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Fürsprecher der „kleinen Leute“: Theologe Nikolaus Schneider wird 75

Der Ex-EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider hat seine Kirche unter dem Motto „Fromm und sozial engagiert“ geprägt. Tod und Sterben entwickelten sich durch persönliche Erfahrungen zu seinem Lebensthema.

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Von Ingo Lehnick (epd)

Soziale Gerechtigkeit, Sterbehilfe, Krieg und Frieden: Die Stimme von Nikolaus Schneider zu den Themen der Zeit ist nach wie vor gefragt. „Ich finde es wichtig, dass sich Glaube nach außen wendet und Menschen anspricht“, sagt der ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). „Auch das Private hat gesellschaftliche Dimensionen.“

In Vorträgen, Predigten und Interviews spricht Schneider über existenzielle Fragen der Menschen, häufig zusammen mit seiner Frau Anne – und hält dabei auch mit Krisen nicht hinterm Berg. Am Samstag wird der nahbare Theologe aus einfachen Verhältnissen, der sich als Fürsprecher der „kleinen Leute“ versteht, 75 Jahre alt.

Auf Ausgleich bedacht

Eine Karriere in kirchlichen Spitzenämtern hat der von der 68er-Bewegung geprägte Sohn eines Duisburger Stahlkochers nie geplant, er macht sie dann aber doch: Nach dem Rücktritt von Margot Käßmann als EKD-Ratsvorsitzende rückt der geerdete, warmherzige Theologe im Februar 2010 plötzlich an die Spitze des deutschen Protestantismus. Schneider wirkt vor allem als Moderator, der auf Ausgleich und Konsens bedacht ist.

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Immer wieder kritisiert er die soziale Spaltung im Land, bemüht sich um mehr Ökumene auch mit Blick auf das 500. Reformationsjubiläum 2017 und nimmt den Gesprächsfaden von EKD und Islamverbänden neu auf. 2011 besucht er deutsche Soldaten in Afghanistan und trifft in Erfurt Papst Benedikt XVI. – ein Höhepunkt seiner Amtszeit.

„Fromm und sozial engagiert“

In der Evangelischen Kirche im Rheinland, der zweitgrößten deutschen Landeskirche, prägt Schneider als Präses ab 2003 eine Dekade, der er das Etikett „fromm und sozial engagiert“ gibt. Ein Arbeitslosenfonds wird eingerichtet, das Verhältnis zum Judentum in den Blick genommen, auch einige Reformen werden angestoßen.

Millionenverluste bei einem kircheneigenen Unternehmen trüben aber am Ende die Bilanz. Nach Ende seiner Amtszeit 2013 zieht Schneider nach Berlin, um sich bis Herbst 2015 ganz dem Ehrenamt als EKD-Ratsvorsitzender widmen zu können.

„Nach über 50 Jahren Ehe werde ich sie doch beim Sterben nicht allein lassen.“

Als bei seiner Frau Anne Brustkrebs diagnostiziert wird, entschließt sich Schneider jedoch im Juni 2014 zum vorzeitigen Rücktritt: „Jetzt ist eine Zeit, da geht die Liebe zu meiner Frau vor.“ Anne Schneider, die den Krebs ein Jahr später besiegt hat, denkt über Suizid mit ärztlicher Hilfe nach, während ihr Mann Nikolaus darin eine Tabugrenze sieht. Dennoch würde er sie im Zweifelsfall zum Suizid in die Schweiz begleiten. „Nach über 50 Jahren Ehe werde ich sie doch beim Sterben nicht allein lassen“, sagt er auch heute noch.

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Die Kontroverse trägt das Ehepaar mit Vorträgen und einem Buch öffentlich aus. Der Umgang mit Tod und Sterben habe sich wegen seiner persönlichen Erfahrungen neben der sozialen Frage zu einem zweiten Lebensthema entwickelt, sagt Nikolaus Schneider. Zu diesen Erfahrungen gehört auch der Krebstod von Meike, der jüngsten von drei Töchtern, im Jahr 2005 im Alter von 22 Jahren, zu dem es ebenfalls ein Buch der Eheleute gibt. Auch wenn er keinen unmittelbaren Schmerz mehr empfinde, habe er nach wie vor „ein großes Unverständnis“ über Meikes frühen Tod.

Atheistisch aufgewachsen

Geboren wird Schneider am 3. September 1947 in Duisburg. Die atheistischen Eltern wurden in der Arbeiterbewegung groß, zum christlichen Glauben findet der jugendliche Schneider über Religionsunterricht, Konfirmation und eine lebendige kirchliche Jugendarbeit. Als er mit Leidenschaft Theologie studiert, argwöhnt sein Vater, er wolle nun auch „das Volk betrügen“, aber es geht Schneider von Anfang an um Identitätsfragen, die auch der Vater teilt: Wer bin ich, welche Werte sind wichtig, wie verstehe ich die Welt?

In der Bibel gehe es um Menschenwürde, Frieden und soziale Schutzrechte für die „kleinen Leute“, betont Schneider, der heute mit seiner Frau in Essen lebt. Er verstehe das Evangelium als „Kraft, die die Welt verändern will und nicht nur die Seele des Menschen“. Nach dem Studium in Wuppertal, Göttingen und Münster wird Schneider 1976 Pfarrer in Duisburg-Rheinhausen und kämpft an der Seite der Bergleute und Stahlkocher, die er zutiefst versteht, für den Erhalt ihrer Arbeitsplätze. Ab 1997 rheinischer Vizepräses, übernimmt er 2003 von Manfred Kock das Amt des Präses und wird Mitglied des Rates der EKD.

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Zu weiteren Spitzenämtern zählen der Aufsichtsratsvorsitz beim Evangelischen Entwicklungsdienst (2005-2010) und der Vorsitz im Diakonischen Rat der EKD (2009-2010). Er erhält zahlreiche Auszeichnungen, darunter das Bundesverdienstkreuz, den Landesverdienstorden NRW, die Buber-Rosenzweig-Medaille und den Leo-Baeck-Preis, und ist Ehrendoktor der Kirchlichen Hochschule Wuppertal.

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1 Kommentar

  1. Schneider war auch ein guter Seelsorger

    Nikolaus Schneider ist ein Mensch, den man sich als Pfarrer oder Ratsvorsitzender wünscht. So empfinde ich Herrn Schneider, auch deswegen, weil seine Form der Kommunikation fast schon beweist, dass ihm die Rolle als Seelsorger auf den Leib geschrieben ist. Allerdings hatte ich mal einen allerhöchsten Chef, der auch so Seelsorger war und es auch gerne sagte. Allerdings hatte er auch das zugegebene Problem, dass seine Rolle als erster Leitungsverantwortlicher ihm selbst immer schwierig blieb, die Gefahr ist immer eine Rollenkonfussion mit der des Ratgebers und Vertrauten. Nikolaus Schneider – so vermute ich – wurde gerade von den einfachen Menschen gemocht, denn er sah es nicht als ein Nachteil in seiner Person an, aus kleinen Verhältnissen zu kommen. Wenn ich mich an öffentliche Diskussion im Fernsehen richtig erinnere, waren seine Äußerungen intelligent, informativ und zugleich absolut verständlich. Dies ist schon eine Kunst für sich. Bedtfort-Strohm als Ratsvorsitzendem hat man vermutlich seine Äußerungen zu der Menschenrechtslage der Flüchtlinge eher übel genommen und ihn unter anderem mit dem Etikett versehen, abgehoben und arrogant zu sein. Dabei war dieser ein guter Prediger, der bei vorgenanntem Sachverhalt den Finger tief in die Wunde der Gewissen legte. Kritik an leitenden Frauen und Männern in der Kirche, auch in hohen Ämtern, sind nicht immer vorurteilsfrei und beruhen nicht selten auf Meinungsverschiedenheiten und dass man in ethischen Fragen durchaus unterschiedlicher Meinung sein kann. Ich würde dann lieber niemanden aus dieser Gruppe von Mitchristinnen und Mitchristen mit Haltungsnoten versehen, so wie das in der Politik fast schon ein tragendes Prinzip ist. Aber was kann man dann über jemanden überhaupt schreiben, gerade wenn es in erster Linie auch um die Person geht, nämlich was er oder sie an Spuren in seiner Amtszeit hinterlassen hat. Bei Menschen mit der hauptsächlichen Aufgabe, Kommunikation in Kirche und Gemeinde zu befördern, sieht man vor allem auch auf die Person und Persönlichkeit. Auch Jesu dreijährige Mission auf Erden kann man sich ohne seinen bleibenden Eindruck überhaupt nicht denken. Manche Christen sind kein Licht der Welt sondern Trauerbeleuchtung, manche strahlen Wärme aus wie wirkliche Kerzen und bei wieder anderen ist den Zeitgenossen der Lichtstrahl zu grell. Dass Jesus die Tische im Tempel umwarf war schon mehr als eine deutliche Kritik an der damaligen real existierenden Religion. Nikolaus Schneider hat keine Tische umgeworfen und war eine Spur zu brav, sein Vorgänger nur ein wenig – zumindest sinnbildlich.

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