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Eberhard Jüngel: Liebe ist noch steigerungsfähig

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Er ist einer der bekanntesten evangelischen Theologen der Gegenwart: Eberhard Jüngel, vielfach ausgezeichneter Professor an der Universität Tübingen, wird am 5. Dezember 80 Jahre alt.

Er war Kanzler des Ordens Pour le Mérite für Wissenschaften und Künste, drei Jahrzehnte lang berufenes Mitglied der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und geschätzter Redner auf Kirchentagen. Im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst kritisiert er den früheren EKD-Ratsvorsitzenden Nikolaus Schneider für Aussagen zur Sterbehilfe und verrät, warum er keine Memoiren schreibt.

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Herr Professor Jüngel, würden Sie vom Glück des Alters sprechen?
Eberhard Jüngel: In meinem jetzigen Zustand kann ich das nicht sagen, denn ich leide unter einer eigenartigen Viruskrankheit, die mich langwierig lahmlegt und mein Auge schmerzen lässt. Aber mein Lehrer Karl Barth pflegte in solchen Fällen zu sagen: "Das muss nun tapfer ertragen werden."

Ist theologisches Arbeiten noch möglich?
Jüngel: Ich brauche beim Lesen eine sehr große Lupe. Bücher kann ich kaum mehr lesen, aber immerhin die Zeitung. Doch auch das ist in meinem Zustand eine harte Arbeit.

Schreiben Sie Ihre Memoiren?
Jüngel: Nein. Karl Barth sagte mir einmal bei einem Besuch auf die Frage, was er denn in seinem Ruhestand nun mache: "Ich schreibe meine Memoiren. So tief bin ich gesunken." Als ich nach ein paar Semestern wieder bei ihm war, fragte ich ihn, was denn aus seinen Memoiren geworden sei. Er sagte: "Ich habe sie abgebrochen. Je näher ich meiner Geburt kam, desto peinlicher wurde es mir."

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Vielleicht wäre ja etwas Interessantes aus meinen Memoiren geworden. Ich habe als junger Mann in der DDR Tagebuch geschrieben, aber als ich den Staatsicherheitsdienst nachts über den Hof gehen sah, dachte ich: Denen sollen auf keinen Fall meine Tagebücher in die Finger fallen. Deshalb ließ ich sie später von einer Freundin vernichten. Ich habe keine Aufzeichnungen von meinen Begegnungen mit Heidegger, Hindemith, Barth. Das nun nur aufgrund meiner kleinen Taschenkalender zu rekonstruieren, halte ich für ausgeschlossen.

Wie sehen Sie die aktuelle Debatte in Deutschland über die Zulassung der Sterbehilfe?
Jüngel: Ich muss da erst einmal Unkenntnis eingestehen. Ich weiß nicht, was man in so einer Situation machen soll. Ich bin gar nicht medizinisch auf dem Laufenden. Für den Fall, dass ich nichts mehr selbst bestimmen kann, habe ich zwei Personen benannt, die das stellvertretend für mich tun. Es ist für mich allerdings unvorstellbar, dass ich Hand an mich lege. Aber dass man in eine Situation kommen kann, die unglaubliche Qualen hervorruft, so dass der Wunsch, diese Qualen mögen zu Ende sein, im Inneren wächst, das will ich nicht ausschließen.

Da ist in der Bundesrepublik aber eine Rechtslage entstanden, mit der man halbwegs zufrieden sein kann. Mediziner müssen das Leben nicht um jeden Preis verlängern. Bei manchen Befürwortern der Sterbehilfe vermute ich jedoch das Motiv, dass sie noch einmal auffallen wollen, wenn sie heldenhaft über sich selbst bestimmen. Wo ich das wittere, wende ich mich ab.

Der frühere EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider spricht sich auch gegen Sterbehilfe aus, würde seine krebskranke Frau aber bei diesem Schritt begleiten. Wie beurteilen Sie das?
Jüngel: Ich verstehe nicht, warum er das auf diese Weise öffentlich macht. Einerseits vertritt er die Auffassung der EKD, dass Selbsttötung theologisch unmöglich ist. Andererseits will er seine Frau so begleiten, dass sie ihr Leben selber beenden (lassen) kann. Er sieht, dass das nicht zusammenpasst. Damit geht man nicht vor die Fernsehkameras.

Als Ihr wichtigstes Werk wird "Gott als Geheimnis der Welt" bezeichnet. Betrachten Sie es selbst als Ihre wichtigste Publikation?
Jüngel: Es ist zumindest das dickste Buch, das ich geschrieben habe. Es verrät meine Interessen und Schwerpunkte, und zwar schon im Titel. Die Dimension des Geheimnisses ist aus der Theologie fast entschwunden, weil man Geheimnis mit Rätsel verwechselt. Wenn ich das Rätsel gelöst habe, dann hat es seine Rätselhaftigkeit verloren. Je mehr ich aber von einem Geheimnis verstehe, desto geheimnisvoller wird es. Das gilt erst recht für Gott. Er ist ein öffentliches Geheimnis, ein "kündlich öffentlich Geheimnis" (Goethe), das man "ohne Säumnis" ergreifen soll, vielmehr: von dem man sich ergreifen lassen sollte.

Vor zehn Jahren, vor Ihrem 70. Geburtstag, haben Sie gesagt, Sie wollten noch ein Buch über das ewige Leben schreiben. Sie wollten "genauer kennenlernen", was sie erwarte. Wie denken Sie mit fast 80 über das Projekt?
Jüngel: Ich schreibe keine Bücher mehr. Ich rede auch nicht mehr öffentlich. Jetzt muss die nächste Generation drankommen. Ich habe wirklich gerne gepredigt, gerne Vorlesungen gehalten und gerne Texte geschrieben. Aber irgendwann ist Schluss.

Dennoch, was erwarten Sie vom Leben "danach"?

Jüngel: Ich wende mich gegen eine Rede vom Jenseits, in dem alles "totaliter aliter", in dem alles total anders ist. Dann müsste man ja schweigen. Das ist aber nicht die Einstellung der Heiligen Schrift. Hier greift das Modell der Analogie: Nicht "totaliter aliter", wohl aber wird es "aliter", also anders sein. Aber wie? Es gibt schon hier auf der Erde das Phänomen der Liebe in unterschiedlichster Gestalt. Weh dem Menschen, der das nie erfährt. Die Liebe, die uns widerfährt, wenn wir Gott von Angesicht zu Angesicht sehen, ist auch Liebe – aber gesteigert. Es gibt Phänomene hier in Gottes Schöpfung, die sind in der Ewigkeit steigerungsfähig: Lieben, Loben, Danken, Gemeinschaft.

(Quelle: epd)

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