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Segenslinien

Warum fällt es so schwer, in Not Geschenke anzunehmen? Eine Lebensgeschichte über Armut, Scham und die befreiende Kraft des Beschenktwerdens.

Von Ira Schneider

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Ich finde es seltsam hier. Irgendwie ungemütlich und dunkel. Die Klamotten auf der Auslage sehen ranzig aus, aber ich hoffe trotzdem, dass ein schönes Oberteil oder ein Kleid für mich dabei ist. So erinnere ich mich daran, wie ich als Achtjährige in der Schlange einer Kleiderausgabe für einkommensschwache Familien stand. Vor einigen Wochen waren meine Mutter und ich über Nacht in einem Frauenhaus in einer anderen Stadt untergebracht worden. Ursprünglich hatte meine Mutter in Albanien ein Ingenieurstudium absolviert, das trotz vieler Versuche in Deutschland nicht anerkannt wurde. So war sie gezwungen, diese innere Frustration und Ohnmacht auszuhalten, ihre Kräfte zu bündeln und neu anzufangen. Nun mussten wir zusehen, wie wir über die Runden kamen.

Die Gefühle aus dieser Zeit haben sich mir tief eingeprägt. Bis heute erinnere ich mich an das Ziehen im Bauch, das immer dann auftrat, wenn wir Geld ausgaben.

Während wir im Frauenhaus wohnten, wurde ich zu einem Kindergeburtstag eingeladen. Dafür musste ein Geschenk her. Doch das würde Geld kosten. Wir kauften also ein gelbes Kissen mit roten Erdbeeren darauf für 2,50 Euro. Ich erinnere mich an diesen Kauf, als wäre es erst gestern gewesen. Denn das schlechte Gewissen, etwas zu kaufen, hat mich in diesem Moment aufgefressen. Es hat im ganzen Körper geschmerzt.

Weitere Erinnerungen kommen mir in den Sinn. Eines Tages fand ich im Innenhof des Frauenhauses einen 50-Euro-Schein. Unüberlegt rief ich: „Oh, ich habe 50 Euro gefunden.“ Natürlich hatte das zur Folge, dass die Sozialarbeiterin das Geld einsammelte und es als Fundstück verwahrte. Bis heute finde ich das richtig, da es sicherlich eine andere Frau gab, die um ihr Geld trauerte. Gleichzeitig werde ich nie die flüsternde Stimme meiner Mutter abends auf dem Zimmer vergessen, die mir zuraunte: „Hättest du nicht so laut gerufen, hätten wir das Geld behalten können.“

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Hinter dieser Aussage spürte ich die Verzweiflung, ja die schiere Angst, dass wir mit unserem wenigen Geld nicht über die Runden kommen würden. Wieder der Verlust einer Möglichkeit, sich das Leben ein wenig leichter zu machen.

Beschenkt – ohne Schuldgefühle

Diese Erfahrungen sind nun zwanzig Jahre her. Und dennoch blieb Geld für mich lange ein Thema, das mich sehr beschäftigte. Es war verbunden mit Angst und vor allem mit Schuldgefühlen, bloß nicht zur Last zu fallen.

Doch mit Gottes Hilfe durfte ich mehr und mehr lernen, dass ich Dinge annehmen darf. Ohne schlechtes Gewissen. Ohne Schuldgefühle. Und irgendwann konnte ich das Beschenkt-Werden sogar genießen. So stellte Gott über Jahre hinweg Menschen an meine Seite, die mich beschenkten. Da waren die Menschen, die in meiner Jugendzeit den Kostenbeitrag für die Gemeindefreizeit für mich übernahmen. Da war die Freundin meiner Mutter, deren erwachsene Nichte mir ihr Spielzeug schenkte, und meine ältere Cousine, die mich eines Tages in ihren Schmuckladen einlud und mir einen ganzen Geschenkeregen mit nach Hause gab. Die Liste, die Gottes Versorgung bezeugt, ließe sich weiter fortsetzen.

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Besonders erinnere ich mich an meine große Schwester, die mir vor vielen Jahren ein Zugticket bezahlte, als ich meines vergessen hatte. Ich wusste nicht, wie ich ihr das Geld zurückgeben sollte. Und in diesem Moment sagte sie einen Satz, der sich mir ins Gedächtnis eingebrannt hat: „Du sollst es nicht mir zurückgeben, sondern irgendwann einer anderen Person.“

„Ich spürte, wie Gott mir zuwinkte.“

Einige Jahre später erinnerte ich mich genau an diesen Moment. Eine junge Frau war nach Hannover gezogen und wohnte einige Wochen bei uns, bis sie eine eigene Wohnung fand. Als sie auszog, brauchte sie ein bestimmtes Möbelstück, und ich spürte, wie Gott mir zuwinkte. Mir war klar, dass ich die Kosten des Möbelstückes übernehmen würde und meiner Schwester das Zugticket auf diese Weise zurückgeben konnte.

Mit Gottes Hilfe habe ich gelernt, mein schlechtes Gewissen loszulassen – besonders in Momenten, in denen ich beschenkt werde. Inzwischen kann ich mich mehr und mehr über das freuen, was mir gegeben wird. Natürlich vergesse ich die Kleiderausgabe, das Erdbeerkissen oder den 50-Euro-Schein nicht. Auch der Kampf meiner Mutter bleibt Teil unserer Geschichte. Gleichzeitig kann ich von Herzen sehen, wie Gott mich in all den Jahren versorgt hat. Er schenkte mir durch die Großzügigkeit anderer Menschen ein liebevolles emotionales Korrektiv zu meinen Erfahrungen des Mangels.

Dadurch bekam ich die Freiheit, selbst großzügig weiterzugeben, was ich empfangen habe. So formt Gott unsere Lebenslinien in Segenslinien um. Meine und deine. Wir dürfen das, was Gott uns gegeben hat, voller Wohlwollen weitergeben.

Ira Schneider ist Paartherapeutin, Autorin und Referentin.

>>> Diese Geschichte ist ein Auszug aus dem Buch: Momente der Hoffnung, Edition Lydia.

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