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Mehr Pippi Langstrumpf in unseren Kirchen wagen

Kirche Kunterbunt, Teil der Fresh-X-Bewegung, hat die Gegenwart und Zukunft der Kirche im Blick. Sie will Erwachsene und Kinder gleichermaßen ansprechen – mit Chaos, Gnade und klebrigen Fingern.

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Von Daniela Mailänder

Die Kirche sieht aus wie ein Indoorspielplatz: ein Trampolin vor dem Hochaltar, riesige Buchstabenwürfel im Eingangsbereich, Bobbycars vor der Kanzel und Kunstrasen im Mittelgang. Kinderwagen stehen herum, Eltern quatschen, Kinder flitzen zwischen den Kirchenbänken herum.

Chaos in der Kirche

Die ehrwürdige St. Jakobskirche mitten in der Innenstadt wird heute zur „Kirche Kunterbunt“. Die Engländer sagen dazu „Messy Church“ – also Chaos-Kirche. Und wirklich: Ein bisschen sieht es aus wie im Chaos. Oder im wahren Leben.

Nach einer kurzen Begrüßung haben Kinder und Eltern, Großeltern, Paten und Tanten und große Geschwister Zeit, an unterschiedlichen Stationen etwas miteinander zu erleben. Kein festes Programm. Es wird getobt, gebastelt, experimentiert, gebacken, gemalt, geklebt, gehüpft.

Kinder gestalten mit

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Im Pfarrgarten gibt es Fußball, von der Empore schwebt ein Papierengel, in der Küche wird schon die Tomatensauce gemacht. Nach einer bunten Stunde der Aktivzeit klingt fröhliche Musik im Kirchenraum. Die Feierzeit beginnt. Kinder singen neben Erwachsenen am Mikrofon. Der Junge am Schlagzeug ist zwölf Jahre alt.

Eine junge Frau erzählt eine Geschichte aus der Bibel. Es geht darum, dass Mauern einstürzen. Damals waren es die Mauern von Jericho. Heute geht es um andere Mauern. Da sind zum Beispiel die Mauern der Angst. Die Kinder kommen nach vorne. Und stürzen wirklich eine Mauer ein. Aus Pappkartons.

Chaos, das an Gnade erinnert

Aber irgendwie wird da mir als Mama auch klar: Ich habe auch Mauern der Angst in meinem Herzen. Und ich wünsche mir, dass die auch einstürzen. Am liebsten ganz unkompliziert. Ein kurzes Gebet mit Bewegungen und Segen zum Mitmachen. Das tut gut.

Das Chaos um mich herum erinnert an Gnade. Das alte Wort der Bibel. Dass es okay ist. Mein Leben mit allem Chaos. Dass etwas heil werden darf. In allen Zerbrüchen. Und dass diese Mauer der Angst einstürzen kann.

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„Herzliche Einladung zum Essen!“ Miteinander gehen wir nach oben. Es gibt ein einfaches, aber leckeres Abendessen. Und ich bin froh, dass ich zu Hause den Herd nicht anschmeißen muss. Eine nette Dame gibt die Würstchen aus. Und lächelt. „Endlich mal Kinder um mich!“ Und dann verquatsche ich mich noch. Ein Papa, den ich vom Kinderturnen kenne, ist mit seinen Söhnen da. Meine Tochter flitzt herum. Es ist laut. Und irgendwie gemütlich.

„Ich glaube, wenn Pippi Langstrumpf in die Kirche geht, ist das so ähnlich!“

Es war ein bunter Nachmittag in der sonst eher stillen St. Jakobskirche: fröhliche Musik, tiefsinnige Gedanken, kreative Stationen, viel Chaos. Meine Tochter sitzt mit mir in der U-Bahn: „Mama!“, sagt sie: „Ich glaube, wenn Pippi Langstrumpf in die Kirche geht, ist das so ähnlich!“

Seit 2018 wächst die Kirche Kunterbunt-Bewegung in Deutschland. Immer wieder waren wir in Großbritannien auf die wilden, bunten, fröhlichen und chaotischen Messy Churches in der Fresh X-Bewegung aufmerksam geworden. Uns wurde klar: Das braucht es in Deutschland auch. Denn: Viele Kindergottesdienste werden kaum noch besucht, Familiengottesdienste gibt es häufig nur an bestimmten Tagen oder als Event. Kirche Kunterbunt ist eine frische Form von Gemeinde, findet regelmäßig statt und schafft ein tragfähiges Beziehungsnetzwerk.

Kinder UND Erwachsene werden angesprochen

Dabei spielen die Ziele, Familien eine Quality Time zu ermöglichen und den Kontext konsequent zu integrieren, entscheidende Rollen. Kirche Kunterbunt ist Fresh X für Familien und außerdem strategische Zukunftsentwicklung für die Kirche! Denn Kinder UND Erwachsene werden gleichermaßen angesprochen. Sie haben häufig noch keinen Kontakt zum christlichen Glauben. Und wirklich: Inzwischen gehen wir von mehr als 200 Initiativen in Deutschland aus.

2004 startete die erste Messy Church in England, heute gibt es weltweit über 5.000 davon im englischsprachigen Raum, aber auch in den Niederlanden, Dänemark und Schweden. Auch während der Lockdownphasen gab es Kirche Kunterbunt: digital, im Wald, Outdoor oder auf Spielplätzen. Kirche Kunterbunt-Initiativen heißen auch Überraschungskirche, Chaoskirche, Tohuwabohu-Kirche, Kunterbunt, Einer für Alle …

Die ökumenische Weite der Kirche Kunterbunt-Bewegung ist außergewöhnlich: Man findet sie in den evangelischen und katholischen Kirchen, FeGs, bei den Methodisten, in landeskirchlichen Gemeinschaften und Nachbarschaftsnetzwerken, im CVJM, in ECs, bei den Baptisten. Sie finden auf Marktplätzen, Sportplätzen, in Kirchen, Gemeinderäumen, Schulen, Kindergärten und Krippen statt, in der Regel einmal im Monat für ungefähr drei Stunden.

Fünf kunterbunte Grundwerte

Kirche Kunterbunt ist kein neues Kinderprogramm. Vielmehr entdecken hier Ältere und Jüngere gemeinsam neu den christlichen Glauben. Kirche Kunterbunt ist nicht beliebig „irgendwas mit Kindern“. Für uns spielen unsere Werte und damit eine klare Ausrichtung eine wichtige Rolle:

gastfreundlich: Wir leben eine Willkommenskultur und heißen Neue herzlich willkommen. Fröhliche Tischgemeinschaft ist eigentlich ein altes Kennzeichen der Christen und wird neu erlebt. Gott ist der Gastgeber, wir alle sind seine Gäste.

generationenübergreifend: Erwachsene lernen von Kindern. Sie stellen oft die ehrlichen und tiefen Fragen. Kirche Kunterbunt ist kein Kinderprogramm mit Erwachsenen-Aufsicht. Bei den Stationen während der Aktiv-Zeit und bei der Feier-Zeit werden Jüngere und Ältere gleichzeitig angesprochen.

kreativ: Beteiligung wird bei Kirche Kunterbunt ganz groß geschrieben. Die Grundhaltung ist nicht ein „Wir für euch“, sondern ein „Wir mit euch“. Ein gemeinsamer Lern-Raum eröffnet sich zum Entdecken des Evangeliums mit allen Sinnen und auf ganz kreative Weise.

fröhlich feiernd: Kirche Kunterbunt ist eine charmant-chaotische „Auszeit“ im Alltag. Gemeinsam feiern wir die Gegenwart Gottes. Wir erleben Gemeinschaft, genießen miteinander das Essen und entdecken, wie kreativ wir sind.

christuszentriert: Kirche Kunterbunt ist ganz weit offen – und hat doch eine klare Mitte. Der Glaube an Christus kommt nicht belehrend daher, sondern stiftet Gemeinschaft und kann ohne Zwang ausprobiert und erlebt werden.

Nicht in allen Familien ist „heile Welt“

Wusstet ihr, dass es inzwischen 16 Rechtsformen von „Familie“ in Deutschland gibt? Uns fallen so oft Vater, Mutter und Kinder ein. Doch es gibt so viel mehr. Wo kommen Familien in verschiedensten Formen in unserer Kirche vor?

Bei weitem ist in den meisten Familien nicht alles „heile Welt“. Im Gegenteil! Viele Soziologen sprechen inzwischen in Bezug auf aktuelle Familiensituationen von dem Begriff „Doing Family“. Familie muss hergestellt werden, Familie muss leisten.

Eltern stehen unter Druck

Die „Mitte der Gesellschaft“ hat gerade in den vergangenen Jahren enorm unter der Pandemie gelitten. Der Druck ist hoch. Eltern verstehen sich als Coaches ihrer Kinder, die Rushhour des Lebens ist vollgepackt mit Aktivitäten, Rollenbildern, Ansprüchen und dauerhafter Veränderung.

Steigende Kinderarmut, verschiedene kulturelle Hintergründe, Nicht-Vereinbarkeit von Kindern und Beruf, Fremdbetreuung, Wandel der Kindheit, wachsende Ansprüche im Bildungssystem und hohe ideelle Normen in der Familie sind nur ein paar der Themen, die Familien ganz praktisch betreffen. Und Stress auslösen. Gerade dort Kirche zu leben, erscheint uns als dringend notwendig.

Mehr Pippi Langstrumpf in den Kirchen

Wir träumen von mehr Pippi Langstrumpf und weniger Annika in unseren Kirchen. Wir träumen von Familien, die in der Kirche erleben, wie Jesus ihnen mitten im Chaos des Familienalltags begegnet. Wir träumen von alleinerziehenden Müttern, die durchschnaufen dürfen. Wir träumen von berufstätigen Eltern, die just in time kommen und auch wieder gehen dürfen.

Wir träumen von lauten Gottesdiensten, in denen gekugelt, gelacht, geschettert, geschnaubt und gepupst wird. Wir träumen von Kindern am Mikrofon und Vätern, die Kuchen mitbringen. Wir träumen von Omas, die Babys schaukeln wie ihre eigenen Enkel. Wir träumen von einer Kirche, die Familien dient. Wir träumen von klebrigen Türklinken. Matchboxautos. Und jeder Menge Gnade.

Gnade den viel zu aufgedrehten Jungs.
Gnade bei Trotzanfällen.
Gnade den Müttern der Kinder mit Trotzanfällen.
Gnade den Vätern, die Papa, Hausmann, Manager und Geschäftsmann sein müssen.
Gnade für Mädchen in Rosa.
Gnade den überarbeiteten Müttern, die die Spülmaschine in High Heels und Hosenanzug ausräumen.
Gnade für laute Playmobil-Feuerwehrautos mitten im Fürbittgebet.
Und Gnade den Jungs, die diese Sirenen lieben. Gnade den Küstern und Mesnerinnen, die Kekskrümel wegkehren.
Gnade den Patenonkeln und Patentanten, die es nicht schaffen, an der „christlichen Erziehung“ mitzuwirken.
Gnade den älteren Herren, die flüstern: „Zu meiner Jugend hätte es das nicht gegeben.“
Gnade den Geflohenen, die um das Seelenheil ihrer Kinder fürchten.
Gnade den Hausfrauen.
Gnade den Jungs, die Ballerspiele bis zum seligen Einschlafen spielen.
Und den Eltern der Jungs, die Ballerspiele spielen.
Gnade dem Mädchen mit Glitzerwimperntusche, die schräg ins Mikro singt.
Gnade den Teenagern – allen Teenagern dieser Welt.
Und Gnade den Familien, die zerbrochen sind.
Gnade den Vätern und Müttern, die nicht mehr lieben können.
Und Gnade mir, die ich wüsste, wie es besser geht, und doch so unbarmherzig fachsimple.
Gnade.
Für Familien.

Kirche Kunterbunt ist schrill. Bunt. Chaotisch. Regelmäßig. Kirche. Kirche Kunterbunt hat eine Zielgruppe im Blick, die Zukunft und Gegenwart der Kirche darstellt. Wo heute in Kinder und Familien investiert wird, kann morgen Kirche gelebt werden. Lasst sie uns gestalten: mit Gnade und klebrigen Fingern!

Daniela Mailänder ist Referentin für Kirche Kunterbunt/Fresh X unter Familien und begleitet Pionierinitiativen im Kircheninnovationsprogramm MUT der ELKB. Angestellt ist sie beim CVJM Landesverband Bayern.

Alle weiteren Infos, anstehende Inspirationsseminare und Links zu den bestehenden Projekten finden sich unter Kirche-Kunterbunt.de


Ausgabe 3/22

Dieser Artikel ist im Kirchenmagazin 3E erschienen. 3E ist Teil des SCM Bundes-Verlags, zu dem auch Jesus.de gehört.

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5 Kommentare

  1. Offensichtlich haben sie begriffen, dass ihre traditionellen Gottesdienste nichts taugen.
    Und jetzt offenbaren sie, was sie in Wirklichkeit sind: Ein preudochristlicher Kindergarten.

    • Lieber Ulrich, wie kann man – vermutlich noch mit gutem Gewissen – anderen Menschen pauschal ihren Glauben absprechen. Oder was meint denn „pseudochristlicher Kindergarten“??

  2. Das Leben „einatmen“

    Lieber Dieter, es ist so schön auch mal was freundliches – und in diesem Fall kindgemäßes – lesen zu dürfen. Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass zum christlichen Glauben selbstverständlich gehört, sich – wenn möglich – seines Leben auch freuen zu können und einfach zu leben. Es gibt ja auch Bücher für Erwachsene, die uns gern im Sessel liegen lassen um zu träumen. Oder einfach durch den Wald zu gehen und das Leben einzuatmen.

  3. Ein Kind schrieb der 90-jährigem Astrid Lindgren zum Geburtstag: „Wenn man deine Bücher liest, dann will man leben, nur leben.“ Ist das nicht ein wunderbares Geschenk an die Autorin? Der schriftliche Beweis, dass man andere zum Leben anstiftet?
    Ob im Jahr 2050 ein Kind an den dann neunzigjährigen Reed Hastings, den Mitbegründer von Netflix, auch einen solchen Satz schreiben wird? Oder einen ganz anderen, einen wie den: „Lieber Reed, danke, dass du uns gleich serienweise dazu eingeladen hast, ein Drittel unserer Lebenszeit auf einem Sofa zu lümmeln und anderen beim Leben zuzuschauen.“ Was Miss Lindgren wohl dazu gesagt hätte? Es hilft, wenn ein Menschlein in einem Elternhaus aufwächst, wo sie ihn nicht mit Leitfäden zum braven Leben schikaniert, stattdessen ihn täglich anspornen, ein Einzelstück zu werden, einer eben, der sich in keine Herde verirren will, einer gewiss, der dafür sorgt, dass seine Würde unantastbar bleibt.

    • Ein wunderschönes Zitat! Ich erinnere mich gut, als kleiner Junge in Pippi verliebt gewesen zu sein 😀 VG, Daniel vom JDE-Team

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