Also – dieses Buch hat mich überrascht. Positiv überrascht. Es ist keine theologische Abhandlung, obwohl man gerade das hätte erwarten können, denn die Autorin ist Theologin. Sie hat sich auf den Weg gemacht, in unterschiedlichsten Bereichen des Lebens, Spuren von Demut zu entdecken oder auch das Fehlen von Demut. Dabei kommt sie zu recht unterschiedlichen Entdeckungen:
Demut ist eine Beziehungstugend. Sie entspringt der Erschütterung, die uns ergreift, wenn uns unsere Endlichkeit und Verletzlichkeit bewusst wird. Demut weiß um die Grenzen unseres Erkenntnisvermögens. Uns selbst wie eine Schale dem Leben hinhalten. Das ist Demut. Demut hat der Mensch nicht, sondern er wird demütig.
Wir brauchen Demut, wenn wir Scheitern, Grenzerfahrungen, Unverfügbarkeitserfahrungen und Versagen nicht verdrängen, sondern als Teil unserer Wirklichkeit bewältigen wollen.
Das Wesen der Demut ist, sich in den Dienst des großen Ganzen zu stellen und dabei um die menschlichen Grenzen zu wissen, aber ebenso um unsere Kraft, unser Vermögen und unsere Verantwortung.
Die letzten Seiten des Buches schließen ab mit einem Gespräch zwischen der Autorin und Schwester Teresa, der Generaloberin des Ordens der Vinzentinerinnen. Schwester Teresa war der eigentliche Anstoß zu diesem Thema, weil sie eine Haltung der Demut lebt, die Annette Behnken nicht nur für sich selbst, sondern auch allen anderen zum Leben wünscht.
Die Autorin ist davon überzeugt, dass gerade in unserer Zeit Demut helfen kann, Spaltungen zu überwinden und von sich weg auf das große Ganze zu schauen.
Manches von dem, was Annette Behnken beschreibt, hat sie zum Teil selbst erlebt und durchlebt. Manche Entdeckung überrascht auch sie selbst. So entstand tatsächlich eine Hymne an das Thema. Leichtfüßig und stark geschrieben, gefühlvoll und auch voller Esprit. Beeindruckend.
Spannend wird es, wenn sie schreibt: Ich glaube nicht, dass die Demut die Menschheit retten wird, aber ich glaube, dass in der Demut Antworten auf wesentliche Fragen unserer Zeit liegen. Somit ist das Buch eine Empfehlung für alle, die sich diesem Thema einmal ganz anders und neu nähern wollen. Auch und ganz besonders für diejenigen, die mit Kirche und Glauben nichts mehr anfangen können, besteht durchaus die Möglichkeit, über dieses Buch einen neuen Zugang zu finden.
Von Ingrid Bendel
