Ein Hauskreis für Menschen, die sonst nie in einen klassischen Hauskreis kommen würden: Barbara Wehrstein hat mit „Walk & Pray“ eine besondere Kleingruppe ins Leben gerufen.
Es ist Dienstag, kurz vor halb neun. Am Waldspielplatz stehen zwei Frauen mit Walking Stöcken und unterhalten sich. Da kommt ein Mann dazu, den die beiden sehr herzlich begrüßen: „Wie schön, dich zu sehen.“ Wenig später sind sie zu fünft oder zu siebt, es wird viel gelacht und es gibt viel zu erzählen. Was sie verbindet, ist vielerlei: ihre Freude an der Bewegung, der Wunsch, andere Menschen zu treffen, sich gut zu unterhalten. Aber das ist noch nicht alles, wie Barbara Wehrstein berichtet:
Jeden Dienstagmorgen treffen wir uns am Waldrand von Griesheim. Egal, ob es Winter oder Sommer ist – und egal, ob es nieselt oder die Sonne scheint. Um halb neun. Im Winter ist es schon hell genug und im Sommer noch nicht so heiß. Mit Stöcken oder ohne.
Gebet und Bibelvers zum Start
„Walk and Pray“ lautet das Motto. Gemeinsam verbessern wir unsere Ausdauer und stärken Herz und Kreislauf. So weit nichts Außergewöhnliches, wie das bei jedem Lauftreff eines guten Sportvereins auch der Fall ist. Der kleine Unterschied: Wir walken mit Rückenwind!
Wir – das sind Männer und Frauen unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher Lebensphasen. Wir laufen gemeinsam – über die Grenzen von Kirchengemeinden und Konfessionen hinweg. Nicht immer dieselben – aber meistens mit einem „harten Kern“. Saisonläufer gibt es auch: Die einen können nur in den Schulferien kommen, andere können genau dann nicht.
Selten sind wir zu zweit, meistens zwischen fünf und sieben, manchmal auch mehr. Kämen alle auf einmal, dann wären wir um die fünfzehn. Wir starten mit einem kurzen Gebet und einem Bibelvers, den wir in Visitenkartengröße mit auf den Weg nehmen. Ein kurzes Wort, das man sich gut merken oder auch unterwegs auswendig lernen kann.
Das erste Stück gehen wir im Schweigen, etwa einen halben Kilometer lang. Dabei hat jeder und jede die Gelegenheit, über den Vers nachzudenken, ihn auf sich wirken zu lassen.
Austausch beim Walken
Danach kommen wir kurz zusammen und ich gebe das Signal, dass jetzt die Austauschphase beginnt. Wie geht es mir mit dem Vers? Mag ich ihn? Oder regt er mich auf? Woran erinnert er mich? Hat er was mit meinem Alltag zu tun? Das sind mögliche Einstiegsfragen. Während des Austausches gehen wir weiter, meist bilden sich dabei Zweier- oder Dreier-Gruppen, sodass man sich gut auf ein gemeinsames Tempo verständigen kann, bei dem ein Gespräch entspannt möglich ist. Oft stellt eine fest: „Der heutige Vers passt irgendwie genau in meine aktuelle Situation hinein. Wie für mich ausgesucht.“ Wir unterhalten uns darüber, was wir gerade im Alltag mit Gott erleben, und häufig mündet das Gespräch in ein Dankgebet oder eine Bitte.
Unser Weg durch den Wald ist gut ausgeschildert und unsere Route hat den Charme, dass man kürzer oder länger gehen kann, ganz wie es einem gerade zumute ist. So hat jeder die Möglichkeit, gemütlich 4 Kilometer zu gehen oder etwas sportlicher die 5-Kilometer-Runde.
Der Rückweg führt beide Varianten wieder zusammen, sodass alle ungefähr zeitgleich wieder am gemeinsamen Startpunkt ankommen. Hier gibt es noch mal die Möglichkeit, in der ganzen Gruppe etwas zu besprechen, Infos über Veranstaltungen auszutauschen etc. Zum Schluss beten wir gemeinsam das Vaterunser. Und verabreden uns für den nächsten Dienstag.
Über Bibelverse nachdenken
Initiiert habe ich dieses Angebot 2008, als ich selbst gesundheitliche Probleme hatte und Ausdauersport zu meinem täglichen Pflichtprogramm gehörte. Meistens bin ich mit der Tageslosung im Kopf losgerannt und habe darüber nachgedacht und ein wenig gebetet. Und da kam mir die Idee, ich könnte andere zum Mitwalken ermutigen und eben auch zum „Über einen Bibelvers nachdenken“.
Im Griesheimer Wald habe ich schnell eine geeignete Strecke für dieses Vorhaben gefunden. Eine Runde, die für sportliche und gemütliche Menschen gleichermaßen geeignet ist und auch noch winter- und sommertauglich ist und mit Vor- und Nachgespräch in einer Stunde zu schaffen ist. Ein Glücksfall!
Die Idee hat gezündet. Es kamen gleich ein paar Interessierte zusammen, als ich in unserer Gemeinde davon erzählt habe. Und wir gingen los. Sowas spricht sich schnell rum – und so kamen auch Frauen aus den anderen Griesheimer Gemeinden dazu. Anfangs waren es ausschließlich Frauen, inzwischen haben auch Männer unsere Gruppe entdeckt.
Jeder kann die Gruppe leiten
Bin ich mal verhindert, dann ist das kein Grund, das Treffen ausfallen zu lassen. Das Konzept ist so einfach, dass jede und jeder die Gruppe anleiten kann. Eine Chatgruppe erleichtert die Kommunikation, sodass kurzfristige Absprachen möglich sind.
Das Kärtchen mit dem Bibelvers hat auch eine Rückseite: „Ich bete heute für: …“ Auf jeder Karte steht ein anderes Anliegen: die Schulen und Kindergärten am Ort, die Vereine, Ärzte, der Bürgermeister, das Stadtparlament … Der letzte Kilometer, wenn wir sozusagen wieder auf unseren Heimatort zulaufen, gehört diesen Anliegen.
Fragt man die Teilnehmenden nach dem Grund, warum sie regelmäßig oder gelegentlich kommen, dann erhält man ein sehr buntes Bild. Eine Frau mit einer chronischen Krankheit erzählt: „Ich komme, weil ich nicht gerne alleine laufe und mir mit dem Lauftreff den Aufwand spare, mich jedes Mal verabreden zu müssen. Der Termin ist ein Fixpunkt für mich.“
Aber auch der geistliche Aspekt spielt für sie eine wichtige Rolle: „Mir tun die Bibelverse gut. Ich genieße das, meinen Vers mit nach Hause zu nehmen. Der hat einen festen Platz an meinem Spiegel. Da lese ich den während der Woche immer wieder, sodass ich dadurch schon ein paar auswendig gelernt habe.“
Ein alleinlebender Rentner freut sich über die Gespräche: „Hier werden gute Themen besprochen. Dinge, über die ich sonst mit niemandem rede.“
„Die Verse machen mich neugierig“
Eine fröhliche Frau im Ruhestand erzählt freudestrahlend: „Ich habe schon drei Kilo abgenommen, seit ich hierherkomme und dadurch Freude am Sport gewonnen habe.“ Eine Frau, die viel im Außendienst unterwegs ist, freut sich: „Ich muss nicht jedes Mal kommen, aber wenn ich da bin, bin ich voll integriert.“ Eine Krankenschwester im Schichtdienst fängt an, selbst in der Bibel zu lesen. „Vieles aus der Bibel kenne ich nicht. Aber die Verse machen neugierig – und manchmal lese ich sie nach.“
Eine Lehrerin, die nur in den Ferien dabei sein kann, fühlt sich trotzdem mit den anderen verbunden, auch wenn sie längere Zeit pausiert. „Es ist jedes Mal schön, die anderen wiederzusehen. Ich schätze die Gespräche über den Glauben sehr. Und hier stört es auch gar nicht, wenn man mal einen Moment still ist und keiner was sagt.“
Eine alleinerziehende Mutter war ganz angetan vom gemeinsamen Gebet: „Beten ist schön, das habe ich hier gelernt, das ist ja ganz einfach.“ Und sie ergänzt: „Ich komme auch, weil mir hier jemand zuhört und für meinen Kummer betet, mir auch mal einen mütterlichen Rat gibt und mich in den Arm nimmt.“
Aus diesen Statements lässt sich unschwer erkennen, dass hier Menschen zusammenkommen, die unterschiedlicher nicht sein können. Jeder darf, keiner muss. Zu spüren ist eine vertraute Herzlichkeit, die aber gleichzeitig auch Raum für Menschen lässt, die selten oder punktuell dabei sind. Menschen, die Austausch über Glaubensthemen schätzen, aber nie in einen klassischen Hauskreis kommen würden.
Barbara Wehrstein ist Diplom-Informatikerin, Coach, Mentorin, Referentin und berät Gemeinden.
Dieser Artikel ist zuerst im Hauskreismagazin erschienen. Das Hauskreismagazin gehört wie Jesus.de zum SCM Bundes-Verlag.


Hauskreis macht Kunstpause
Ein Hauskreis für Menschen, die sonst nie in einen klassischen Hauskreis kommen würden: Barbara Wehrstein hat mit „Walk & Pray“ eine auch sehr besondere Kleingruppe ins Leben gerufen. Die Idee ist gut. Es mit einem anderen Thema zu verbinden, hier die Bewegung, macht Sinn. Dies wäre somit eine Gruppierung, die relativ stabil sein müsste der sogenannten aktiven Seniorinnen und Senioren. Es passt nicht zu noch Älteren, die nicht mehr so beweglich sind. Theoretisch andere gemeinsame Aktivitäten anzuhängen wäre für Hauskreise aber durchaus auch sinnvoll zu erkunden.
In einer Mittelstadt mit 100.000 Einwohner wo übergemeindlich vor allem Jugendarbeit oder von Chören und dergleichen gut funktioniert, sind aber viele Kerngemeinden vermutlich gänzlich weggebrochen, auch ist der Begriff Hauskreis im STADTBILD unbekannt. Dabei gibt es vermutlich völlig unerkannt etwa ein Dutzend altersgemischter Hauskreise, die eher nach evangelikalen Bedürfnissen funktionieren. Während die Chor- und Jugendarbeit perfekt funktioniert und die Menschen dort eine geistliche Heimat haben, hatte unser Hauskreis erstmals zumindest pausiert, weil trotz großer Bemühungen wir höchstens zu viert waren, jetzt kaum noch zu dritt. Da wird auch das monatliche Treffen etwa auch wegen ganz normaler Krankheiten, oder weil ja kirchlich Aktive dort auch überall tätig sind, sehr instabil. Die Berufschristen in beiden Konfessionen arbeiten am Limit und können Hauskreisarbeit kaum persönlich unterstützen, auch wenn sie es gerne täten. Die Aktiven, die versunkene Kerngemeinden hier wieder reanimieren, haben den Ruf noch nicht gehört. Oder sie wollen ihn nicht hören, wo doch Gottesdienstbesuch oft über ein Dutzend Seelen nicht hinausgeht, während aber geistlich größeren Anlässe, also Gemeinden zusammen, die Heiligen Hallen voller machen. Aber es ist nur blanke Zahlenkosmetik, wenn vier bis sechs Gemeinden eine halbvolle Kirche ausmachen: Trick 17 mit Selbstüberlistung. Seelig sind geistlich Blinde ???