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Theologe Herbst: Gesunde Gemeinden pflanzen sich fort

Viele Kirchengemeinden in Deutschland sind derzeit mit dem Rückbau beschäftigt. Unausweichlich? Der Theologe Michael Herbst fordert, neue Gemeinden zu gründen.

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Professor Herbst, am Samstag nahm ich als Moderator an einer Presbyter-Tagung im Kirchenkreis teil. Der Change-Manager warb für „Kooperation“. Die Mitarbeitenden verstanden darunter was?

Dass die Dekanin, der Dekan, die Hauptamtlichen ihnen noch mehr Arbeit delegieren? (lacht)

Wir saßen sieben Stunden vor den PCs zusammen. Welche Worte kamen an diesem Tag nicht einmal vor?

Freude am Erfolg des anderen, Evangelisation und Gemeindewachstum?

„Volltreffer!“ würde es beim Spiel „Schiffe versenken“ heißen! Versenkt sich eine Kirche, ein Kirchenkreis, eine Gemeinde nicht selbst, wenn diese Worte keine Rolle mehr spielen?

Das Gefährliche daran ist, dass wir keine Balance mehr finden. Wir beschäftigen uns ausschließlich mit der Not. Damit meine ich nicht, dass wir den Kopf in den Sand stecken nach dem Motto: Es ist doch alles gut. Es ist tatsächlich vieles schwierig. Doch wenn wir uns nur mit der Not beschäftigen, dann überwältigt sie uns. Wir verlieren dabei den Blick dafür, dass wir immer noch Chancen, Ressourcen und die Verheißungen Gottes haben. Gott hat Erfahrung damit, wie Tote auferweckt werden. Dies gilt auch für seine Kirche.

In der von Ihnen herausgegeben Buchserie „Beiträge zu Evangelisation und Gemeindeentwicklung“ ist jetzt „Kirche wächst“ von George Lings erschienen. Er legt den Finger in diese Wunde. Sie haben sich für die Übersetzung aus dem Englischen eingesetzt. Was wollen Sie damit erreichen?

Ein Doppeltes. Zum einen haben wir Freude daran, gute Texte aus England den deutschen Leserinnen und Lesern zugänglich zu machen. Zum anderen ist George Lings jemand, der sich seit Jahrzehnten damit beschäftigt, was das Wesen einer gesunden Gemeinde ausmacht und wie sie sich entwickelt.

Eine seiner wesentlichsten Beobachtungen ist?

Dass gesunde Gemeinden sich fortpflanzen.

Steht „Gemeindepflanzung“ nicht im Widerspruch zum derzeitigen Trend? Wir überlegen doch gerade fieberhaft, wie wir die alten Bestände noch pflegen können bzw. gar beschneiden oder fällen müssen …

Das ist natürlich die 1-Million-Euro-Frage. Wir sind in Deutschland dabei, Gemeinden zu fusionieren, geben manches unter Schmerzen auf. Und dann kommt einer daher und sagt: Ihr müsst eigentlich noch mehr Gemeinden gründen. Dass dies manche als widersinnig empfinden, kann ich gut nachvollziehen. In der Tat werden wir ums Beschneiden und Fällen nicht herumkommen. Doch gerade darin stellt sich auch die Frage: Brauchen wir nicht mehr statt weniger Gemeinden?

Die Frage ist nur: Was ist eine Gemeinde? Muss diese eine Kirche haben, einen hauptamtlichen Pfarrer, eine Pfarrerin? Muss es ein klassisches Veranstaltungsformat geben? Müssten wir nicht zurückkommen auf die Grundbeschreibung einer Gemeinde, die immer dann gegeben ist, wenn sich Menschen um das Evangelium versammeln und anderen im Geist des Evangeliums dienen?

Gemeinde funktioniert nicht wie die Gründung einer neuen Filiale von McDonalds.

Das Schlagwort „Reproduktion“ zieht sich wie ein roter Faden durch das Buch. Was versteht der Autor darunter?

Das ist für mich einer der Augenöffner des Buches. Ich selber habe mein Leben lang Spaß an betriebswirtschaftlichen Modellen gehabt, die uns Antworten darauf geben, wie wir unser wunderbares „Produkt“ besser auf dem Markt der religiösen Möglichkeiten platzieren können. Jetzt sagt George Lings, dies sei ein gefährliches Modell. Er sagt: Gemeinde funktioniert nicht wie die Gründung einer neuen Filiale von McDonalds, sondern sie ist das Kind von Eltern. Er will damit sagen: Gemeindegründung ist ein natürlicher und kein geschäftsmäßiger Prozess. Es ist ein Prozess, bei dem ein eigenständiges Wesen entsteht. Lings warnt vor einer stereotypen 1:1-Kopie, also der schlichten Vervielfältigung von bestehenden Gemeinden. Er folgt der Fresh X-Logik, dass jede neue Gemeinde in ihrem Kontext verwurzelt etwas ganz Eigenes und Neues darstellt.

Sie haben Fresh X gerade ins Spiel gebracht. Ist Wachstum seiner Überzeugung nach nur in neuen Ausdrucksformen von Gemeinden präsent?

Nein! Wir wissen durch George Lings und andere Studien, dass wir ganz unterschiedliche Modelle haben. Wir haben in England vitale Gemeinden, die durch einen frischen Impuls von außen wiederbelebt wurden. Wir haben Neueröffnungen von Gemeinden, die bereits geschlossen waren. Und ja, wir haben Gemeinden, die werden von Grund auf neu gegründet. In England bietet sich uns hier ein viel bunteres Muster an Gemeinden an.

Wie könnte Kirche wieder zu einer missionarischen Gemeinschaft werden?

Lings stellt die zwischenmenschlichen Beziehungen in den Vordergrund. In dem Moment, wo Christen mit anderen unterwegs sind, ist es für ihn selbstverständlich, dass andere dazufinden, sie auch für den Glauben und die Gemeinschaft des Glaubens gewonnen werden. Lings setzt ganz stark auf den Beziehungsfaktor. An diesem Punkt gehe ich nicht hundertprozentig mit ihm mit.

Warum?

Der Beziehungsfaktor ist wichtig. Man braucht Menschen, die sprach- und beziehungsfähig sind. Doch Beziehungen sollten wir nicht gegen Veranstaltungen ausspielen. Wir brauchen neben den Beziehungen auch Orte, an denen öffentlich gesagt wird, worum es im christlichen Glauben geht.

Ein charakteristisches Zeichen einer lebendigen Kirche ist für ihn nicht der Gottesdienstbesuch …

Über diesen Punkt streite ich immer mal wieder mit meinen englischen Freunden. Ich bin ein Fan von guten Beziehungen, aber mein lutherisches Herz sagt mir: All die Beziehungen zu Gott, untereinander in der Gemeinde, zu den Menschen in der Welt sind wunderbar, aber all dies kommt nur zu Stand und Wesen, wenn wir das Evangelium hören, uns im Abendmahl stärken lassen und wir in der Taufe tief eingesenkt werden in das Geschick Christi. Es gibt etwas vor diesen Beziehungen. Es ist schon etwas da, woraus sich der christliche Glaube speist. Dies ist das Wort Gottes, die gottesdienstliche Versammlung (in welcher Form auch immer!). Dass wir Christen aus dem gehörten und geteilten Evangelium leben, gehört für mich vor die Beziehungen, die dann wieder eine lebendige Gemeinde ausmachen. Das eine lässt Gemeinde immer wieder entstehen, das andere ist die Vitalfunktion einer solchen Gemeinde.

In Kapitel 5 blicken wir auf Jesus, den Pionier. Was können wir für das Jetzt und Heute in unserer Kirche von ihm lernen?

Jesus vorschnell als Vorbild zu nehmen, halte ich für schwierig. Vieles von dem, was er getan hat, ist einzigartig. Im Blick darauf, wie sich gesunde Gemeinden entwickeln, können wir uns bei ihm jedoch drei Dinge abschauen:

1. Jesus hat ganz viel Zeit investiert, um seinen engsten Kreis von Jüngerinnen und Jüngern zu pflegen und zu bauen.

2. Jesus nahm sich viel Zeit für Leute, die in diversen Nöten und Problemen feststeckten. Er zeigte und lebte eine starke diakonische Haltung nach außen.

3. Jesus hat sich nie verbieten lassen, Zeit mit seinem himmlischen Vater in der Stille und im Gebet zu verbringen.

Kirche muss das Vertrauen der Menschen zurückgewinnen.

Ein spannendes Kapitel dreht sich um die Rehabilitation der Kirche. Was verbirgt sich dahinter?

Von evangelischer Seite stehen wir in der Gefahr, uns bei diesem Thema zurückzulehnen. Doch wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass der Vertrauensverlust die Christenheit insgesamt betrifft. Wir haben uns als Christen nicht so erwiesen, dass schutzbedürftige Menschen bei uns den Schutz bekamen, den sie nötig hatten. Es wird lange, lange brauchen, bis Menschen uns wieder vertrauen. Hier ist tatsächlich Aufarbeitung und Buße nötig.

Welche Konsequenzen könnte die Ausbreitung dieses Buches im Raum der Kirche nach sich ziehen?

In einer Zeit, in der die kirchlichen Reformbewegungen eher auf Schrumpfungen ausgelegt sind, könnte die irritierende These „Wachstum“ für uns unglaublich notwendig sein. Das Buch könnte uns helfen, wegzukommen von der Fokussierung auf die Probleme hin zu den Verheißungen. Wir haben noch viele gesunde Gemeinden. Die sollten anfangen, über Reproduktion nachzudenken. Wir brauchen einen Kulturwechsel. Gesunde Gemeinden sollten anfangen, zehn Mitarbeitende an einen Ort zu schicken, wo nichts ist oder alles darniederliegt. Wir brauchen in unseren Gemeinden mehr den Geist des Dienens und der Opferbereitschaft. Ich hoffe, dass George Lings mit seinem Buch eine heilsame Verstörung auslöst.

Wenn George Lings bei dem Presbyter-Tag dabei gewesen wäre, welches Mutmachwort hätte er an den Anfang gestellt? 

(lacht) Er hätte ihnen vermutlich die Stelle aus Johannes 12,24 zugesprochen: „Das Weizenkorn muss in die Erde fallen und sterben, sonst bleibt es allein … Wenn es aber stirbt, bringt es viel Frucht.“ Er hätte vermutlich darüber gesprochen, an welche Sterbeprozesse wir uns als Kirche gewöhnen müssen. Er hätte aber auch einen starken Fokus darauf gelegt, wie neue Frucht wächst, wie in der Kirche manches sterben kann, was Vergangenheit ist, wie Kirche neu Mut bekommt, sich in der Erde zu verwurzeln und Früchte zu bringen. 

Herzlichen Dank für das Gespräch.

Die Fragen stellte Rüdiger Jope. Er ist Chefredakteur des Kirchenmagazins 3E und des christlichen Männermagazins MOVO.


Dieser Artikel ist in Ausgabe 3/21 des Kirchenmagazins 3E erschienen. 3E wird vom SCM Bundes-Verlag herausgebracht, zu dem auch Jesus.de gehört.

3 Kommentare

  1. Kirche ist wie eine gute Freundschaft zwischen Gott und ihrem Vater! Durch sie erschöpft sich ein Mensch, der sich um seine Mutter kümmert, indem er sich selbst hingibt und damit sein Herz an ihrem erfüllt. Mit Glauben schenken meine ich dabei den Umgang mit dem Wort im Gesagten. Es geht darum, der Wahrheit ein liebevolles Gesicht zu geben, ihr das abzugewinnen, was in ihr steckt und sie damit nicht zu verletzen. Das ist eine große Herausforderung, der nicht jede*r gewachsen ist. Im Freundeskreis geht es deshalb auch immer darum, die zu finden, die dazu befähigt sind, diesen Kreis zu erhalten und im Umgang miteinander zu fördern. Es geht primär darum, gemeinsam einen Weg zurückzulegen, von dem jeder das Teilstück im Gedächtnis behält, das ihn glücklich macht und damit die Freundschaft bereichert. Wenn nun die Kirche als eben dieser Freundeskreis betrachtet wird, und der Papst den Vermittler im Dienst am nächsten Freund darstellt, dann kann das mit uns was werden. Die Kirche wäre der Reichtum, der seine Freundschaft zueinander in ihrem Sinn verkündet und sich gleichzeitig in den Dienst dieser Freundschaft stellt. So wird Freundschaft Teil der Fruchtbarkeit, die in ihrer Potenz mit Jesus bereits angelegt ist. Jesus ist dienende Kraft in der Potenz, die die Gegenwart durch seine Freundschaft zur Kirche erfüllt, an der heranwachsen kann, was die Zukunft bringen mag.

    So ganz ohne Gott komme ich dann jedoch nicht aus! In meinem Bewusstsein war er es, der mir dazu verholfen hat, auf Informationen zugreifen zu können, ohne die diese Worte niemals zustande gekommen wären. Weder an diesem Ort, noch zu dieser Zeit hätte ich ohne Gott die Möglichkeit sie hier zu verfassen. Ich weiß nicht wie viele davon ich in der Vergangenheit verfasst habe, die sich zu Fragen wandelten, die mir noch unbeantwortet schienen und dennoch bereits beantwortet waren, durch Jesus. Es geht also immer um eine gemeinsame Wegstrecke, auf der sich niemand hervortut und dennoch alle so wichtig sind, dass ohne ihren guten Willen nichts möglich ist, was nicht durch seine Freundschaft mit uns möglich wäre.

  2. Schön das Dr. Herbst diese Prinzip von Gemeindegründung nun jetzt auch anerkannt hat. In den 1980-er jahren haben die Anglikanische Kirchen dies schon verstanden. In den Jahren 2000 auch de PKN in den Niederlanden. Und dann, noch mal 20 Jahre später kommt es endlich auch bei der Landeskirche auf dem Tisch. Hier im ländlichen Bereich im Nordwesten war bloss die Gedanke an Gemeindegründung fast wie einem Fluch in der Kirche. Warum bitte so spät? An die Vernetzung von Herbst und seinem Kenntnis von Entwicklungen anderswo in Europa kann es nicht gelegen haben! Aber gut, wenn es dann nun endlich so weit ist, mach dann auch bitte sehr viel Raum für neue Initiativen, neue Ideen, neue Projekte, neue Mitarbeiter, neue Zusammenarbeit mit Missionen und Organisation. Und bitte, hör auf mit dem längst überholte Ideeen von parochiale Grenzen und Strukturen. Es ist die höchste Zeit!

    • Guten Morgen Cees, Dr. Herbst ist ja seit vielen Jahren ein anerkannter Experte für Gemeindeentwicklung und Evangelisation. Ich tippe darauf, dass er nicht erst jetzt das Prinzip der Gemeindegründung anerkannt hat. Wie dem auch sei, das Thema „Gemeindegründung“ ist und bleibt (tippe ich) im Bereich der Landeskirchen ein schwieriges Thema. Dieses Modell ist einfach nicht vorgesehen. Zur Parochie: Immerhin gestattet die westfälische Kirche seit vielen Jahren eine „Gemeindemitgliedschaft in besonderen Fällen“, also außerhalb der Ortsgemeinde. So konnte ich nach dem Umzug problemlos in „meiner“ Gemeinde bleiben. Aber da muss noch viel mehr geschehen. Das System ist nicht darauf ausgerichtet – und der Rückbau bindet viel Zeit und Kräfte. Erfahrung und Mitgliederbefragungen zeigen übrigens, dass es immer auch gleichbleibende Ansprechpartner vor Ort geben muss. Viele Grüße, Daniel vom Jesus.de-Team,

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