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Göring-Eckardt: «Benedikt kann an der Realität nicht vorbeigehen»

Papst Benedikt XVI. triift im Rahmen seines Deutschlandbesuchs mit Vertretern der Evangelischen Kirche zusammen. Thomas Schiller und Jutta Wagemann sprachen mit EKD-Präses Katrin Göring-Eckardt über ihre Erwartungen an den Papst.

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epd: Frau Göring-Eckardt, freuen Sie sich auf den Papst?

Göring-Eckardt: Ich freue mich auf die ökumenische Begegnung in Erfurt, denn gerade in einer Region, in der nur etwa ein Fünftel der Menschen der Kirche angehören, ist eine solche Begegnung wirklich etwas Besonderes.

epd: Ein deutscher Papst kommt zum Staatsbesuch nach Deutschland – als Staatschef des Vatikans und als geistliches Oberhaupt der Katholiken. Sind diese Funktionen trennbar?

Göring-Eckardt: Erstens sind sie unterscheidbar, aber zweitens hängen sie eng zusammen. Man kann nicht sagen, man lädt nur das Staatsoberhaupt ein. Das wird nicht so wahrgenommen. Viele gehen aber davon aus, dass der Papst als Staatsoberhaupt im Bundestag spricht und sich zu europäischen Fragen äußern wird. Weil der Papst aber auch stets als Religionsführer wahrgenommen wird, habe ich auch Verständnis für die Diskussion über seinen Auftritt im Bundestag. Aber auch Auftritte eines Religionsführers müssen ja in einer Demokratie möglich sein. Die Einladung steht, und die Fraktionen haben sich dafür entschieden. Dann kann jeder Abgeordnete in seiner Freiheit entscheiden, wie er damit umgeht.

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epd: Befürchten Sie, dass einzelne Abgeordnete während der Rede demonstrativ den Saal verlassen?

Göring-Eckardt: Wenn ein Abgeordneter das macht, dann macht er das. Dazu ist er frei. Wenn ein Parlamentarier den Saal verlässt, wird das den Papst nicht aus der Fassung bringen. Ich fände das auch nicht dramatisch.

epd: Rechnen Sie damit, dass der Papst vor teilweise leeren Stühlen reden wird?

Göring-Eckardt: Nein, das glaube ich nicht, denn letztlich sind viele neugierig auf Benedikt XVI. Wer zuhört, stimmt ja nicht automatisch allem zu, was der Papst sagt. Jeder Abgeordnete kann öffentlich Kritik äußern, wenn er will.

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epd: Was erwarten Sie von der Papst-Rede im Bundestag?

Göring-Eckardt: Ich hoffe sehr, dass es um die europäische Frage geht. Dabei denke ich nicht nur an die Finanz- und Wirtschaftspolitik, sondern an die Unruhen vieler junger Leute in verschiedenen europäischen Ländern, an die hohe Jugendarbeitslosigkeit und was diese Gemengelage für das Zusammenleben in Europa, für Solidarität und gemeinsame Verantwortung bedeutet. So hoffe ich auch, dass der Papst auch Themen wie Minderheitenschutz und Flüchtlinge an den EU-Außengrenzen ansprechen wird.

epd: Erwarten Sie, dass der Papst auf den Missbrauchsskandal und den Zustand der katholischen Kirche in Deutschland eingehen wird?

Göring-Eckardt: Ob der Bundestag der richtige Ort dafür ist, das weiß ich nicht. Aber insgesamt sollte der Papst die kritischen Anfragen in Deutschland und die schwierige Lage der römisch-katholischen Kirche wahrnehmen. Es gibt hier Menschen, die in homosexuellen Partnerschaften leben und die sich von der katholischen Kirche angegriffen fühlen. Der Papst kann an der Realität dieses Landes nicht vorbeigehen.

epd: Im Anschluss an Berlin reist der Papst nach Thüringen, in Ihre Heimat. Was bedeutet das für Ihr Land?

Göring-Eckardt: Viele Thüringer sind jetzt schon aufgeregt. Manche sind auch genervt. Der Besuch richtet den Fokus auf das Bundesland, darüber können sich alle freuen, denn es wird den kulturellen Reichtum des Landes sichtbar machen. Thüringen ist eines der Kernländer der Reformation. Der Papst kommt zugleich in eine Gegend, in der Protestanten und Katholiken zusammen eine Minderheit bilden. Das ist etwas ganz Entscheidendes. Es ist eine Umgebung, in der die DDR über Jahrzehnte versucht hat, Kirche und Religion zu bagatellisieren; das ist nicht gelungen. Wir sind in einer Minderheitensituation, aber eine kleine, sehr lebendige Christenheit. Das ist für das ganze Land bedeutend.

epd: Wie wird die EKD den Papst mit dem reformatorischen Erbe konfrontieren?

Göring-Eckardt: Konfrontieren wollen wir gar nicht, wir können ja froh sein, auf einen Papst zu treffen, der wie kaum ein anderer das reformatorische Erbe kennt. Wir treffen uns im Augustinerkloster, ein Ort, der für Luthers Werdegang zum Reformator große Bedeutung hatte. Im ökumenischen Gottesdienst in Erfurt werde ich den evangelischen Teil der Ansprachen übernehmen, als Frau und sogenannte Laiin. Damit wird reformatorische Tradition deutlich.

epd: Was soll der Papst aus Ihrer Predigt mitnehmen?

Göring-Eckardt: Das wird er selbst entscheiden. Ich werde auf jeden Fall über Glaubensfreiheit reden, das heißt über die Freiheit derjenigen, die in der DDR durch ihren Glauben wussten, dass man «Gott mehr gehorchen muss als den Menschen» (Apostelgeschichte 5, 29). Das ist ja Bestandteil unserer protestantischen Tradition, die nicht nur in der DDR galt, sondern immer und überall.

epd: Welche Themen sollten von evangelischer Seite bei der ökumenischen Begegnung in Erfurt angesprochen werden?

Göring-Eckardt: Ich kann verstehen, dass gerade konfessionsverbindende Paare die Not empfinden, dass sie nicht gemeinsam zur Eucharistie gehen können. Sie können es aber bei uns in der evangelischen Kirche. Daher ist das für mich als Protestantin nicht das wichtigste Thema, es muss in der römisch-katholischen Kirche geklärt werden. Am meisten beschäftigt mich, wie wir als Christen in einer multireligiösen und multikulturellen Gesellschaft gemeinsam Diskussionen voranbringen, in einer Zeit der großen Unsicherheit, der Heimatlosigkeit.

epd: Wird es auch um das Reformationsjubiläum 2017 gehen, wenn der 500. Jahrestag des Thesenanschlags durch Martin Luther (1483-1546) gefeiert wird?

Göring-Eckardt: Wie wir gemeinsam dieses Jubiläum würdigen können, wird natürlich Thema der ökumenischen Begegnung sein. Die gesellschaftliche Bedeutung der Reformation sollten wir gemeinsam würdigen. Was bedeutet die Rückbesinnung auf das Wort Gottes und den Glauben für uns gemeinsam? Ich wünsche mir, dass wir eine überzeugende Botschaft dafür entfalten.

epd: Würden Sie gerne mit einer solchen gemeinsamen Botschaft aus dem Treffen herauskommen?

Göring-Eckardt: Das wäre vielleicht ein bisschen früh. Aber ich kann mir vorstellen, dass wir einen gemeinsamen Prozess zum Reformationsjubiläum 2017 anstoßen können. Wir sollten jene wahrnehmen, die die Trennung als schmerzhaft empfinden, aber wir sollten auch das Gute darin erkennen, dass wir vielfältig sind. Wenn wir unseren christlichen Glauben unterschiedlich leben, bedeutet das nicht ein Weniger, sondern ein Mehr. Ökumene kann nicht heißen, dass wir uns auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner angleichen.

epd: Es gibt noch offene Fragen, wie etwa die Anerkennung der evangelischen Kirche als Kirche und nicht nur als kirchliche Gemeinschaft durch den Vatikan. Rechnen Sie mit Signalen dazu?

Göring-Eckardt: Ich brauche die Anerkennung der römisch-katholischen Kirche nicht, um Kirche in unserem Sinne zu sein. Und Kirche im römisch-katholischen Sinne wollen wir ja gar nicht sein. Dass aber in Rom davon gesprochen wird, dass wir Evangelischen nicht Kirche im eigentlichen Sinne seien, zeigt doch zuerst, dass es dort noch einen etwas anderen Umgang mit der Vielfalt der faktischen Kirchen gibt.

epd: Ist es ein Vorteil für die katholische Kirche, dass sie einen Star an der Spitze hat?

Göring-Eckardt: Ich finde es richtig, dass wir Protestanten anders sind, dass wir keinen Starkult betreiben und nicht nur mit einer Person auftreten. Bei der ökumenischen Begegnung werden der Ratsvorsitzende, die Ortsbischöfin und ich als Präses der Synode zu Wort kommen.

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