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Die Kleingruppe als Kirche

Zukunftsfähige Gemeinden brauchen Hauskreise und Kleingruppen, die sich als Kirche verstehen – davon ist Dr. Sabrina Müller, Leiterin des Zentrums für Kirchenentwicklung der Universität Zürich, überzeugt und erklärt, was genau sie damit meint.

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Die Forderung, dass alle Getauften auch als „Priester und Priesterinnen“ betrachtet werden sollten, kommt ja von Luther bzw. aus der Reformation. Welcher Gedanke steckt hinter dem allgemeinen Priestertum?

Da muss ich ein bisschen differenzieren: Das allgemeine Priestertum geht auf Luther und Zwingli zurück. Als reformierte Theologin in Zürich bin ich viel stärker von Zwingli geprägt als von Luther. Eigentlich findet man das allgemeine Priestertum bei beiden.

Was genau meinen die beiden damit?

Luther sagt: Es gibt keine Hoheiten mehr, alle Getauften sind in der Verantwortung. Alle sind Kinder Gottes und Priester und Priesterinnen in dem Sinn. Er hat das Konzept genauer benannt, aber dann nicht wirklich umgesetzt. Bei Zwingli hat es noch eine andere Dimension. Er sagt: Ihr müsst von Gott belehrt sein. Damit meint er: Ihr braucht keinen Mittler zwischen euch und Gott. Ihr braucht keinen Priester, keinen Bischof, keinen Papst. Bei Luther, aber noch stärker bei Zwingli, kommt dazu: Übernehmt selbst die Verantwortung, die Bibel zu lesen. Die Unterscheidung der Geister ist also auch Aufgabe der Gläubigen. Wenn man da weiterdenkt, bedeutet dies auch, dass die Menschen selbst theologisch sprachfähig werden und sein müssen. Bei der Zürcher Bibel war das Übersetzen schon von Anfang an ein Gemeinschaftswerk der Prophezei – der Geistlichkeit Zürichs.

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Warum sehen Sie das allgemeine Priestertum gerade heute als so wichtig an?

Was verliert an Bedeutung in einer spätmodernen, pluralisierten, individualisierten Gesellschaft? Institutionen und Autoritäten. Persönlich gelebte Spiritualität gewinnt an Bedeutung, religiöse Erfahrungen auch. Wir haben immer weniger Menschen, die in den Gottesdienst gehen, aber es stimmt eben nicht, dass immer weniger Menschen religiös oder spirituell sind. Wenn Menschen nicht mehr in die Kirche kommen, dann muss das Evangelium im Alltag der Einzelnen sichtbar gemacht werden. Es braucht allgemeine Priesterinnen und Priester, die theologisch sprachfähig sind, die das Selbstbewusstsein haben: Wir haben eine gelebte Theologie und können darüber Auskunft geben.

Wenn Menschen nicht mehr in die Kirche kommen, dann muss das Evangelium im Alltag der Einzelnen sichtbar gemacht werden.

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Wie kommen die Hauskreise da ins Spiel?

Der Hauskreis ist eigentlich ein perfekter Raum, um religiöse Erfahrungen zu machen, aber auch, um diese zu reflektieren und theologische Sprachfähigkeit zu erlernen, um einander zu begleiten und zu fördern. Hauskreisen fehlt leider oft das Bewusstsein, dass genau das Kirche ist: Da, „wo zwei oder drei in meinem Namen zusammen sind“, da ist die DNA von Kirche schon drin. Wenn Hauskreise das realisieren, dann muss das aber auch weitergehen, als dass sich die gleichen Personen für 15 Jahre miteinander wohlfühlen. Hauskreise haben einen Auftrag in der Welt. Ich hatte einen Hauskreis in meiner Gemeinde, da waren über zwanzig Jahre die gleichen acht Personen zusammen. Es muss weitergehen als das.

Das heißt, wenn sich Hauskreise als Kirche verstehen, werden sie auch diakonisch aktiv?

Zum Beispiel. Ich habe zu den Fresh Expressions of Church promoviert, den frischen Formen von Kirche der anglikanischen Kirche, und mich mit der Missio Dei auseinandergesetzt. Mit dieser Form der Missions-Theologie, die sagt: Gott ist schon in der Welt präsent. Missionales Bewusstsein bedeutet einfach, zu schauen: Wo ist Gott präsent? Und da einzutauchen und mitzumachen. Das heißt, der Fokus ist nicht mehr nach innen orientiert, sondern nach außen gerichtet.

Kennen Sie Hauskreise, die sich so verstehen und den Auftrag wahrnehmen?

Wenn man sich die Fresh Expressions anschaut, dann hat vieles mit kleinen Gruppen begonnen. Drei bis fünf Menschen haben sich getroffen. Der Kern war eine Form von Hauskreis, aber die Vision ging über diese kleine Gruppe hinaus. Sie waren bereit, sich durch das Setting, in das sie sich gesendet fühlten, verändern zu lassen.

Also der Auftrag wäre, dass Hauskreise ihre Nachbarschaft oder ihr Umfeld in den Blick nehmen?

Ja, oder auch das Netzwerk, in dem sie schon vernetzt sind. Es geht um die Frage: Was bedeutet unser Zusammensein hier? Was hat das für einen Impact für die Menschen in unserem Kontext oder weitergedacht: für das Reich Gottes? Hauskreise müssen bereit sein, ihre Theologie, ihren Ablauf, ihre Gewohnheiten zu verändern.

Nun gibt es Pastorinnen und Pastoren, die das gar nicht so toll finden, wenn sich ihre Hauskreise als Kirche verstehen, weil sie Angst haben, dass sich da Sonderlehren herausbilden. Was sagen Sie denen?

Damit müsst ihr leben! Ich würde sagen, der Start von etwas ist häufig Häresie und davon entwickelt es sich weiter. Manche Pfarrpersonen versuchen immer noch, eine autoritative Funktion zu übernehmen, nach dem Motto: Ich halte das theologisch zusammen. Das geht in einer pluralisierten und individualisierten Gesellschaft schon lange nicht mehr. Da hat man diese Macht nicht. Pfarrpersonen sind heute gefragt als Begleiterinnen und Begleiter in den theologischen Prozessen der Menschen und so auch in den Hauskreisen. Den Hauskreisen würde ich aber auch sagen: Euer Auftrag ist nicht, eine abgeschlossene kleine Theologie zu haben. Theologie ist erst Theologie, wenn wir im Diskurs mit anderen Menschen sind, uns damit auseinandersetzen, unsere Sicht auch verändern lassen. Das ist ein lebendiges Theologisieren, kein abgeschlossenes System.

Sie betonen, dass Glaube heute aus Erfahrungen konstruiert wird. Menschen glauben nicht, weil sie gesagt kriegen, was sie glauben sollen, sondern weil sie Erfahrungen im Glauben machen. Inwiefern war das mal anders?

In der Zeit des Neuen Testaments ist es so: Wenn sich der Hausherr bekehrt, dann ändert das ganze Haus die Religion, also wird christlich – das schließt auch die Sklavinnen und Sklaven mit ein. Wenn wir uns die Gesellschaften anschauen, wo die Sippe die führende Rolle spielt, dann gibt es da gar nicht diese Option der Wahlfreiheit. Diese Freiheit ist erst durch die Individualisierung entstanden. Früher spielte persönliche Erfahrung viel weniger eine Rolle als der Nutzen für die Sippe.

Der Austausch von Erfahrungen gelingt im Hauskreis sicher besser als im Gottesdienst.

Ja, wir haben das Problem, dass religiöse Erfahrung an vielen kirchlichen Orten und in kirchlichen Veranstaltungen nicht thematisiert wird und dass auch die Sprachfähigkeit fehlt, um sie zu thematisieren. Oder dass auf der anderen Seite eine Überhöhung stattfindet, dass es dann immer das direkte Reden von Gott ist, das keinen Widerspruch duldet. Gelebte Theologie und religiöse Erfahrungen – das sind Kategorien, die den Austausch, den Diskurs erfordern. Hauskreise sind perfekte Diskursorte, wenn man sie als das sieht und sie als solche öffnet.

Was genau bedeutet gelebte Theologie im Hauskreis?

Häufig findet Theologisieren ja schon statt, etwa wenn es um Fragen geht wie: Was mache ich für Erfahrungen im Alltag? Erlebe ich Gott oder das Heilige? Was heißt das für mich, was heißt das für andere? Es schließt aber auch die Arbeit mit der Bibel ein. Als Beispiel könnte man „Bibel teilen“ nennen. Es stammt ursprünglich aus der katholischen Diözese Aliwal in Afrika. Es entstand deshalb, weil es dort fast keine Priester mehr gibt. Viele Menschen konnten nicht richtig lesen. Beim Bibelteilen ist es so, dass man mit dem Bibeltext arbeitet, aber alle bringen ihre Gedanken und Alltagserfahrungen mit ein und man schließt das Ganze mit der Frage ab: Was bedeutet das für meinen Kontext oder die nächste Woche?

Wenn Hauskreise sich als Kirche verstehen, dann feiern sie wahrscheinlich auch Abendmahl oder führen Taufen durch.

Das ist die Frage der jeweiligen Denomination. Wir haben Denominationen, da ist das Taufen und das Abendmahlfeiern nicht auf eine ordinierte Person beschränkt. Die reformierte Kirche, bei der ich Pfarrerin bin, ist eine Denomination, wo das Ausüben der Sakramente bei den Ordinierten liegt. Aber das ist meines Erachtens vielmehr eine organisatorische Frage der Kirche und weniger eine theologische.

Wird es schwierig, das theologisch zu begründen?

Meiner Meinung nach schon. Natürlich gibt es Kirchen, die auch mit theologischen Begründungen wie der apostolischen Sukzession arbeiten – vorwiegend katholische und orthodoxe Kirchen –, aber im evangelischen Kontext wird es schwierig, wenn man dies explizit theologisch begründen möchte. Im Verständnis der Reformierten Kirche ist zum Beispiel eine Ordination nicht eine besondere Übertragung des Geistes, es ist kein Sakrament. Es ist die Beauftragung der Kirche, ein Amt auszuführen. Als ordinierte Personen sind wir genauso Teil des allgemeinen Priestertums. Und dabei ist unsere Aufgabe als theologische Expertinnen und Experten die Förderung des allgemeinen Priestertums.

Vielen Dank für das Gespräch!


Dieses Interview führte Christof Klenk zunächst für das HAUSKREISMAGAZIN (Ausgabe 60). Das HAUSKREISMAGAZIN ist ein Produkt des SCM Bundes-Verlags, zu dem auch Jesus.de gehört.

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1 KOMMENTAR

  1. Nicht nur Hauskreise, sondern Kirche der kleinen Gruppen

    Beim wichtigen Thema Hauskreise möchte ich das Thema auf „Kirche der kleinen Gruppen“ erweitern. Glauben sollte (vor allem) gemeinschaftlich gelebt, das Leben geteilt und Christinnen und Christen theologisch sprachfähig gemacht werden.

    Dass es Hauskreise gibt und sie (in manchen Gemeinden) schon immer bestanden, kann niemand ernsthaft infrage stellen oder gar kritisieren.. Hauskreise oder überhaupt Kreise, Gruppen und Treffs, wo jede/r Gemeinschaft erfahren kann, bröckeln leider oder verschwinden ganz. Vermutlich in größeren Städten brechen nicht selten ganze Kerngemeinden weg, es gibt dann schlicht keinerlei Gruppen mehr, die Gottesdienstbesucher werden weniger, bisweilen reduziert auf einen traurigen Rest. Dass was man seit langem recht hilflos beobachtet, arbeitet sich an den Kirchen und auch den Freikirchen ab – der Traditionsabbruch. Es reduziert sich gewissermaßen nicht überall – aber immer öfter – christliche Gemeinde auf Routineveranstaltungen, oft schlecht besuchte lustlose Gottesdienste, Kulturveranstaltungen und ähnliches. Die Leitungsebene in den einzelnen Gemeinden ist mit der bürokratischen Verwaltung meist so beschäftigt, dass theologisch-geistliche Reflektion eher selten geschieht. Dies alles liegt – nicht nur – an einem abnehmendem Interesse an Kirche aus unterschiedlichen Gründen, sondern auch an Binnenproblemen: Etwa überaus langweilige und einfaltslose Predigten, eine lustlose Gemeinde und keine Gemeinschafts- und Kontaktpflege. Nach dem Gottesdienst geht man seiner Wege und kirchliche bzw. christliche Gemeinschaft ist Mangelware. Die Füße stimmen immer mehr ab, dass ein Kommen sich nicht mehr lohnt. Offensichtlich hat die Komm-Struktur ausgedient und wir alle müssen wieder an die Hecken und Zäune zu den Menschen. Wir schmoren zu sehr im eigenen Saft, der allerdings ist ausgekocht und unser geistliches Leben brennt an. Wer zurück zu den Quellen geht, dessen Horizont erweitert sich auf wirkliche Glaubens- und Gotteserfahrungen. Nicht nur nebenbei entsteht auch das ganz wichtige „Wir-Gefühl“.

    Vor 50 Jahren sprach der damalige bundesweite Leiter der ökumenischen „action 365“, ein Jesuit, davon, die zukünftige Kirche könnte wesentlich ökumenischer sein, weniger hierarchisch und eine Kirche der ganz vielen kleinen Gruppen werden .Mit Priestern im Ehrenamt (oder überhaupt Laien), die den Glauben authentisch gemeinschaftlich leben. Das hat sich bei mir als jungem Menschen exemplarisch angeboten im Erlebnis von Taize. Vielleicht werden wir dann eine nur auf den ersten Blick arme und bedeutungslosere Kirche. Sondern auf Dauer eine sich ernsthaft weltweit begreifende Kirche aller Konfessionen als Einheit in der Vielfalt. Insbesondere eine in Wirklichkeit als Licht der Welt wirkende Gemeinschaft. Denn ganz viele Lichter in der Dunkelheit oder im Zwielicht, Modelle alternativer Lebensformen und der gelebte Leib Christi, könnten wirklich wie das Salz der Erde sein. Ich stelle mir vor, es ist eine arme Kirche, in der jede und jeder mit leeren Händen vor Gott stehend diese gefüllt bekommt. Eine Gemeinschaft auch, die daher aus der Vergebung und dem gemeinsamen Lastentragen lebt. Also keine nur frommen Rückzugsorte, geistliche Ghettos oder gar Sektierertum. Eine Gemeinschaft von Menschen die eine lebende Bibel sind, weil sie den Glauben als Lebenspraxis exemplarisch machen. Dabei sollten Menschen selbstverständlich theologisch sprachfähig werden, sie brauchen durchaus auch Information der Fachleute des Glaubens, also von den Theologen. Diese haben weiterhin eine ganz wichtige Aufgabe. Aber Gemeindeleiter, Prediger, Pfarrer*innen oder Priester hätten eher eine moderierende Funktion, aber auch als Seelsorger und theologische Lehrer bzw. Supervisoren. Als selbstverständlich würde ich betrachten, dass hier nicht fundamentalistische Gruppen entstehen, die unsere Heilige Schrift nicht mehr auslegen. Eine Auslegung der Bibel kann es allerdings auch sein, sie zu leben, in einer Form die in der Jetztzeit notwendig und angemessen ist und deren Strahlkraft die Gemeinde deutlich vermehrt. Ein neues Pfingsten muss erwünschte Nebenwirkungen erzeugen. Der Heilige Geist könnte dabei fast revolutionär eine Bewusstseinsveränderung ermöglichen, die wir dann auch bereit sind zuzulassen. Beispielsweise die Bergpredigt nach eigenem Vermögen zu leben und den Glauben in seiner eigentlichen Ganzheitlichkeit zu praktizieren, ohne dogmatische Verengungen. Diese neue Form von Kirche mit ganz wenig Hierarchie würde vielleicht besser ermöglichen, mit der Umgebung auch einen guten Dialog zu pflegen. Denn unsere Gruppen dürfen dabei sehr einladend sein und sich einladen lassen. Das Evangelium muss Füße und Flügel bekommen. Wenn unseren Großkirchen aus finanziellen Gründen nicht mehr kirchensteuerfinanziert sind, wäre diese neue Form eine geistlich gute Alternative – besser als sich abzuschaffen.

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