen Verheißung beherbergt, ist leider sozial und wirtschaftlich sehr gespalten und daher sind die dort lebenden Nichtjuden mindestens eine Kaste tiefer angesiedelt. Selbst die Ultraorthodoxen glauben, daß erst das Erscheinen des Messias alles verändert, Friede einkehrt und die Menschen ihre Schwerter zu Pflugscharen machen. Juden glauben fest daran, daß das Leben heilig ist und wenn trotzdem ein Mensch zu Tode kommt, die ganze Welt stirbt. Aber leider gibt es bei unseren älteren Geschwistern im Glauben genauso einen Unterschied zwischen Theorie und Praxis wie bei uns.. Dazu gehört alles Unrecht, was bei uns geschieht in Gedanken, Worten und Werken (Taten) – und auch im Staat Israel. Auch in dessen Besatzungspolitik in der Westbank mit immer mehr Siedlungen. Über die Anliegerstaaten braucht man da gar nicht mehr zu diskutieren, die überhaupt keine demokratischen Rechtsstaaten sind und deren geäußerter Hass gegen Israel auch einer gewissen Taktik entspricht. Dass ein sehr uninformierter amerikanischer Politiker auch im Nahen Osten gerne Öl ins Feuer gießt, sei nur noch am Rande erwähnt. Käme Jesus heute, wäre mit den Arabern und Palästinensern genauso befreundet wie mit den jüdischen Menschen. Er würde aber feststellen – er weiß es ja in Wirklichkeit auch – daß seine Bergpredigt nirgends im politischen Raum Wirkung entfaltet. Es gibt wie überall auf der Welt viel Licht und viel Schatten, wobei es Israel ausserordentlich schwert hat. Mit solchen Nachbarn auch nur ein wenig Frieden zu erreichen, scheint derzeit nicht zu gelingen. Ein gut/böse bzw. schwarz-weiss-Denken ist auch bem Thema Isarel nicht zielführend.

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